Haftantritt ausgesetzt

Vor sechs Jahren, im Sommer 2013, entschied sich der linke Aktivist Smily aus Stuttgart dazu, den Verfolgungswillen deutscher Bullen und Justizbehörden mit einer konsequenten Entscheidung ins Leere laufen zu lassen: Er tauchte ab und ließ sein bisheriges Leben hinter sich.


Die Bedeutung der Illegalität für revolutionäre Politik

Vor sechs Jahren, im Sommer 2013, entschied sich der linke Aktivist Smily aus Stuttgart dazu, den Verfolgungswillen deutscher Bullen und Justizbehörden mit einer konsequenten Entscheidung ins Leere laufen zu lassen: Er tauchte ab und ließ sein bisheriges Leben hinter sich. Damit entglitt er dem zermürbenden Räderwerk der Repressionsapparate auf der einen Seite, aber ebenso all den sozialen Bindungen, relativen Sicherheiten und Bequemlichkeiten, die ein Leben in der kapitalistischen Legalität zulässt. Warum dieser folgenschwere Bruch?

In Folge einer Schlägerei mit einigen Großmäulern der rechtsoffenen Skinhead-Grauzone landete Smily im Jahr 2012 für 10 Monate in Untersuchungshaft in Stuttgart-Stammheim. Auch außerhalb der Knastmauern blieb er im Anschluss weiter mit einem Fuß hinter Gittern. Unter anderem für die Verteidigung der revolutionären 1. Mai Demo 2013 gegen einen Bullenangriff und für die erfolgreiche Verhinderung eines NPD-Infotisches, bei der flüchtende Nazis noch einige handfeste Botschaften mit auf den Weg bekamen, sollte er abermals vor Gericht gezerrt werden. In beiden Fällen hatten Bullen und Staatsanwaltschaft außer ihrem Verfolgungswillen nicht viel vorzuweisen. Dennoch: Der Bewährungswiderruf für die Strafe, wegen der er bereits in U-Haft saß und ein damit begründeter Haftantrittstermin im September 2013 vervollständigte die Aussicht auf eine längere Zeit hinter Gittern.

Die Entscheidung des Genossen dieser Perspektive zu entgehen, ist nicht allein mit dem starken Willen zu erklären, die relative individuelle Freiheit gegen ein Leben in totaler Fremdbestimmung zu verteidigen. Sie ist in ihrer offen und konfrontativ kommunizierten Form und mit ihren Konsequenzen – den zahlreichen Unannehmlichkeiten und Unsicherheiten, der notwendigen Selbstdisziplin – vielmehr Ausdruck einer politischen Haltung, die dem bürgerlichen Herrschaftsapparat seine Legitimität abspricht. Nicht umsonst schreibt Smily unten im Text sinngemäß davon, dass seine Schließer aller Wahrscheinlichkeit nach am Tag seiner Entlassung aus der U-Haft die Sektkorken knallen lassen haben: Die Zeit im Knast hat er weiter dafür genutzt, den Widerspruch zur herrschenden Ordnung zu suchen, er hat Solidarität unter den Gefangenen vermittelt und den starren Laden damit in ungewollte Bewegung gebracht. Uns geht es mit diesem Text nicht darum, Heldengeschichten zu schreiben, zumal weder der Knastalltag, noch anderweitige Angriffe des Staates spurenlos an den Betroffenen vorbeigehen. Es geht uns darum, den aktiven und politischen Umgang mit Repression, den der Genosse an den Tag gelegt hat, hervorzuheben.
Es gibt kein gesellschaftliches Vorhaben, das nach geltendem Recht so umfassend und grundlegend illegal ist, wie das der sozialistischen Revolution – die Enteignung und Entmachtung einer ganzen Klasse von selbsternannten „Stützen der Gesellschaft“, die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates und Überwindung all der Institutionen, auf der die herrschende Rechtssprechung baut. All das mutet ersteinmal sehr fern und abstrakt an. Denn ist es nicht so, dass linke, linksradikale und revolutionäre Politik, die diese Perspektive eröffnen könnte, heute zu relativ großen Teilen im legalen Raum ablaufen kann und soll? Es ist schließlich momentan nicht verboten von Revolution zu sprechen und zu schreiben, den Kapitalismus zu kritisieren und die Menschen zu mobilisieren dagegen zu protestieren.

Wer sich allerdings ernsthaft in politischen und sozialen Kämpfen gegen die Angriffe von Kapitalistenklasse, Staat und reaktionären Bewegungen einbringt, begreift schnell, wie wenig diese oberflächliche Betrachtung von Gesetzestexten mit dem politischen Alltag zu tun hat.
Wer sich allerdings ernsthaft in politischen und sozialen Kämpfen gegen die Angriffe von Kapitalistenklasse, Staat und reaktionären Bewegungen einbringt, begreift schnell, wie wenig diese oberflächliche Betrachtung von Gesetzestexten mit dem politischen Alltag zu tun hat. Jede fortschrittliche Bewegung, die sich nicht im Bitten und Betteln um einige Reförmchen oder zahnlosem Verbalradikalismus verliert, wird schnell das Ziel von staatlicher Disziplinierung und medialen Shitstorms. Das vordergründige Ziel kann noch so „Grundgesetzkonform“ sein: Wenn die Bewegung sich den bürgerlichen Politikformen (Parlamente, Petitionen etc.) nicht unterwirft und ihre Durchsetzungsfähigkeit nicht zugunsten des staatlichem Gewaltmonopols aufgibt, heißt es „Attacke!“. Linke Demonstrationserfahrung in Deutschland heißt Erfahrung mit Polizeigewalt, Strafverfahren und allerhand beleidigender Zuschreibungen. In Boulevardblättern und sogenannter „Qualitätspresse“ als „Verbrecher“, „Chaoten“ und gelegentlich „Terroristen“ bezeichnet zu werden ist nichts Besonderes. Es sind die sensationslüsternen Varianten der Meldungen aus Innenministierien, ihrem im rechten Sumpf vertrickten Verfassungsschutz und sogenannten Polizeigewerkschaften. Dass die Bildzeitung nach dem G20-Gipfel selbst zur „Randalierer-Jagd“ blies und eigeninitiativ Fahndungsfotos veröffentlichte, zeigt welche Ausmaße die staatlich dirigierte Stimmungsmache darüber hinaus annehmen kann.

Zugleich sind es eben die selbstbestimmten Formen von Organisierung und Straßenpraxis, die sich nicht am gerade geltenden gesetzlichen Rahmen orientieren, die zu Ausgangspunkten für revolutionäre Perspektiven werden können. Es geht eben doch darum, schon heute „das Kämpfen zu lernen“, auch wenn eine wirklich revolutionäre Situation noch weit entfernt ist und legale Aktivitäten einen großen Teil revolutionärer Arbeit ausmachen. Was wir damit meinen? Offene und verdeckte Zusammenschlüsse, die mobilisieren, koordinieren, Bildungsarbeit betreiben und Strukturen für Kämpfe entwickeln, Demos und Besetzungen im öffentlichen Raum, Blockaden von und Angriffe auf kapitalistische Einrichtungen und Schaltstellen, Straßenkämpfe gegen Bullen und Reaktionäre, Wohnraum- und andere Hausbesetzungen, Widerstand gegen Zwangsräumungen etc…
Revolutionär zu sein heißt ernsthaft daran mitzuwirken, dass diese Keimformen von Gegenmacht wirkungsmächtig und zu Anziehungspunkten für den ausgebeuteten Großteil der Bevölkerung werden. Es heißt, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass die sozialen Widersprüche des Kapitalismus zu Kampffeldern für den grundlegenden Bruch mit diesem System werden. Zu Ansatzpunkten für eine soziale Neuordnung, die organisiert und umgesetzt wird durch die ArbeiterInnen, die ohnehin schon den gesellschaftlichen Reichtum schaffen und jegliches soziale Leben ermöglichen. In der auch all diejenigen, die heute ohne Perspektiven an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, am kollektiven Reichtum teilhaben und die Verhältnisse auf Augenhöhe mitgestalten können.
Diese Politik steht in einem grundsätzlichem Widerspruch zum Staatsapparat und zur bürgerlichen Legalität. Die kapitalistischen Machtapparate sind keine neutralen Regulatoren, sie sind darauf ausgerichtet, die kapitalistische Klassenherrschaft aufrecht zu erhalten, Ansätze revolutionärer Politik soweit möglich politisch in ungefährliche Bahnen zu lenken und die unbelehrbaren Teile zu zermürben und bekämpfen.

Nicht wegducken!

Es sind vor allem drei Felder, in denen wir uns als Teile der revolutionären Linken und als Aktive verschiedener politischer und sozialer Kämpfe zu entwickeln haben, um diesem Druck standhalten zu können. Dieser wird sich gerade dann, wenn revolutionäre Zuspitzungen möglich sind, um ein vielfaches verstärken:

1. Unsere Strukturen absichern

Jede politische Organisierung in unserem Sinne, und wenn es nur um die regelmäßige Beteiligung an einem offenen Antifatreffen geht, sollte schon niedrigschwellig ein Verhältnis zum Staat herstellen, das die Legitimität seines Machtmonopols grundsätzlich in Frage stellt. Für neue AktivistInnen bestätigt sich dieser Umgang meistens ohnehin nach einigen Aktionen und wird mit eigenen Negativerfahrungen mit Bullen und Justiz unterfüttert. Der Widerspruch zwischen kämpferischer linker Politik und Legalismus ist keine nachrangige Frage der Form, sondern strategisch wichtig. Organisierte linke Politik, die Teil des antikapitalistischen Widerstandes ist, muss so aufgestellt sein,dass sie unabhängig von der aktuellen Gesetzeslage auf die Gesellschaft einwirken kann. Für feste und langfristige Strukturen ergibt sich daraus die Konsequenz, sich aktiv gegen mögliche Einblicke durch Geheimdienste und Repressionsorgane zu wehren und ihre Mitglieder nach Möglichkeit zu schützen. Es ist allerdings eine Frage der Prägung von Strukturen, ob es selbstverständlich ist, nach immer neuen Wegen zu suchen, den Bullen und Co. ein Schnippchen zu schlagen, oder ob die staatliche Bedrohung zu Lähmung, Legalismus, Übervorsicht und zur Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten führt. Die Entwicklung einer Kultur der sicheren, klandestinen Arbeit, die von verschiedenen Formen von offener Arbeit ergänzt wird, ist eine Herausforderung, die ein hohes Maß an Disziplin und Ernsthaftigkeit erfordert. Sie ist zugleich jedoch die verantwortungsvolle Vorbereitung auf Verhältnisse, in denen es nicht mehr so unproblematisch ist, linke und revolutionäre Politik öffentlich zu organisieren. Die AfD steht schon in den Startlöchern, um ihren Teil dazu beizutragen.

2. Politische Antirepressionsarbeit aufbauen

Antirepressionsarbeit ist mehr als ein Ermittlungsausschuss bei einer Demo, Prozesskostenunterstützung, oder jungen GenossInnen Sicherheitsstandards zu verklickern – alles unbedingt notwendig, keine Frage. Dennoch sind es nicht in erster Linie die bescheidenen Unterstützungsleistungen und Vorkehrungen, die wir heute organisieren können, die Menschen dazu bringen, trotz physischer und psychischer Angriffe, Diffamierungen, Knast, Berufsverboten etc. weiter am Ball zu bleiben. Es ist vielmehr das Bewusstsein dafür, dass Repression ein unabwendbarer Teil des Klassenkampfes von oben ist – und wenn sie gezielt und systematisch gegen uns angewendet wird, dann ist das zwar nicht begrüßenswert, aber eben folgerichtig. Die unterentwickelte revolutionäre Bewegung in Deutschland ist noch lange nicht in der Lage, der gigantischen militärischen Übermacht der Herrschenden die Stirn zu bieten. Sie kann Stärke, Anziehungskraft und letzten Endes auch ihre militärischen Potenziale aber dadurch gewinnen, dass sie zäh und unnachgiebig ist und sich auch unter miesesten Bedingungen immer wieder Wege und Möglichkeiten erschließt, selbstbewusst den Kopf zu heben, soziale und politische Kämpfe zuzuspitzen und positiv in die Zukunft zu blicken. Was das mit politischer Antirepressionsarbeit zu tun hat? Wenn der Staat uns aus politischen Gründen angreift, dann halten wir vor Gericht zwar den Mund, wenn es um diese oder jene vermeintliche Straftat geht. Es gibt schließlich keinen Grund, sich nach den Regeln der bürgerlichen Klassenjustiz für richtige Dinge zu rechtfertigen oder der Gegenseite irgendwelche Hilfestellungen für die Abwicklung ihres Geschäftes zu liefern. Nach Außen aber und in die Bewegung hinein haben wir viel zu sagen: Welche Interessen hinter der Verfolgung revolutionärer Politik stehen, warum die kriminalisierten Aktivitäten ihre Richtigkeit haben (natürlich kann auch Kritik angebracht sein, sofern sie hinten angestellt, solidarisch vorgebracht und als Korrektiv in der Entwicklung revolutionärer Gegenmacht verstanden wird) und dass das herrschende Recht kein Ausdruck von Vernunft, Humanismus und Fairness ist, sondern lediglich das politische Regelwerk, das den aktuellen Kräfteverhältnissen im Klassenkampf entspricht.
Dies als Antwort auf Gerichtsverfahren, Haftstrafen, Verfolgungswellen etc. offensiv zu thematisieren und mit Aktionen auch auf die Straße zu tragen, heißt den Spieß umzudrehen und aus dem Schlag und dem Moment der Stärke der Gegenseite einen Ansatzpunkt für die Festigung der eigenen Bewegung zu machen.

3. Vorbereiten, weiter kämpfen und die Repression ins Leere laufen lassen

Revolution, das bedeutet die totale Konfrontation mit dem Staatsapparat. Das klingt vielleicht martialisch, ist aber erstmal eine nüchterne Feststellung, vor deren Konsequenzen wir uns nicht verstecken dürfen. Wenn wir unseren Anspruch ernst nehmen, dann heißt das, dass diese Aussicht im politischen Aufbau nicht nur immer mitgedacht werden muss, sondern dass die Vorbereitung darauf schon heute zu unserer Arbeit gehören muss. Es heißt, dass wir eben nicht anfangen dürfen ins Schlingern zu geraten, in Schockstarre zu verfallen oder zurückzuweichen wenn der Staat die Eskalationsstufe hochschraubt: Wenn Leute weggesperrt werden oder Haftstrafen im Raum stehen, wenn Einzelne vom Staat gejagt oder an den öffentlichen Pranger gestellt werden, wenn Jobs in Gefahr sind oder soziale Kontakte vom staatlichen Verfolgungswillen in Mitleidenschaft gezogen werden Kurz: Wenn es darum geht uns persönlich fertig zu machen, dann ist die Gefahr groß, dass wir nicht nur persönlich daran zerbrechen, sondern uns auch politisch neutralisieren lassen. Sich damit offen in politischen Strukturen und unter GenossInnen auseinanderzusetzen sollten wir wieder verstärkt zu einem Teil unserer politischen Kultur machen.

Vor allem die Beschäftigung damit, wie wir auch im Knast weiterkämpfen und unsere politische Identität bewahren können ist notwendig, um mit dieser Situation einen richtigen Umgang zu finden. Uns muss klar sein, dass es hier nicht um ein Randthema geht, das nur ein paar GenossInnen betrifft, die Pech hatten oder eine besonders offensive Praxis fahren. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass alle, die sich langfristig am Aufbau revolutionärer Praxis und Organisierung beteiligen, auf die ein oder andere Weise damit konfrontiert werden. Wir können und wollen uns den harten Schlag einer Knaststrafe nicht schönreden. Aber dafür zu sorgen, dass organisierte Solidarität festen Halt gibt und dass Angst und Überforderung nicht dazu führen die politische Linie zu verlieren, das können wir schaffen.

Es ist offensichtlich, dass der Abwehrkampf im Knast und die Unterstützung von draußen notwendig sind. Das kann aber noch lange nicht heißen, immer zu akzeptieren, dass der Staat unsere Leute wegsperrt. Die Alternative heißt Illegalität und war schon immer Teil starker oder aufstrebender revolutionärer Bewegungen. In Ländern wie der Türkei und Kurdistan, in Kolumbien, Indien oder auf den Phillipinen ist sie die Überlebensbedingung für die dort kämpfenden Strukturen. Hierzulande liegen die letzten Erfahrungen damit schon einige Zeit zurück. In den Jahren des bewaffneten Kampfes, von denen uns nun fast ein halbes Jahrhundert trennt, wurden großflächige Strukturen und Netzwerke von und für kämpfende GenossInnen geschaffen, aber auch die Autonomen und die antifaschistische Bewegungen in den 80er und 90er Jahren schufen sich die Möglichkeit, AktivistInnen für den staatlichen Radar unsichtbar zu machen. Es gibt keinen Grund, diese wichtigen Erfahrungen in Erinnerungen verblassen und in Archiven verstauben zu lassen.
Illegalität ist organisierbar, sie kann Handlungsfähigkeit erhalten und auch heute schon in kleinem Maßstab ein Testfeld für spätere Phasen revolutionärer Politik sein. Die Bedingungen dafür auf die Beine zu stellen ist alles andere als locker leicht, aber eben auch im 21. Jahrhundert und in unseren Gefilden kein Ding der Unmöglichkeit. Es ist vielmehr eine Frage der Organisation – im politischen Sinne was die Festigkeit der Standpunkte und das Verantwortungsbewusstsein angeht, im technischen Sinne was die Verbindlichkeit und Arbeitsfähigkeit der Strukturen angeht. Die vermeintliche Allmacht der staatlichen Kontrolle kann gebrochen werden und es gibt Möglichkeiten, selbstbestimmt dagegen zu halten. Das auch durch revolutionäre Arbeit aus dem Untergrund aufzuzeigen ist nicht nur für unsere langfristigen Aussichten wichtig, es ist ein wichtiges Signal für alle, die nicht weiter bereit sind, sich in diesem System aufreiben zu lassen. Smily‘s Erfahrungen sind nicht nur ein Beweis für die Machbarkeit, sie ermöglichen es, eine Auseinandersetzung weiter zu führen, die für die revolutionäre Linke hierzulande immer wichtiger werden wird.


Abschiedsbrief Smilys nach dem Untertauchen

Hiermit gebe ich bekannt dass ich den heutigen Haftantrittstermin nicht wahrnehmen werde und mich die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, sämtliche Richter, der Staatsschutz und der Verfassungsschutz sowieso, als auch alle anderen Nazi- und Kapitalbeschützer und deren Helfershelfer ganz einfach mal fett am Arsch lecken können! Es gibt noch so viel schöne Dinge zu erleben und ich hab jetzt echt keine Zeit für so‘n Quatsch! Zu verlieren habe ich nichts. Meine Freiheit zu gewinnen.

An Herrn Sitzler und die ganze Staatsschutzbande vom Dezernat 2.2:

Vielen Dank für den erneuten Besuch in meiner Wohnung, aber ich war leider gerade verhindert. Ist Euch Trotteln mittlerweile schon mal aufgefallen dass Ihr fast nur Gegenstände konfisziert habt, die Ihr im Vorjahr schon kurzfristig Euer Eigen nennen konntet? Naja, als Trostpreis gab’s ja dann zumindest noch einen Baseballschläger und ne Jogginghose, was Euch auch ganz bestimmt bei Euren „Aufklärungsarbeiten“ weiterhelfen wird…

An Herrn Staatsanwalt Biel und den restlichen Haufen:

Wussten Sie schon dass es in der altgriechischen Bibel ganz hinten ein Übersetzungsverzeichnis gibt? Nun raten Sie mal was da unter „Satan“ steht… – Ankläger vor Gericht! – Erkennen Sie sich wieder?

Sehr geehrte Frau Richterin Neuffer vom Amtsgericht Stuttgart,

Ihr 2. bestandenes Staatsexamen dürfte nicht all zu lang her sein, aber gut zu wissen dass sich an der juristischen Fakultät bis heute nichts geändert hat und die Universität vermutlich seit über 100 Jahren die gleichen Charakterprodukte ausspuckt. Ist die Anzahl der Burschenschafter unter den Studenten denn mittlerweile schon von 90 auf 95% gestiegen? Sie sind für mich ungefähr so neutral wie die NSDAP 1933 und wer mit dem Staatsanwalt am Stammtisch sitzt wissen wir doch alle.

An alle 3 Parteien:

Passt bloß auf dass Ihr nicht irgendwann mal für Eure Machenschaften zur Rechenschaft gezogen werdet und Ihr diejenigen seid die im Zuchthaus landen. Ich persönlich halte da 10 Jahre Gulag für sehr wirtschaftlich. Danach könnt ihr Euch auch gern wieder als Bürger integrieren. Allerdings dann in eine Diktatur des Proletariats, die dazu führen wird dass man den Staat als übergeordnete Macht irgendwann überhaupt gar nicht mehr braucht.
Vergessen Sie nicht: Täter haben Namen und Adressen, Ihr auch!

An den Aktivbürger:

Danke dass mit Eurer Hilfe und Eurem stupiden Glauben an irgendeine Ordnung – auf die Ihr gar keinen Einfluss habt – immer wieder sichergestellt werden kann dass sich auch nie etwas ändern wird. Zum Glück seid Ihr nicht in der Überzahl!

An den zweifelnden Bürger:

Lasst Euch für die anstehenden Wahlen bloß nicht wieder von irgendwelchen etablierten Blockparteien und ihren demokratischen Phrasenblenden, die später sowieso nicht eingehalten werden. Auch nicht von den Grünen, die nur als ein Abfallprodukt der Friedensbewegung zu werten sind. Erinnert Euch welche Partei jedes Jahr unangenehme Anträge an den Bundestag stellte und zur Aufklärung des NSU-Skandals drängte, wodurch staatliche Organe immer wieder in Erklärungsnöte kamen und gezwungen wurden immer frecher zu lügen. Macht es diesmal richtig. Wählt Links!


Hallo Freunde, ich bin wieder da!

Hallo Freunde! Nach 6 vollen Jahren des Untertauchens bin ich nun wieder da! Was ist passiert? Nachdem ich bereits 2012 schon 10 Monate in Stammheimer Untersuchungshaft verbringen durfte, hatte sich die Stuttgarter Staatsanwaltschaft nach meiner Entlassung entschieden mich erneut in mehreren Fällen anzuklagen um mich so schnell es geht auch wieder zurück hinter schwedische Gardinen zu bringen. 1. Mai 2013 – (konstruierter) Widerstand gegen die Staatsgewalt, Sommer 2013 – gemeinschaftlich geplante gefährliche Körperverletzung (NPD-Infostand in Stuttgart Weil Im Dorf erfolgreich verhindert, 1 Zeuge soll mich dort erkannt haben), und ein Bewährungswiderruf durch die Geschichte weswegen ich schon 10 Monate in Stammheim saß (Kneipenschlägerei). So sehr man versuchte mich vor Gericht 2012, oder in den weiteren Anklagepunkten 2013 als Gefahr für die Öffentlichkeit darzustellen und die einzelnen Fälle völlig entpolitisierte, entlarvten sich meine Ankläger doch von Anfang an schon selbst. Denn das Aktenzeichen der Anklage für die vorgesehene Gerichtsverhandlung 2012 verriet bereits dass es sich hier um die politische Abteilung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft handelte., die sich der Sache annahm. Bekanntermaßen ist gerade in Stuttgart die Verfolgungswut gegen linke AktivistInnen seitens der Behörden besonders groß und von daher war für mich erst recht auch kein fairer Prozess zu erwarten. Ich rechnete mit irgendwas zwischen 1,5 und 3 Jahren Knast. Nun hatte ich mehr oder weniger die Wahl, als der Haftantrittstermin für Mitte September 2013 schon gelegt war. Entweder zurück ins Loch, oder einfach draußen bleiben und kucken wie man sich durchschlägt. Zu verlieren gab es nichts mehr. So entschied ich mich für zweiteres. Was ich dann die darauf folgenden 6 Jahre erlebte, an Schwierigkeiten hatte, Erfahrungen sammeln konnte, aber auch jede Menge gutes erlebte, werde ich zeitnah in einer Veranstaltung vortragen. Bis dahin aber erst mal danke an alle die mich in all diesen Jahren durch Soligrüße usw. unterstützten, und es so möglich machten dass ich nie in Vergessenheit geraten bin, und nach der ganzen Zeit jetzt quasi ein nahtloser Übergang des wieder Einlebens in meiner Heimatstadt geschaffen werden konnte. Der Andrang war groß als bekannt wurde dass ich nun wieder da bin und gefühlt jeder wollte mich sehen um mit mir zu sprechen. Hab mir oft vorgestellt wie das wäre nach so einer langen Zeit wieder heimzukommen und gar keiner wäre mehr da. Nun ist es sehr schön zu sehen dass nicht nur das nicht der Fall ist, sondern unsere Sache seither sogar noch ziemlich angewachsen ist und sich entwickelt hat. Danke an alle Genossinnen und Genossen, Freundinnen und Freunde, und meine Familie, die sich durch all die Schikanen von Staatsseiten aus nicht von mir abgewandt hat!


6 Jahre Untergrund – ein Bericht in 9 Episoden

In 6 Jahren Untergrund kann man durchaus mal was für die Nachwelt zu Papier bringen. So hab ich während dieser Zeit dann auch mal einen etwas ausführlicheren Text zur Sache verfasst. Viele können sich ja gar nicht erst vorstellen wie das ist, wenn Geld und Materielles einfach nur noch zweitrangig werden, und der ständige Kampf mit emotionalem in den Vordergrund rückt. Ja wie gefährlich Gefühle und Ego eigentlich sein können. Hier wird man – sofern nicht zuvor schon ausreichend geschehen – zwangsweise ein kollektiveres Denken als Überlebensstrategie entwickeln müssen um nicht gebrochen zu werden. Aber lest selbst.

#1 5 Jahre illegal. Eine sehr wertvolle Zeit für mich, in der ich mich weiterentwickeln konnte und viel Zeit für Sport, Kunst, Kultur, und Bildung hatte. Eine privilegierte Zeit in der ich alles lernen konnte worauf ich Lust hatte. In der ich viele persönliche kleinbürgerliche Defizite abbauen konnte, und einige Abenteuer erlebte. Aber auch oft stark sein musste. GenossInnen, FreundInnen, Familie und ich gleichermaßen. Schließlich konnten wir über Jahre hinweg nicht auf normalem Wege kommunizieren, oder uns einfach so treffen wie wir wollten. Diesmal waren es keine Knastmauern die uns trennten. Jetzt mussten wir andere Schwierigkeiten überwinden, auf die ich im folgenden etwas eingehen werde. Während ich diese Zeilen verfasse befinde ich mich in einer Altbauwohnung mit Meerblick vom Balkon aus. Ich wohne allein. Es ist mittlerweile schon die 11. Wohnung in der ich mich seit meines Abtauchens befinde. Jetzt, nach 5 vorangegangenen Jahren, endete nun die Verjährungsfrist der mir damals vorgeworfenen „Straftaten“ mit denen man mich unbedingt nochmal einbuchten wollte, um mich somit von jeglichem weiteren politischen Engagement abzuhalten. War ich doch gerade erst mal ein paar Monate wieder draußen, schon sollte es wieder zurück ins Loch gehen. Das war mir nichts. Jetzt bereite ich mich so langsam wieder mental auf die Heimreise vor. Oft kam mir das Ganze hier eigentlich wie ein recht cooler Urlaub vor. Zum Glück. Das haben wir zusammen gut hinbekommen. Doch wer zu lange Urlaub macht, bekommt natürlich auch irgendwann mal Heimweh. Und wenn man dann merkt, dass es so schnell erst mal keine Rückfahrkarte mehr gibt, wird es schwierig. Nicht dass ich das Leben in bürgerlicher Freiheit all zu sehr vermisst hätte, doch selbstverständlich mein soziales Umfeld, von dem ich nun erneut durch staatliche Repression getrennt worden war. Ein solches musste ich mir nun erst mal wieder komplett neu aufbauen. Und das in anderer Kultur und Sprache. Und unter anderen Bedingungen. Als erstes brauchte ich aber erst mal ein Dach über dem Kopf. Ein Platz wo man verweilen kann. Mit dem Elementarsten hatte ich da schon unzählige Schwierigkeiten, die ich mal stark verkürzt zusammenfassen möchte. Hostel, 8-Bettzimmer, 10€ die Nacht: Das Billigste was ich finden konnte und fast ständig voll besetzt. Nachts kommen nach und nach die besoffenen Touris ins Zimmer getorkelt und immer wieder geht die Tür auf und zu – so dass man ständig aufwacht – bis das Zimmer dann endlich voll ist. Ständig wechselnde Menschen und nichts an das man sich gewöhnen kann und will. Diverse WGs: Hier gibt es viele Beispiele aber ich kürze es mal runter auf das prägnanteste. Bringt der eine Mitbewohner doch tatsächlich eines Abends seinen Bullencousin zum kiffen mit nach Hause… Also auch hier, ganz schwer die Kontrolle über die Sachlage zu behalten. Wohnen mit Partnerin: Schien mir dann die beste Möglichkeit, da sie auch gleich den Mietvertrag abwickeln könnte. Dass sie das dann als Abschluss ihres ganz eigenen Vertrages mit mir bzgl. ihres zerstörerischen Charakters und Eigentumsdenken verstand, war mir derzeit leider noch nicht klar. Mitunter haben sich hier die schlimmsten Szenen abgespielt… Hier habe ich festgestellt was Klassenunterschiede in einer Beziehung bedeuten können, und wie eklig Menschen manchmal werden wenn sie sich einbilden Macht über einen zu haben. Nach ein paar weiteren Hostel-und WG-Aufenthalten dazwischen, sollte es aber dann mit einer neuen Liebe besser klappen. Wir sind zwar mittlerweile auch nicht mehr zusammen, haben aber immer noch ein gutes Verhältnis. Und: Ich habe einen Platz wo ich bleiben kann. Bis hier her war es schon mal ein langer Kampf.

#2 Isolation durchbrechen. Aber wie? Vom Isolationsgefühl her waren die ersten 3 Monate für mich die schlimmsten, und da hab ich auch schon die ersten Fehler gemacht. Ich kannte so gut wie niemanden und wusste nicht wo ich hin soll. Zu Hause war ich eine verhältnismäßig große Community gewohnt.
Jetzt war ich allein. Und fremd. So hatte ich dann mal versucht über ein Fake-Profil auf Facebook mit Leuten in Kontakt zu treten. Was sich natürlich als absolute Schnappsidee erwies. Freunde fingen an leichtfertig zu quatschen, von denen ich es nicht erwartet hätte. Sagten offen vor anderen, dass sie exklusiven Kontakt zu mir hätten und sowas. Abgesehen davon glich aber meine Freundesliste langsam auch der meines Originalprofils, und sowas kann von den Bullen ja abgeglichen werden. Ich löschte dieses Profil dann wieder. Aber was es mit mir machte war interessant. Es gab mir irgendwie das Gefühl ich sei der Isolation entkommen. Genauso wie damals als ich mein erstes Billigtelefon hier gekauft hatte und dann in der Hand hielt. Freilich hatte ich mein altes Telefon nicht dabei. Ein Freund organisierte mir dann noch eine SIM-Karte. Einfach nur erreichbar zu sein und die Möglichkeit zu haben andere zu erreichen war jetzt wichtig. So richtete ich dann später noch ein anderes Facebookprofil ein, auf dem ich aber nur hiesige Freunde habe. Über dieses Profil fand ich dann später auch die erste Wohnung nach einer viel zu langen Zeit im 8-Bettzimmer. Oft fragte ich mich derzeit was eigentlich besser ist, Knast oder der Scheiß hier. Immerhin konnte ich vom Knast aus dank einiger GenossInnen auch noch politische Arbeit machen und wurde wahrgenommen. Jetzt ging erst mal gar nichts mehr. Oft zogen Demonstrationszüge an mir vorbei denen ich mich gern angeschlossen hätte und manchmal haben mich da auch keine 10 Pferde von abhalten können. Doch war das Risiko immer sehr groß, zumal ich hier gleich doppelt auffällig bin. Auffällig unauffällig aber auch auf der anderen Seite. Durch meinen Touribonus als offensichtlich Nicht-Einheimischer wurde ich verhältnismäßig wenig von den Bullen kontrolliert. Viel zu viel Papierkram und Arbeit für die Herrschaften um eine ernsthafte Personenkontrolle durchzuführen. Wenn, dann müssten sie mich schon mitnehmen. Doch konnte ich mich da natürlich auch nicht auf mein Glück verlassen.

#3 Eine glaubwürdige Story. Nach nicht all zu langer Zeit fangen dann auch die ersten Fragen an, von Menschen denen man so im „Alltag“ begegnet. „Was machst Du eigentlich hier, du bist aber schon ganz schön lang hier, findest du es woanders nicht besser“ usw. Da muss man dann natürlich eine Story parat haben. Meine war dass ich aus beruflichen Gründen gekommen bin, hier ein paar Jobs hatte, gar nicht so lang bleiben wollte, dann aber eine Freundin gefunden habe und mich entschied etwas länger zu bleiben. Das hat dann meistens auch erst mal gereicht um neugierigen Nachbarn irgend etwas hinzuwerfen, damit sie erst mal Ruhe geben. Trotzdem: Man sollte immer etwas Geld auf der Seite haben und bereit sein schnell zu verschwinden, falls irgendwas komisch wird, und sollte generell auch immer ein bisschen in Bewegung bleiben. Je nachdem könnte es ratsam sein die Wohnung so alle 3-12 Monate mal zu wechseln. AuslandstudentInnen bleiben in der Regel 6-12 Monate. Von daher ist alles was 1 Jahr nicht überschreitet auch eigentlich nicht weiter auffällig. Die Hin- und Herzieherei verkompliziert dann aber natürlich auch wieder die Sache mit dem sozialen Umfeld. Ich hatte eigentlich anfangs permanent das Gefühl dass ich immer, wenn ich mich gerade erst mal irgendwo so ein bisschen eingelebt hatte, gleich auch schon wieder meine Koffer packen musste. Ein anstrengender Lifestyle. Nicht umsonst lassen sie einen ja auch im Knast ständig die Zelle wechseln. Man soll sich an nichts gewöhnen, um sich voll und ganz auf seine Strafe konzentrieren zu können. Hier wird es wichtig, zu lernen seine Gedanken zu kontrollieren. Wer das schafft, hat quasi schon die halbe Miete. Und wer es dann darüber hinaus auch noch schafft daraus Produktivität zu schaffen, hat noch mehr. Exil war aber auch schon immer eines der am liebsten eingesetzten Mittel der herrschenden Klasse gegen ihre Gegner. So sind sie einen einfach los und haben keinen Ärger mehr. Und der freie Himmel über dem Kopf hat seinen Preis, das habe ich oft gemerkt. Viele Geschichten habe ich zuvor schon gehört und gelesen von Leuten die in Exilzeiten verwahrlosten, den Verstand verloren, oder depressiv und selbstmordgefährdet wurden. Sich irgendwann selbst aufgaben. Das konnte ich mir jetzt gut vorstellen, und um dem zu entgehen habe ich mir so gut es eben ging versucht selber äußere und damit innere Struktur zu schaffen. Morgens den Wecker gestellt, obwohl ich gar nicht raus musste. Dann Sport gemacht, Kunst und gelesen. Einfach versucht irgendwie produktiv zu bleiben. Wer hier immer nur Party macht, dem/der wird dann auch schnell die Power ausgehen. Und einen einigermaßen gesunden Lifestyle sollte man schon auch fahren, weil man ja u.a. nicht den Luxus hat einfach so ohne weiteres mal kurz zum Arzt gehen zu können. Diesbzgl. hatte ich ziemlich Glück. Ich musste in all den Jahren kein einziges Mal zum Arzt, Zahnarzt, oder ins Krankenhaus

#4 Endlich Besuch. Solidarität von zu Hause. Auch das haben wir immer gut hinbekommen. Trotz vieler technischer Probleme und Missverständnissen, die den Umständen zu verschulden waren. Aber wir wollten kein unnötiges Risiko eingehen, damit diese Aktion auch gelingt. Sicherheitstechnisch war es mit manchem Besuch etwas problematisch, und was die Sicherheitsfrage angeht, hab ich bestimmt auch nicht alles richtig gemacht, so wie es jemand machen sollte der/die z.B. über Interpol gesucht wird, doch habe ich versucht da nah dran zu bleiben. Immerhin gab es auch für mich noch Möglichkeiten von anderer Seite aus staatliche Repression zu erfahren, oder zumindest die Möglichkeit eines Versuches. Gepaart mit der Möglichkeit repressive Maßnahmen von dort zu erfahren wo ich jetzt gerade bin, und womöglich noch aufzufliegen. Was ich im konkreten meine ist dass GenossInnen kommen sollten, die sicherheitstechnisch ein bisschen sensibilisierter sind. Es nützt nichts sich dann später vor Ort noch rumstreiten zu müssen, warum es keine gute Idee ist sein eigenes Telefon mitzubringen, und warum man sich in der Zeit auch nicht auf Facebook, Instagram usw. einloggen braucht. Wir müssen verstehen, dass der Staatsapperat da einen Dreck drauf gibt wie stark wir uns alle vermissen usw. Und es ist zu erwarten, dass er die erste Gelegenheit nutzen wird uns irgendwie anzugehen. Der Zorn auf Linke ist groß. Für diese Herrschaften eine heilige Sache. Von daher gab es für mich hier keinen Grund irgendwie leichtsinnig zu werden, auch wenn ich gleichzeitig viele Menschen vermisse. Das bedeutete faktisch für mich in dieser Zeit: Keine Selfies o.ä. Auf Facebook oder Instagram oder mit anderen zusammen für ihre (a)sozialen Netzwerke, alles was mit Ausweis zeigen zu tun hat so gut es geht zu vermeiden, nicht ständig in die gleichen Supermärkte zum Einkaufen gehen, öfters mal die Telefonnummer wechseln, nicht all zu lang am gleichen Ort wohnen, nicht zu viel und nicht zu offen mit anderen politischen Leuten rumhängen und, und, und. Was heißt das für mein aktuelles soziales Umfeld? Das heißt z.B. dass wenn meine Freundin mit mir zu einer stinknormalen Kunstausstellung gehen will, wir das situationsbedingt wohl nicht machen können, wenn man für den Erwerb einer Eintrittskarte seinen Ausweis zeigen muss. So was kann frusten. Freunde von hier die mit mir zusammen Urlaub machen und dazu irgendwo hinfliegen und in irgend ein Hotel einchecken wollen oder so, werden von mir ständig irgendwelche Ausreden zu hören bekommen warum ich nicht mit kann. Wenige Beispiele der persönlichen Einschränkung in so einer Situation, aber verständlich wenn die Freundin dann auch irgendwann mal Schluss macht, weil ihr diese Art Lifestyle zu anstrengend wird, da sie sich dadurch selbst viel zu sehr miteingeschränkt fühlt. Oder dass Freunde dann auch irgendwann mal den Kontakt abbrechen weil sie es als Uneingeweihte nicht verstehen können was abgeht, und das alles ganz anders interpretieren. Und überhaupt: Bin ich ja eh auch voll der komische Typ für manche, wenn ich mich da immer so anstelle wenn sie Selfies mit mir zusammen machen wollen oder Gruppenfotos und so Sachen. Da denken dann manche vielleicht einfach ich hätte keinen Bock auf sie und nehmen das persönlich. Was macht das alles mit mir? Life beats Ego. So wie ein Charakter aus religiösen Geschichten, der in die Wüste oder in die Berge geht und dort über Jahre hinweg in einer Höhle lebt um Buße zu tun. Dafür aber dann stärker wieder zurückkommt. Ich habe aufgehört mit dem Sich-Selbst-Für-Wichtig-Nehmen. Zumindest soweit, dass ich nicht daran zerbreche wenn meine Freunde um mich herum noch sämtliche kapitalistischen Freiheiten genießen, die ja ohnehin immer nur kurze Vergnügen sind. Oder dass ich es auch nicht persönlich nehme wenn mich einige nur ungern besuchen kommen, weil es für sie schon viel zu anstrengend ist mal 5 Tage ohne Facebook und Smart Phone auszuhalten. Dafür ist mir die Energie zu schade, und alles andere schon anstrengend genug. Es ist wie mit den Briefen im Knast. Wenn man sich davon abhängig macht, wird alles nur noch schwieriger.

#5 Neben den kontrollierbareren Problemen bzgl. Sicherheitsfragen gab es aber auch noch einige völlig unkalkulierbare Dinge die passiert sind und zusätzliche Schwierigkeiten bereiteten. Zum Beispiel habe ich mehrmals durch bloßen Zufall hier auch Leute getroffen die mich kannten. Denen habe ich dann direkt ans Herz gelegt, dass sie nicht großartig quatschen sollen wenn sie wieder daheim sind. Oder die Story ist auch nicht schlecht: Es gab einen Einbruch im Erdgeschoss in Nachbars Wohnung und die Bullen waren schon wieder weg als wir gerade vom Einkaufen nach Hause kamen. Der Nachbar, bei dem eingebrochen wurde, erzählte uns dann was passiert war und fragte uns ob wir eine Idee hätten wer das gewesen sein könnte. Und sowieso, hatte er dann erst mal so richtig viel über meine Person erfragen wollen. Wo ich eigentlich herkomme, und ob ich denn auch eine Aufenthaltsgenehmigung hätte. Ein einfaches Ja hat ihm da zur Beruhigung erstmal genügt, doch wurde auch klar: Es wird mal wieder Zeit umzuziehen. Nicht gleich – das wäre zu auffällig – aber dann so in anderthalb Monaten. Mich loszuwerden mangels einer Aufenthaltsgenehmigung wäre ein leichtes gewesen, da musste ich so manches Mal schon auf die Gnade böswilliger Leute hoffen, oder darauf, dass die Angst davor überwiegen würde sich am Ende zum Deppen zu machen. Da muss man dann einfach selbstbewusst auftreten. So als hätte man nichts zu verbergen. Dann wurde ich auch noch beklaut: Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit reichte aus um meinen Personalausweis und ein paar hundert Lappen zu verlieren. Das Geld war dann das eine, aber der Ausweis, das war wirklich von Anfang an meine größere Angst den mal zu verlieren. Gültig war er auch noch bis 2022. Was ist passiert? Ich hatte einem wohnungslosen Bekannten zugesagt, dass er erstmal bei mir bleiben kann bis er dann was anderes gefunden hat. Es war direkt am Tage seines Einzugs, als ich ihm half seine Kartons hoch in die Wohnung zu tragen. Ein einziger Karton – und damit nicht einmal eine halbe Minute – hatte er Zeit meinen Geldbeutel zu entwenden. Und er hat es tatsächlich in diesem Moment getan. Sich dann später meine Kohle rausgenommen und den Geldbeutel einfach in eine öffentliche Mülltonne geworfen. Bemerken sollte ich das dann erst am nächsten Tag. Da musste ich ihn dann auch gleich schon wieder rausschmeißen. Abgestritten hatte er es bis zu letzt, doch nachdem ich dann im Anschluss mal seine ganzen Kartons durchstöbert hatte – die ich mir vorerst noch einbehalten habe – kam auf einmal jede Menge Zeug zum Vorschein, dass er offensichtlich schon von anderen zuvor geklaut haben muss. Uhren, Ohringe, Anstecker, Broschen etc, da hab ich nicht schlecht gestaunt. Verprügelt hätte ich ihn nur all zu gern dafür, aber ich wollte nicht, dass womöglich noch jemand Mitleid mit ihm bekommt, und am Ende ich dann der Bösewicht bin. Also gingen wir zu dem Café wo er arbeitete und breiteten mal den ganzen Schmuck usw. schön auf einem Tisch aus, und warteten darauf, dass er kommt und uns bedient. Er kam. Und wurde kreidebleich. Gefeuert wurde er dann auch gleich. Weil sich rausstellte dass einiges von dem Schmuck wohl der Oma einer Arbeitskollegin gestohlen wurde, dort war er auch mal zu Gast. Und seit er in diesem Cafe arbeitet, fehlte wohl auch immer wieder Geld in der Kasse. Nun war auch klar wer das war. Er gab dann auch alles zu. Ich fragte ihn anschließend noch was wir jetzt mit seinen restlichen Sachen machen sollen und da meinte er doch wirklich noch, dass er am Abend alles abholen könnte. Ich sagte ihm, dass das so nicht passieren wird und seine Sachen stattdessen noch am selben Abend an die Armen verteilt werden. Da ist ihm dann die Kinnlade runtergefallen. Meiner Zielperson aber dann auch. Eine Blumenverkäuferin von der Straße – vermutlich Roma oder Sinti – wählte ich mir dann später aus, um den ganzen übrigen geklauten Schmuck loszuwerden. Ich übergab ihr das Schmuckkästchen mit den noch verbliebenen Wertsachen darin und sagte ihrdass das alles für sie ist. Ich wartete nicht ab bis sie den Inhalt der Box einsah, aber ab dem nächsten Tag war ich schon einer ihrer dicksten Kumpels geworden. Sie grüßte mich fortan sogar mehrmals am Tag, und ihre ganzen Freundinnen auf einmal auch. Am selben Abend noch packte ich dann die übrigen Sachen (Bettwäsche,Regale, Kleider, Bücher, etc. von dem Vogel) neben die Mülltonne vor dem Haus und wartete vom Balkon aus blickend ab was passiert. Es dauerte keine 10 Minuten bis die ersten Armen kamen, die sich recht schnell bedienten und keine weiteren 15 Minuten bis dann alles auch schon wieder weg war. Über eine halbe Stunde hatte ich schon gebraucht um den ganzen Kram dort hinzustapeln. Zufrieden darüber dass ich der ganzen Misere noch irgendwie was gutes abgewinnen konnte, zündete ich mir eine Zigarette an und dachte nach. Scheiße, mein Ausweis war jetzt trotzdem weg…

#6 Sicherheitsgedanke und Emotionales. Jeder Tag könnte durch einen blöden Zufall dein letzter in Freiheit sein, und dann geht‘s erst mal für längere Zeit wieder hinter schwedische Gardinen. Mit dem Druck über Jahre hinweg zu leben, das ist auch nicht ohne. Wie ein alter Feind, der ständig auftaucht, um von einem Rache zu fordern. Jetzt war in all dieser ohnehin schon ge- fühlt großen Instabilität auch noch meine formelle Identität weg. Und damit auch die letzten Chancen für den Notfall noch Ländergrenzen überschreiten zu können, im Hotel einzuchecken o.ä verbaut, und ich musste fortan noch mehr aufpassen nicht kontrolliert zu werden. Sehr anstrengend, doch verleiht das dem Leben auch gleichzeitig mehr Intensität der guten Dinge, die man ja schließlich ebenso erlebt. Je nachdem was man daraus macht. Freiheit heisst nicht Sicherheit, und wer es im Leben nicht schafft mal etwas aus seiner/ihrer bequemen Sicherheitszone auszubrechen, wird die wahre Freiheit auch nie kennenlernen. Ich hatte jetzt endlich auch mal die Gelegenheit und Zeit mich in kreativen Bereichen zu entwickeln. Und das war es was ich eigentlich jobmäßig auch schon immer machen wollte. Jetzt – den Umständen sei Dank – habe ich genau das geschafft und kann sogar darauf aufbauen. Ich habe zuvor Mathematik und Physik studiert, Jura und Bauingenieurwesen. Nichts davon habe ich abgeschlossen. Letzteres hätte ich zwar durchgezogen, wenn jetzt nicht diese Geschichte dazwischen gekommen wäre, doch waren das ohnehin alles Kompromissgeschichten und nicht das was ich eigentlich wollte. Eine weitere Sprache spreche ich jetzt auch. Hätte ich so niemals gelernt. Und mein Freundeskreis hat sich im Laufe der Jahre gewaltig vergrößert. Über Länder- und Kulturgrenzen hinweg. Mit leeren Händen werde ich dann auch nicht zurückkommen, und am Ende bin ich sehr froh das überhaupt gemacht zu haben, auch wenn es oft hart für uns alle war

#7 Woraus ich immer wieder Kraft schöpfte um das hier durchzustehen: Aus meiner Ideologie, der Solidarität meiner GenossInnen, FreundInnen und Familie, und dem Bewusstsein dass es jenseits von meinem Gartenzaun noch Millionen anderer Menschen gibt, denen es viel schlechter geht. Und dass es neben mir auch noch tausende andere AktivistInnen gibt, die jetzt gerade in ähnlichen Situationen sind. Kämpfend. Und das unter noch härteren Bedingungen. Einige meiner neu gewonnenen FreundInnen – Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten, Iran, Irak, Afganistan usw. – können über ganz andere Schwierigkeiten berichten. Zwangsheirat mit 14 zum Beispiel. Nach Jahren der Sklaverei selbst befreit und jetzt unter Flüchtlingsstatus ausgebeutet in der Schwarzarbeit. Wo man am Arbeitsplatz schon froh sein kann wenn man nicht sexuell belästigt wird. Oder: Mehrfacher Fluchtversuch. 2 Mal davon geschnappt, eingebuchtet und gefoltert worden. Beim 3. Mal hat es dann endlich geklappt. Eine kleine Auswahl unzähliger Stories dieser Art, die mir zugetragen wurden. Wogegen meine Geschichte wie eine bloße Lachnummer wirkt. Auch war ich selbst – im Gegensatz zu ihnen – in all dieser Zeit nie oder eher nur selten mit gegen mich gerichtetem Rassismus konfrontiert. Und dort wo ich gerade bin existiert auch noch sowas wie Solidarität in der Gesellschaft, was vieles einfacher gemacht hat. Trotzdem war es nicht leicht. Oft stelle ich mir so vor wie das dann erst mal andersherum wäre. Was man als Flüchtling z.B. in Europa noch alles zusätzlich ertragen muss.

#8 Über 40 Jahre im Schweinesystem funktioniert, am Ende stellt man dann fest was das System selbst für einen übrig hat: Gar nichts. Oft hört und liest man ja von alten Menschen auf dem Sterbebett, die kurz vor dem Tod immer sehr bereuen nie dieses oder jenes im Leben gemacht zu haben, wovon sie immer so träumten. Die meisten beklagen dass sie dafür nie mutig genug gewesen sind und es einfach nie schafften ihre Komfortzone auch nur einmal zu verlassen, um der Freiheit und ihren Träumen ein Stückchen näher zu kommen. Den Umständen habe ich es nun zu verdanken viele wertvolle Erfahrungen gesammelt haben zu können, die anderen vergönnt sind. So ist in all dieser Scheiße, die gegen uns als AktivistInnen ständig versucht wird – um uns fertig zu machen – auch immer wieder gutes zu entdecken. Und den Kopf in den Sand zu stecken nützt sowieso nie etwas. Nun stelle ich mir gerade schon mal so vor was traditionell konservativ denkende Familienmitglieder mir so alles mitzuteilen haben werden, wenn ich dann wieder da bin: „Was hast du bloß gemacht? Du hast doch Dein ganzes Leben versaut! Bist Du eigentlich bescheuert?“ So, oder so ungefähr wird das dann wohl sein. Manche von ihnen hätten mich viel lieber bei der Post arbeiten gesehen oder engagiert für die Kirche. Manche glauben, dass der Deutsche Bundestag von Kommunisten unterwandert ist, die nun allesamt versuchen unser Land kaputt zu machen. Für manche ist Edward Snowden nur ein ganz klarer Fall von Vaterlandsverrat und somit das Thema Überwachungsstaat auch nicht weiter kritikwürdig. Man hat ja nichts zu verbergen und will Sicherheit. Ihre gemeinsamen Feinde: Flüchtlinge, „Billiglöhner,“ Hartz IV-Empfänger und Muslime. Was haben sie jemals gegen den Krieg gemacht? Nichts. Kritik am neoliberalen Wirtschaftssystem? Fehlanzeige. Jemals Muslime persönlich kennengelernt? Weniger. Christlich? Naja, das behauptet der Ku-Klux-Klan von sich ja auch. Ich für mich selbst weiß jedenfalls, dass wir in der kapitalistisch-bürgerlichen Freiheit ständig gezwungen werden monotone, nicht-schaffende Arbeit zu tun (über die wir auch noch froh sein sollen), damit andere an unserer Arbeitskraft verdienen. Und wenn uns dann mal die Muße zur kreativen bzw. schaffenden Arbeit packt ist der ständige Begleiter der Idee schon von Anfang an die Frage ob man damit auch Geld verdienen kann oder nicht. Denn Zeit ist Geld, und alles was keinen Profit abwirft nichts wert. So hat man uns erzogen und so sollen wir auch in unserer bequemen, sicheren Zone bleiben und funktionieren, statt kreativ zu werden und Alternativen zu kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten zu finden. Ich habe nie Kunst studiert, weil mir immer wieder gesagt wurde dass nur etwa 2% der Abgänger der Universitäten später wirklich von dem leben können was sie produzieren. Und das auch nur wenn sie Connections haben. Jetzt mache ich das einfach so ohne es studiert zu haben und bezahle damit mittlerweile auch noch meine Miete. Das wäre so nie passiert, wenn ich nicht endlich mal Zeit und Muße für sowas gehabt hätte. Zeit, die ich versucht habe so gut wie möglich zu nutzen. Privilegierte Zeit, die ich als solche auch nie erkannt hätte wenn ich mich ständig nur auf mein persönliches Leid konzentriert und zurückgeblickt hätte. Und dafür bin ich froh. Und was mich darüber hinaus noch viel mehr freut: Dass uns diese Aktion auch gelungen ist! Als ich damals aus dem Knast entlassen wurde (einige Gefängnisbeamte dürften an dem Tag 3 Kreuze gemacht haben, dass ich endlich wieder verschwinde) traf ich mal einen jüngeren Genossen, der mir dann sagte, dass ich ihm die Angst vor dem Knast genommen habe. Der Knast, das war immer seine größte Angst. Jetzt hat er keine mehr. So hoffe ich, dass wir auch hiermit wieder vielen GenossInnen Kraft und Hoffnung für die Zukunft mitgeben werden, wenn wir zeigen dass wir zusammen alles schaffen können. Denn das wird wichtig sein in Zeiten eines schon längst existenten Polizeistaates, wo selbst bürgerliche Rechte und Freiheiten schon abgebaut, und der Sozialstaat zerstört wird.

#9 Endspurt. An einer europäischen Außengrenze sollte ich dann auf türkischer Seite noch – unter Verwendung eines anderen Ausweises – geschnappt und dann später zurück nach Deutschland abgeschoben werden. 5 Tage habe ich dann erst mal in einem Deportationslager verbracht, was mir exklusive Einblicke gewährte, die so manchen JournalistInnen wohl verborgen bleiben dürften. 10 Mann waren wir dort auf Zelle, und keiner wusste wann er wieder raus kommt. Ich saß mit Iranern, Kurden und Syrern, die mich alle sehr freundlich aufgenommen hatten. Manche von ihnen waren schon über 50 Tage da. Ich war der einzige deutsche Staatsbürger im ganzen Komplex. Cay wurde auf Zelle knackistylemäßig mit 2 Kabeln aus der Steckdose aufgekocht, und Zigaretten an zwei losen Kabeln eines geöffneten Schalters angezündet, da man auf Zelle offiziell nicht rauchen durfte. Wir hatten keine Matratzen,Tische oder Stühle, und haben auf dem Boden geschlafen, und von selbigen im Kreis sitzend auch gegessen. „Ausgang“ gab es 2 Mal am Tag für ganze 10 Minuten, dann mussten wir wieder zurück ins Loch. Pro abgeschobenen Flüchtling gibt es wohl 1200€, damit die EU sich diese so vom Hals halten kann. Für die wirtschaftlich angeschlagene Türkei ein Geschäft. Ganze Familien habe ich dort von meinem Zellenfenster aus im Hof spazieren sehen können, Frauen und Kinder. AfghanInnen, IrakerInnen, MarokkanerInnen, AlgerierInnen usw. Alle faktisch im Knast. Manche von ihnen können – je nach Beschluss – in der Türkei unter Duldungsstatus bleiben, bevor sie in ein zu heftiges Kriegsgebiet abgeschoben werden. Das Gebäude kann meiner Einschätzung nach um die 800 Gefangenen fassen, und von dieser Art Deortationslager gibt es in dieser Gegend noch jede Menge. Ich selbst hatte auf dem Weg dorthin noch 3 andere gesehen.
Dann ging es nach 5 Tagen zur deutschen Botschaft, wo man mir einen Ersatzausweis ausstellte, damit ich dann ein Flugzeug nach Hamburg besteigen konnte, wo ich bis zum Gate unter ständiger Begleitung stand. In Hamburg angekommen, begrüßte mich dann – nicht ganz überraschend – ein weiterer Polizeibeamter: „Guten Tag Herr S (mit Handschlag sogar), dann kommen sie mal bitte mit.“ Es wurde mir eröffnet dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart wohl versucht mir einen Brief zuzustellen und mich nicht erreichen kann. Ich sollte hierfür eine Adresse angeben, sonst wäre es möglich dass ein neuer Haftbefehl ausgestellt wird. Das habe ich dann gemacht. „Alles klar Herr S, ich lasse sie gehen,“ hieß es dann. Und ich war wieder in der kapitalistischen „Freiheit“ angekommen. Worum es ging sollte ich vielleicht auch noch kurz erwähnen. Gefährliche Körperverletzung. Es wurde 2013 ein NPD-Infostand in Stuttgart Weil Im Dorf erfolgreich verhindert. Ob ich hierfür als Zeuge oder Beschuldigter geladen werden sollte, konnte mir der Beamte nicht sagen. Interessant aber dass sich die Stuttgarter Staatsanwaltschaft – deren Verfolgungswut gegen links unendlich groß zu sein scheint – gerade diesen Fall rausgesucht hat. Im Angebot waren ja immerhin auch noch ein Bewährungswiderruf, oder (konstruierter) Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte am Tag der ArbeiterInnen am 1. Mai 2013 in Stuttgart, was nun alles verjährt ist. Mein damaliger Haftbefehl wurde auch aufgehoben. Für die NPD-Infostand-Geschichte hatte man sich aber einen Trick einfallen lassen und den Fall erst mal eingefroren. 2017 dann wieder eröffnet, so dass sich die Verjährungsfrist nach hinten raus weiter verschiebt. Da bin ich nun mal gespannt ob da jetzt demnächst noch was kommt. Die Sachlage jedenfalls scheint etwas dünn, und nach 6 Jahren kann das Erinnerungsvermögen von Zeugen erfahrungsgemäß schon gewaltige Mängel aufweisen…


Smily hat dank seinen Erfahrungen im Exil auch ein Buch geschrieben: »Haftantritt ausgesetzt« erzählt die authentische Geschichte eines Antifaschisten, der sich nicht hat brechen lassen. Nach einer zehnmonatigen Untersuchungshaft im Knast Stammheim, beschließt Karl 2013, nachdem ihm weitere Jahre hinter Gittern drohen, unterzutauchen und in die Illegalität ins Exil zu gehen.

Das Buch erzählt von den Brüchen, schmerzhaften Emotionen aber auch den Freundschaften und der Solidarität, die Karl im Exil erlebt hat. Die schwierigen Entscheidungen, die er treffen musste und die Erfahrungen, die er dadurch sammelte, werden in einer ehrlichen Weise beschrieben, die an die Arbeiterliteratur früherer Jahre erinnern lässt.

Sein Buch möchte Smily als Dankeschön für die Unterstützung, die er erfahren hat, verstanden wissen, sowie als solidarischen Akt, für all jene, die vor ähnlichen Kämpfen und Entscheidungen stehen oder mittendrin sind.

Rote Hilfe Stuttgart
Veröffentlicht 2019