Autor: oaterlangen

  • Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Für Antifaschist:innen ist die Frage – Was ist Faschismus? – von zentraler Bedeutung. Ohne ein Verständnis davon, wie er entsteht, welche historischen Umstände ihn begünstigen und welche Teile der Bevölkerung ihn tragen, bleibt der antifaschistische Kampf erfolglos. Der Text bietet eine niedrigschwellige Möglichkeit sich auf Basis einer materialistischen Gesellschaftsanalyse dem Phänomen Faschismus zu nähern.

    Zusammensetzung und Aufstieg faschistischer Organisationen

    Für uns als Antifaschist*innen ist die Frage – Was ist Faschismus? – von zentraler Bedeutung. Ohne ein Verständnis davon, wie er entsteht, welche historischen Umstände ihn begünstigen und welche Teile der Bevölkerung ihn tragen, werden wir von jedem erneuten Erstarken der faschistischen Bewegung überrascht. Ohne ein Verständnis davon, welche Rolle der Faschismus als oppositionelle Bewegung einnimmt und welche Rolle er an der Macht spielt, werden wir keine effektiven Gegenstrategien entwickeln können. Eine fundierte theoretische Analyse des Faschismus zu entwickeln ist ein Muss, wenn wir ihn nicht nur bekämpfen, sondern diesen Kampf auch gewinnen wollen.

    Das Phänomen Faschismus ist Produkt der bürgerlichen Klassengesellschaft – während erst deren wiederkehrende Krisen Faschismus zur Massenbewegung machen, entstehen durch die inneren Widersprüche bereit die Wurzeln der faschistischen Bewegung. Auch in Zeiten wirtschaftlicher Stabilität und Aufschwungs haben wir es deshalb oft mit faschistischen Kleinstorganisationen zu tun. In dieser Phase schaffen sie es kaum Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Vorgänge zu nehmen. Ihre Relevanz für die herrschende Klasse und die herrschende Politik ist eher gering. Aber auch wenn faschistische Organisationen noch klein sind, dürfen sie nicht unterschätzt werden. Mit ihrer reaktionären Ideologie bieten sie scheinbare Erklärungen und Feindbilder für akute Problemlagen an und lenken damit von wirklichen Ursachen ab.

    In ihnen sammelt sich ein ideologischer Kern, der durch Propaganda-Aktionen und aggressives Auftreten hervortritt. Das geht bis hin zu terroristischen Aktivitäten, wie Anschläge auf Migrant:innen und Menschen, die von den Faschist:innen für den „Niedergang der Nation“ verantwortlich gemacht werden. Darüber hinaus ermutigen sie andere reaktionäre Potentiale in der Gesellschaft sich offener zu artikulieren. Ihre Mitglieder rekrutieren sich hauptsächlich aus einer tiefen Überzeugung von Rassismus, Sexismus und einem extrem übersteigerten Nationalismus. Teil ihres Weltbildes ist auch immer eine verklärte bis romantisierte Auffassung der kapitalistischen Wertschöpfung

    Die dadurch entstehenden Organisationen sind so verschieden wie die Gesellschaft heterogen, die sie hervorbringt. Von losen Kameradschaftsstrukturen in ländlichen Gegenden über stark völkisch-faschistisch beeinflusste Gruppen wie zum Beispiel den „III. Weg“, von Verschwörungstheorien geleitete Bewegungen wie die Reichsbürger*innen bis hin zur akademisch geprägten „Identitären Bewegung“.

    Ihre Agitation richten sie hauptsächlich darauf die Arbeiter:innenklasse auf die Seite des Nationalismus zu ziehen. Notwendig wird dies, wenn die or ganisierte Arbeiterschaft ein internationalistisches, revolutionäres Potential entwickelt. Um dem entgegenzuwirken bedienen sich die Faschist:innen nicht zufällig an der Rhetorik und dem Auftreten der Linken und Arbeiter:innen Bewegung. Das Rot der Hakenkreuzfahne war genauso bewusst gewählt und kalkuliert wie Hausbesetzungen der faschistischen „Casa Pound“ in Italien, das Nachahmen der Autonomen-Bewegung durch die autonomen Nationalisten Anfang der 2000er oder die Kopie von Namen und Logo der Partei „Die Linke“ durch die faschistische Kleinstpartei „Die Rechte“. Die revolutionäre Linke als tatsächliche Alternative zu dem System kapitalistischer Ausbeutung wird kopiert um sich selbst einen revolutionären Anstrich zu verpassen und zumindest nach außen hin subversiv zu wirken. Der in der Klassengesellschaft vorherrschende Rassismus und Sexismus allein führt aber nicht zum Aufstieg der Faschist:innen zu Massenorganisationen. Die Geschichte zeigt, dass dies immer mit den Krisen des Kapitalismus zusammen hängt – so die Mussolini-Partei in Italien mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung nach dem ersten Weltkrieg, genauso wie in Deutschland die Freicorpsverbände. Die NSDAP wurde erst mit der Welwirtschaftskrise 1928 von einer faschistischen Sekte zur Massenpartei, die Goldene Morgenröte wuchs erst mit der Eurokrise 2009/10 zu einer starken Kraft in Griechenland an. Auch die rechtspopulistischen AfD hätte sich ohne dieser Krise und den kurz darauf entstehenden weltweiten Fluchtbewegungen nicht mit zweistelligen Wahlergebnissen festigen können.

    .Um den Aufstieg der faschistischen Parteien zu verstehen, müssen wir uns anschauen welche Teile der Bevölkerung in diesen Situationen massenhaft zu den Faschist:innen strömen. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, besteht ein Großteil der Faschist:innen nicht aus den ungebildeten Armen und Abgehängten. In quasi jeder faschistischen Partei finden sich stattdessen kleine Unternehmer:innen, Ladenbesitzer:innen, Beamt:innen und Akademiker:innen wieder. Der/Die durchschnittliche Faschist:in ist überdurchschnittlich gebildet und hat ein überdurchschnittliches Einkommen, wenn die meisten auch nicht zur gesellschaftlichen Elite zählen. Der Grund für diese überproportionale Vertretung von Mittelschichten – oder Kleinbürger:innen – liegt in ihrer besonderen Lage im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

    Denn diese Menschen werden während einer kapitalistischen Krise zwischen den durchschnittlichen Lohnabhängigen und den großen Kapitalen zerrieben. Während Großkonzerne zum einen über riesige Kapitalreserven verfügen mit denen sie auch längere Durststrecken überstehen und dazu noch die große Zahl an Arbeitsplätzen nutzen können, um die Politik zu Hilfszahlungen und Steuererleichterungen zu erpressen, stehen Kleineigentümer:innen ohne derartige Sicherheiten da. Genauso wenig können sie sich wie Lohnabhängige in solidarischen Gemeinschaften – wie den Gewerkschaften – organisieren. Zwar gibt es auch Interessenverbände von Kleinunternehmer:innen und Selbstständigen, aber einen tatsächlichen wirtschaftlichen Kampf, der mit einem Streik oder einer Betriebsverlegung ins Ausland vergleichbar wäre, lässt allein die Tatsache nicht zu, dass Kleinunternehmer:innen nicht nur gegen Großkonzerne, sondern immer auch lokal untereinander konkurrieren müssen um zu bestehen. Solange die Wirtschaftslage auch für die kleinen Unternehmen Profite zulässt, spielen sie in faschistischen Bewegungen nicht unbedingt eine zentrale Rolle. In einer im Kapitalismus wiederkehrenden Krise stehen sie allerdings gegen die beiden entscheidenden Teile der Gesellschaft. Auf der einen Seite gegen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter:innen, deren Forderungen nach Lohnerhöhungen, besseren Arbeitsbedingungen und betrieblicher Mitbestimmung, für die Unternehmer:innen Gewinneinbussen bedeuten und ihre Stellung als alleinige Chef:innen im Unternehmen angreifen. Der bewussteste Teil der Arbeiter:innenklasse fordert dazu auch noch deren Enteignung. Auf der anderen Seite gegen das Großkapital, das sie mittels industrieller Massenfertigung rücksichtslos unterbietet oder kleine Konkurrenzunternehmen in prekärer Lage reihenweise aufkauft. Weil sie sich also weder von den traditionellen liberalen Parteien vertreten fühlen können, deren Hauptaugenmerk immer auf die großen Kapitale liegt und auch eine Orientierung an der Arbeiter:innenbewegung Gewinneinbussen oder gar Enteignung bedeutet, finden sie in der oppositionellen faschistischen Bewegung ihre Heimat. Dort finden sie scheinbare Schuldige an ihrer prekären Lage, meist in ohnehin schon rassistisch diskriminierten Personen und ein Programm, das sich deutlich gegen Linke und vage gege den Finanzkapitalismus richtet. Damit wird die Hoffnung geweckt zu einer Zeit zurückkehren zu können, in der auch kleine Unternehmen noch konkurrenzfähig waren. Dass sich die Uhren nicht auf die Zeit vor dem globalen Finanzkapitalismus zurück drehen lassen und damit dieses Programm schlicht unmöglich umzusetzen ist, spielt keine Rolle. Neben diesen Kleinunternehmer:innen strömen Teile der Bevölkerung zu den Rechten, die zwar objektiv nicht in der selben Situation sind, sich aber ähnlich fühlen. Dazu zählen höhere Angestellte, deren Identifikation mit dem Unternehmen über Jahre zu besserer Bezahlung und privilegierter Positionen führten. Zwar gehören ihnen weder die Unternehmen, noch können sie groß Einfluss auf dessen Kurs nehmen, doch ihre Privilegien gegenüber der restlichen Belegschaft sind untrennbar mit dem Erfolg des Unternehmens verknüpft. Beamt:innen, besonders Teile des Repressionsapparats sehen in unruhigen Zeiten ihre besondere Stellung bedroht und wenden sich zunehmend der Strömung zu, die ihnen die entschlossenste Verteidigung ihrer gewohnten Rechte verspricht. Mehr noch, die von den Faschist:innen versprochene Law- and Order-Politik stellt massive Befugniserweiterungen für Polizei, Justiz, Armee und Geheimdienste in Aussicht. Auch die Ansage mit der linken Bewegung abzurechnen, fällt bei ihnen auf fruchtbaren Boden, gehört doch eine antikommunistische Indoktrination zur Ausbildung der Beamt:innen im bürgerlichen Staate. So verwundert es nicht, das die NSDAP bereits vor der Machtübergabe auf einen großen Rückhalt aus Polizei und Justiz setzen konnte. Auch zur Durchsetzung des Terror gegen die Arbeiter:innenorganisationen musste nicht erst der Polizeiapparat ausgetauscht, sondern konnte mit dessen tatkräftiger Unterstützung durchgeführt werden. Ein Blick auf die im Bundestag vertretenen Berufsgruppen und deren Parteibuch zeigt, dass diese Sympathie mit rechten bis faschistischen Parteien auch heute noch zutrifft. 56% der Polizist:innen im Bundestag sind Mitglieder der AfD, genauso wie 44% der Justizbeamt:innen und alle Bundeswehrangehörigen – und das bei nur 12,6% der Sitze (Stand Legislaturpersiode 2017-2021). In ihrer Gründungsphase war die AfD relativ eindeutig ein Projekt, welches antrat, um das reaktionäre Kleinbürgertum zu einen. Damals geschah das unter weitgehend wertkonservativen und nationalliberalen Vorzeichen. Heute wird teilweise behauptet, dass sich die AfD von der Professor:innen-Partei zur Partei der Prekariats gewandelt habe. Tatsächlich gibt es einige Wahlen, bei denen die AfD die meisten Stimmen von allen Parteien etwa unter den Arbeitslosen gewinnen konnte. Dies relativiert sich jedoch wieder, wenn man berücksichtigt, dass die Ärmsten in Deutschland kaum zur Wahl gehen. Die hauptsächliche Basis der AfD besteht immer noch aus den Selbstständigen, den kleineren Unternehmer:innen und den ökonomisch besser gestellten Teilen der Arbeiter:innenklasse. Dies trifft insbesondere auf ihre Mitglieder zu. Inwiefern sie weitere Einbrüche in die Arbeiter:innenklasse erreicht, hängt zu einem großen Teil von der politischen Arbeiter:innenbewegung selbst ab. Die Interessen unserer Klasse vertritt die AfD keinesfalls.

    Faschismus als Bewegung

    Der Faschismus an der Macht ist also immer ein Bündnis: Auf der einen Seite steht die herrschende Klasse in Wirtschaft und Politik. Auf der anderen Seite des Bündnis steht die faschistische Massenpartei. Faschistische AgitatorInnen versprechen ihren Anhänger:innen die Rückkehr zu einer besseren Zeit, die in Wahrheit nie existiert hat, in welcher die große Masse der Bevölkerung angeblich in ehrlicher, harter Arbeit an ihrer eigenen Werkbank eine Familie ernähren konnte, ohne dass Banken und „Heuschrecken“ alles ihren Renditevorstellungen untergeordnet haben. Dass Schulden, Banken und Kapitalkonzentration so alt sind wie der Kapitalismus selbst, wird in unserer bürgerlichen Gesellschaft genauso verschwiegen wie jede humane Alternative. Die faschistische Partei kann also gar keine reale Politik machen, die die realen Probleme ihrer Anhängerschaft lösen könnte und übernimmt stattdessen in brutalster Form die Interessen des Großkapitals. Diese großen Kapitale haben gute Gründe die radikalsten und brutalsten Vertreter:innen der bisherigen Wirtschaftsordnung an die Regierung zu bringen. Zum ersten ermöglicht ihnen die faschistische Machtübernahme die völlige Zerschlagung aller Organisationen der Arbeiter:innenklasse. Denn egal wie sozialpartnerschaftlich, verräterisch oder zurückhaltend eine Gewerkschaftsbürokratie ist, egal welch enge Grenzen dem Streikrecht gesetzt werden, kann die Basis doch jederzeit ihre Interessen formulieren. So kann die Existenz einer Gewerkschaft allein dazu genutzt werden, kollektiv Widerstand zu leisten und den Klassenkampf von unten zu führen. Ist allerdings jede unabhängige Gewerkschaft und Arbeiter:innenpartei verboten, ihre Kader*innen verhaftet oder liquidiert, ihre Häuser besetzt und ihre Zeitungen verboten, steht das Proletariat vor dem Nichts und ihre Interessen finden nur insofern Beachtung, als dass kein spontaner Aufstand aufgrund unerträglicher Ausbeutung auftritt. So wurde nach der Machtübertragung an die NSDAP der Besitzer der Fabrik zum „Führer“ und die Belegschaft zum „Gefolge“ erklärt, welches in widerspruchsloser Unterwerfung jede Akkorderhöhung und jede Reallohnkürzung hinzunehmen hatte. Vor einer Ausweitung der Kinderarbeit fürchteten sich aber NSDAP und die Köpfe der deutschen Industrie gleichermaßen stark genug, als dass es dazu (für „arische“ Kinder) nicht kommen sollte. Alle Klassen, außer der Bourgeoisie, werden aber nicht nur durch direkten Terror unterdrückt. Während Gesetzgebungsverfahren in einer parlamentarischen Demokratie zwangsläufig bis zu einem gewissen Grad öffentlich stattfindet, ist im Faschismus diese Öffentlichkeit restlos ausgeschaltet. Entscheidungen werden nicht mehr in öffentlichen Plenarsitzungen diskutiert, in deren Verlauf verschiedene Interessengruppen, seien es Industrieverbände, Gewerkschaften, Umweltschutzverbände oder Rentner.innenvereine, versuchen darauf Einfluss zu nehmen. Stattdessen versucht jede Firma, jede Kapitalfraktion ihre Vertrauensleute innerhalb des Regimes zu finden oder zu installieren, um dann im unübersichtlichen Wust faschistischer Bürokratie ihre Interessen mit tödlicher Effizienz durchzusetzen. Neben der Erhöhung der Profitrate, durch Drücken der Lohnkosten, ermöglicht die faschistische Partei an der Macht außerdem Zugriff auf neue Absatzmärkte, Rohstoffe und die Unterwerfung konkurrierender, ausländischer Kapitale. Nicht dass mit bürgerlich-parlamentarische Regierungen keine imperialistische Expansionsbestrebung durchführbar wären, erleichtert das vorherige Ausschalten der gesamten Opposition (auch in den Reihen des Kleinbürgertums und der Bourgeoisie) ein solches Vorhaben aber doch erheblich.

    Das Bündnis zwischen Bourgeoisie und FaschistInnen ist allerdings nicht unbedingt der Idealfall für beide Parteien. Die faschistische Bewegung gewinnt ihre Anhängerschaft vor allem durch pseudorevolutionäre Phrasen. Entsprechend beunruhigend wirkt diese Bewegung auf die Köpfe der Wirtschaft. Faktisch aber kann die faschistische Bewegung ohne deren Unterstützung und die der führenden Köpfe im politischen Establishments nicht an die Macht gelangen. Und auch die faschistischen Führer stellen meistens bei näherer Betrachtung schnell fest, dass Großmachtfantasien und kleinbürgerliche Träume über eine Wirtschaftsordnung der kleinen Handwerksbetriebe nicht vereinbar sind, dass sich die Uhr tatsächlich nicht einfach auf eine Zeit vor dem imperialistischen Stadium des Kapitalismus zurückdrehen lässt. Politik für das Monopolkapital zu machen bedeutet also seine Konzentration zu beschleunigen. Kleine Unternehmen werden für international konkurrenzfähige Kapitalakkumulation und möglichst effektive Rüstung zwangsweise einem größeren Kapital unterstellt oder gleich ganz enteignet. Es ist also eine Politik, die den Vorstellungen der faschistischen Massenbasis über die Welt der kleinen ehrlichen Produzenten grundsätzlich widerspricht. Dieser Widerspruch wird gelöst, indem der Terror, welcher sich zuvor gegen die Arbeiter:innenbewegung gerichtet hat, nun auch gegen die Teile der faschistischen Bewegung angewandt wird, die die Vorstellung, eine kleinbürgerliche Revolution gegen das Monopolkapital durchzuführen, noch ernst meinen. Die faschistische Terrormaschinerie unterwirft also auch diese Klasse gewaltsam ihrer Politik im Sinne des Monopolkapitals. Im NS-Faschismus geschah dies 1934 in der „Nacht der langen Messer“ mit der Liquidierung Röhms und der Entmachtung seiner SA, als der Ruf der faschistischen Basis nach einer „zweiten Revolution“ immer lauter wurde. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Teile der herrschenden Klasse kaltgestellt, die den Plänen einer möglichst schnellen Aufrüstung Deutschlands im Wege standen. Ähnliches ereignete sich mit der Matteotti-Krise 1924 auch im faschistischen Italien. Die im Gegensatz zur faschistischen Propaganda geführte sozialen Demagogie führte erst zu Ernüchterung innerhalb der faschistischen Anhängerschaft und dann zu offenem Widerstand in der noch vorhanden sozialistischen Opposition. Der darauf folgende Terror, sowie die ausbleibenden wirtschaftlichen und militärischen Erfolge in den folgenden Jahren entzogen dem italienischen Faschismus letztlich die Massenbasis. Es bleibt eine kleine Clique faschistischer Führer, die sich möglichst lukrative Posten unter den Nagel reißen und eine Masse an Faschist:innen, welche die Lüge der erreichten klassenlosen Volksgemeinschaft glauben. Trotzdem bleibt das Bündnis ein reines Zweckbündnis. Der faschistische Führer und seine Clique bleibt in wirtschaftlicher Abhängigkeit von der Bourgeoisie, kann sie ohne sozialistisches Programm und Basis nicht als Klasse entmachten und muss sie so durch Kompromisse oder Terror versuchen zu lenken. Die Bourgeoisie dagegen verliert ihre Flexibilität. Alle Parteien, die auf dem Boden der kapitalistischen Grundordnung stehen, eint das Ziel das nationale Kapital zu mehren. Allein über den Weg dorthin streiten sie. Im Parlamentarismus können die einzelnen Kapitalfraktionen ihre Interessen mit Hilfe der verschiedenen Parteien flexibel durchsetzen. Braucht die Wirtschaft einen Modernisierungsschub wird durch Spenden, Öffentlichkeitskampagnen und so weiter eben die Partei gefördert, welche diesen Weg am vielversprechendsten unterstützt. Unter faschistischer Herrschaft jedoch gibt es diese Möglichkeit nicht. Politische Kurswechsel sind immer nur in Verhandlungen mit der faschistischen Partei möglich – wenn überhaupt. Dasselbe gilt für außenpolitische Zielstellungen. Größere Absatzmärkte, freier und billiger Zugang zu Ressourcen sind gemeinsame Interessen der herrschenden Klasse. Mit welcher Risikobereitschaft, auf welchem Weg, ob mit Krieg oder „friedlicher“ Einigung, liegt genauso wenig in ihrer Hand, wie mit und gegen welche anderen imperialistischen Player gekämpft wird. So mussten die Verschwörer des 20. Juli um Stauffenberg zu dem drastischen Mittel des Tyrannenmords greifen, um die außenpolitische Linie Nazideutschlands zu ändern. Gegen die Unterwerfung, Ausbeutung und Versklavung Osteuropas und der Sowjetunion hatte Claus Graf Schenk von Stauffenberg nämlich nichts, wie aus seinen Briefen aus der Zeit des Überfalls auf Polen hervorgeht. Allerdings war ein Teil der deutschen Bourgeoisie zur Einsicht gelangt, dass dies auch gegen die Westalliierten durchzuführen militärisch aussichtslos ist. Mit dem Mord an Hitler sollte der Weg für einen Teilfrieden im Westen geschaffen werden, um die Niederlage gegen die Sowietunion doch noch abzuwenden. Hinzu kommt, dass einmal unter faschistischer Herrschaft die Brücken zur liberalen Demokratie abgerissen werden. Eine Rückkehr ist faktisch nur mit einer Entmachtung der faschistischen Partei möglich und diese gibt ihre Macht in den seltensten Fällen freiwillig ab. Nur in Ausnahmen kann eine Integrationsfigur der herrschenden Klasse, wie im Beispiel Spanien der König, im Bündnis mit Bourgeoisie und liberalem Bürgertum einen Kompromiss aushandeln. Und auch das gelingt meist nur durch den Tod des faschistischen Führers – sei es friedlich oder gewaltsam. Sonst bleibt außer einer militärischen Niederlage, die das nationale Kapital natürlich um jeden Preis vermeiden will, nur ein revolutionärer Umsturz, um die faschistische Partei zu entmachten. Im antifaschistischen Kampf, der für eine Demokratisierung notwendig ist, tun sich aber meistens kommunistische Gruppen aufgrund ihrer Erfahrung, ihrem Klassenbezug, ihrer internationalistischen Einstellung und tödlichen Feindschaft zum Faschismus besonders hervor und die Gefahr, dass aus der politischen eine soziale Revolution wird, ist zu hoch, als dass die wirtschaftliche Elite sich gegen die faschistischen Machthaber stellen würden. Warum beide Seiten dieses Bündnis trotz der Widersprüche eingehen, liegt an der konkreten historischen Situation, in der das Bündnis geschmiedet wird. Es ist eine krisenhafte Situation, in der die Hauptklassen, Bourgeoisie und Proletariat sich in einem Gleichgewicht befinden. Die liberalen kapitalistischen Parteien verlieren massiv an Zustimmung 16 und stehen einer starken organisierten Arbeiterschaft gegenüber. Gleichzeitig steht die nationale Bourgeoisie ökonomisch massiv unter Druck und verfügt über keine koloniale oder neokoloniale Ausbeutungsmöglichkeiten, auf denen sie diesen abwälzen können. Anders als England, Frankreich und der USA mit ihren großen Kolonialreichen und imperialistischen Einflussmöglichkeiten standen Deutschland, Italien und Japan hierfür nur die eigene Arbeiter:innenklasse zur Verfügung. Die üblichen Mittel der Befriedung funktionieren nicht mehr, weil die wirtschaftliche Lage Zugeständnisse an die Arbeiter:innenschaft nicht zulässt, der bürgerliche Parlamentarismus vom nützlichen Herrschaftsinstrument zum aufgezwungenen Übel wird und ein Militärputsch ohne Massenunterstützung am Widerstand breiter Bevölkerungsschichten scheitern würde. In dieser Situation ist es für beide Seiten, die faschistische Partei und die Bourgeoisie, lebensnotwendig einer drohenden sozialistischen Revolution zuvorzukommen. Die FaschistInnen sind für die herrschende Klasse aber keineswegs die erste Wahl, für einen Ausweg aus solch einer Situation. In Deutschland feilte die Bourgeoisie seit dem Bestehen der Weimarer Republik daran sie wieder los zu werden. Der Machtübertragung an Hitler gingen eine ganze Reihe unterschiedlicher Versuche vorweg sich der Demokratie wieder zu entledigen. Mit dem Marsch auf den Reichstag und dem Kapp-Putsch zwei militärische, sowie mit dem Staatsstreich Papens gegen das „rote“ Preußen ein „legaler“ Versuch, sowie dutzende Verschwörungen, die noch in der Planungsphase stecken blieben. So gehen relevante Teile der Bourgeoisie, des Militärs und des restlichen Staatsapparates den Schritt große Teile ihre Macht an die faschistische Massenbewegung zu übertragen. Dafür wird sie, bei allen Widersprüchen, mit einem Maß an Ausbeutung der lohnabhängigen Bevölkerung belohnt, welche in parlamentarischen Demokratien reines Wunschdenken wäre und obendrein im Zweifel noch Zugriff auf Sklav:innen und ungehemmte Expansion, während die faschistischen Bonzen auf ihren neu eroberten Posten fett werden und ihren ideologischen Wahn ausleben können. Auch wenn das Bündnis nicht immer bereitwillig geschlossen wird, geben beide Partner, einmal verbunden, alles und gehen ohne mit der Wimper zu zucken gemeinsam über Millionen und Abermillionen von Leichen, um sich den größtmöglichen Vorteil daraus zu verschaffen. Unsere Analyse des Faschismus an der Macht liest sich wie die Geschichte des deutschen Faschismus. Und das nicht ohne Grund. In den wenigen Fällen der Weltgeschichte, in denen eine faschistische Partei eine Diktatur errichten konnte, ist der deutsche Fall der in dem die Besonderheiten des Phänomens Faschismus am ausgeprägtesten zum Vorschein kamen. Der marxistische Historiker Kurt Gossweiler stellte heraus, dass der Nationalsozialismus in einmaliger Weise zum Ausdruck brachte, was in allen Formen des Faschismus angelegt ist, wohin seine Entwicklung zielt, ohne jedoch überall den gleichen Reifegrad zu erreichen. Denn alle Facetten des Faschismus sind Produkt bestimmter historischer Bedingungen und Umstände, die bisher in keiner solch ausgeprägten Form gegeben waren. Zum anderen bildet der deutsche Faschismus den für uns in der BRD kämpfenden Antifaschist*innen den wichtigsten historischen Bezug. Und anders als die faschistische Diktatur blieb die Kontinuität der deutschen herrschenden Klasse, die diesen hervor brachte, ungebrochen.

    Fazit

    Das Aufkommen des Faschismus spiegelt also auf der einen Seite die Schwäche der nationalen Bourgeoisie wieder die Krise der kapitalistischen Wirtschaft und der Zerfall des bürgerlichen Staates aufzuhalten. Auf der anderen Seite ist das Erstarken des Faschismus aber auch ein Zeichen der Stärke und Angriffslust der herrschenden Klasse, sowohl gegen die lohnabhängige Klasse als auch gegen andere imperialistische Player. Diese Dialektik von Schwäche und Stärke des Kapitals spiegelt sich im Defensiv- und Offensivcharakter der faschistischen Politik wieder. Dies zu erkennen ist für uns essenziell, um nicht den historischen Fehler der einseitigen Bewertung des Faschismus zu wiederholen. Dabei gleicht aber keine faschistische Bewegung der anderen und keine faschistische Diktatur verläuft nach streng vorgegebenen Mustern. Chauvinismus in allen seinen Facetten – Rassismus, Sexismus, Militarismus und übersteigerter Nationalismus – sind Grundkonstanten, die in keiner faschistischen Bewegung der Welt fehlen und bilden doch keine einheitliche faschistische Ideologie. Wenn wir wissen wollen woher die Besonderheiten einer faschistischen Bewegung und einer faschistischen Diktatur in einem beliebigen Lande kommen, müssen wir die kapitalistische Gesellschaft analysieren, die sie hervorgebracht hat und den Charakter des Imperialismus erkennen, der hinter ihr steht.So strebte das Franco-Regime in Spanien nicht nach der Weltherrschaft sondern unternahm im Gegenteil keinen einzigen Versuch militärischer Expansion. Aber wie die NS-Diktatur zerschlug und ermordete der spanische Faschismus rücksichtslos die Arbeiter:innenbewegung und beutete einen Teils der Bevölkerung in Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern aus. Auch Antisemitismus ist nicht zwangsläufig Teil einer faschistischen Ideologie. In der Partito Nazionale Fascista (PNA) konnten auch Jüd:innen Mitglied werden und das faschistische Italien nahm auch einige Zeit lang geflüchtete Jüd:innen aus dem deutschen Reich auf. Auch besteht keine automatische Verbundenheit zwischen den verschiedenen faschistischen Bewegungen. Bei vielen ideologischen Gemeinsamkeiten konkurrierten Italien und Deutschland lange um die Vormachtstellung in Österreich und dem Balkan. Zu einem Bündnis kam es erst, als der italienische Imperialismus zur Durchsetzung seiner Expansionsbestrebungen in Nordafrika und im Mittelmeerraum auf ein Bündnis mit Nazideutschland drängte. Dann erst setzen sich die antisemitischen Kräfte innerhalb der PNA durch und begannen mit der Verfolgung von Jüd:innen in Italien. Das Bündnis blieb aber nie eng und wurde von Italien sofort aufgekündigt als sich die Niederlage ankündigte. Auch die Frage der notwendigen Massenbasis war in keiner bisher existierenden faschistischen Diktatur einheitlich. Die NSDAP konnte sichbis zum Schluss auf einen fanatischen Massenanhang stützen. Auch die PNA in Italien organisierte einen relevanten Teil des Kleinbürger tums. In Österreich unter Dollfuß konnten die faschistischen Massenorganisationen hingegen nicht die Stärke zur Stellung der Machtfrage entwickeln, ohne ein politisches Bündnis mit christlichen Heimwehren zu schließen. Das Francoregime in Spanien wiederum musste sich viel mehr auf die Armee als bezahlte staatliche Schergen verlassen. Die Übergange zu reinen Militärdiktaturen können bei solchen Grenzformen des Faschismus fließend sein. Entscheidend ist letztlich aber der soziale Inhalt der Diktatur. Wer, welche Klasse, mit wessen Hilfe diese Dik tatur über wen ausgeübt wird, beziehungsweise gegen wen gekämpft wird. Georgi Dimitroff analysierte, dass der Nationalsozialismus deshalb die reaktionärste Spielart des Faschismus war, weil er das Produkt des damals reaktionärsten, kriegslüsternsten und brutalsten Imperialismus war und von diesem für die Erreichung seiner Ziele an die Macht gebracht wurde.

    Antifaschistische Aktion München
    2021 veröffentlicht

  • Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Welche Gefahren „Zentrum Automobil“ und Co. mit sich bringen und welche Chancen wir ergreifen können!

    »Rechte Betriebsarbeit ist […] auf Demagogie angewiesen, sie verspricht den ArbeiterInnen sehr viel, wie etwa einen „unabhängigen Betriebsrat“ oder eine starke Front gegen die Konzernspitzen, sie wird diese Versprechungen aber nie einlösen können oder müssen. Denn als Rechte leugnen Organisationen wie “Zentrum” und die “AfD” die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und den Klassenkampf.
    Wer aber für ArbeiterInnen etwas durchsetzen will, muss sich eingestehen, dass es diese grundsätzlichen Widersprüche in der Gesellschaft gibt. “Deutsche ArbeiterInnen” haben eben nicht dieselben Interessen, wie “deutsche Kapitalisten”, auch nicht, weil sie “deutsch” sind.«

    Der Betriebsrat Oliver Hilburger beim Daimler-Werk Untertürkeim, Vorsitzender des Vereins „Zentrum Automobil“ hielt im November 2017 eine Rede auf der Konferenz des rechten Magazins “Compact” in Leipzig. Hilburger ist der ehemalige Gitarrist der Nazi-Band „Noie Werte“.
    Er war und ist damit ein fester Bestandteil der schwäbischen Nazi-Szene. Hilburgers Rede war nicht gut gehalten, er verhaspelte sich oft, wurde vom Einmarsch Björn Höckes unterbrochen und benutzte wirre Formulierungen1. Soweit, so normal. Ein ehemals offener Faschist redet jetzt als verdeckter auf einer Konferenz der neuen rechten Organisationen: “AfD”, “Identitäre”, “Compact Magazin”. Das Thema der Rede war für die politische Rechte Deutschlands aber etwas tatsächlich Neues oder zumindest ungewohnt. Es ging um Betriebsarbeit, Betriebsräte und die Gewerkschaften. Konkret forderte Hilburger rechte Aktivisten dazu auf, bei den Betriebsratswahlen vom März bis zum April 2018 mit eigenen Listen anzutreten.
    Er kritisierte das angeblich gute Verhältnis zwischen Konzernleitungen und IG Metall, Leiharbeit, Freihandelsabkommen, niedrige Renten und das marode Gesundheitssystem. Am Ende seiner Rede stellte er Mitglieder seines Vereins vor, die in anderen Städten mit “Zentrums”-Listen antreten sollten. Später auf der Konferenz wurde die Kampagne „Patriotische Gewerkschaft“ (PG) vorgestellt. „PG“ war ein gemeinsames Projekt der Bündnisorganisation der rechten Bewegung “Ein Prozent für unser Land” (bestehend aus der “Identitären Bewegung”, Götz Kubitscheks “Institut für Staatspolitik”, Jürgen Elsässers “Compact Magazin” und dem rechten “Flügel” der “AfD”) und Hilburgers “Zentrum Automobil”.
    Auch diese Kampagne mobilisierte zu den Betriebsratswahlen 2018, Hauptthema ist der Schutz von „Patrioten im Betrieb“ vor “politisch motivierten” Entlassungen2. Die Ergebnisse von “Zentrum Automobil” und ihnen nahestehenden Listen bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr blieben zum Teil hinter ihren eigenen, sehr hoch gesteckten, Erwartungen zurück, sollten uns aber trotzdem alarmieren. Sie schafften in einigen Werken den Sprung in den Betriebsrat.
    So z.B. bei Daimler Raststatt (3 Betriebsratssitze von 35), BMW Leipzig (3 Betriebsratssitze und damit 6% Stimmen), Siemens Görlitz (2 Betriebsratssitze und damit 16,4%) oder bei dem Motorsägenhersteller Stihl in Waiblingen bei Stuttgart (2 Betriebsratssitze und damit 9,2%). In Untertürkheim wuchs die Zahl der Betriebsratssitze von “Zentrum” von 4 auf 6 an, das sind mittlerweile 13,2%. “Zentrum” hatte sich in Untertürkheim allerdings 10 bis 12 Mandate erhofft. 2019 ist “Zentrum Automobil” nun fester Bestandteil der politischen Rechten in Deutschland. Im Zuge der Klimaproteste Fridays For Futures agierte sie stark gegen diese und schlug sich, wie die gesamte Rechte, auf die Seite der Klimawandelleugner. Dies äußerte sich u. a. in stumpfer Propaganda für Diesel-Motoren und gegen Fahrvebote. Gleichzeitig war “Zentrum” mit der Verteidigung rassistischer Hetze innerhalb von Betrieben beschäftigt.
    Neben “Zentrum Automobil” und der “PG” gibt es weitere rechte Organisationen, die ArbeiterInnen organisieren sollen. Sogar mit direkter Parteianbindung, etwa die „Alternative Vereinigung der Arbeitnehmer“ (AVA), vom nach außen neoliberal auftretenden Flügel der „Alternativen Mitte“ der “AfD” und der „Alternative Arbeitnehmerverband Mitteldeutschland“ (ALARM), der mit Jürgen Pohl einen Anhänger des Faschisten Björn Höckes als Vorsitzenden hat. “ALARM” ist dem Selbstverständnis nach sogar eine Gewerkschaft3. Einige dieser Projekte sind wieder gestorben, so die “Arbeitnehmer in der AfD” (AIDA) um den immer noch “Zentrums”-nahen BMW-Betriebsrat Frank Neufert, der sich aber von der “AfD” in Richtung “Aufbruch deutscher Patrioten Mitteldeutschland” (ADPM) abgespalten hat, wohl wegen Streitereien um die Ausrichtung in der Partei (sozial vs. neoliberal). Die Dynamik hält an, bislang beweist sich vor allem “Zentrum Automobil” als dauerhaftes “AfD”-nahes Betriebsprojekt.

    Auch andere rechte Akteure haben sehr gute Kontakte zu “Zentrum”, Hilburger redet und redete bei verschiedenen Veranstaltungen: “Pegida”, weiteren “Compact”-Konferenzen, bei und mit “Identitären”.

    1. DIE „NSBO“ – ARBEITER FÜR HITLER?

    Die “Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation” (NSBO) war eine 1929 gegründete Organisation zum Zusammenschluss von “NSDAP”-Mitgliedern auf betrieblicher Basis. Die “NSDAP” war 1925, nach einem Verbot wegen ihres gescheiterten Putschversuchs in München 1923, neu gegründet worden. In der Partei existierten damals mehrere Linien. Die Stärksten waren auf der einen Seite die Gruppierung um Hitler und die Führung in München und auf der anderen Seite die Brüder Otto und Gregor Strasser und ihr „Kampfverlag“, deren Zentrum im Norddeutschen Raum lag4. Doch auch im Süden gab es „Strasser-Gruppen“ und auch andere Parteizeitungen, die nicht im “Kampfverlag” erschienen, standen dem Strasser-Flügel nahe. Die beiden Flügel hatten verschiedene politische Linien und richteten sich in ihrer Propaganda auch an andere Zielgruppen. Die Parteiführung und Hitler fühlten sich vor allem ihrer kleinbürgerlichen Klientel (kleine Unternehmer, Beamte, Intellektuelle, Selbstständige, besitzende Bauern) verbunden und baten Kapitalisten sogar direkt um Spenden und Unterstützung. Eine andere Taktik nutzte der Strasser-Flügel: Mit radikaler Rhetorik sollten Arbeiter und Arbeiterinnen agitiert und in die Partei eingebunden werden5, dabei bezeichneten sich die Nazis beispielsweise als “sozialrevolutionär” oder “Sozialisten”. Beide faschistische Strömungen stellten dabei allerdings nie die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln infrage.
    Um propagandistisch bei ArbeiterInnen punkten zu können und den eigenen Anspruch einer, mehr oder weniger kämpferischen, Organisation umzusetzen, gab es aus dem Strasser-Flügel schon ab 1926 Bestrebungen zur Gründung einer eigenen Gewerkschaft6. Die Haltung der “NSDAP” zu Gewerkschaften an sich war dadurch gespalten, der Hitler-Flügel lehnte sie als politische Organisationsform eher ab, wohl um die Finanzierung aus Industriekreisen nicht zu gefährden7. In Berlin hatte der spätere Führer der “NSBO”, Reinhold Muchow, bereits 1928 begonnen, “NSDAP”-Mitglieder in Betrieben zu eigenen Organisationen zusammenzuschließen. Diese Organisationsform bot sich als Ersatzlösung für eine tatsächliche braune Gewerkschaft an. Auf dem Reichsparteitag 1929 forderten mehrere Anträge die Gründung einer eigenen Gewerkschaft, der Druck des Strasser- Flügels führte zu dem Zugeständnis Hitlers zur deutschlandweiten Übertragung des Betriebszellen-Konzepts8.
    Darüber hinaus wurde eine Ausschlussklausel für Streikbrecher (bei eigenen Streiks) verabschiedet9. Die “NSBO” wurde in Arbeitskämpfen und in kleineren Streiks aktiv und streikte nach eigenen Angaben von 1929-1933 insgesamt 117 Mal10. Die Streiks richteten sich oft gegen Entlassungen von “NSBO”- oder “NSDAP”-Mitgliedern oder waren Werbeaktionen für die Organisation. Es gab aber auch Beteiligungen an tatsächlichen, allgemeinen Lohnkämpfen der Belegschaften11. Die “NSBO” fügte sich in die, 1929 zur Massenpartei aufgestiegene, “NSDAP” ein und bildete einen organisierten Rahmen für die Propaganda in Richtung ArbeiterInnenklasse. Mit der Machtübergabe an die deutschen Faschisten hatte auch die “NSBO” ihre Funktion erfüllt. Jetzt zeigte sich auch den “NSDAP”-Mitgliedern, die fest an eine „deutsche Revolution“, den Sturz des Kapitalismus und einen „nationalen Sozialismus“ geglaubt hatten, dass sie und auch die Parole eines “Nationalsozialismus” nur Mittel zum Zweck gewesen waren. 1933 verlor die “NSBO” (wie auch alle anderen Betriebsorganisationen) ihre Macht12. Anders als die freien Gewerkschaften, wurde die NSBO nicht aktiv zerschlagen, sondern eher entmachtet. Ihre Mitglieder spielten bei der Stürmung von Gewerkschaftshäusern eine zentrale Rolle. Die “NSBO” war nach der Machtübergabe nicht bereit, sich widerspruchslos in den Staat zu intergrieren, bzw. ihren Charakter als “Arbeiterorganisation” zugunsten einer “Betriebsgemeinschaft” aufzugeben. Auch nach 1933 behielt sie eine Frontstellung gegenüber den Eigentümern bei und geriet damit in Konflikt mit Hitlers Planungen. Nach und nach wurden ihr die Kompetenzen entzogen und der sogenannten “Deutschen Arbeitsfront” (DAF) zugesprochen. 1934 wurde sie dann durch diese ersetzt. Die “DAF” organisierte klassenübergreifend, sowohl Eigentümer, als auch ArbeiterInnen eines Betriebs13. Gerade diese Entwicklung zeigt, wohin die Betriebsarbeit der Faschisten tatsächlich führt: In die Auflösung der ArbeiterInnenorganisationen (selbst faschistischer), sowie in die totale Abhängigkeit der ArbeiterInnen von “ihrem” Arbeitgeber, der mit ihnen auf eine Stufe gestellt wird. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit wird in der, auf einzelne Unternehmen heruntergebrochenen, “Volksgemeinschaft” der Faschisten (der Betriebsgemeinschaft) eben nicht aufgehoben. Er wird zugunsten der Eigentümer unterdrückt, die jetzt als absolute Herrscher über das Wohl und Wehe “ihrer” ArbeiterInnen bestimmen (“Verantwortung tragen”, sagen die Rechten), ohne, dass diese ein Fünkchen mitzureden hätten. Die faschistische Arbeitsgesetzgebung, Arbeitszeiterhöhung und Akkordarbeit sind schlagende Beispiele für die Verschärfung der Ausbeutung.

    2. PROGRAMM DER “NSBO”

    Die Weimarer Republik war massiv von offenen Klassenkämpfen und Klassenbewusstsein geprägt. Die Novemberrevolution hatte bewiesen, dass es auch in Deutschland eine Macht gab, die dem Kapital gefährlich werden konnte. 45,8% der Bevölkerung wurden als ArbeiterInnen klassifiziert14. In dieser Situation versuchten viele Parteien, in irgendeiner Weise auf ArbeiterInnen direkt einzuwirken und sie zu organisieren. So auch die “NSDAP”, ihrem Selbstverständnis nach immerhin eine „Arbeiterpartei“.
    Die propagandistische Formel des „Nationalen Sozialismus“ bildete eine Klammer für die Partei, die wegen ihrer ungenauen Definition alle Arten von Aktivisten lockte. So gab es Menschen, die dachten, die “NSDAP” sei wirklich eine antikapitalistische und sozialistische Partei. Diese vage Propaganda war sehr flexibel. Die “NSDAP” konnte mal das rechte Bürgertum ansprechen, mal Werbung bei Kapitalisten machen, mal den Versuch starten, ArbeiterInnen zu agitieren und mal zum Streik aufrufen. „Sozialismus“ definierten die Partei und die “NSBO” soweit um und benutzten diesen Begriff so willkürlich, dass sein eigentlicher Inhalt, wie etwa die konsequente Verstaatlichung der Produktionsmittel, entfiel.
    Die “NSBO” drückte sich um eine klare Antwort auf die Eigentumsfrage, sie schrieb lediglich von einer “sozialen Verwendung des Privateigentums” und nannte das schon “Sozialismus”. Umgekehrt definierte sie auch nur den Missbrauch des Privateigentums als “Kapitalismus” und konnte so das Kunststück eines „antikapitalistischen Kapitalismus“ vollbringen15.
    Die “NSBO” musste sich, um ArbeiterInnen ansprechen zu können, bei ihrer Agitation weiter aus dem Fenster lehnen, als die “NSDAP”, denn sie war auf betrieblicher Ebene mit der konkreten Lebensrealität der ArbeiterInnen konfrontiert. So war die Propaganda der Organisation zwar von einer starken Frontstellung gegen die Gewerkschaften geprägt, aber auch gegen Unternehmer und Kapitalisten. Reinhold Muchow, zum Organisationsleiter der “NSBO” aufgestiegen: „(…) da der Nationalsozialismus nicht nur gegen den volksverräterischen Marxismus ankämpft, sondern beispielsweise auch das heute herrschende, unsittliche, liberal-kapitalistische Wirtschaftssystem zu beseitigen anstrebt, (…) wird deshalb der Kampf der NSBO auch gegen diesen Feind gerichtet sein“16. Trotzdem war die “NSBO” vor allem darauf bedacht, die Arbeiter zu nationalisieren, also aus ihrer Sicht “aus den Klauen des Internationalistischen Marxismus von SPD, KPD und dem Gewerkschaftsverband ADGB (dem Vorläufer des DGB) zu befreien”.
    Die Propaganda der Faschisten unterschied hier zwischen Führern und ArbeiterInnen. Erstere seien „unfähig“ und „korrupt“, die ArbeiterInnen hingegen nur „verführt“ oder „vergiftet“ – also rettbar17. Dabei verstieg sie sich sogar in eine konsequente Kritik des Reformismus der SPD (sie warf ihr Verrat der ArbeiterInnen in der Novemberrevolution, Eintritt in die bürgerliche Regierung, Friedensschluss mit dem Kapital vor), nur um sich dann ganz gegen den Marxismus an sich zu wenden und eben zu behaupten, dieser Verrat sei im Marxismus selbst schon angelegt18. Die “NSBO” tat also alles, um ArbeiterInnen auf ihre Seite zu ziehen. Das widersprüchliche und oft diffuse Programm der “NSBO” erfüllte aber auch eine Funktion für die “NSDAP”: Sie konnte in alle Richtungen effektive Propaus und ist einer seiner größten Vorteile. Im Gegensatz zu Neoliberalen, Konservativen und bürgerlichen Rechten haben sie kein Problem mit sozialen Forderungen, können diese sogar selbst formulieren. Diese Form der “sozialen Demagogie” wechselt dann aber, nach der Machtübergabe an die Faschisten, den Charakter, aus pseudo-revolutionären Parolen und vermeintlichem Antikapitalismus wird eine Terrorherrschaft, die den Kapitalisten nutzt, und sonst niemandem!

    3. FUNKTION, CHARAKTER UND MITGLIEDSCHAFT DER “NSBO”

    Wie auch die gesamte Partei, befriedigte die Betriebsarbeit der deutschen Faschisten gleich mehrere Bedürfnisse des damaligen deutschen Kapitals. Zentral für die “NSBO”, aber auch für andere, äußerst “revolutionär und sozialistisch” auftretende, Faschisten, war ihre Funktion als Sammlungsorganisation eines antikapitalistischen Bedürfnisses, ohne Aussicht auf Verwirklichung. Die Organisation zog mit ihrer antikapitalistischen Propaganda Menschen an, die mit der derzeitigen Situation unzufrieden waren, vom Sozialismus träumten oder zumindest für mehr soziale Rechte eintraten. Sie bestärkte aber diese Menschen in ihrem Antisemitismus, systematisierte ihn und verwandelte sie in Antikommunisten, ihren Sozialismus in eine hohle Phrase und die antikapitalistischen Gefühle vieler ArbeiterInnen in, für das Kapital ungefährliche, sehr ungenaue Vorstellungen.
    Weiter griff sie echte Interessensvertretungen der ArbeiterInnen, die Gewerkschaften, an. Sie konkurrierte mit ihnen um Betriebsratssitze und übte Terror gegen GewerkschafterInnen aus19. Sie bespitzelte Linke und legte Listen mit AktivistInnen an, schwärzte diese bei Vorarbeitern und/oder Eigentümern an und bot sich auch als Streikbrecher an, solange damit den Linken in ausreichendem Maß geschadet werden konnte20. Auf der anderen Seite schloss sie sich gerne Streiks und Kämpfen an, wenn sie in diesen keine zentrale und alleinige Verantwortung übernehmen musste und damit auch nicht kritisierbar war. Streikte sie alleine, dann vor allem um propagandistisch gegen Gewerkschaften vorzugehen und um vor Betriebsratswahlen auf sich aufmerksam zu machen21. Ziel war es, immer für einen Einfluss der “NSDAP” in die Arbeiterschaft zu sorgen. So gelang es der “NSBO” tatsächlich, Arbeiter und vor allem Angestellte zu organisieren, aber auch Arbeitslose22. Auffallend war die starke Affinität von Angestellten, insbesondere von Angestellten öffentlicher Betriebe, wie den Verkehrsbetrieben23. Die “NSBO” schaffte es aber auch, klassische Industriearbeiter an sich zu binden, jedoch in weit geringerem Maß als Betriebsorganisationen anderer politischer Richtungen, v.a. die Gewerkschaften24. Bei den Arbeitslosen konkurrierte die “NSBO” direkt mit der KPD bzw. RGO (Revolutionäre Gewerkschafts Opposition, Betriebsorganisation der KPD) und machte dieser auch einige Probleme25. Jedoch war die Mitgliedschaft der “NSBO” oft nicht deckungsgleich mit der “NSDAP”, so war nur etwa die Hälfte der “NSBO”-Mitglieder auch “NSDAP”-Mitglied26. Die Arbeit der “NSBO” bestand also aus propagandistischer Betriebsarbeit, etwa durch Streiks, Terror und körperliche Angriffe gegen Linke. Dabei darf nicht vergessen werden, dass selbst, wenn Faschisten streiken, betrieblich arbeiten oder soziale Forderungen aufstellen, dies immer im Kontext eines Aufbaus faschistischer Strukturen und der Bewegung zu sehen ist, niemals im Sinne einer klassenkämpferischen oder auch nur sozialen Ausrichtung. Die Demagogie faschistischer Betriebsorganisationen ist nicht fest auf eine Taktik beschränkt und gerät aufgrund politischer Notwendigkeiten auch in Konflikt mit den Tagesinteressen einzelner Eigentümer, jedoch nie auf einem hohen Eskalationsniveau.
    Zusammengefasst war die “NSBO” eine betriebspolitische Organisation, mit gewissem Einfluss in die ArbeiterInnenklasse, mit dem Ziel: 1. antikapitalistisches Bewusstsein zu verdrehen, 3. den Aufbau faschistischer Strukturen in der ArbeiterInnenklasse voranzutreiben und 3. direkt gegen Linke zu kämpfen.

    4. DER CHARAKTER VON “ZENTRUM AUTOMOBIL” – EINE “NSBO” OHNE OFFENEN FASCHISMUS

    Bei historischer Betrachtung fallen einige Parallelen zwischen der ehemaligen “NSBO” und dem heutigen “Zentrum Automobil” auf.
    Bei beiden ist das Hauptziel, die Vereinigung ideologisch nahestehender Menschen auf Betriebsebene, zur Bekämpfung der ArbeiterInnenorganisationen. Dieser Kampf wird der Form nach gegen “Korruption”, “Co-Managment” und “Klüngelei” geführt.
    Sein Charakter ist aber die Schwächung von tatsächlicher Interessensvertretung und besonders der Kampf gegen Linke. Dabei kooperiert die Betriebsorganisation mit einer Partei (“NSDAP”/”AfD”) und vermittelt deren Positionen im Betrieb, bleibt aber gleichzeitig scheinbar unabhängig. Gleichzeitig klagt die Organisation tatsächliche oder vermeintliche Missstände an, um so echte Wut für ihre Zwecke zu nutzen. Ein zentrales Element der Arbeit ist der Schutz vor Kündigungen von ideologisch nahestehenden Menschen. So kann sich die Organisation als “Kümmerer” darstellen. Scheinradikales, arbeiternahes Auftreten und soziale Phrasen werden angewandt, ein wirklicher Einsatz für die Verbesserung der aktuellen Lage der ArbeiterInnen und die Unterstützung und Organisierung kämpferischer, proletarischer Aktionen findet aber nicht statt. So hat “Zentrum” bis heute nicht einmal bei einer einzigen Tarifverhandlung eine Rolle gespielt, daher ist auch die eigene Betitelung als “Gewerkschaft” falsch.
    Auch wenn sich “Zentrum Automobil” heute offiziell nicht in der Tradition des deutschen Faschismus sieht, fährt sie mit ihrer Politik genau
    den Kurs der historischen “NSBO”, angepasst auf das 21. Jahrhundert.

    4.1 SOZIALE DEMAGOGIE

    In seinen Reden und Beiträgen kritisierte Oliver Hilburger die Globalisierung, Fahrverbote, Leiharbeit, niedrige Renten und das marode
    Gesundheitssystem27. Auch Björn Höcke, Landesvorsitzender der “AfD” in Thüringen und zentrale Autorität des faschistischen “Flügels” der “AfD”, schlägt gerne mal pseudo-antikapitalistische Töne an: „Ich traue den Großbanken und Hedgefonds nicht. Ich traue dem Kapital und dem ungedeckten Papiergeld nicht. Eine neue deutsche Politik hat alles zu unternehmen, die Nation als Vertrauens- und Solidargemeinschaft zu erhalten.”28 Ähnlich einzuordnen sind auch die allgemeinen Bestrebungen der “AfD”, ihr Programm “sozialer” zu machen und „die soziale Frage in den Mittelpunkt des Programms zu stellen“ (Björn Höcke, zusammen mit seinem damaligen Weggefährten André Poggenburg). Beispielsweise spricht Jürgen Pohl, Vorsitzender von “ALARM”, auf seiner Webseite vom „Verrat der Altparteien an den Arbeitnehmern“29 und verbindet die oberflächliche Kritik am Sozialabbau mit der Hetze gegen geflüchtete Menschen: „Sie holten auch noch über eine Million Migranten ins Land. Die meisten sind schlecht oder gar nicht ausgebildet. Sie werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auf Sozialleistungen angewiesen sein. Unter ihrer Last droht das Sozialsystem zu kollabieren. Und während SPD, CDU, Grüne und Linke diesen Menschen leichtfertig unser Sozialsystem opfern, müssen Menschen, die ein Leben lang in unser Sozialsystem eingezahlt haben, von Mini-Renten und Hartz IV leben.“30 Die “AVA”, die angebliche Vertretung von ArbeitnehmerInnen des neo-liberalen Flügels der “AfD”, schlägt als einzige nicht in diese Kerbe, sondern vertritt neoliberale Positionen, hetzt also gegen Hartz IV-EmpfängerInnen und betont die “Leistungsgesellschaft”. Diese Beispiele können unter dem Stichwort “Soziale Demagogie” gefasst werden: Es werden richtige Probleme angesprochen (etwa niedrige Renten, Dieselfahrverbote, die NormalverdienerInnen treffen, niedrige Löhne), aber dann die Falschen beschuldigt (geflüchtete Menschen, “die Klimalobby”, die “Globalisten”), anstatt den Kampf gegen die richtigen Nutznießer, wie deutsche Kapitaleigner und ihre politischen Ausdrücke, zu führen. Gleichzeitig wird diffuse, nichtssagende Kritik an den “Altparteien” und den “Großbanken” geübt, ohne dabei Alternativen aufzuzeigen, die dieses System ändern würden.
    Anstatt die ArbeiterInnen in ihren Interessen gegen die Konzernchefs und das Management zu vereinigen, werden diese durch Nationalismus und Rassismus gespalten. Weder in tagesaktuellen Kämpfen, noch in der Aussicht der Perspektive einer anderen Gesellschaftordnung, können die Rechten Alternativen aufzeigen und sind somit letztlich selbst ein Teil der Fraktion, die für den Kapitalismus und damit für das Ausbeutungsverhältnis steht. Wie 1933 versuchen die Faschisten sozialen Unmut für sich zu gewinnen und in letztlich kapitalfreundliche Politik zu verdrehen.

    4.2 ANGRIFF AUF GEWERKSCHAFTEN UND LINKE

    “Zentrum” unterstellt der IG Metall beispielsweise Co-Management, also die organische Zusammenarbeit mit der Konzernspitze. Sie stützt sich dabei auch immer wieder auf tatsächliche Fälle von Korruption, wie etwa in einem Artikel über die Bestechung eines (jetzt ehemaligen IGM) Gesamtbetriebsratsvorsitzenden bei31 Volkswagen . Eine, von “Zentrum” oft benutzte, Formel ist, dass Gewerkschaften „…Teil des Problems sind und nicht Teil der Lösung“32. Zentrales Thema der Rede Oliver Hilburgers auf der “Compact”-Konferenz war ebenfalls der angebliche Verrat der Linken und der Gewerkschaften an den ArbeiterInnen. Zentral für das Selbstverständnis von “Zentrum” ist auch ihre Selbstbezeichnung als „Opposition im Betriebsrat“33 und ihr Wahlspruch „Mut zur Opposition“, gemeint als Opposition gegen die Gewerkschaften und gegen Linke. Auch „ALARM” und “AIDA” greifen GewerkschafterInnen an. Jürgen Pohl, Vorsitzender von “ALARM”, empört sich auf seiner Internet-Seite: „Die Gewerkschaftsbonzen sind längst korrumpiert. Sie kassieren satte Gehälter und Aufsichtsratsbezüge. Im Gegenzug nicken sie Millionen-Abfindungen für gescheiterte Vorstände ab. Diese Gewerkschaften vertreten nicht die Interessen der Arbeitnehmer, sondern die des Kapitals”.34
    Sozialpartnerschaft und Standort-Gerede, Kuschelei mit den Eigentümern und auch eine Entfremdung zwischen GewerkschaftsfunktionärInnen und der ArbeiterInnenklasse sind Probleme, die durch die aktuelle sozialdemokratische Prägung des DGB und die Gewerkschaftsspitzen entstehen.

    Eine Kritik daran zu üben, ist nicht falsch, sondern richtig, dabei darf die Kritik aber eben nicht durch rechte Demagogie aufgezogen werden. Bei Kritik an den Gewerkschaften muss man stets im Auge behalten, dass diese faktisch derzeit in Deutschland die einzigen proletarischen Massenorganisationen sind, die durch ihr Handeln in der Lage sind, dem Kapital – zum Beispiel in Tarifrunden – etwas abzuringen. Ganz im Gegensatz zu “Zentrum Automobil”: Sie haben weder Tarifauseinandersetzungen führen müssen, noch irgendwelche Abschlüsse oder sonstige reale Regelungen im Hier und Jetzt für die Beschäftigten durchgesetzt. Radikale Rhetorik und Stimmungsmache ohne konkrete Gegenvorschläge, sondern nur mit Antworten in Form von Spaltungsversuchen und Rassismus – das ist eine gängige Taktik der Rechten und Faschisten.

    4.3 SCHUTZ VOR “POLITISCHEN” KÜNDIGUNGEN

    “Zentrum Automobil” gibt vor, die Beschäftigten vor Kündigungen “unliebsamen MitarbeiterInnen” zu schützen. Schauen wir jedoch auf die Realität, sieht das ganz anders aus. “Zentrum” bietet Neonazis und Rassisten, die im Betrieb offen hetzen wollen, Schutz. Bei allen anderen Beschäftigten, also bei fast allen Kündigungen, hat “Zentrum” nichts getan, beziehunsgweise nichts zu melden. “Zentrum” hat weder kämpferischerischen Steikenden, BetriebsrätInnen, MigrantInnen oder wegen Werksverlegungen Gekündigten helfen wollen, geschweige denn können. Wer also wirklich von einer Kündigung bedroht ist, dem wird bei den großen DGB-Gewerkschaften mit Rechtsschutz, großen Betriebsratsgremien und jahrzehnterlanger Erfahrung geholfen.
    Dass Neonazis und Rassisten, die die Belegschaft in deutsch und nicht-deutsch, in christlich oder nicht, in weiß oder nicht, in hetero- oder homosexuell spalten wollen, von diesem gewerkschaftlichen Schutz vor Kündigungen ausgenommen sind, sollte uns aus unserem kollektiven Interesse als Arbeiterinnen und Arbeitern klar sein. Bekanntestes Beispiel ist die Kampagne von “Zentrum Automobil”, in der zwei entlassene, rassistische Daimler-Mitarbeiter unterstützt wurden und der IG-Metall eine Zusammenarbeit mit der Konzernleitung vorgeworfen wird. Mit einem propagandistisch-emotionalisierten Film haben die Rechten Fakten verdreht, Falschinformationen verbreitet und damit über 100.000 Youtube-Klicks erreicht.

    4.4 SCHARNIER ZWISCHEN POLITISCHER BEWEGUNG UND ARBEITERINNEN

    “Zentrum Automobil” und andere rechte Betriebsorganisationen vermitteln die Positionen der deutschen Rechten gegenüber ArbeiterInnen. Sie nehmen damit eine Scharnierfunktion ein, denn sie erschließen Personengruppen, die nicht zum klassischen “AfD”-Stammwählertum gehörten und von der Partei auch nicht gut angesprochen werden konnten. Sie erweitern so den nationalistischen Wirtschaftsliberalismus, der von der “AfD” in ökonomischen Fragen vertreten wird, um einen rassistisch und rechts aufgeladenen Pseudo-Reformismus. Besonders deutlich zeigt sich diese Funktion rund um das Thema “Diesel-Skandal” seit 2018.
    Während die “AfD” im Bundestag die Profitinteressen der Automobilindustrie so radikal verteidigte, wie keine andere Partei, demonstrierten am Stuttgarter Neckartor “AfD”- und “Zentrums”-Mitglieder gemeinsam gegen Fahrverbote und Stellenabbau in der Automobilindustrie. Freilich war dabei nicht die Führung der Autokonzerne Adressat für ihren Protest, sondern die Grünen und die Deutsche Umwelthilfe. Neben den sogenannten “Dieseldemos”, gibt es zahlreiche weitere Beispiele für die offene Zusammenarbeit von “Zentrum” mit anderen rechten Akteuren. So trat Oliver Hilburger in einem Interview mit Martin Sellner, dem Kopf der “Identitären Bewegung” in Österreich, auf und nahm gemeinsam mit prominenten “AfD”lern an öffentlichen Veranstaltungen teil, wie beispeilsweise bei der “Compact”-Konferenz 2017 in Leipzig mit Björn Höcke, oder bei Vorträgen zur Diesel-Thematik in Magdeburg. Doch auch in der AfD finden sich Personen, die sich für rechte Betriebsarbeit interessieren und engagieren. Ein Beispiel wäre Dirk Spaniel, der als Mitglied des Bundestags und verkehrspolitischer Sprecher der “AfD”-Bundestagsfraktion zuständig für sämtliche Fragen rund um die Automobilindustrie ist.
    Damit kommt ihm in Baden-Württemberg eine faktische Führungsrolle in der Partei zu. Als ehemaliger Ingenieur bei Daimler gibt er sich als Fachmann, dem in wirtschaftlichen und technischen Fragen rund um den Verbrennungsmotor keiner das Wasser reichen könne. Dieses Image wird auch gezielt von seinen Parteikollegen vorangetrieben. Hinter der Fassade des Fachwissens steckt glatter Neoliberalismus und damit die Verteidigung der Profitinteressen der Automobilkonzerne. Spaniel und Hilburger treten mittlerweile auch gemeinsam auf Veranstaltungen auf, wie beispielsweise am 09.10.2019 in Herrenberg-Gültstein. Dort hielten sie mit Hans Peter Strauch, verkehrspolitischer Sprecher der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, eine Infoveranstaltung zur Zukunft der Automobilindustrie in Baden-Württemberg.

    Es mag zunächst verwundern, dass hier Akteure zusammen sitzen, die sowohl die Interessen der Automobilkonzerne, als auch vorgeblich ihrer Belegschaft vertreten, wo beide doch einander grundlegend entgegengesetzt sind. Gegen wen sollen die Forderungen der Arbeiterschaft denn durchgesetzt werden, wenn nicht gegen den eigenen Arbeitgeber? Für Rechte ist dies jedoch kein Widerspruch, da sie von einer imaginierten Volksgemeinschaft ausgehen, in der Ausbeuter und Ausgebeutete gemeinsam an einem Strang ziehen. Dass dies einer totalen Unterdrückung der ArbeiterInnenbewegung und einem Freifahrtschein zur ungebremsten Ausbeutung seitens der Unternehmerschaft gleichkommt, liegt auf der Hand.

    5. FASCHISMUS UND BETRIEBSARBEIT

    Rechte Organisationen reden auf betrieblicher Ebene in denselben Rollen, wie die “NSDAP” und die “NSBO”. Ja, es gebe soziale Missstände und diese müssten angegangen werden, aber die Gewerkschaften hätten die ArbeiterInnen in diesem Kampf verraten, deshalb müssten sich alle ArbeiterInnen den rechten Organisationen anschließen. Durch diese Argumentation haben diese Organisationen gleichzeitig eine ähnliche Funktion, wie die historischen deutschen Faschisten: Sie spalten die ArbeiterInnenklasse, organisieren die Rechte auf der betrieblichen Ebene, lenken die diffuse Wut auf den Kapitalismus und die Politik in, für das Kapital ungefährliche, Bahnen um und greifen gleichzeitig Linke an. Rechte Betriebsarbeit ist aber auf Demagogie angewiesen, sie verspricht den ArbeiterInnen sehr viel, wie etwa einen „unabhängigen Betriebsrat“ oder eine starke Front gegen die Konzernspitzen, sie wird diese  Versprechungen aber nie einlösen können oder müssen. Denn als Rechte leugnen Organisationen wie “Zentrum” und die “AfD”die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und den Klassenkampf. Wer aber für ArbeiterInnen etwas durchsetzen will, muss sich eingestehen, dass es diese grundsätzlichen Widersprüche in
    der Gesellschaft gibt. “Deutsche ArbeiterInnen” haben eben nicht dieselben Interessen, wie “deutsche Kapitalisten”, auch nicht, weil sie “deutsch” sind.
    Wir müssen herausstellen, dass viele der Forderungen, die Rechte aufstellen, überhaupt nicht umgesetzt werden können. Rechte bleiben bei sozialen Forderungen immer im Unkonkreten, bedienen ein paar Emotionen, haben aber keine Pläne für eine soziale Gesellschaft. Man muss nicht weit zurückgehen, um die Ergebnisse faschistischer Politik in der Realität zu sehen.

    Die “NSDAP” forderte die “Brechung der Zinsknechtschaft”, die deutschen Arbeiter bekamen aber niedrigere Löhne, längere Arbeitszeiten und weniger bis gar keine Rechte mehr. Die “NSDAP” wollte sich daran machen, das Versailler ‘Friedensdiktat’ zu bekämpfen, die ArbeiterInnen der halben Welt bekamen einen blutigen Weltkrieg. Die “NSDAP” wollte einen “nationalen Sozialismus” mit sozialen Garantien, es kam die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung, die Versklavung ganzer Völker und der Terror gegen SozialistInnen und KommunistInnen. Faschistische Politik kann, so lange sie nicht umgesetzt werden muss, immer viel behaupten.
    Wenn sie umgesetzt wird, bedeutet sie Terror, Tod und Vernichtung für Millionen von Menschen. Der organisierte Versuch der Rechten und Faschisten heute in Betrieben Organisationen aufzubauen, ist ein Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Rechtsrucks. Was sich in der parlamentarischen Politik, im medialen Diskurs, beim Vorgehen gegen Geflüchtete oder bei der Verschärfung des Polizeistaates zeigt, zeigt sich eben auch im Betrieb.
    Trotzdem kann die herrschende Klasse in Deutschland aktuell ihre Macht erhalten. Es besteht keine Gefahr einer sozialen Revolution, dazu ist die Linke zu schwach. Auch die nationalen Auswirkungen der kapitalistischen Krise sind aktuell nicht so stark, dass der Faschismus an der Macht zur Handlungsoption werden würde.
    Die faschistische Bewegung versucht dennoch, im Zuge der kapitalistischen Krise und des internationalen Rechtsruckes, an Stärke zu gewinnen und sich in verschiedenen Bereichen des Lebens zu verankern.

    6. DER RECHTSRUCK ALS CHANCE UND AUFGABE

    Die Veränderungen und neuen Strategien der Rechten stellen uns als linke Bewegung vor Herausforderungen, die Weiterentwicklungen hervorrufen können.
    Wir Linken und AntifaschistInnen haben uns zu lange mit, oft plan- und zielloser, Szenepolitik, bzw. mit uns selbst beschäftigt und dabei das Verhältnis zur ArbeiterInnenklasse fast komplett vergessen und die Verankerung in ihr verloren. Dabei wurden zu selten oder zu unklar Lösungen und Angebote gemacht. Gleichzeitig wurden wir ArbeiterInnen durch Individualisierung unserer kollektiven Solidarität beraubt und von den Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten mehr verwaltet als organisiert.
    In Zeiten der Verschärfung ist es unsere Aufgabe, in sozialen Protesten und Arbeitskämpfen präsent zu sein, diese ehrlich voranzutreiben und kollektive Erfahrungen mit unseren Kolleginnen und Kollegen zu machen. Dabei müssen wir stets versuchen, unsere Standpunkte verständlich zu erklären und dürfen dabei unsere antikapitalistische Grundhaltung nicht verstecken. Gleichzeitig gilt es, die Rechten dort konsequent zu verjagen, wo sie auftreten:
    Ob auf der Straße, in der Kneipe, an der Uni, im Parlament oder im Betrieb. Wirklich etwas gewinnen können wir dann, wenn wir es schaffen, das moralische Gefühl der Empörung oder der Wut, in Zusammenhang mit den aktuellen ökonomischen Verhältnissen, dem kapitalistischen System und seiner Funktionsweise zu bringen. Damit kann es uns gelingen, langfristig größere Teile der ArbeiterInnenklasse anzusprechen und für den antifaschistischen Kampf zu motivieren.
    Das heißt beispielsweise, direkt vermitteln und nachweisen zu können, warum Faschisten wie Höcke oder Hilburger gefährlich sind und der Faschismus der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft nichts Gutes zu bieten hat. Um die bundesweit organisierte Rechte effektiv zu bekämpfen, dürfen wir das aber nicht isoliert für uns selbst machen. Gerade in Zeiten einer gesellschaftlichen Polarisierung, sehen wir es als unsere Aufgabe, eine antifaschistische Organisation aufzubauen, die städteübergreifend kämpft und sowohl mit Inhalten den Rechten den Nährboden entzieht, als auch mit praktischen Aktionen den Wirkungskreis der rechten Menschenfeinde möglichst klein hält. Es ist notwendig, dass wir unsere gemachten Erfahrungen austauschen, gemeinsam politische Einschätzungen diskutieren und koordiniert und entschlossen den Rechten Räume nehmen. Wir dürfen uns weder in rein linke Lebenswelten zurückziehen, noch dabei stehen bleiben, kluge Texte zu schreiben.
    Was wir brauchen, ist eine zielgerichtete, antifaschistische Praxis, die sich als das versteht, was sie ist: Offensiv organisierter Selbstschutz vor den Angriffen von Rechts!

    MIT DER KLASSE, FÜR DIE KLASSE – DIE ANTIFASCHISTISCHE AKTION AUFBAUEN!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart & Antifaschistische Perspektive Ludwigsburg / Rems-Murr
    Veröffentlicht 2019

    1. https://www.youtube.com/watch?v=A4mcsX1KRq4 ↩︎
    2. https://werdebetriebsrat.de/ ↩︎
    3. http://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
    4. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.: S.1 ↩︎
    5. Kurt Gossweiler: Die Strasser Legende: S.32 Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.585 f. ↩︎
    6. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.:S.74 ↩︎
    7. Gunther Mai: Die Nationalsozialistsiche Betriebszellen-Organisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus: S.577 ↩︎
    8. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.:S.76 ↩︎
    9. Ebd.:S.76 ↩︎
    10. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.585 f. ↩︎
    11. Ebd.: S.585 f. ↩︎
    12. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.160 ↩︎
    13. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.607 ff. ↩︎
    14. Kurt Gossweiler: Arbeiterklasse und Faschismus. In: Aufsätze zum Faschismus: S.465 ↩︎
    15. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.39 ↩︎
    16. Muchow zitiert nach Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.43 ↩︎
    17. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.54 ↩︎
    18. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.55 ↩︎
    19. Kurt Gossweiler: Arbeiterklasse und Faschismus. In: Aufsätze zum Faschismus: S.459 ↩︎
    20. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.610 ↩︎
    21. Ebd.: S.586 ↩︎
    22. Ebd.: S.594 ff. ↩︎
    23. Ebd.: S.599 ↩︎
    24. Ebd.: S.594 ↩︎
    25. Ebd.: S.600 ↩︎
    26. Ebd.: S.596 ↩︎
    27. https://www.youtube.com/watch?v=A4mcsX1KRq4 ↩︎
    28. Björn Höcke zitiert nach Gerd Wiegel: Die AfD und die soziale Frage: S.62 ↩︎
    29. http://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
    30. Ebd. ↩︎
    31. Kompass BR Infoblatt Zentrum Nr. 18: S.7 ↩︎
    32. Ebd.: S.2 ↩︎
    33. Ebd.: S.4 ↩︎
    34. https://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
  • Staat & Nazis Hand in Hand?

    Staat & Nazis Hand in Hand?

    Staat & Nazis Hand in Hand?

    Mit der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im Herbst 2011, wurde gleichzeitig ein breites Unterstützernetzwerk aufgedeckt. Die Sicherheitsbehörden hatten bis zu 43 Spitzel im Umfeld der Terrorgruppe. Der Staat steckte also knöcheltief im rechten Terror. Dass nicht nur die Justiz auf dem rechten Auge blind ist, sondern auch die Exekutive willentlich mit militanten Neonazis zusammenarbeitet, schockte breite Teile der Zivilgesellschaft. Die linke Parole „Staat und Nazis Hand in Hand, organisiert den Widerstand!“ wurde für viele Menschen nachvollziehbar.

    Jetzt, acht Jahre später, deckt der Staat fast monatlich militante Neonazistrukturen auf, räumt die Waffenlager von FaschistInnen und legt sich mit ReichsbürgerInnen an. War der NSU doch nur ein Ausrutscher oder hat gar ein Wandel in den staatlichen Behörden stattgefunden? Natürlich nicht. Denn gleichzeitig machen Meldungen von faschistischen Strukturen in der Bundeswehr, offener Antisemitismus in Spezialeinheiten der bayerischen Polizei und Feindeslisten, welche den FaschistInnen offensichtlich aus Polizeikreisen weitergeleitet wurden, die Runde. Bei rechtsterroristischen Anschlägen, wie in Halle oder dem Mord an Walter Lübcke, sind die Behörden bemüht die Erzählung vom „Einzeltäter“ zu verbreiten. Gleichzeitig fährt in der ganzen Republik eine Partei mit einem offen faschistischen Flügel einen Wahlerfolg nach dem anderen ein. Wie passt das alles zusammen? Und droht uns mit dem Aufstieg der Rechten ein neuer Faschismus?

    Diese Frage wird in der antifaschistischen Bewegung gerade mit unterschiedlichen Einschätzungen diskutiert. Gerade die Aufdeckung verschiedener bewaffneter Neonaziorganisationen mit Namenslisten linker AktivistInnen in der Tasche hat viele AntifaschistInnen verunsichert. Denn es fehlt zum einen an einer theoretischen Analyse, die die sich überschlagenden und auf den ersten Blick widersprüchlichen Ereignisse in einen Zusammenhang stellt, und zum anderen an einer praktischen Antwort auf eine sich bewaffnende Rechte.

    Wir wollen mit dieser Broschüre die Entwicklungen der letzten Jahre und die Ereignisse der letzten Monate in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen und so die Debatte um eine angemessene antifaschistische Strategie weiter vorantreiben. Dazu gehen wir zunächst auf die aktuelle historische Situation ein und leiten daraus die Motivation der Polizeibehörden im Umgang mit bewaffneten FaschistInnen ab. Doch die Frage eines neuen Faschismus wird nicht nur von kleinen faschistischen Gruppen gestellt. Der Rechtsruck hat mit der AfD eine Partei hervorgebracht, die eine nicht mindere Gefahr für uns ist. Der antifaschistische Kampf ist durch den Aufstieg der Rechten ein noch zentralerer Bestandteil fortschrittlicher Kämpfe geworden.

    Kein Fußbreit den FaschistInnen!

    Erstarken der militanten Rechten und die Reaktion des Staates

    Seit der letzten großen Wirtschaftskrise vollzieht sich in vielen Ländern der Welt ein Rechtsruck. Im Windschatten dieser Entwicklung konnte auch die militante Rechte erstarken. In Deutschland äußert sich diese Entwicklung beispielsweise in den unzähligen Angriffen auf Geflüchtete und deren Unterkünfte. Zwar erübrigte sich deren Zweck mit dem Schließen der europäischen Außengrenzen und ihre Zahl nahm wieder ab, doch die BrandstifterInnen sind immer noch da.1

    Weniger offensichtlich bildeten sich mit dem Aufschwung der rechten Bewegung immer mehr bewaffnete faschistische Gruppen. Wie viele es mittlerweile sind, kann wohl außer dem Verfassungsschutz niemand sagen. Doch die Anzahl der Gruppierungen, welche in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurden, gibt zumindest einen verschwommenen Einblick. Der Mord an Walter Lübcke2 und die Aufdeckung der Organisation „Nordkreuz“3 dürften den meisten noch am besten im Gedächtnis sein. Aber auch das Waffenlager in Hannover4, der geplante Aufstand der Gruppe „Revolution Chemnitz“5 oder die Gruppe „Nordadler“6 sind ebenfalls Beispiele dieser Entwicklung.

    Um die eigentliche Frage zu beantworten, muss allerdings auch ein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung geworfen werden. Die letzte große Wirtschaftskrise im Jahr 2007 brachte die kapitalistische Akkumulation weltweit ins Wanken. Im Vergleich zu den südeuropäischen Ländern, waren die Auswirkungen der Krise in Deutschland verhältnismäßig gering. Den großen Angriff auf die Rechte der Lohnabhängigen gab es hier jedoch bereits Jahre zuvor mit der „Agenda 2010“ der rot-grünen Regierung. Außerdem wurden die Krisenlasten mit Hilfe der EU größtenteils auf die südeuropäischen Staaten abgewälzt. So konnte sich die Lage relativ schnell wieder stabilisieren, ohne dass es große Proteste in weiten Teilen der Bevölkerung gab. Doch auch dem deutschen Kapital wurde abermals vor Augen geführt, wie schnell der Kapitalismus ins Wanken gebracht werden kann. Griechenland wurde von der Krise besonders hart getroffen. Daraufhin entwickelte sich dort ein massiver Widerstand innerhalb der Bevölkerung. Und auch wenn in diesem Fall alles wieder in systemkonforme Bahnen gelenkt worden konnte, zeigte die kämpferische Bewegung in Griechenland, wie schnell sich in Krisenzeiten Dynamiken entwickeln können.

    Die Methoden zur Krisenbewältigung, welche den Laden beim letzten Mal gerade noch zusammen gehalten hatten, sind für die nächste Krise keine Option mehr. Die Auswirkungen der Krise wurden vor allem auf der Grundlage einer massiven Ausweitung der öffentlichen Verschuldung bekämpft. Die Zentralbanken setzten den Leitzins auf Null und kauften Staatsanleihen im Wert von mehreren Billionen Euro. Das Zinsniveau ist immer noch auf einem historischen Tief und die Staatsverschuldungen sind hoch. Damit verengen sich die ökonomischen Spielräume für die Lösung der nächsten zu erwartenden Krise. Darüber hinaus ist die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa immer noch exorbitant hoch und viele Länder wie zum Beispiel Frankreich befinden sich in tiefen politischen Krisen.

    Der nächste Crash wird kommen und er wird auch in Deutschland einschlagen. Durch die starke Exportorientierung ist das deutsche Kapital besonders abhängig von der Lage der Weltwirtschaft. Und so werden bereits jetzt Vorbereitungen für die nächste Krise getroffen. Durch die neuen Polizeiaufgabengesetze (PAG) werden die Befugnisse der Sicherheitsbehörden erweitert und der Überwachungsstaat ausgebaut. Auch die Umgehung demokratischer Mitbestimmung mittels der EU und die Einschränkung des Streikrechts zeigen, dass die herrschende Klasse auf den autoritären Staat setzt, um auch die nächste Krise zu überstehen.

    Doch warum arbeitet die Bourgeoisie nicht gleich auf den Aufbau einer faschistischen Diktatur hin? Die Interessen des Kapitals gegen revoltierende Lohnabhängige lassen sich in der Krise doch wohl kaum besser durchsetzen, als durch fanatische FaschistInnen. Doch genau darin liegt auch das Risiko für die Bourgeoisie. Sie muss hierbei einen Teil ihrer Macht an die FaschistInnen abgeben. Und dies ist für sie mit einigen Risiken verbunden. Solange es den gemeinsamen Gegner – die organisierte ArbeiterInnenbewegung – gibt, können Widersprüche innerhalb der faschistischen Bewegung oder zwischen Kapital und faschistischer Bewegung überdeckt werden. Doch auch historisch war die erste Zeit nach der kompletten Zerschlagung der Arbeiterbewegung (ab Mitte 1933) durch Richtungskämpfe innerhalb der NSDAP-Elite geprägt. Die Politik der FaschistInnen war in weiten Teilen deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals, trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten. Sollten diese einmal zu groß werden, lässt sich eine parlamentarische Regierung letztendlich deutlich leichter absetzen, als eine faschistische Diktatur. Und die FaschistInnen sind keineswegs bloße BefehlsempfängerInnen der herrschenden Klasse. Vereinfacht gesagt kann ihre Politik auch im Chaos und in der totalen Niederlage enden. Der unglaubliche Aufwand mit welchem die physische Vernichtung der JüdInnen betrieben wurde, war nicht unbedingt im Sinne der herrschenden Klasse. Im Gegenteil: die Fokussierung der faschistischen Führung auf ihren antisemitischen Wahn mitten im zweiten Weltkrieg trieben Teile der herrschenden Klasse in eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, die bis hin zur Vorbereitung zum Tyrannenmord reichte.

    Mögen die Gewinnaussichten noch so traumhaft sein, wenn die Überreste des Sozialstaats und der Gewerkschaften beseitigt sind, ist die herrschende Klasse langfristig doch darauf angewiesen, auf ein stabiles politisches System bauen zu können. Aus diesem Grund ist der Faschismus für die Bourgeoisie immer der letzte Notnagel in einer ansonsten ausweglosen Situation. Solange weniger risikoreiche Herrschaftsmöglichkeiten eine Option sind, wird sie auch auf diese setzen.

    Für die heutige Lage schließen wir daraus, dass der bürgerliche Parlamentarismus mit seinen Volksparteien zwar angezählt sein mag, aber immer noch funktioniert. Offensichtlich arbeitnehmerInnenfeindliche Politik, wie die Hartz-Reformen oder die oben aufgezählten Entwicklungen, lassen sich ohne großen Widerstand durchsetzen. Die faschistische Bewegung wird deshalb nur von kleinen Teilen des Kapitals unterstützt. Konsequent bekämpft wird sie natürlich nicht, weil die grundlegenden Pfeiler des Kapitalismus durch die FaschistInnen niemals angetastet werden.

    Auf der Agenda der FaschistInnen steht zurzeit vor allem eins: Rache an den „Schuldigen“ der „Flüchtlingskrise“. In ihrem Weltbild kommen Geflüchtete nicht nach Europa, weil sie vor Krieg, Hunger und Armut flüchten, sondern aufgrund eines angeblichen Plans zum großen „Bevölkerungstausch“. Demnach würden die Eliten der bürgerlichen Politik daran arbeiten, durch gezielte Zuwanderung die europäischen Völker unter Druck zu setzen, um willige ArbeitssklavInnen zu erhalten. Der Linken wird vorgeworfen die passende Hegemonie dazu herzustellen. Und so stehen neben Linken eben auch eine ganze Reihe bürgerlicher PolitikerInnen auf den Todeslisten der Nazis. Der Mord an Walter Lübcke und die Mordversuche an Andreas Hollstein7 und Henriette Reker8 zeigen diese Tendenz des Rechtsterrorismus. Die Verselbständigung der faschistischen Ideologie wird hier deutlich.

    Denn zumindest solange die bürgerliche Demokratie noch im Sinne der Herrschenden funktioniert, hat das Kapital kein Interesse an Angriffen auf politische MandatsträgerInnen. Aus diesem Grund werden die putschistischen Kräfte innerhalb der militanten Rechten eingebremst.

    Mehr wird im staatlichen Kampf gegen rechten Terror aber auch nicht passieren. Solange FaschistInnen ihre Angriffe auf Linke und vermeintliche AusländerInnen beschränken, bleibt die Praxis von Polizei und Verfassungsschutz die gleiche wie schon vor der Selbstenttarnung des NSU. Die unzähligen ungeklärten Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte und linke Hausprojekte, sowie Übergriffe auf MigrantInnen sprechen für sich.

    Ein Beispiel hierfür ist die Gruppe „Revolution Chemnitz“. Die Mitglieder waren schon jahrelang in verschiedenen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen aktiv. Mindestens vier hatten bereits in der Gruppe „Sturm 34“ Erfahrung in Hetzjagden, Waffenbeschaffung und dem Aufbau terroristischer Organisationen gesammelt. Die Gruppe wurde 2006 unter Beteiligung eines Geheimdienstspitzels gegründet und wütete zwei Jahre lang in Sachsen. Obwohl mehrere Opfer lebensgefährliche Verletzungen davon trugen, musste niemand mit schweren Strafen rechnen. Christian Keilberg, der sowohl bei „Sturm 34“, als auch später bei „Revolution Chemnitz“ Führungsrollen übernahm, hatte seit 2006 zudem regelmäßig Kontakt zum Verfassungsschutz. Auch als „Revolution Chemnitz“ konnte die Gruppe unbehelligt Menschenjagden auf MigrantInnen veranstalten. Sie beteiligten sich unter anderem an den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 und patrouillierten als „Bürgerwehr“ durch die Stadt. Erst aber, als sie mit konkreten Vorbereitungen für einen Putsch begannen, wurden sie von den Behörden als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen. Im Oktober 2018 wurde die Gruppe schließlich verhaftet. Diesmal waren aber nicht MigrantInnen das Ziel, sondern die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Berlin. Die FaschistInnen hofften durch den Terroranschlag einen Bürgerkrieg auszulösen und infolgedessen die Regierung zu stürzen.

    Natürlich bekommen Polizei, Geheimdienst und Staatsanwaltschaften keine Anweisungen des Kapitals, ob und wann sie eine faschistische Terrorgruppe hochnehmen sollen. Das die Polizeibehörden aber auf dem rechten Auge blind sind, ist kein Zufall. Zum einen legt das die Geschichte dieser Behörden nahe. Das Bundeskriminalamt (BKA) wies bei seiner Gründung genauso wie die Justiz oder der Verfassungsschutz eine große personelle und strukturelle Kontinuität zur Zeit des Faschismus auf. Aufgebaut wurde es von ehemaligen SS-Angehörigen. Diese Leute wurden in erster Linie für diese Aufgaben ausgewählt, weil sie stramme AntikommunistInnen waren und sind. Und zum anderen ist das aber auch die logische Folge einer ihrer grundlegenden Aufgabe innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft; dem Schutze der herrschenden Eigentumsverhältnisse.

    Der Umgang des Staates mit faschistischen Strukturen hängt aber noch von mehreren Faktoren ab. Wie gut ist die Organisation mit Spitzeln durchsetzt? Hat sie internationale Kontakte? Welche Aktionen plant sie im Einzelnen und wie konkret sind ihre Pläne? Für uns ist wichtig festzuhalten, dass dieser Staat niemals grundsätzlich gegen die faschistische Bewegung vorgehen wird. Einzelne Verhaftungen oder Verbote ändern daran nichts.

    Das „Hannibal“-Netzwerk – eine faschistische Geheimarmee?

    Im August 2017 und im April 2018 fanden mehrere Durchsuchungen in Mecklenburg-Vorpommern gegen die „Nordkreuz“-Struktur statt. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangten diese Fälle allerdings erst im Juni 2019, als die Bundesanwaltschaft ihre ersten Ergebnisse präsentierte und die Dimension der rechten Terrororganisation sichtbar wurde. „Nordkreuz“ rekrutiert sich hauptsächlich aus SoldatInnen und PolizistInnen, vorwiegend aus Spezialeinheiten. Sie verfügen mit „Süd-“ und „Westkreuz“ über bundesweite Strukturen. Offen auftretende FaschistInnen befinden sich nicht unter den Mitgliedern, wohl aber sind sie in der Szene gut vernetzt. Die Struktur legt großen Wert darauf unter dem Radar zu bleiben. Für ihr Vorhaben ist das auch unumgänglich. Das „Kreuz“-Netzwerk – auch als „Hannibal-Netzwerk“ bekannt – wurde ins Leben gerufen, um bei einem Sturz der aktuellen Ordnung die linke Opposition zu liquidieren. Hierfür wurden Feindeslisten angelegt, mehrere zehntausend Schuss Munition gebunkert, Waffen beschafft und Passierscheine zum Überwinden von Straßensperren besorgt. Auf der Einkaufsliste standen zudem 200 Leichensäcke und Ätzkalk zur Desinfektion von Massengräbern.

    Ihre Ziele und die Art der Organisation weist Ähnlichkeiten zu den „stay behind“ – Strukturen, die während des Kalten Krieges aktiv waren, auf. Unter „stay behind“- Strukturen versteht man paramilitärische Verbände, die im Falle einer feindlichen Besetzung nachrichtendienstliche Aufklärung leisten und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht ausführen. Die NATO betrieb von 1947 bis 1991 nachweislich in mehreren europäischen Ländern solche Netzwerke. Anfänglich um im Falle eines sowjetischen Einmarsches hinter den feindlichen Linien kämpfen zu können. Rekrutiert wurden hierfür stramme AntikommunistInnen. Zu Beginn hauptsächlich ehemalige Mitglieder der Waffen-SS und Mussolini-FaschistInnen, später Mitglieder aus diversen neofaschistischen Strukturen. Für ihren ursprünglichen Zweck kamen die Geheimarmeen nie zum Einsatz, was aber nicht heißt, dass diese untätig geblieben wären. Anfang der 70er Jahre begannen sie im Zuge der „Strategie der Spannung“ terroristische Anschläge zu verüben, welche sie der Linken anhängen wollten, um diese zu diskreditieren. Ihre Aktionen reichten von Sprühereien bis hin zu Bombenanschlägen und gezielten Morden an PolizistInnen. Am bekanntesten ist wohl der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im August 1980 mit 85 Toten, wofür kurz danach die Roten Brigaden beschuldigt wurden. In den nachfolgenden Ermittlungen konnte aber nicht mehr verheimlicht werden, dass faschistische Todesschwadronen mit dem Namen „Gladio“, welche Teil der NATO-Geheimarmeen waren, hinter dem Anschlag steckten. Die italienische Regierung musst daraufhin deren Existenz offiziell einräumen.

    In Deutschland wurden ab 1950 mit dem „Bund Deutscher Jugend“, dem „Technischen Dienst“ und dem „Schweigenetz“ geheime faschistische Verbände aufgebaut. Im Gegensatz zu Italien, Belgien und der Schweiz, in denen es nach dem Ende des Kalten Krieges Untersuchungsausschüsse zu den Geheimarmeen gab, wurde in Deutschland der gesamte Komplex unter den Teppich gekehrt. Mit dem Ende des Systemkonflikts wurden solche „stay-behind“-Strukturen überflüssig. Bei den heutigen Netzwerken handelt es sich also um ein anderes Phänomen. Auch ohne Kalten Krieg hat der Staat ein Interesse daran, sich ein gut organisiertes, ideologisch gefestigtes, und verlässliches paramilitärisches Potenzial zu erhalten. Über das Maß an Eigenständigkeit des „Hannibal“-Netzwerks und über die Beteiligung von Geheimdiensten kann zwar nur spekuliert werden, dass sich solche Netzwerke völlig ohne Wissen der Geheimdienste bilden können, ist aber zu bezweifeln.

    Aufgeflogen ist das „Kreuz-Netzwerk“ wohl, weil einigen Mitgliedern der „Tag X“ noch in zu weiter Ferne lag und sie deshalb versuchten, diesen selbst herbei zu führen. Auch der Soldat Franco Albrecht war wohl Teil des Netzwerks. Er versuchte sich als Geflüchteter auszugeben, um anschließend Anschläge zu verüben und dadurch den „Tag X“ auszulösen. Auf seiner Todesliste standen neben antifaschistischen AktivistInnen und dem Zentralrat der JüdInnen auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck und der damalige Justizminister Heiko Maas. Auch die Pläne einiger weiterer Mitglieder der Struktur sollen schon sehr konkret gewesen sein. Die Behörden stoppten die putschistischen RechtsterroristInnen kurz vor der Durchführung ihrer Aktionen. Harte Strafen gab es aber in keinem Fall.

    Zerschlagen wurde das „Hannibal“- Netzwerk auch nicht. Lediglich die Munitionsvorräte und die nicht registrierten Schusswaffen wurden beschlagnahmt. Hierfür werden einige Mitglieder des Netzwerks wohl auch angeklagt. Der Großteil der Organisation bleibt aber unangetastet. Auch bei Franco Albrecht und seinen UnterstützerInnen, bei denen bereits ausgearbeitete Anschlagspläne, Schusswaffen, Munition und Zünder gefunden wurden, ließ das Oberlandesgericht Frankfurt das Verfahren einstellen, noch bevor überhaupt Anklage erhoben wurde. Der Fall liegt allerdings noch beim Bundesgerichtshof.

    Droht mit dem Aufstieg der AfD ein neuer Faschismus?

    Der Aufstieg der AfD begann im Kontext der sogenannten „Eurokrise“. Die Partei profilierte sich mit einer Kritik der EU von rechts. Das Projekt Europäische Union entstand unter deutscher Federführung, um die Interessen der eigenen Bourgeoisie durchzusetzen. Über die Währungs- und Zollpolitik der EU konnten die Exportprofite des deutschen Kapitals gegenüber anderen europäischen Länder noch weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus diente die EU auch zur Erlangung einer besseren Position auf dem Weltmarkt.

    Allerdings profitiert nicht die gesamte deutsche Bourgeoisie vom Projekt EU. Viele Verordnungen, welche in Brüssel erlassen werden, richten sich direkt oder indirekt gegen die kleinen Konkurrenten der Großkonzerne. Klein- und Mittelständische Unternehmen können ihre Interessen nicht durch tausende von LobbyistInnen im EU-Parlament durchsetzen. Auch diejenigen UnternehmerInnen, die ihren Reichtum aus Geschäften mit Russland ziehen, haben in der EU das Nachsehen. Tonangebend sind große Industrieunternehmen und Finanzkapitalverbände.

    Mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2007 gerieten die südlichen Länder der EU, allen voran Griechenland, stark unter Druck. Da sie mit dem Beitritt zum Euro allerdings über keine eigene Währungspolitik mehr verfügten, fehlten ihnen die Möglichkeiten, Einfluss auf den weiteren Verlauf der Krise zu nehmen. Die Politik der Europäischen Zentralbank richtete sich ausschließlich darauf, die Krise von den wirtschaftlich starken Staaten Zentraleuropas fern zu halten. Dadurch verschärfte sie sich allerdings immer mehr und gipfelte 2010 in der Eurokrise. Griechenland und andere EU–Staaten standen zu dieser Zeit schon kurz vor dem Kollaps und mussten von den anderen Ländern „gerettet“ werden, um nicht die gesamte EU mit in den Abgrund zu reißen. Die „Rettung“ bestand darin die Zahlungsfähigkeit durch weitere Kredite zu gewährleisten. Im Gegenzug musste Griechenland fast allen Staatsbesitz zu Schleuderpreisen privatisieren, das Lohnniveau massiv senken, und Sozialleistungen im großen Stil abbauen.

    Unter diesen Umständen gründet sich im Februar 2013 die AfD. Von Anfang an vertrat die AfD die Interessen desjenigen Teils des deutschen Kapitals, welches durch die Wirtschafts- und Außenpolitik der EU unter die Räder kam. Beispielsweise Unternehmen, welche durch Sanktionen gegen Russland einen großen Teil ihrer Geschäftsgrundlage verloren. Darüber hinaus konnte die Partei mit einem aggressiv neoliberalen Kurs überzeugen. Ihre führenden Mitglieder rekrutierten sich zu Beginn großteils aus WirtschaftsakademikerInnen und aus dem Mittelstand, welcher durch die Finanzkrise besonders unter Druck geraten war und im Euro den Grund allen Übels ausgemacht hatte.

    Maßgeblich ausgelöst durch den Krieg in Syrien, stieg in den Jahren 2015 und 2016 die Zahl der Menschen, welche aus ihren zerstörten Ländern nach Deutschland flüchteten, stark an. Das Thema EU trat nun in den Hintergrund und es waren fortan vor allem Geflüchtete, die von der AfD für die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen in Europa verantwortlich gemacht wurden. Die AfD wurde nun noch stärker zum Auffangbecken für viele RassistInnen und erzielte einen Wahlerfolg nach dem anderen.

    Unter Führung von Björn Höcke entwickelte sich der faschistische „Flügel“ der AfD zu einer sehr starken Fraktion innerhalb der Partei. Mit rechter Sozialdemagogie versucht „der Flügel“ sich verstärkt eine Basis unter den Lohnabhängigen zu schaffen. Letztendlich bleibt der Rassismus und Nationalismus aber das Hauptthema, denn der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit kann von den rechten Pseudo-RevolutionärInnen niemals wirklich zum Thema gemacht werden. Bei der Besetzung der sozialen Frage durch die Rechten, bleibt es also beim Wahlkampfgeplänkel. „Der Flügel“ ist eng mit anderen Organisationen der neuen Rechten, wie dem Institut für Staatspolitik (IfS), der Identitären Bewegung und der Führung von PEGIDA vernetzt. Entsprechend drängt Höcke darauf, die AfD zu einer „bewegungsorientierten“ Partei zu machen und die Zusammenarbeit mit außerparlamentarischen Kräften zu institutionalisieren.

    Die UnterstützerInnen aus der herrschenden Klasse verschreckt das allerdings keineswegs. Der Rassismus war schließlich schon immer eine essentielle Stütze der AfD. Erfolgreich ist die Partei nicht obwohl sie einen faschistischen Flügel hat, sondern weil sie diesen hat. Umfragen zur Wahlentscheidung ergaben zur Europawahl 2019, dass knapp 70% der AfD-WählerInnen diese aufgrund ihrer rassistische Politik gegenüber Geflüchteten wählten. Dies zeigt sich auch an der Entwicklung der Partei „Liberal-Konservative Reformer (LKR)“. Diese wurde von Bernd Lucke gegründet, nachdem er den Machtkampf mit dem rechten Flügel der AfD verlor und aus der Partei gedrängt wurde. Mit LKR versuchte er das eigentliche Wirtschaftsprogramm der AfD, aber mit weniger offenem Rassismus, weiterzuführen. Die Partei verschwand in der Bedeutungslosigkeit.

    Die stärkste Kraft bleibt aber auch nach dem Austritt von Lucke und seinen AnhängerInnen der national-neoliberale Flügel um Meuthen, Weidel und von Storch. Er konnte sich in der Grundsatzprogramm-Debatte der AfD fast vollständig durchsetzen und so liegt die Wirtschaftspolitik der AfD ganz auf Linie der herrschenden Klasse: Steuererleichterungen für Unternehmen, Besserverdiener & Grundbesitzer und die Abschaffung von Vermögens- und Erbschaftssteuer. Vor allem aus der Immobilienbranche erhält die Partei hierfür enorme Spendensummen. Die Nähe zu PEGIDA & Co. scheuen sie und versuchen die AfD zu einer reinen rechten Wahlpartei zu machen, welche mittelfristig auch regierungs- und koalitionsfähig sein soll.

    Solange die AfD als rechte Sammlungsbewegung funktioniert und Wahlerfolge einfährt, halten die Flügel noch zusammen. Aber wie die Abspaltungen von Bernd Lucke und Frauke Petry zeigen, kann sich das auch schnell ändern, wenn die inhaltlichen Unterschiede zu offensichtlich werden oder Erfolge ausbleiben.

    Bei Wahlergebnissen von über 20% in den neuen Bundesländern, kommt natürlich immer wieder die Frage nach einer Regierungsbeteiligung der AfD auf. Noch hadert die CDU mit diesem Schritt, aber mit dem zunehmenden Verfall der SPD wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sie sich zu einer schwarz-blauen Koalition hinreißen lässt. Was das für uns bedeutet, lässt ein Blick auf die beiden vergangenen Jahre in Österreich erahnen. Dort regierte bis vor kurzem einen schwarz-blaue Koalition aus ÖVP und FPÖ. Diese Regierungszeit war geprägt von massivem Sozialabbau und weiteren Angriffen auf die lohnabhängige Klasse. Innerhalb dieser kurzen Zeit wurde die 60 Stunden Woche ermöglicht, die Mindestsicherung von Familien gekürzt, die Körperschaftssteuer halbiert, Steuergeschenke an verschiedene Branchen verteilt und die finanziellen Mittel der sozialen Unfallversicherung drastisch gekürzt. Für die linke Opposition wurde es ungemütlicher, aber obwohl die FPÖ das Innenministerium stellte, wurden beispielsweise keine linken Gruppen oder Organisationen der ArbeiterInnenbewegung vom Staat zerschlagen. Auch kam es, abgesehen von den Hausdurchsuchungen beim „Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT)“, zu keinem großflächig angelegten Versuch die Behörden mit eigenen Mitgliedern zu unterwandern und gleichzuschalten. Letztlich setzte die FPÖ eine Politik zum autoritären Staatsumbau durch, wie sie hierzulande auch betrieben wird. Nur wesentlich aggressiver und in einem viel schnelleren Tempo. Auf eine faschistische Diktatur arbeitete die FPÖ als Ganzes aber nicht unmittelbar hin.

    Allerdings wurde sie von ihrer eigenen Politik immer weiter nach Rechts getrieben. Die Umsetzung des neoliberalen Wirtschaftsprogramms steht im kompletten Gegensatz zu ihrer Rhetorik, Protestpartei gegen die bürgerliche Elite zu sein. Um davon abzulenken wurden ihre rassistischen Ausfälle wesentlich heftiger, als noch vor ihrer Regierungsbeteiligung. Damit brachen sie eine Regierungskrise nach der anderen vom Zaun, wodurch letztlich die Koalition zerbrach.
    Auch für Parteien wie die AfD oder die FPÖ gilt: Der Großteil der herrschenden Klasse setzt so lange wie möglich auf die etablierten Parteien mit zuverlässigen BerufspolitikerInnen. Parteien mit größeren faschistischen Flügeln werden aber durch den zunehmenden Zerfall eben jener Volksparteien zur unausweichlichen Alternative.

    Die Kräfteverschiebung innerhalb des liberal-konservativ-rechten Lagers hin zur AfD, führt schon zu Diskussionen über eine offene oder verschleierte Zusammenarbeit. Nach der Landtagswahl in Thüringen im Oktober 2019 wird bereits über ein CDU-AfD Bündnis beziehungsweise eine Minderheitsregierung mit Duldung durch die AfD diskutiert. Am rechten Rand der CDU wird schon länger die Werbetrommel für eine Annäherung an die AfD gerührt. Ein gutes Beispiel dafür ist Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen (CDU). Kein Wunder bei einem Beamten, der die rechte Gewalt kontinuierlich verharmlost und gedeckelt hat und zugleich mit seiner Behörde die militante Naziszene finanziell und personell förderte. In seiner Amtszeit hielt er auch lange Zeit seine schützende Hand über die AfD.

    Auch in der Bewegungsphase hat der Faschismus eine Funktion für das Kapital

    Dass der Faschismus an der Macht eine Form der bürgerlichen Herrschaft darstellt, haben wir bereits weiter oben ausgeführt. Doch auch in der Bewegungsphase hat der Faschismus schon eine Funktion für das Kapital.

    In Krisenzeiten bekommen faschistische Organisationen aus unterschiedlichen Gründen Aufwind. Die etablierten bürgerlichen Parteien verlieren oftmals jede Glaubwürdigkeit und große Teile der Bevölkerung trauen ihnen eine Lösung der Krise nicht mehr zu. Die Alternative bilden dann sozialistische Parteien, die auf den Klassenkampf gegen die KapitalistInnen und die Solidarität unter den Lohnabhängigen bauen. Oder eben die extreme Rechte, welche eine Stabilisierung oder Verbesserung der eigenen Position mittels der Herabsetzung von anderen Lohnabhängigen (MigrantInnen, Frauen, Homosexuelle, etc.) verspricht. Wenn die Linke schwach ist, steigt die Gefahr, dass weite Teile der Bevölkerung angesichts der Wirkungslosigkeit des Widerstands gegen die Angriffe der Herrschenden in Apathie versinken oder sich den Rechten zuwenden. Wenn die Linke jedoch stark ist, werden die Herrschenden die FaschistInnen um so mehr unterstützen. Die FaschistInnen spielen die Rolle eines „Schlagrings“ gegen die fortschrittliche Bewegung und die kämpfenden Teile der Gesellschaft.

    Ein gutes Beispiel hierfür stellt die faschistische Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) in Griechenland dar. Die ehemalige unbedeutende Kleinstorganisation wuchs im Verlauf der Krise zur drittstärksten Partei heran. Von den AnhängerInnen der Partei wurden und werden unzählige Anschläge auf MigrantInnen und linke Strukturen verübt, welche von Übergriffen auf der Straße über Brandanschläge bis hin zu gezielten Morden reichen. Dies geschah teilweise in direkter Absprache mit Teilen der herrschenden Klasse. Zum Beispiel am 12. September 2013 überfielen in der Hafenstadt Perama nahe Piräus etwa 40 FaschistInnen mehrere Mitglieder der kommunistischen Gewerkschaft PAME mit Eisenstangen und verletzten diese teils schwer. Nur fünf Tage später verkündeten die faschistische Partei, mit dem Aufbau einer eigenen Gewerkschaft in den Docks beginnen zu wollen, um den Einfluss der PAME zurück zu drängen. In der gleichen Zeit erhielt die Goldene Morgenröte eine sechsstellige Spende von mehreren ReedereibesitzerInnen aus Perama. Nachdem sich die Lage in Griechenland allerdings wieder einigermaßen beruhigt hatte, wurden die FaschistInnen jedoch vermehrt mit Repression seitens des Staates konfrontiert und haben mittlerweile auch alle Parlamentssitze verloren.

    Auch in Deutschland greifen faschistische Strukturen massiv die fortschrittliche Bewegung an. Bekannte Beispiele sind der Angriff auf Leipzig-Connewitz 2016 oder die Serie von Brandanschlägen auf Linke in Berlin-Neukölln seit 2011. Auch die Ziele des „Hannibal“-Netzwerkes waren darauf ausgerichtet eine linke Opposition auszuschalten.

    Die Machtübergabe an eine faschistische Partei ist unserer Einschätzung nach nur die letzte Option der herrschenden Klasse. Diese Möglichkeit spielt in Situationen eine Rolle, in der führende Kapitalkreise keinen anderen Ausweg sehen, um ihre Macht zu erhalten. Doch auch vorher hat der Faschismus die objektive Funktion die revolutionären Kräfte zu schwächen, damit diese gar nicht erst stark genug werden, um die Machtfrage überhaupt zu stellen.

    Haben wir es mit einer Faschisierung der BRD zu tun?

    Einige antifaschistische Organisationen bezeichnen den rasanten Ausbau eines autoritären Staates und die immer offenere Sympathie von Teilen der Repressions-Organe mit der neuen Rechten als „Faschisierung“ des Staates. Der Begriff legt nahe, dass immer mehr faschistische Elemente in die Staatsform eindringen, bis ein Punkt erreicht ist an dem der Faschismus dann herrscht. Also eine Art lineare Entwicklung vom bürgerlichen Parlamentarismus hin zur faschistischen Diktatur. Dem ist aber nicht so. Auch im Parlamentarismus kann bis zu einem gewissen Grad ein autoritärer Staat mit diktatorischen Zügen umgesetzt werden. Aber zur Errichtung einer faschistischen Diktatur müssen sowohl die Parlamente entmachtet, als auch jegliche demokratische Opposition zerschlagen werden. Eine lineare Entwicklung ohne Bruch ist also nicht möglich.

    Zwar kann sehr wohl von einer Faschisierung der AfD gesprochen werden, sollte es beispielsweise dem faschistischen Flügel gelingen, das neoliberal-konservative Lager aus der Partei hinaus zu drängen. Deswegen ist der Begriff aber nicht auf alle gesellschaftlichen Bereiche, in denen faschistische Kräfte mehr Einfluss erlangen, übertragbar.

    Für uns ist es wichtig, den qualitativen Unterschied zu betonen, der darin liegt ob immer mehr PolizistInnen offen mit FaschistInnen sympathisieren oder ob wir es mit dem entfesselten Terror eines faschistischen Regimes zu tun haben. Auch ersteres werden wir in unserer antifaschistischen Praxis deutlich zu spüren bekommen. Es ist aber nichts gegen die Repression, mit der wir im letzteren Falle zu kämpfen hätten. Im Faschismus wird allein das Lesen eines solchen Textes reichen, um in Schutzhaft zu verschwinden. Der autoritäre Staatsumbau wird von der CDU/CSU vorangetrieben, genauso wie von SPD und Grünen. In Brandenburg ist sogar die Linkspartei an einer Verschärfung des Polizeiaufgabengesetzes beteiligt. Auf die Funktion der Sozialdemokratie für die Kapitalherrschaft möchten wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Für alle bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien gilt aber, dass sie die ArbeiterInnenbewegung integrieren wollen, während das oberste Ziel des Faschismus ist, die ArbeiterInnenbewegung zu zerschlagen. Gewaltsame Unterdrückung ist in der gegenwärtigen Situation eine begleitende Maßnahme, jedoch nicht die Hauptsache. Und natürlich bereiten sich die Herrschenden auf zukünftig zu erwartende Auseinandersetzungen vor. Dies ist jedoch keine Ausnahmesituation, sondern die Regel.

    Wir halten es deshalb für einen Fehler, massive Angriffe auf die Errungenschaften der lohnabhängigen Klasse, welche noch innerhalb des normalen bürgerlich-demokratischen Parlamentsbetriebs geschehen, als „Faschisierung“ zu bezeichnen.

    Die Antifaschistische Aktion aufbauen

    Die faschistische Bewegung befindet sich also im Aufwind. Die AfD verbreitet in Parlamenten rassistische Hetze, während die Regierung den Ausbau eines autoritären Überwachungsstaates vorantreibt. Gleichzeitig verletzen und ermorden FaschistInnen auf der Straße Menschen und rechte Bullen und BundeswehrsoldatInnen legen Waffendepots an, um am „Tag X“ Linke zu liquidieren. Bisher werden Putschversuche militanter FaschistInnen vom Staat aber noch in der Vorbereitungsphase unterbunden. Auch die AfD als Ganzes ist zwar rassistisch, sexistisch, greift die Rechte der Lohnabhängigen an und fungiert als Kristallisationspunkt der rechten Bewegung, sie strebt aber aktuell nicht die Errichtung einer faschistischen Diktatur an. Wir gehen deshalb nicht davon aus, dass es in Deutschland in den nächsten Jahren einen neuen Faschismus geben wird.

    Aber die historische Situation kann sich, zum Beispiel im Krisenfall, sehr schnell ändern. Auch wenn die herrschende Klasse sich gerade einige Mittel zur Aufstandsbekämpfung zulegt, heißt das noch lange nicht, dass diese auch ausreichen, um mit den zu erwartenden Revolten während einer erneuten Krise fertig zu werden. Gerade stehen wir dem autoritären Staatsumbau ohnmächtig gegenüber, aber den Widerstand einer organisierten Klasse der Lohnabhängigen wird dies kaum aufhalten. Die Klassenkämpfe sind noch auf einem sehr niedrigen Niveau, doch die Geschichte hat gezeigt, dass eine Radikalisierung breiter Massen unter günstigen historischen Verhältnissen in Windeseile vonstattengehen kann. In einer solchen Situation kann dementsprechend auch der Faschismus wieder zur Option für die Bourgeoisie werden. Das ist unter anderem einer der Gründe, weshalb der Staat rechtsterroristische Strukturen nicht komplett zerschlägt, sondern nur deren Handlungsspielraum eindämmt. Vielmehr wird versucht, mittels dem gezielten Unterwandern durch Polizei und Inlandsgeheimdienst diese Strukturen unter Kontrolle zu halten. Gelingt das nicht, muss der Staat zwar eingreifen, hohe Strafen hat aber niemand zu erwarten und die UnterstützerInnennetzwerke werden gar nicht erst angetastet. Das war so beim NSU und wiederholte sich seitdem bei fast allen faschistischen Organisationen, welche vom Staat angegriffen wurden.

    Auf den Staat ist also nach wie vor kein Verlass, auch wenn er hin und wieder rechte Strukturen zerschlägt. Er tut dies aus vollkommen anderen Gründen, welche mit Antifaschismus rein gar nichts zu tun haben. Unabhängig davon wie der Staat sie gerade behandelt, sind FaschistInnen außerdem immer eine konkrete Bedrohung für alle Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen. Für uns bedeutet das die Notwendigkeit, einen handlungsfähigen antifaschistischen Selbstschutz aufzubauen. Erstens um im Hier und Jetzt den Übergriffen und Anschlägen Einhalt gebieten zu können. Denn eine der Hauptaufgaben von antifaschistischen Strukturen muss es sein, sich selbst und andere vor Naziübergriffen zu schützen. Natürlich sind FaschistInnen im Untergrund für uns momentan kaum zu bekämpfen. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, dass alle militanten Nazis mal klein angefangen haben. Jede alltägliche Praxis gegen faschistische Strukturen kann deshalb Auswirkungen darauf haben, dass die FaschistInnen überhaupt nicht so weit kommen. Zweitens muss es unser Anspruch sein, die Gefahr eines neuen Faschismus in der Zukunft bereits heute zu verhindern. Denn für die herrschende Klasse können die FaschistInnen nur dann zur Handlungsoption werden, wenn sie in der konkreten Situation auch stark genug sind. Das können wir am besten verhindern, wenn wir schon lange bevor es soweit ist, ihre Strukturen angreifen und sie dadurch hindern, überhaupt eine entsprechende Stärke zu erlangen! Die Erfahrung der Antifaschistischen Aktion in den letzten Jahren der Weimarer Republik zeigt außerdem, dass militante AntifaschistInnen notwendig waren, damit linke Veranstaltungen und Aktionen überhaupt stattfinden konnten.

    Dafür müssen wir uns aus der Vereinzelung befreien und antifaschistische Strukturen aufbauen. Tatsächlich handlungsfähig werden wir nur, wenn wir uns verbindlich organisieren und nicht nur lose Zusammenhänge zu einzelnen Kampagnen bilden. Aus den Erfolgen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen, ist nur möglich, wenn wir dauerhaft gegen den Rechtsruck und die FaschistInnen kämpfen. Den Feind und seine Strukturen zu kennen, ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Praxis. Auch dieses Wissen lässt sich nur durch kontinuierliche Arbeit aneignen.

    Eine weitere Grundvoraussetzung ist es, Menschen für den antifaschistischen Kampf zu aktivieren, die am kapitalistischen System genauso wie an Faschismus und Rechtsruck kein Interesse haben. Hierzu müssen wir klare Alternativen aufzeigen. Wenn wir den weltweiten Rechtsruck als Folge der Krise des Kapitalismus und des Fehlens an Auswegen aus dieser sehen, können wir den Rechten nur dann den Wind aus den Segel nehmen, wenn wir eine Perspektive jenseits kapitalistischer Konkurrenz und Vereinzelung bieten können. Der Kampf um eine solidarische Gesellschaft ist unmittelbar mit dem antifaschistischen Kampf verbunden. Ohne den einen können wir den anderen nicht gewinnen! Deshalb müssen wir eine Aktionseinheit mit jenen Teilen der Gesellschaft bilden, die bereit sind, sich den FaschistInnen in den Weg zu stellen. Wir müssen also ansprechbar sein. Das gilt für uns als Einzelpersonen auf der Straße, genauso wie für uns als Strukturen. Nur so können wir unsere Position stärken und in die Lage kommen, effektiv und flächendeckend den Rechtsruck anzugreifen. Denn es genügt nicht die FaschistInnen in einzelnen Regionen zurück zu drängen. Antifaschistische Arbeit und Organisierung muss mit einer überregionalen Perspektive verbunden sein.

    Die Antifaschistische Aktion aufbauen!

    Antifaschistische Aktion Karlsruhe
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim
    Antifaschistischer Aufbau München
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Tübingen
    Antifaschistische Aktion [O] Villingen-Schwenningen

    Verschiedene Antifagruppen
    Veröffentlicht 2019

    1. Die Angriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte stiegen ab 2015 stark an. Für 2016 verzeichnet die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl einen Höchstwert von 3.768 Angriffen. Danach sank die Zahl wieder von 2.285 in 2017 auf 1.434 in 2018. Für 2019 sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes 37 Übergriffe dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich für alle Jahre deutlich über den angegebenen Zahlen. ↩︎
    2. Walter Lübcke war ein hessischer CDU-Politiker und bis zu seinem Tod Regierungspräsident im Regierungsbezirk Kassel. Durch Aussagen gegen Pegida-Anhänger erlangte er größere Bekanntheit. Am 02. Juni 2019 wurde er mutmaßlich durch den Faschisten Stephan Ernst getötet. ↩︎
    3. Nordkreuz war zusammen mit Südkreuz und Westkreuz Teil des faschistischen Hannibal-Netzwerks. Im Rahmen der Ermittlungen gegen den faschistischen Oberleutnant der Bundeswehr Franco Albrecht im Sommer 2017 wurde die Struktur aufgedeckt ↩︎
    4. Im April 2019 wurden bei einem Faschisten in Hannover 51 Waffen, Munition, rund 100.000€ Bargeld sowie Nazi-Orden gefunden. ↩︎
    5. Die faschistische Gruppe „Revolution Chemnitz“ wurde im Herbst 2018 festgenommen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich um halbautomatische Schusswaffen bemüht hatten. Sie waren schon in der Vergangenheit an faschistischen Attacken beteiligt und sollen für den 03. Oktober einen Angriff auf die „Einheitsfeierlichkeiten“ geplant haben. ↩︎
    6. Bei der Gruppe „Nordadler“ fanden im April 2018 Hausdurchsuchungen statt. Sie hatten Listen mit persönlichen Daten von AntifaschistInnen sowie PolitikerInnen angelegt und sich in Chats über Waffen und mögliche Anschlagsziele ausgetauscht. ↩︎
    7. Andreas Hollstein ist Mitglied der CDU und Bürgermeister der westfälischen Stadt Altena. Am 27. November 2017 stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Hals und verletzte in gefährlich. Sein Motiv war die Politik gegenüber Geflüchteten des CDU-Mannes. Sie war ihm zu „liberal“. ↩︎
    8. Henriette Reker ist parteilose Oberbürgermeisterin von Köln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde die Politik gegenüber Geflüchteten als Motiv angegeben. Der Täter war ein früheres Mitglied der ehemaligen faschistischen Partei FAP. ↩︎
  • Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland schaffte es erstmals im August 2016 sich in das Licht der Öffentlichkeit zu drängen. Rechte Aktivisten kletterten auf das Brandenburger Tor, um dort pressewirksam ein Transparent zu befestigen. Seit dieser Aktion sind die Berichte über die „Identitäre Bewegung“ allerdings wieder stark zurück gegangen. Wer nicht in „sozialen Medien“ aktiv war, dürfte von den Aktionen der „Identitären Bewegung“ kaum etwas mitbekommen haben.

    Durch den aktuellen Rechtsruck unterstützt, wurden die Aktionen allerdings umfangreicher, und die Ambitionen größer. Zu Facebook und Instagram Posts, dem Aufhängen von Transparenten, kommen mittlerweile auch größere Projekte und immer häufiger direkte Angriffe auf ihre politischen Gegner. Seit der ersten Auflage dieser Broschüre hat sich dieser Trend fortgesetzt. Grund genug für uns, noch einmal nachzulegen mit einer komplett überarbeiteten und aktualisierten Version.

    Die Broschüre gibt einen kurzen Überblick über die „Identitäre Bewegung“. Zunächst möchten wir die Geschichte der „Neuen Rechten“ in Deutschland und Frankreich beleuchten, ohne die man die Entstehung IB selbst nicht verstehen kann. Folgend gehen wir näher auf Geschichte und Ideologie der IB ein. Anschließend analysieren wir ihre Strategie und zeigen ihre Verbindungen zur AfD und anderen Gruppen auf.

    Wir wollen mit dieser Broschüre dazu beitragen, die IB als das zu entlarven, was sie ist: Eine rassistische Gruppierung, die mit neuen Logos und Begriffen, aber alten Inhalten, versucht, Menschen für ihren „Bürgerkrieg“ gegen Migrant*innen zu gewinnen.

    Wir wollen eine Debatte über antifaschistische Strategien – speziell gegen die IB, aber auch gegen den Rechtsruck insgesamt – weitertreiben. Antifaschistischer Kampf ist durch den Aufstieg von AfD, IB und Co. ein noch zentralerer Bestandteil fortschrittlicher Kämpfe geworden.

    Kein Fußbreit den Faschisten!

    Die “Neue Rechte”

    Die „Identitäre Bewegung“ ist in das Spektrum der „Neuen Rechten“ einzuordnen. Diese Bezeichnung kam erstmals in den 60er Jahren in Frankreich auf. Viele Elemente aus ihrer Ideologie beziehen sich auf rechte Theoretiker aus der Zeit der Weimarer Republik, deren Ideologie wiederum zum Teil unter dem Begriff der „Konservativen Revolution“ zusammengefasst wird.

    Konservative Revolution?

    Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg war die Situation angespannt. Die Novemberrevolution war auf halben Weg gestoppt und die Räterepublik niedergeschlagen. Der Krieg war beendet und eine formale Demokratie hergestellt, doch die alten Eliten in Militär und Industrie waren weitgehend noch auf ihren Posten. Die Grundlagen der alten Ordnung waren nicht beseitigt. Durch den Versailler Vertrag wurde die deutsche Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Die reaktionären Kräfte drängten danach, die Ordnung in Europa erneut in Frage zu stellen und einen neuen Versuch zu starten, Deutschlands Vorherrschaft in Europa zu etablieren. Die Demokratie wurde dabei allgemein als Hindernis betrachtet.

    Rechte Theoretiker dieser Zeit waren sich einig in ihrer Ablehnung des Liberalismus und Marxismus. Sie unterstützten ein autoritäres Staatsmodell. Dazu zählen beispielsweise Carl Schmitt, der als Staatsrechtler später den deutschen Faschismus rechtfertigte und Oswald Spengler, der zwar dem deutschen Faschismus kritisch gegenüberstand, sich aber positiv auf den italienischen Faschismus bezog. Oswald Spengler entwarf in seinem philosophischen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ eine Theorie, nach welcher Kulturen in sich geschlossene, abgrenzbare Gebilde seien, die eine Lebensdauer von etwa einem Jahrtausend besäßen. Zwischen diesen verschiedenen Kulturen, so schrieb das Oswald Spengler, sei kein Austausch möglich oder wünschenswert. Er beschreibt hier schon das Konstrukt, welches die Neue Rechte später „Ethnopluralismus“ nennen wird. Oswald Spengler ist einer der Theoretiker, die später der „Konservativen Revolution“ zugerechnet werden.

    Das Deutsche Historische Museum Berlin beschreibt auf seiner Webseite die Denkschule der „Konservativen Revolution“ als „eine geistig-politische Sammelbewegung jungkonservativer Kräfte in der Weimarer Republik, die sich für einen autoritären Staat einsetzten und den liberalen Werten der Weimarer Demokratie deutlichen Widerstand entgegenbrachten“. Weiter schreiben sie: „Die Konservative Revolution verstand sich als Gegenrevolution, die nach dem Umsturz der bestehenden Ordnung [dem deutschen Kaiserreich] konservative Maßstäbe setzen und die Auflösung der abendländischen Kultur verhindern wollte“1

    Es ist allerdings umstritten, ob man diese verschiedenen Theoretiker tatsächlich einer gemeinsamen Strömung zurechnen kann. Ausgedacht hat sich den Begriff „Konservative Revolution“ Armin Mohler, ein Schweizer, der 1942 nach Deutschland umgesiedelt war, um sich dort freiwillig für die Waffen-SS zu melden. Nach seinem Studium in Berlin konstruierte er in seiner Dissertation 1950 den Begriff der „konservativen Revolution“ und legte ihn verschiedenen Intellektuellen in den Mund.

    Armin Mohler gilt als einer der wichtigsten Vordenker der „Neuen Rechten“. Er hat bereits erprobt, was bei der „Neuen Rechten“ eine Strategie werden sollte: Begriffe neu besetzen. So hat er auch den Begriff „Konservativen Revolution“ bewusst gewählt. Er wollte seinen faschistischen Ansichten den anschlussfähigen Begriff des Konservativismus als Deckmantel überwerfen. Er selbst beschrieb dies mit den Worten: „Die Definition, was „konservativ“ sei, ist bereits ein politischer Akt“.2

    „Faschismus ist für mich, wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man konservative Revolution nennt.“
    Mohler zur Frage, was ihm Faschismus bedeutet3

    Wenn man sich näher mit Armin Mohler beschäftigt wird aber klar, dass für ihn zwischen konservativ und faschistisch kein Unterschied besteht.

    An diese Theorie knüpfen auch die heutigen Vertreter der “Neuen Rechten” an. So ist zum Beispiel Götz Kubitschek, ein Guru der „Identitären Bewegung“ und ein glühender Verehrer von Armin Mohler: Er selbst bezeichnet sich als dessen Schüler4 und schreibt, er habe seinen Verlag Antaios nicht zuletzt gegründet, um Armin Mohler – als dieser noch lebte – eine Festschrift überreichen zu können. Und auch die neurechte Zeitung Junge Freiheit hat einmal eine Abokampagne mit dem Spruch beworben: „Jedes Abo eine konservative Revolution“.

    Die „Neue Rechte“ als Antwort auf die 68er

    Der Begriff „Neue Rechte“ (franz. „Nouvelle Droite“) wurde 1968 in von der rechten Gruppe GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne) eingeführt und maßgeblich geprägt. Die „Neue Rechte“ kämpft seit dem darum, faschistisches Gedankengut zu modernisieren und in neue Begriffe zu kleiden, um in breiteren Teilen der Gesellschaft Anschluss zu finden.

    Die Gründung der GRECE kann als eine Reaktion auf die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung gesehen werden. Ab Mitte der 1960er Jahre bildeten sich neue linke Theorieansätze, infolge derer sich in Frankreich nicht nur eine starke Student*innen- sondern auch eine starke Arbeiter*innenbewegung formieren sollte. Rechte Kräfte suchten nach neuen Konzepten, um dem etwas entgegenzusetzen. Sie hielten die alten rechtsradikalen Strukturen für veraltet und griffen deshalb die Theorien der „konservativen Revolution“ wieder auf.

    Eine Zentrale Figur der GRECE war Alain de Benoist. Er pflegte engen Kontakt mit dem Erfinder der „konservativen Revolution“ und war von Armin Mohlers Ideen begeistert. Ab den 70er Jahren, kann man von einer Freundschaft zwischen Alain de Benoist und Armin Mohler sprechen.5

    Alain de Benoist prägte den besagten Begriff „Nouvelle Droite“, maßgeblich mit. Neu an dem dahinterstehenden Weltbild ist aber nicht wirklich viel. Es ist einzig und alleine der Versuch, faschistisches Gedankengut zu aktualisieren. Ein positiver Bezug auf die „Alte Rechte“ – sprich den Nationalsozialismus – wird als Hindernis wahrgenommen, da es Vertretern der „Neuen Rechten“ mittlerweile als hoffnungslos erscheint, mit diesem Ansatz rechtsradikale Positionen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Aus diesem Grund grenzt sich die „Neue Rechte“ von ihren nationalsozialistischen Vorbildern ab. Der Ethnopluralismus ersetzt dabei die Rassenlehre der Nationalsozialisten und soll so die Anschlussfähigkeit der „Neuen Rechten“ an den konservativen Teil der Gesellschaft erleichtern.

    Die Bewegung GRECE ist heute nur noch ein Theoriezirkel. Mit dem Aufstieg des Front National (FN) traten viele Funktionär*innen zu diesem über. Ihren Zweck hatte sie für die radikale Rechte dennoch erfüllt. Das strategische Konzept der „Neuen Rechten“ findet sich heute in so gut wie allen rechten Bewegungen wieder.

    Die „Neue Rechte“ in Deutschland
    1968 erreichte die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg mit 9,8% einen neuen Höhepunkt. Der erhoffte Einzug in den Bundestag blieb allerdings aus – die NPD scheiterte an der 5% Hürde und verpasste diesen mit knappen 4,3%. Folge dieser Enttäuschung war ein gradliniger Abstieg der Partei, unter anderem vorangetrieben durch eine innerparteiliche Spaltung.

    Aus dieser Spaltung heraus formierte sich wenig später die Gruppe „Aktion Neue Rechte“, die, obwohl sie nur etwa zwei Jahre existierte, als Auftakt der Strömung „Neue Rechte“ in Deutschland bezeichnet werden kann.

    Dieses Konzept wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen und konnte Anfang der 90er Jahre mit der Partei „Die Republikaner“ auch kurzzeitig parlamentarische Erfolge erzielen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern gelang es ihnen in Deutschland allerdings erst vor ein paar Jahren mit dem Aufstieg der AfD eine gesellschaftliche Verankerung zu schaffen.

    Entstehung der “Identitären Bewegung”

    Gründung in Frankreich

    Der einflussreiche französische Theoretiker der „Neuen Rechten“ Guillaume Faye, verwendete bereits 2001 in seinem Werk „Pourquoi nous combattons: manifeste de la résistance européenne“ (dt. Warum wir kämpfen) den Begriff „Identitäre Bewegung“. 2003 wurde dieser Begriff von einer sich neu gegründeten Organisation, der „Bloc Identitaire“ (BI) aufgegriffen. Die Partei „Bloc Identitaire“ formierte sich aus ehemaligen Mitgliedern der faschistischen Gruppe „Unité radicale“, welche 2002 nach einem versuchten Attentat auf den damaligen Präsidenten Jacques Chirac verboten wurde.6

    Die Jugendorganisation der BI, die „Génération Identitaire“ (GI), schaffte es am 20. Oktober 2012 mit einer Aktion in Poitiers im Westen Frankreichs, massiv Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

    Rechte Aktivist*innen kletterten auf das Dach einer Moschee, entrollten dort dann ein Banner mit dem Schriftzug „Generation Identitaire“ und der Jahreszahl 732. Dazu schwenkten sie ihr Logo, den schwarzen griechischen Buchstaben Lambda auf gelbem Grund.

    Die Jahreszahl 732 stand symbolisch für die Schlacht von Poitiers. In dieser Schlacht besiegten die Franken unter dem Kommando Karl Martells die nach Gallien vordringenden muslimischen Mauren und Araber und stoppten somit ihren Vormarsch in den Westen. Karl Martell wurde wegen des Sieges später als „Retter des Abendlandes” überhöht.

    Das Symbol des griechischen Buchstabens Lambda steht für den Kampf der spartanischen Hopliten gegen die Perser in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.). Nach historischer Überlieferung befand sich auf dem Schild der Hopliten das Lambda-Symbol. Das Logo der „Identitären“ orientiert sich jedoch an der popkulturellen und historisch fragwürdigen Verfilmung der Schlacht in dem Spielfilm „300“. Die „Identitäten“ inszenieren sich als eine kleine Elite, die ihre Heimat gegen eine imaginierte Invasion verteidigt. Diese Aktion gilt als Auftakt für alle weiteren Gruppen der IB, die danach aktiv wurden.

    Ausbreitung nach Österreich

    Einige Monate nach der Aktion in Frankreich gründete sich auch in Österreich ein Ableger, die „Identitäre Bewegung Österreich“ (IBÖ) Zunächst bildeten sich Ortsableger in den Universitätsstädten, hauptsächlich aus dem burschenschaftlichen Milieu. Im Februar 2013 rückten die „Identitären“ aus Österreich dann mit der Besetzung der Votivkirchen in Wien, in der zuvor Geflüchtete in den Hungerstreik getreten waren, in den medialen Vordergrund. Mit Hilfe der „sozialen Medien“, wie beispielsweise dem Videoblock der IBÖ „Vlog Identitär“, werden Aktionen wie diese seither propagandistisch ausgeschlachtet.

    Hauptsächlich getragen von der Ortsgruppe Wien, kam es dann zu Störaktionen gegen politische Widersacher. Am 17.05.2014 fand die erste Demonstration der IBÖ statt. An dieser nahmen um die 100 – 150 Rechtsradikale aus Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und Ungarn teil. Sie zogen mit Parolen wie „Europa, Jugend, Reconquista“ durch Wien um für die „Festung Europa“ zu demonstrieren.7 Gegenseitigen Besuche stellen keine Seltenheit dar. Seit dem Beginn der PEGIDA– Märsche in Dresden waren immer wieder österreichische IB Aktivist*innen in Sachsen zu Gast.

    Anfang 2015 startete die IBÖ ihre erste Kampagne unter dem Motto: „Der große Austausch“. Diese wurde landesweit, wie auch in Deutschland und Tschechien, beworben. Kurz zusammengefasst behaupteten Flyer und Webseite zu der Kampagne, dass gezielt Österreicher*innen mit Immigrant*innen vermischt würden, um willige Lohnsklav*innen zu produzieren. Die angeblich höhere Geburtenrate von Muslim*innen, sowie Immigration würden dazu führen, dass Weiße in Europa bald eine Minderheit darstellen würden.8

    Schwerpunkt der Kampagne war die bisher größte Demonstration der „Identitären“. Der Schleier der gewaltlosen Jugendlichen, die weder links noch rechts zu verorten seien, ließen sie hier fallen. Der antifaschistische Gegenprotest wurde angegriffen, eine Person wurde im Zuge dessen sogar krankenhausreif geprügelt. Und auch in der Nacht gingen die Angriffe weiter, etwa zehn Rechte griffen eine Gruppe Antifaschisten*innen an.9

    Übergriffe wie diese sind keine Seltenheit. Das ist nicht verwunderlich, sehen sich die „Identitären“ doch selbst als „Krieger“ und trainieren in eigenen Amateurvereinen verschiedene Kampfsportarten. Auch auf ihren jährlich stattfindenden überregionalen Sommerakademien ist das Trainieren von Kampfsport ein wichtiger Bestandteil. In Österreich gehen Mitglieder der „Identitären Bewegung“ noch einen Schritt weiter und üben den Umgang mit großkalibrigen Waffen.10

    Und auch nach Deutschland

    Die erste Gruppe der „Identitären Bewegung Deutschland“ (IBD) gründete sich im Herbst 2012. Inspiriert von den Aktionen der französischen GI drangen sie mit Halloweenmasken verkleidet am 30.10.2012 in die Frankfurter Stadtbibliothek ein, um dort mit Hardbassmusik die Interkulturellen Wochen zu stören. Dabei hatten sie Schilder mit dem Lambda Symbol, ihrem Kürzel „IBD“ und dem Spruch „Multikulti wegbassen“ dabei. Die selbe Aktion fand etwas später in gleichem Aufzug vor einer Moschee in Frankfurt statt. Hardbassaktionen erfreuten sich zu dieser Zeit in rechtsradikalen Kreisen großer Beliebtheit.

    Nachdem im Dezember 2012 ein internationales Treffen der „Identitären” in Frankfurt stattfand, gründeten sich mit massiver Unterstützung aus Österreich in mehreren deutschen Städten Ortsgruppen, welche dann mit mit PEGIDA 2014 ein regelmäßiges Betätigungsfeld fanden.

    Eine herausragende Rolle in der „Identitären Bewegung Deutschland“ nimmt neben dem aktuellen Vorsitzenden Nils Altmieks, auch dessen Vize Daniel Fiß ein, welcher vor allem repräsentative Aufgaben übernimmt.11 Hinzu kommt das Sprachrohr der IBÖ Martin Sellner, welcher ebenso wie der frühere NPD Kandidat aus Zwickau Tony Gerber, die IB bei der Vernetzungsarbeit und Onlinepropaganda unterstützt. Denn mit Aktionen, die im Internet möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen sollen, versuchen die „Identitären“ europaweit den Rechtsruck zu verstärken und rassistische Tendenzen zu befeuern. Dabei versuchen sie, mal mehr mal weniger effektiv, linke Methoden zu imitieren. So der Versuch, die CDU Parteizentrale in Berlin – außerhalb der Öffnungszeiten – zu blockieren oder das Hissen eines Banners auf dem Brandenburger Tor.

    Zuletzt machte die IB mit zwei verschiedenen Projekten Schlagzeilen. Mit der App „Patriot Peer“ sollen sich „patriotische Aktivisten“ vernetzen. Neben der Datingfunktion werden rechte Treffen angezeigt und man kann Punkte sammeln, indem man Kirchen besucht oder Aufkleber klebt. Die Software ist innerhalb der „Identitären Bewegung“ umstritten, denn einige Aktivist*innen fürchten, darüber von Antifaschist*innen gefunden zu werden. Die App sollte eigentlich im Frühjahr bis Sommer 2017 erscheinen, ist bisher aber noch nicht auf dem Markt.

    Das zweite Großprojekt läuft unter dem Namen „Defend Europe“. Unter diesem Motto hatte die IB ein Schiff gechartert, um Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit, dem Retten von schiffbrüchigen Geflüchteten im Mittelmeer, zu behindern. Über 3000 Tote im Jahr 2017 sind ihnen wohl noch nicht genug. Die Aktion verlief nicht reibungslos, die „C Star“ hatte einen Motorschaden und in Malta wurde von Gewerkschaften dem Schiff die Einfahrt in den Hafen verweigert. Doch hier sieht man wieder die Funktion der IB: Sie sind nicht Durchsetzer, sondern Stichwortgeber. Während eine Handvoll „Identitäre“ auf dem Mittelmeer herumdümpelt, verstärkt Italien die Kriminalisierung von Seenotrettern und die libysche Küstenwache geht teils mit Gewalt gegen diese vor.

    Die IB finanziert ihre Projekte über Crowdfunding. Dabei sind sie, nach eigenen Angaben, mittlerweile auf eine erschreckend hohe Summe, von über 200.000€ gekommen.12 Wohin sich die „Identitäre Bewegung“ entwickelt, wird sich noch zeigen. Dass sie dies nicht ungestört machen wird steht jetzt schon fest.

    Der Ethnopluralismus der “Identitären Bewegung”

    Die „Identitäre Bewegung” sieht sich selbst als Teil der „Neuen Rechten“. Mit dieser Positionierung möchte sie sich von offen faschistischen Nazistrukturen abgrenzen. Um dieses Abgrenzungsbedürfnis mit ihrer nationalistischen Ideologie in Einklang zu bringen, reden „Identitäre” lieber von „Kulturen“ als von „Rassen“ und vermeiden klassisches NS-Vokabular. Der zentrale Begriff dabei ist der sogenannte „Ethnopluralismus“.

    Das Wort Ethnopluralismus setzt sich aus dem griechischen „ethnos“ – Volk – und dem lateinischen „pluralis“ – Mehrzahl zusammen. Er heißt also so viel wie Völkervielfalt. Klingt erst mal nett, und das soll es auch. So behauptet die IB auf ihrer Website: „Immer wieder wird der Begriff Ethnopluralismus fälschlicherweise als weltweite Apartheit ausgelegt. Das ist ungefähr so richtig, wie wenn man den amerikanischen Ureinwohnern Rassismus vorwerfen wollte, weil sie sich gegen die Landnahme der Europäer wehrten. Ethnopluralismus bedeutet lediglich: bewahren, nicht zerstören; Unterschiede wertschätzen, nicht nivellieren.“13

    Ganz ähnlich klingt das bei der NPD. Diese schreibt in ihrem Parteiprogramm zum Punkt “Europa der Völker”: „So wird an die Stelle eines „EU-Europas“ der Technokraten ein lebenskräftiges Europa der Völker treten, das frei, zukunftsfähig, sozial gerecht und in seinen nationalen Identitäten geschützt ist.”14

    Kultureller Rassismus

    Kulturen bewahren oder schützen, das muss man doch gut finden oder? Muss man nicht! Der Ethnopluralismus kleidet Rassismus schlicht in neue Begriffe. Statt auf die biologische Rassenlehre zurückzugreifen, werden kulturelle und ethnische Argumente konstruiert. Völker, beziehungsweise Kulturen, werden als einheitliche Gruppen von Menschen definiert. Die Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen werden als natürlich gegeben und als unveränderbar angesehen.15 Durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur erwerben die ihr untergeordneten Menschen das Recht, an bestimmten Orten der Welt zu leben, sind jedoch dementsprechend an anderen Orten unerwünscht. Auch ohne die direkte Unterteilung von Menschen in Rassen vorzunehmen, ist und bleibt der Ethnopluralismus eine rassistische Ideologie. „Ausländer raus“ heißt bei der IB „Remigration“, „Überfremdung“ wird zu „Umvolkung“. Die plumpen Parolen der alten Rechten werden rhetorisch neu verpackt, um Anschluss an den konservativen Teil der Gesellschaft zu finden.

    Häufig wird argumentiert, dass, wer an Kultur oder Religion anknüpft, keinen Rassismus betreiben würde, da nicht mit „Rassen“ argumentiert wird. Zentral für Rassismus ist vielmehr die Perspektive dessen, der den Rassismus ausübt. Wenn dieser einer bestimmten Gruppe unveränderliche Merkmale zuschreibt, in die jedes Mitglied der Gruppe hineingeboren wird, dann ist das Rassismus. Ob das Merkmal Kultur, Ethnie oder Religion ist, ist dabei irrelevant.

    Genau das tut die IB. Beispielhaft zeigt dies ein Beitrag der IB Wien auf Facebook aus dem Jahr 2014. Dort wird versucht, pseudowissenschaftlich zu erklären, was passiert, wenn Muslime einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bei einen Anteil von unter zwei Prozent sei dabei, so die IB Wien, noch alles gut. Muslime würden nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Ab 5% wird es schon kritischer, da „üben sie einen unangemessenen Einfluss“ aus. Unangemessen findet die IB zum Beispiel, dass Muslime ab einem Anteil von 5% anfangen würden, Halāl-Produkte zu importieren. Ab 40% etwa, würde es, so die IB Wien, zwangsläufig zu Massakern, Terroranschlägen und andauernder Kriegsführung kommen. Erst ab einem muslimischen Anteil von 100% soll wieder Frieden einkehren. Immerhin.16 Viel offener kann man Rassismus wohl nicht zur Schau stellen.

    Dass die IB mit ihrem Rassismus auf Muslime abzielt, und nicht etwa auf Juden oder andere Gruppen, hat einen einfachen Grund. Sie glaubt, damit anschlussfähig an einen Großteil der Bevölkerung zu sein. Es wäre falsch, darin eine Distanzierung von Rassismus und Antisemitismus zu sehen. Martin Sellner, Chefideologie der IB Österreich, hat gegenüber einer Undercoverreporterin klar gemacht, wie er dazu denkt: Antisemitismus sei in den 1920ern schon eine verständliche Sache gewesen, aber würde einfach nicht in die heutige Zeit passen.17

    Kreuzritter der Moderne?

    Die ständige Wiederholung des Bedrohungsszenarios einer „Masseneinwanderung“ in „unsere“ Sozialsysteme und einer vermeintlich damit einhergehenden „Islamisierung“ dient der IB als roter Faden. Ihr antimuslimischer Rassismus trifft dabei auf bereits weit verbreitete Ressentiments. Wie andere rechte Bewegungen auch, versucht die IB, diese Stimmung weiter zu befeuern. Heraus kommen dabei beispiels- weise über 3500 Angriffe auf Geflüchtete im Jahr 2016.18

    Die Mitglieder der „Identitären Bewegung” sehen sich selbst als „Verteidiger“ gegen die „Einwanderungswelle“. Als „Rückeroberer unserer Kultur“ und „Identität“. Diese beiden Begriffe, Kultur und Identität, werden von der IB gezielt und andauernd eingesetzt, ohne sie je zu definieren. Die IB hält ihre Begrifflichkeiten bewusst schwammig, um möglichst anschlussfähig zu bleiben. Ganz nach dem Motto, wer in seinen Theorien nicht konkret wird, läuft auch nicht Gefahr, mögliche Mitstreiter*innen zu verschrecken.

    Das Gefährliche daran ist, dass die IB mit „Verteidigung” die „Verteidigung gegen Zuwanderung“ meint. Den angeblich durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten bevorstehenden „Austausch“ der einheimischen Bevölkerung sehen die „Identitären“ als “größtes Verbrechen aller Zeiten.“19 Wenn sie daher von „Bürgerkrieg“ reden, dann meinen sie nicht, dass Muslime irgendwann einen Bürgerkrieg beginnen würden. Die Zuwanderung an sich ist für sie schon der Angriff, gegen den sie sich „verteidigen“ müssen.

    Der Kapitalismus ist gekennzeichnet durch eine Teilung der Gesellschaft in die Eigentümer von Produktionsmitteln und jenen Teil, welcher gezwungen ist seine Arbeitskraft auf dem Markt als Ware anzubieten. Der Reichtum der Kapitalist*innen basiert auf der Ausbeutung der Lohnabhängigen, welche diesen gesellschaftlichen Reichtum erst produzieren. Hinzu kommen Ausbeutungsverhältnisse auf globaler Ebene, wo sich imperialistische Staaten untereinander um Einflusssphären, Rohstoffe und Absatzmärkte streiten, während in vielen Regionen der Welt Hunger, Armut und Krieg auf der Tagesordnung stehen. Der Rassismus in der Gesellschaft und insbesondere die Unterdrückung der Frau in ihrer heutigen Form sind ein Produkt der Klassengesellschaft. Frauen werden im Kapitalismus doppelt und dreifach ausgebeutet. Einmal als Lohnabhängige und zusätzlich als weibliche, vergleichsweise unterbezahlte Arbeitskräfte, welchen zudem noch die Hauptlast in der Reproduktion zugewiesen wird.

    „Ethnopluralismus“ als Legitimierung kapitalistischer Herrschaft

    Die von der IB gewünschte Trennung von Ethnien und Kulturen wird nicht natürlich vonstattengehen. Eine absolute Trennung der Völker gab es nie, Migration und Vermischung waren immer ein Teil der Menschheitsgeschichte. Ob durch Flucht oder durch den „Import“ von Arbeitskräften. Kulturen sind eben kein statischer Zustand und haben keine unveränderlichen Eigenschaften, sie sind in einem fortwährendem Zustand der Veränderung. Kulturen sind das Ergebnis eines dynamischen historischen Prozesses, beeinflusst durch Kräfteverhältnisse, Ressourcenverteilung, Kolonialismus und Imperialismus. Auf dieser Grundlage werden Menschen durch ihre Umwelt und die darin bestehenden materiellen und immateriellen Bedingungen bestimmt und geprägt.

    Um ihre Theorie der Völker zu stärken und ihr gewünschtes „Nebeneinander“ von national einheitlichen Staaten zu rechtfertigen, versuchen „Identitäre“, eine „deutsche Identität“ zu konstruieren. Diese Identität soll sich in einem nationalistischen Bewusstsein ausdrücken, welches die Gesellschaft entlang dessen spaltet und somit von den eigentlichen Interessen der lohnabhängigen Bevölkerungsschicht ablenkt. Der Identitäts-Gedanke der IB stellt also letztendlich die Grundlage da, gegen alle vorzugehen, die dem parteien- und und klassenübergreifenden „Volksinteresse“ im Wege stehen. Seien es Migrant*innen oder Linke, die für Internationalismus und Klassenkampf stehen.

    Fazit

    Die „Identitäre Bewegung“ möchte Volksgemeinschaft und Nationalismus und versucht hierfür die Gesellschaft in isolierte Kulturen mit unterschiedlichen Interessen zu spalten.

    Die wirkliche Spaltung nach gemeinsamen Interessen aber verläuft nicht entlang irgendwelcher Kulturen, sondern nach gesellschaftlichen Klassen. Der „Ethnopluralismus“ ändert die Terminologie von „Rasse“ zu „Kultur“, von „Lebensraum“ zu „angestammten Territorien“. Doch es bleibt klassischer Rassismus. Der kapitalistischen Individualisierung setzt die IB nicht einen gemeinsamen Kampf der Unterdrückten entgegen, sondern den Kampf der Unterdrückten gegen andere Unterdrückte. Man darf sich also nicht täuschen lassen: Die „Identitäre Bewegung“ mag mit bunteren Grafiken und modernem Design daher kommen, ist aber nicht weniger völkisch und rassistisch als klassische Neonazis.

    Frauen als Aushängeschild einer patriarchalen Bewegung

    Die „Identitäre Bewegung“ sieht nach eigener Aussage „junge europäische Männer“ als ihre „natürliche Zielgruppe“ an.20 Dies spiegelt sich auch auf ihrer Webseite wieder, so heißt es dort:

    „Der europäisch gebliebene Mann ist alles andere als das [ein Schlappschwanz]. Er ist – wie vielleicht kein anderer Typus Mann auf dieser Welt – bereit seine Heimat zu wahren und zu verteidigen. Es ist der Liberalismus mit seinen fatalen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen, der ihn lähmt. Und es ist unsere primäre Aufgabe den europäischen Mann von seinen Fesseln zu befreien, damit er wie Herakles die Ketten sprengt, die ihn zu halten trachten.“21

    So viel zum Männerbild der „Identitären“. Konsequent findet sich auf der Website der IB unter der Spalte “unsere Aktivisten” auch kaum eine Frau22 und auch ihre Aktionen sind immer männlich dominiert. Frauen sind nicht Zielgruppe, sie eignen sich als Aushängeschild und dienen nur dazu, die „Bewegung“ für Männer attraktiver machen.

    Eines dieser Aushängeschilder ist Alina von Rauheneck. Sie veröffentlichte zu genau diesem Thema einen Kommentar bei Tumblr: „Europa. Der Name und die Erzählung unseres einzigartig schönen Kontinents sind nicht umsonst einer Frau gewidmet. Die Verteidigung Europas ist also ganz besonders auch Frauensache!“.23

    Doch was wird hier als die Verteidigung Europas durch die Frau verstanden? In der Ideologie der IB wird von natürlichen, unabänderlichen Eigenschaften und Bedürfnissen jedes Individuums ausgegangen. Frauen sollen demnach selbstbewusst und selbstbestimmt ihrer „natürlichen“ Rolle entsprechen. Nach diesem Weltbild hat die Frau rein biologisch gar kein anderes Interesse, als sich um Familie, Haushalt und Kinder zu kümmern. Da Sie dort in ihrer Rolle aufgehen würde und somit gleichwertig dem Mann gegenüber wäre. Sie erfüllt also in den Augen der „Neuen Rechten“ die Aufgabe, Europa durch das Kinderkriegen und somit den „Volkserhalt“ zu verteidigen.

    „Identitäre Mädels und Frauen“ bei Facebook

    Auf der Facebookseite „Identitäre Mädels und Frauen“ thematisiert die „Identitäre Bewegung” frauenspezifische Anliegen. Dort finden sich Tipps zum Haare flechten, zur Selbstverteidigung, natürlich zur Mutterrolle und jede Menge Selfies. Selbstverteidigung für Frauen klingt erst mal progressiv. Doch die Tipps der IB beweisen wieder einmal das Gegenteil. Hinweise wie: Nicht alleine ausgehen, nicht in Menschenmengen aufhalten, keinen Alkohol trinken und mal über stichfeste Kleidung nachdenken, stiften mehr Angst als Selbstbewusstsein. Auch konkretere Vorsichtsmaßnahmen werden angeraten, wie, falls ein Fremder komisch aussehen sollte, sei er auch noch so freundlich, erst mal weggehen, ihn dabei aber nicht aus den Augen lassen. Das Ziel ist hier eindeutig nicht, Frauen zu ermöglichen, selbstbestimmt im Alltag aufzutreten, sondern Angst zu stiften.

    Angst, nicht vor irgendwem, sondern vor Geflüchteten und Migranten. So veröffentlicht die Seite „Identitäre Mädels und Frauen“ ausschließlich Beiträge zu Überfällen durch Migranten. Dabei werden die meisten Übergriffe in Deutschland von Deutschen begangen – und sind Freunde und Bekannte statistisch gesehen weit gefährlicher als der „Unbekannte in der dunklen Gasse“: Sieht man sich Statistiken zu sexualisierten Übergriffen an, stellt man fest, dass in 77% der Fälle der Täter aus dem sozialen Umfeld des Opfers kommt.24

    Anstatt also Frauenunterdrückung und patriarchale Gewalt in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu setzen, wird hier Migration als einziger Grund für Sexismus dargestellt. Dadurch müssen sich europäische Männer nicht mit sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen auseinandersetzen. Die IB hat also ganz offenbar kein Interesse, sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, sondern will Übergriffe auf Frauen für ihre Hetze instrumentalisieren.

    Frauen als Sexobjekte

    Die Funktion der Frau wird auf der Webseite und in den sozialen Medien noch deutlicher gezeichnet. Frauen werden meist anonymisiert präsentiert. Wenn eine Frau im Dirndl posiert, kann der Kopf auch mal außerhalb des Fotos sein, Hauptsache das Dekolleté ist gut zu sehen. Der Körper der Frau wird instrumentalisiert und dient als Lockvogel für interessierte Männer. 13 Kommentare hat das Dirndlbild der „Identitären Mädels und Frauen“, davon stammen 12 von Männern.25 Auch die Seite „Identitäre Mädels und Frauen“ wirbt demnach weniger um weibliche als um männliche Mitglieder.

    Zu dem Umgang mit Frauen gibt es auch in den Strategiepapieren der IB eine passende Anweisung. Der Vorschlag ist, Frauen im Eingangsbereich zu platzieren, da diese dort besser aufgehoben seinen und zusätzlich ein sympathisches Außenbild vermitteln. Wer sich Sticker oder Plakate der „Identitären Bewegung“ anschaut, dem dürfte sofort auffallen, dass nicht selten eine halbnackte, meist blonde Frau zu sehen ist. Wenn die Frauen ausnahmsweise mal nicht als Lustobjekt dargestellt sind, werden sie als liebende Mütter mit Kleinkind im Arm gezeigt.

    Für Frauen nichts zu bieten

    Es bleibt der „Identitären Bewegung“ auch nichts anderes übrig, als um europäische Männer zu werben, denn für Frauen haben weder Ideologie noch Praxis irgendetwas zu bieten. Im Gegenteil bekämpft die IB permanent die bereits errungenen Frauenrechte und tritt vehement dafür ein, Abtreibungen zu verbieten. Dies wird in der von Markus Willinger im Namen der IB verfassten „Kriegserklärung an die 68er“ mehr als deutlich:

    Frauen wollen selbst über ihren Körper entscheiden? Selbst bestimmen, ob sie ein Kind austragen und großziehen wollen? Nicht mit der IB.

    Und dennoch, trotz dieser Positionen versucht die IB an „Feminist*innen“ wie Alice Schwarzer anzuknüpfen. Aber auch, wenn sie sich mit Alice Schwarzer in ihrer Hetze gegen Muslime einig sein dürften – der Kampf der IB für „die Rückgewinnung wahrer, europäischer Männlichkeit“ dürfte selbst in den rechtesten, pseudofeministischen Kreisen nur auf Ablehnung stoßen.

    Eine Botschaft an die Frauen?

    Die Interessen von Frauen zählen für die IB nur solange, wie sie für ihre rassistischen Ziele zu instrumentalisieren sind. Sexualisierte Gewalt wird nur in das Licht der Öffentlichkeit gestellt, wenn diese von Migranten ausging. „Identitäre“ Frauen dürfen auf Bildern posieren, am Empfang stehen oder Mutter sein.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen zumindest als handelnde Subjekte keinen Platz haben in der Politik der „Identitären Bewegung“, die von Männern für Männer gemacht ist. Die patriarchalen Ziele der IB darf man dabei keinesfalls als ungefährlich abtun. Nicht zuletzt der Versuch, Abtreibungen zu verbieten, zeigt, dass die Erfolge, die für Frauen in den letzten Jahrzehnten erkämpft wurden, keinesfalls selbstverständlich sind und verteidigt werden müssen. Zielgerichteter Feminismus ist und bleibt immer international und gegen Staat und Kapital gerichtet!

    Struktur der “Identitären Bewegung”

    Im Februar 2017 konnten Allgäuer Genoss*innen einen ganzen Stoß interner Unterlagen der „Identitären Bewegung” sicherstellen. Sie verschaffen einen einmaligen Einblick in Arbeitsweisen und Ziele dieser Gruppierung. Der Großteil der Unterlagen stammt aus ihrer Sommerakademie 2015 in Schnellroda. Bei diesem jährlichen Treffen kommen „Identitäre“ aus ganz Europa zusammen. Im Folgenden wollen wir unter anderem anhand dieser Papiere einen kurzen Überblick über Taktik und Strukturen der „Identitären Bewegung“ geben.

    Die „Identitäre Bewegung” im Kampf um die Vormachtstellung in der rechten Szene

    In den Dokumenten werden an verschiedenen Stellen Zielsetzungen formuliert. Kurzfristig soll das erste Ziel das Erlangen der Vormachtstellung innerhalb der „Neuen Rechten“ sein. Den Ton angeben wollen sie dabei sowohl im theoretischem Diskurs, als auch als aktionistische Gruppe. Die Marginalisierung anderer rechter Gruppierungen aus dem außerparlamentarischen, aktivistischen Teil dieses Spektrums soll dabei als Indikator für den Erfolg betrachtet werden. Als Vorreiter der „Neuen Rechten“ soll die IB zur treibenden Kraft für die Errichtung einer „Patriotischen Front“ werden. In der Vergangenheit habe die „Neue Rechte“ nur als „intellektuelle Avantgarde” fungiert, ohne mit einer „politische[n] Aktionsgruppe“ ihre Theorie auch in Propaganda und Aktion umzusetzen, schreibt die IB. Das möchte sie anders machen. Das Ziel ist aber nicht, zu einer Massenbewegung zu werden. Vielmehr möchte die IB sich an die Spitze des sich bereits im vollen Gang befindlichen Rechtsrucks in Europa setzen und die verschiedenen rechtsradikalen Gruppierungen unter einem gemeinsamen Banner sammeln.

    Ihr Ziel, eine Vorrangstellung gegenüber anderen rechten Gruppen zu erlangen, wird in den Papieren besonders am Beispiel der Gruppe „Bündnis Deutscher Patrioten“ (BDP) sehr offen formuliert. Für den Bereich Schwaben schreiben sie mit zufriedenem Unterton: „Messbar: BDP und andere Gruppen werden irrelevant.“ Das überrascht, wenn man bedenkt, dass zumindest die IB München mit dem Frontmann der BDP, Chris Ares, eng befreundet war. Das Selbstbewusstsein gegenüber diesen anderen Gruppen ist wohl jetzt schon groß genug.

    Wege und Ziele

    Diesen Einfluss versucht die „Identitäre Bewegung“ nicht nur über ihre Rechweiten in den „sozialen Netzwerken“ zu erreichen, sondern auch durch die Verankerung von Aktivist*innen der IB in der bürgerlichen Gesellschaft. Deshalb sollen für die Arbeit in der „Identitären Bewegung“ vor allem „Personen, die bereits oder zukünftig über „großen“ gesellschaftlichen Einfluss verfügen (Cliquen / Vereine / Politiker / Lehrkräfte / etc.)“ gewonnen werden, wie es an anderer Stelle in den geleakten Strategiepapieren heißt. Dabei wollen sie die „alten Eliten“ ablösen – und durch neue, rechtsradikale Eliten ersetzen.

    Nicht müde wird die IB darin, sich als „weder links noch rechts“ zu definieren. In diesen internen Dokumenten verortet sich die IB selbst allerdings explizit als Teil der „Neuen Rechten“. Die ewigen Distanzierungen nach außen sind nur ein Teil ihrer Medienstrategie. Denn das Ziel ihrer Strategie, rassistische Diskurse immer weiter zuzuspitzen, ist unschwer zu erkennen: Der Rechtsruck in Europa soll bis zu einem gewaltsamen Umsturz oder einen Bürgerkrieg, wie in der Ukraine, getrieben werden. Ein Ziel, das sie öffentlich wohl niemals formulieren würden.

    Rechte Netzwerke

    Um die „Neue Rechte“ zu verstehen, kann man nicht einfach nur eine Organisation herausgreifen und diese gesondert betrachten. Es arbeiten vielmehr verschiedene Akteure arbeitsteilig zusammen. Die „Identitäre Bewegung“ ist dabei ein Teil dieses Netzwerks. Verbindungen zu anderen Strukturen der organisierten Rechten sind deshalb alles andere als zufällig.

    „Identitäre Bewegung“, AfD und die rechte Massenmobilisierung

    Die „Front der Patrioten“ soll ein Netzwerk zwischen den Akteur*innen der Rechten sein. Bestens vernetzt ist die IB bereits mit dem „Institut für Staatspolitik“ (IfS), mit dem sie zusammen Schulungen organisieren, deren Infrastruktur sie mit nutzen und dessen Zeitschrift „Sezession“ für eigene Publikationen verwenden. Götz Kubitschek, Mitbegründer des IfS, nahm 2011 an dem Konvent des „Bloc identitaire“ in Frankreich teil und arbeitete anschließend Handlungsempfehlungen für eine deutsche „Identitäre Bewegung“ aus.29

    Neben diversen Burschenschaften gehören die verschiedenen Ableger der PEGIDA– Bewegung für die IB ebenfalls zu den „vernünftige[n] rechte[n] Bewegungen“. Auch hier versuchen sie, sich in einer Führungsrolle der rechten Bewegung zu präsentieren, indem sie dort Reden halten und ihre Fahnen und Transparente prominent platzieren.

    Teil dieser „Front der Patrioten“ sollen für die „Identitären“ darüber hinaus die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) und die „Alternative für Deutschland“ (AfD) werden. Sie wollen als aktionistischer Teil der „Neuen Rechten“ Vorbild für die Jugendorganisationen von FPÖ und AfD sein. Aber vor allem dort, wo parlamentarische Parteien an ihre Grenzen stoßen, indem sie zum Beispiel Kompromisse zur Regierungsfähigkeit eingehen, will die IB den Diskurs weiter nach rechts treiben. Was dies in der Praxis bedeutet, lässt sich bereits jetzt an der FPÖ in Österreich erkennen. Diese distanziert sich zwar öffentlich von der „Identitären Bewegung“, was allerdings als taktischer Zug gewertet werden muss. Der Parteiführung passt eine allzu deutliche Verbindung zur offen rechtsradikalen IB nicht zu ihrem Ziel, in Österreich zu regieren. Andererseits übernimmt die IB Aufgaben, die die FPÖ nicht selbst durchführen kann, wie unter anderem die Besetzung von Parteizentralen oder physische Angriffe auf politische Gegner.30 Daher verwundert es nicht, dass sich in der zweiten und dritten Reihe der Partei offene Sympathie und personelle Überschneidungen zur IB zu finden sind.

    In Deutschland sieht das Verhältnis ähnlich aus. Allerdings könnte sich das mit dem Vormarsch des völkischen Flügels innerhalb der AfD ändern, denn dieser tritt für eine offene Zusammenarbeit mit den „Identitären“ ein. Für die IB wäre das in zweierlei Hinsicht ein großer Schritt. Jobs als parlamentarische oder wissenschaftliche Mitarbeiter*innen bei der AfD würden erstens ihren Einfluss innerhalb der rechten Bewegung erheblich steigern und zweites ihre Ideologie, eine Elite des Volkes zu sein, tatsächlich mit einer Massenbewegung verbinden.

    Verhältnis zur „Alten Rechten“

    Offiziell bemüht sich die IB um Distanz zur „Alten Rechten“. Das Projekt soll nicht durch Verbindungen zu offen neonazistischen Gruppen und dem Verharren in einer bloßen rechten Subkultur gefährdet werden. Stattdessen werden die alten rassistischen und antisemitischen Parolen im Gewand des „Ethnopluralismus“ neu verpackt, um rhetorisch anschlussfähig an den konservativen Teil der Gesellschaft zu werden.

    Zu der Abgrenzung gegenüber der „Alten Rechten“ gehört auch, dass potentielle Neumitglieder in einem Fragebogen Auskunft über ihre Position zu anderen Organisationen, wie „III. Weg, NPD, Die Rechte, AfD“ geben müssen. Wohl auch, um überraschende Enthüllungen über die Vergangenheit ihrer Mitglieder in öffentlich noch diskreditierteren Organisationen vorzubeugen. Ein Ausschlussgrund sind Mitgliedschaften in offen faschistischen Organisationen dagegen nicht. Dutzende Aktivist*innen der IB kommen aus faschistischen Kreisen oder sind darin gut vernetzt.

    So zum Beispiel Mario Müller, Chef der IB-Halle, der Verbindungen zu dem faschistischen Asow Bataillon in der Ukraine pflegt, oder der aktuelle IBD-Vorstand Nils Altmieks, der seine rechte Karriere in der mittlerweile verbotenen „Heimattreuen deutschen Jugend” (HDJ) begann. Selbst der thüringische Verfassungsschutz kommt zu dem Schluss, dass zwei Drittel der dortigen „Identitären” einen „rechtsextremistischen Vorlauf“ haben.31

    Dies bestätigt auch der an anderer Stelle geleakte, Dialog zwischen dem Ortsgruppenleiter der IB Hamburg, Stefan Lüdtke, und einem Mitglied über das Zeigen des Hitlergrußes von einigen IB-Aktivist*innen auf einem ihrer Treffen.

    Medienstrategie und Bildsprache

    Das wichtigste Aktionsfeld der „Identitären“ sind die „sozialen Medien“, allem voran ihr Facebook-Auftritt. Ihre Aktionen dienen in erster Linie nicht dazu, Menschen auf der Straße anzusprechen, sondern, in den „sozialen Medien“ inszeniert zu werden. Die „Identitäre Bewegung“ ähnelt in ihrer Arbeitsweise daher oftmals mehr einer PR- Agentur als einer politischen Gruppe. So ist es für sie gar nicht nötig, viele Mitglieder zu rekrutierten. Es reicht ihnen, mit einer überschaubare Anzahl an Aktivist*innen wenige, aber spektakuläre Aktionen durchzuführen und sich mit selbstproduzierten Videos darüber immer wieder zum Thema zu machen.

    Dafür ist es wichtig, immer die Kontrolle über diese Aktionen zu behalten. Spontan, unvorhersehbar und somit nicht verhinderbar sollen sie sein. Heraus kommen dabei vor allem Transparentaktionen an Wahrzeichen und öffentlich Plätzen, die meist nach wenigen Minuten wieder verschwunden sind.

    Um den Erfolg der Aktion sicherzustellen werden konkrete Vorgaben gemacht. So heißt es in ihren Schulungsunterlagen beispielsweise für das Verteilen von Flyern:

    Jede Flutblattverteilung braucht Aufpasser*innen, mehr als 20 Minuten darf man nicht an einem Ort verteilen. Denn unkontrollierte Konfrontation möchte die IB vermeiden, schaden sie doch ihrer Medienstrategie. Dass dadurch keine Verankerung und Ansprechbarkeit vor Ort möglich ist, stört hingegen nicht, funktioniert das Phänomen IB doch gerade über die Medien.

    In den Schulungsunterlagen werden des Weiteren auch die Bildsprache und Inhalte, die über deren Medienkanäle transportiert werden sollen, genau aufgeschlüsselt.

    Die IB unterscheidet dabei vier verschiedene Botschaften, die ihre Bilder vermitteln sollen: „Macht“, „Trotz“, „Zuneigung“ und „Spott“.

    Die häufigste ist hierbei „Macht“. Dutzende dieser Inszenierungen finden sich im Netz. Meist werden Transparente von Wahrzeichen oder historischen Gebäuden gehängt.

    Martialische Bilder, hinterlegt mit heroischer Musik sollen die eigene Stärke zeigen. Auf keinen Fall soll allerdings Schwäche der eigenen Mitglieder sichtbar werden. Bilder von verhafteten „Identitären“ seien unbedingt zu vermeiden. In dieses Konzept passt beispielsweise auch die Besetzung der CDU-Zentrale in Berlin. Vielmals belächelt wurde diese Aktion vor allem aus linken Kreisen, da die Zentrale außerhalb der Öffnungszeiten besetzt wurde. Es ging der IB bei der Aktion aber nicht um eine reale Blockade, sondern nur um das Symbol und die produzierten Bilder. Da die CDU-Zentrale geschlossen war, hielten sich sowohl Gegenproteste, als auch Polizeirepression in Grenzen. So konnte die IB dann online die Bilder verbreiten, die sie haben wollte. Statt einer schnell aufgelösten Blockade konnte sich die IB rund 40 Minuten lang inszenieren.

    Fall es doch zur Räumung von Blockaden kommt, sollen „Identitäre“ zu sehen sein, „die sich mutig einer Masse an Feinden widersetzen“. Dies fasst die IB unter „Trotz“ zusammen. Unter „Spott” versteht die IB die Demütigung ihrer politischen Gegner*innen. Sie wollen „ein Bild, das die Reaktion der Verarschten verewigt: Entsetzen, Demütigung und Wut.“ Das funktioniert wohl nicht so wirklich, so findet man kaum solche Bilder.

    Zuletzt will die IB „Zuneigung“ erzeugen. Junge Menschen, vor allem Frauen, sollen gezeigt werden, um Sympathie zu erzeugen und einer „Dämonisierung“ der IB entgegenzuwirken. Deshalb sind gerade bei ihren Youtubevideos die wenigen Frauen der IB deutlich überrepräsentiert.

    Ein wichtiger Teil hierbei ist auch die Selbstinszenierung ihrer führenden Aktivisten. In der virtuellen Öffentlichkeit sich selbst mit vollem Namen und Gesicht zu präsentieren soll eben diese Zuneigung generieren. Das offene Auftreten soll dabei das Bild der Gewaltlosigkeit untermauern.

    Schaffung „identitärer Räume“

    Ein weiteres wichtiges Ziel für die IB sind eigene Räumlichkeiten. Sie versprechen sich davon eine andere Bandbreite an Aktivitäten und eine neue Qualität personeller Bindungen. Vorbild sind hier die Hausprojekte der „Casa Pound“ in Italien. Mitglieder der „Identitären“ pflegen regelmäßigen Austausch mit diesen. Die Schaffung „identitärer Räume“ ist von den Zielen der Sommerakademie 2015 noch am wenigsten vorangeschritten. In Österreich verfügt die Bewegung über Räumlichkeiten in Graz und Linz, für Wien war die Eröffnung eines Zentrum noch im Jahr 2017 angekündigt.

    In Deutschland ist das Haus in der Adam-Kuckhoff-Straße 16 gerade das zentrale Projekt. Betrieben und bewohnt wird es von Aktiven der IB-Ortsgruppe „Kontrakultur Halle”.

    Finanziert wurde das Projekt von der „Titurel Stiftung“, die auch als Förderinstrument für das IfS fungiert.

    Ansprechpartner der Stiftung ist Andreas Lichert, Vorsitzender des Landesverbands Hessen der AfD.34 Ein weiterer Mieter: Die Werbefirma Mosaik Kommunikation. Bei dieser ist Martin Sellner Inhaber der österreichischen Domains. Es ist zu vermuten, dass die IB über diese Firma ihre Videoproduktionen gegenüber anderen rechten Gruppen abrechnet.35

    Besonders in Halle ist eine zunehmende Aggressivität seitens der IB zu beobachten, seitdem sie über einen eigenen Rückzugsraum verfügen. So wurden auf dem Unicampus Antifaschist*innen bedroht und auch Zivibullen wurden (versehentlich) Ziel eines rechten Übergriffs, als sich die Faschisten mit Helm, Schild und Schlagstock auf die Jagd nach politischen Gegnern machte.36 37

    In eben diesem Haus betreibt der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider sein Abgeordnetenbüro. Allerdings lässt sich auch in München beobachten, wie die IB die Räume der rechten Burschenschaft Danubia für ihre Veranstaltungen nutzt. Dies ist durchaus naheliegend, sind Burschenschaften doch oft der erste Anlaufpunkte für Student*innen, die sich der „Neuen Rechten“ nah fühlen.

    Aufbau der Organisation und innere Autorität

    Zwischen 2012 und 2013 schossen regionale Ableger der IB auf Facebook wie Pilze aus dem Boden. Die wenigsten davon traten allerdings auch real in Erscheinung. Mitte 2014 wurde mit der Gründung des Vereins „Identitäre Bewegung Deutschland e.V.“ aber allmählich der Wildwuchs beseitigt und die IBD in einen formellen Rahmen gegossen.

    Den mittelfristig steht vor allem eines im Vordergrund: Der Aufbau und das Bekanntmachen einer in Ortsgruppen unterteilten, elitären Organisation. Ein Großteil der Unterlagen widmet sich daher den Themen Aufbau von Ortsgruppen und Gewinnung neuer „Aktivisten“.

    Von Einzeltreffen mit Interessierten, über die Organisation der Stammtische für neue Aktivist*innen, bis hin zu deren inhaltlicher Gestaltung gibt es genaue Handlungsanweisungen. Auch für das Malen von Transparenten, Verteilen von Flyern und sonstige Aktionen gibt die IB-Leitung ihren Mitgliedern alles vor. Ziel soll es sein, neue Aktivist*innen durch gut strukturierte Treffen und bis ins Detail geplante Aktionen zu beeindrucken.

    Wenige, aber gut vernetzt

    Nach eigenen Angaben hat die IB in Deutschland rund 400 Mitglieder. Die meisten davon sind aber wohl nicht aktiv. Nach Recherchen von Zeit Online gibt einen aktiven Kern von etwa 100 Aktivst*innen. Auch bei den Aktionen sieht man die dünne Personaldecke. Um im Dezember 2016 knapp 50 „Identitäre” zur Besetzung der CDU-Zentrale zu bekommen, musste die IB nicht nur im ganzen Bundesgebiet mobilisieren, etwa ein drittel der Teilnehmer waren gar aus Österreich angereist.

    Die Selbstinszenierung als Bewegung ist also leeres Geschwätz. Aber das macht die IB nicht ungefährlich. Das Ziel der IB ist es, Meinungen nach Rechts zu verschieben. So heißt es in den Papieren:

    Dabei kann die IB bei den von ihr verhassten „Altparteien“ anknüpfen. Mit racial profiling, Gewalt und rassistischer Hetze gegen Geflüchtete bereiten diese der IB den Boden. Die IB braucht gar keine echte Bewegung zu sein.

    Mit Rückenwind aus dem medialen Mainstream und der Regierung sammelt sie rechte Aktivst*innen, treibt Vernetzung voran und gibt den Rassist*innen eine Stimme. Thomas de Maizière fordert Leitkultur – die IB malt ein Transparent dazu und schließt so die Lücke zwischen dem Innenmister und dem Mob, der nachts Flüchtlingsheime anzündet.

    Entwurf einer Gegenstrategie

    Und was jetzt?

    Spätestens seit die „Identitäre Bewegung“ mit dem Schiff „C-Star“ gegen Seenotretter*innen vorgehen wollte, ist die Gruppe vielen ein Begriff. Trotzdem fehlt es immer noch an einer einheitlichen Gegenstrategie.

    Von dem von ihr propagierten völkischem Weltbild und ihrem teils versteckten, teils offenen Rassismus geht eine nicht zu unterschätzende Gefahr für all jene Menschen aus, die die IB für „Multikulti“ verantwortlich macht. Menschen mit Migrationshintergrund, mit oder ohne Aufenthaltsstatus, aber auch linke Strukturen.

    Dass die „Identitäre Bewegung“ es geschafft hat, auch im breiteren Mainstream wahrgenommen zu werden, liegt allerdings nicht daran, dass sie so hervorragend agitieren würde. Vielmehr profitiert sie von dem Rechtsruck in Europa. Die anhaltende Krise des Kapitalismus bedeutet eine zunehmende Prekarisierung, die so gut wie alle Lohnabhängigen in Europa zu spüren bekommen. Kurzarbeit, der Ausbau des Niedriglohnsektors und Kürzungen in den Sozial- und Rentensystemen schaffen Existenzängste. Die Rechte konnte diese Ängste bisher erfolgreich nutzen, um Geflüchtete als vermeintlich Schuldige für die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten verantwortlich zu machen.

    Hier müssen wir ansetzen. Abstiegsängste sind keine Einbildung, darüber täuscht die dauernde Propaganda, es gehe uns allen gut, nicht hinweg. Wenn wir nur die Rechten bekämpfen, nicht aber das kapitalistische System, das sie hervorbringt, werden wir keinen Blumentopf gewinnen. Antifa muss antikapitalistisch und klassenkämpferisch sein.

    Antifa gegen „soziale Medien“?

    Wir möchten konkrete Handlungsmöglichkeiten gegen die IB aufzeigen. Dabei sollte aber bedacht werden, dass nicht jede Aktion in jeder Situation sinnvoll ist. Diese Abwägung wird immer von regionalen Gegebenheiten, eigenen Ressourcen und der Einschätzung des Gegners abhängig sein.
    Das Hauptaktionsfeld der IB wird mittelfristig wohl Facebook bleiben. Jedoch ist sie hier schlecht angreifbar. Auch die meist heimlich geplanten, unangekündigten Aktionen bieten kaum Angriffsflächen, anhand derer ihre Praxis nachhaltig eingeschränkt werden kann.

    Zentral für unsere Gegenstrategie ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrer Politik, insbesondere dem „Ethnopluralismus“. Der Fokus dabei sollte darauf liegen, ihren Rassismus zu entlarven.

    Netzwerke entlarven!

    Die IB als Teil eines Netzwerks verschiedener Akteure der organisierten Rechten zu betrachten, ist eine wichtige Erkenntnis, um eine wirkungsvolle Gegenstrategie zu entwickeln. Dieses Netzwerk aufzudecken, zu zeigen, dass AfD und faschistische Fußtruppen eng zusammenhängen, ist ein erster Schritt, sie zu bekämpfen. Langfristig bringt uns das aber leider nicht unbedingt weiter. Das zeigt beispielsweise der Blick über die österreichische Grenze: Nazi-Kontakte sind kein Grund, nicht gewählt zu werden. Das liberale Bürgertum wackelt angesichts der Krise und vielleicht fällt es irgendwann. Wir dürfen also nicht darauf setzen, Demokratie und Menschenrechte gegen Nazis hochzuhalten, sondern müssen eine antikapitalistische, klassenkämpferische und vor allem internationalistische Bewegung aufbauen, die eine echte Alternative zur völkischen Hetze darstellt.

    Keinen Stammtisch den Faschisten!

    Einen wichtigen Teil unserer Praxis sehen wir in der Einschränkung ihrer Mitgliedergewinnung und deren Handlungsspielräume. Um sie an der Umsetzung ihrer Ziele nachhaltig zu hindern, können ein Feld für antifaschistische Interventionen zum Beispiel ihre Stammtische für neue Mitglieder sein. Durch gezielte Aktionen können diese in die Konspirativität gezwungen werden. Die IB sieht ihr Hauptrekrutierungsfeld in gut situiertem, akademischem Umfeld. Hier kann es gelingen, mögliche Interessent*innen abzuschrecken, da diese bisher mit Konsequenzen für ihr Handeln wenig in Berührung kamen. Ein weiteres Ziel antifaschistischer Aktionen können die Räumlichkeiten der „Identitären“ sein. Dabei ist es egal, ob durch direkte Angriffe oder durch öffentliche Diskreditierung Druck aufgebaut wird. Die Botschaft sollte klar sein: Naziräumlichkeiten betreten heißt Probleme bekommen.

    Verfügen sie über keine eigenen Räumlichkeiten, fällt dies deutlich leichter, da öffentlicher Druck auf den Besitzer aufgebaut werden kann, diese wieder vor die Tür zu setzten. Gerade hier ist es allerdings wichtig, sich mit der Theorie und Praxis der IB auseinander zu setzten, um ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, ihren Rassismus hinter dem Gerede von „Ethnopluralismus“ zu verstecken oder sich in ihren Phrasen der angeblichen Gewaltlosigkeit heraus zu reden.

    Outings?

    Wir haben ein gespaltenes Verhältnis zur Outingkultur in der linken Szene. Meist beruht sie auf dem Gefühl moralischer Überlegenheit und lässt konkrete Kräfteverhältnisse, Sinn und tatsächliche Wirkung außer Acht. Entscheidend für ein öffentliches Outing sind die realen Auswirkungen, die es auf rechte Aktivist*innen und Strukturen hat. So macht es keinen Sinn auf linken Plattformen wie Indymedia persönliche Daten von Nazis zu veröffentlichen, wenn darauf keine Aktion folgt. Ein Outing kann dann erfolgreich sein, wenn die Arbeit dieses konkreten Nazis darauf beruht, seine Gesinnung zu verbergen. Das gilt insbesondere für die „Identitäre Bewegung“. Viele ihrer zentralen Figuren treten auf Facebook, Instagram u.Ä. offen auf und sind leicht über das Internet zu finden. Trotzdem gibt es auch in dieser Organisation Rechte, die nicht mit rechter Propaganda in Verbindung gebracht werden wollen. Das bedeutet, dass wir genau diese Figuren herausstellen und sie in dem Umfeld outen sollten, in dem es ihnen am meisten schadet.

    Die Uni (zurück)erobern!

    Besonders an Hochschulen können Aktionen große Wirkung entfalten. Obwohl sie sicher nicht mehr die Hochburgen des linken Widerstandes sind, so finden linke Ideen bei einem großen Teil der Studierendenschaft doch Anklang. Die IB sieht die Bekämpfung emanzipatorischer Ideen der 68er Revolte als zentral und dementsprechend die Universitäten als wichtiges Kampffeld. Hier ist es entscheidend, auf Strukturen an den Unis einzuwirken, sie praktisch zu unterstützen und in antifaschistische Arbeit einzubinden. Zentral ist auch hier, immer wieder klarzustellen, dass „Ethnopluralismus“ Rassismus ist.

    Szenesumpf und Einheitsfront

    Wenn wir dem Rechtsruck effektiv entgegentreten möchten, müssen wir uns auch mit unserem bisherigen Auftreten auseinandersetzen. Natürlich ist im Aufeinandertreffen mit Anti- Antifa Aktivist*innen oder bei der direkten Aktion gegen Nazis und ihre Strukturen Vermummung nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Dies gilt aber eben nicht für alle Aktionen. Wenn wir bei jedem rechten Infostand mit schwarzen Kapuzenpullis auftauchen und uns hinter Transparenten verstecken, dann machen wir uns für die Menschen, die wir ansprechen wollen, unattraktiv und schaden uns am Ende selber.

    Ihre Propaganda effektiv zu stören und unsere Position zu stärken, bedeutet, Menschen zu aktivieren, die am kapitalistischen System genauso wie an Faschismus und Rechtsruck kein Interesse haben. Wir müssen klare Alternativen zu Rechts aufzeigen und eine Einheitsfront mit jenen Teilen der Gesellschaft schmieden, die bereit sind, sich den Faschisten in den Weg zu stellen. Dazu ist es nötig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie davon zu überzeugen. Wir müssen also ansprechbar sein. Das gilt für uns als Einzelpersonen auf der Straße genauso wie für uns als Strukturen. Sich hinter einem meterlangen „Deutschland Verrecke!“-Transparent zu verstecken, mag den ein oder anderen „Identitären” ärgern, aber überzeugt sicher keine neuen Leute. Besser ist es da, im Umfeld rechter Mobilisierungen Flyer zu verteilen, die die eigene Position herausstellen, und Menschen zu offenen Treffen oder anderen Anlaufpunkten für antifaschistische Organisierung einzuladen.

    Wie effektiv Massenaktionen gegen die IB sein können, zeigen die Aktionen gegen das Schiff der IB. Die „C-Star“ wurde in den Häfen Zarzis und Sfax von Arbeiter*innen und deren Gewerkschaften am Anlegen gehindert und geriet daraufhin kurzzeitig in Seenot. Arbeiter*innenorganisationen stehen nicht nur im historischen Bezug zur antifaschistischen Bewegung. Auch heute noch sind sie Teil dessen und müssen in unsere Kämpfe mit einbezogen werden.

    Unser Anspruch:

    Der Kapitalismus befindet sich in einer tiefen Krise. Millionen sind auf der Flucht vor der imperialistischen Aufteilung der Erde, vor Kriegen um Absatzmärkte, Rohstoffe und strategische Interessen. Währenddessen bläst das Kapital auch in den imperialistischen Zentren zum Generalangriff auf die Errungenschaften der Arbeiter*innenbewegung und das System Hartz4 macht Schule in ganz Europa. Aufgezwungen durch Austeritätspolitik wie in Griechenland oder im Konkurrenzkampf wie in Frankreich schreitet die Vereinzelung breiter Schichten immer weiter voran.

    Weite Teile der Gesellschaft befinden sich in Bewegung. Viel zu häufig geht diese allerdings nach rechts. In einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz beruht, in der jeder Mensch gezwungen ist, sich gegen die anderen durchzusetzen, treten viele einfach nach unten. Geflüchtete werden zum Feindbild erklärt und die Schuld an der eigenen Misere wird all denen zugeschrieben, die in der Hierarchie des Kapitalismus noch weiter unten stehen. All den rechten Parteien, Bewegungen und Organisationen, die im Windschatten dieser Entwicklung aus dem Boden sprießen, müssen wir als Antifaschist*innen entschlossen und mit allen Mitteln entgegentreten.

    Doch Antifa ist nicht alles. Und eine Organisierung, die immer das Maximalziel durchsetzen will, ist in der heutigen Phase nicht in der Lage, den Kampf gegen den Faschismus effektiv zu organisieren. Deshalb haben wir uns als Antifaschistischer Aufbau München (AA|MUC) zusammengefunden, um als Revolutionär*innen, egal ob anarchistisch, kommunistisch oder den Demokratischen Konföderalismus verfechtend, eine kontinuierliche Arbeit zu leisten. Bündnisse zu schmieden, in denen wir mit anderen gemeinsam auf die Straße gehen, ohne uns dabei in unseren Inhalten oder Mitteln einschränken zu lassen.

    Dem Faschismus entgegentreten bedeutet auch, sich mit Theorie und Praxis des politischen Gegners auseinanderzusetzen. Im Rahmen der Kampagne „Rechte Strukturen aufdecken, isolieren und angreifen“ setzen wir uns intensiv mit der „Identitären Bewegung“ auseinander und wollen unsere hieraus gezogenen Schlussfolgerungen mit anderen antifaschistischen Organisationen diskutieren. Bei aller Taktik muss allerdings eines klar sein: der Kampf gegen den Faschismus ist erst gewonnen, wenn das kapitalistische System zerschlagen und eine klassenlose Gesellschaft erreicht ist.

    Faschist*innen angreifen!

    Auf allen Ebenen!

    Mit allen Mitteln!

    Antifaschistischer Aufbau München
    Veröffentlicht 2018

    1. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/konservative-revolution.html ↩︎
    2. https://www.zeit.de/2016/29/armin-mohler-neue-rechte-afd ↩︎
    3. Fred David: „Ich bin ein Faschist“, Interview mit Armin Mohler, in: Leipziger Volkszeitung vom 25. November 1995, S. 2. ↩︎
    4. https://sezession.de/8033/fuenf-lehren-nachruf-auf-armin-mohler ↩︎
    5. https://sezession.de/46621/alain-de-benoists-mein-leben-erschienen-ein-ideengeschichtliches-kurzportrait ↩︎
    6. https://www.antifainfoblatt.de/artikel/frankreich-unit%C3%A9-radicale-die-stunde-null ↩︎
    7. http://derstandard.at/2000001315593/Rechter-Marsch-durch-unbelebte-Seitengassen-statt-durch-Begegnungszon ↩︎
    8. Martin Sellner in “Undercover_Inside Britain’s New Far Right” ↩︎
    9. https://www.stopptdierechten.at/2016/01/23/uberfall-in-graz-identitare-kader-beteiligt/ ↩︎
    10. https://recherchegraz.noblogs.org/post/2017/04/01/gewaltbereitschaft-der-identitaeren/ ↩︎
    11. https://www.identitaere-bewegung.de/category/unsere-aktivisten/ ↩︎
    12. https://www.wesearchr.com/bounties/defend-europe-identitarian-sar-mission-on-the-libyan-coast ↩︎
    13. https://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-ist-unter-dem-begriff-ethnopluralismus-zu-verstehen/ ↩︎
    14. NPD Parteiprogramm, Seite 31, 2. Auflage, März 2013 ↩︎
    15. http://www.michael-lausberg.de/index.php?menue=exclusiv&inhalt=ethnopluralismus ↩︎
    16. https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=354509344699206&id=161723267311149 ↩︎
    17. “I completely understand in the 1920 people said there is a jewish question”; “The American alt right, the American right is again do minated by this anti-Semitism, by the jewish question. Complete misunderstanding of the time. Complete strategical and theoreti cal failure in my opinion.” Martin Sellner, Undercover, Inside Britain’s New Far Right. Ab Minute 45 ca. ↩︎
    18. http://www.sueddeutsche.de/politik/fremdenhass-mehr-als-angriffe-auf-fluechtlinge-im-jahr-1.3395560 ↩︎
    19. “The British people, and you have all these people crowding in. You have the Pakis, you have those, you have the indigenous Brits and you become a minority in your own country. It’s the biggest crime ever. “Martin Sellner, ebd. ↩︎
    20. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf, Geleakte Dokumente, Seite 28 ↩︎
    21. http://www.identitaere-generation.info/?p=6261 ↩︎
    22. https://www.identitaere-bewegung.de/category/unsere-aktivisten/ Zugriff im Januar 2018 ↩︎
    23. https://alina-von-rauheneck.tumblr.com/post/159833375504/europa-der-name-und-die-erz%C3%A4hlung-unseres?is_highlighted_post=1 ↩︎
    24. http://www.sueddeutsche.de/panorama/vergewaltigung-wdie-wichtigsten-fakten-zu-sexueller-gewalt-1.2937498 ↩︎
    25. https://www.facebook.com/ibfrauen/photos/a.863379460384888.1073741828.863326133723554/1342369529152543/?type=3&theater ↩︎
    26. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf ↩︎
    27. Ebd. ↩︎
    28. Ebd. ↩︎
    29. Ebd. ↩︎
    30. https://publikative.org/2012/12/16/kampf-um-die-identitat-nazis-wollen-identitare-bewegung/ ↩︎
    31. https://stadtlandvolk.noblogs.org/post/2017/05/14/landeskongress-der-jungen-alternative-hessen-auf-dem-haus-der-marburger-burschenschaft-germania/ ↩︎
    32. Wir nehmen den Verfassungsschutz nur ungern als Quelle, schließlich ist er unter Nazis besser vernetzt als diese selbst, aber wir gehen davon aus, dass er faschistisches Potential eher unter-, als überschätzt und halten ihn deswegen an dieser Stelle ausnahmsweise mal für glaubwürdig ↩︎
    33. Die Chatprotokolle wurden auf linksunten indymedia veröffentlicht, leider wurde das Portal 2017 verboten ↩︎
    34. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf ↩︎
    35. https://lsa-rechtsaussen.net/ein-identitaeres-haus-fuer-die- kontrakultur-halle/ ↩︎
    36. Ebd. ↩︎
    37. https://dubisthalle.de/identitaere-bewegung-rechter-angriff-in- der-harz- mensa ↩︎
    38. https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/angriff-auf-polizisten- halle durch-identitaere-bewegung-100.html ↩︎
  • Wer sich bewegt…

    Wer sich bewegt…

    Wer sich bewegt…

    Dieser Text der Antifaschistischen Aktion (Aufbau) Stuttgart, der 2017 veröffentlicht wurde, ordnet die verschiedenen Aktionsformen im Protest gegen den Bundesparteitag der AfD 2016 in Stuttgart ein und bewertet die Repression im Zusammenhang damit.

    Über Antifaschismus und Repression anlässlich der Aktionen gegen den AfD-Bundesprogrammparteitag in Stuttgart am 30. April 2016

    Am 30. April und am 1. Mai 2016 hielt die AfD eines ihrer wichtigsten Treffen seit ihrer Gründung auf dem Messegelände in Stuttgart ab – ihren Bundesprogrammparteitag. Für die Gegenbewegung war die Organisation von Aktionen gegen dieses Event dementsprechend ebenfalls von besonderer Bedeutung.
    Die Rahmenbedingungen waren dabei von vorneherein ungünstig. Ort und Termin wurden recht kurzfristig bekannt und räumlich, in der Stuttgarter Peripherie auf den Fildern gelegen, war das Messegelände auch eher ungewohntes Terrain. Dennoch beteiligten sich Tausende am 30. April an den Gegenaktionen. Es gab verschiedenste Aktionen; neben einer Bündnisdemonstration mit mehr als 4000 Menschen und Kundgebungen vor der Messe gab es verschiedenste Menschenblockaden am Messegelände, eine Outingaktion in Stuttgart und militante Blockaden der Bundesstraße 27 und der Autobahn 8.
    Ebenso war der Tag geprägt von einer sorgfältig, auch schon im Vorfeld verbal aufgebauten Drohkulisse aus Hundertschaften, Wasserwerfern, Hubschraubern, einer riesigen Gefangenensammelstelle und Polizeikesseln mit hunderten Menschen.
    Mehr als ein Jahr ist seitdem vergangen und es flattern gelbe Briefe mit Vorladungen und Strafbefehlen ins Haus, die ersten Prozesse fanden bereits statt – Zeit für uns, nochmal einen Blick auf die Aktionen und die Repression dagegen zu werfen.

    War‘s das wert?

    Gerade vor dem Hintergrund hunderter Ingewahrsamnahmen, ED-Behandlungen und etlichen Strafverfahren stellt sich die Frage, ob die Aktionen dennoch als Erfolg zu werten sind. Man könnte böswillig argumentieren, was man denn anderes hätte erwarten sollen bei Hunderten, die sich an teils militanten Blockadeaktionen beteiligten. Wäre es nicht besser gewesen, hätte es nur die Massenproteste eines noch breiteren Bündnisses vor dem Versammlungsort gegeben? Keine konkreten Verhinderungsaktionen, sondern symbolischen Protest, vielleicht ein paar Eier und faules Obst, aber dafür auch keine großen Bullenangriffe, kaum Festnahmen und Strafverfahren. Oder hätte man das Feld doch besser Kleingruppen überlassen, die dann militant hätten agieren können? Weniger Menschen involviert, präzise durchgeführte Aktionen, maximaler Nutzen, kalkulierbares Risiko. Oder ist es nicht notwendig verschiedene Aktionsformen zu kombinieren? Massenaktionen, etwa im Rahmen eines Bündnisses und Raum für militantes Agieren stehen dabei nicht gegeneinander. Im Gegenteil, beides bedingt sich. Wenn neben Kundgebungen und Stellungnahmen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte auch militantere Aktionen und Aufrufe Teil von Protesten sind, ohne dass sich die eine Seite von der anderen distanziert, ist die Wahrnehmung nach außen viel eher die, dass sich nicht nur das „gute Gewissen der Nation“ gegen deren übelste Auswüchse auf die Straße bequemt. Ebenso kann so weniger leicht behauptet werden, dass ausschließlich „Krawalltouristen“ gegen „Was-auch-immer“ randalieren.
    Beim AfD-Bundesprogrammparteitag wurde beides angepackt, verschiedenste Aktionen auf der Messe trugen ebenso zum Erfolg des Tages bei und wurden von allen beteiligten Kreisen als wichtig begriffen, wie die Bündnisdemo mit über 4000 Menschen am Nachmittag in der Stadt. Ermöglicht wurde das, weil es in Stuttgart und Region bis hin zu einigen Teilen Baden-Württembergs verschiedenste antifaschistische Strukturen gibt, zwischen denen eine solidarische Zusammenarbeit seit Jahren praktiziert wird. Ob geschlossene Antifagruppen, Offene Treffen oder andere gesellschaftlichen Kräften alle verhielten sich ganz selbstverständlich zu der AfD-Veranstaltung und ermöglichten die Einbindung verschiedenster Menschen und Milieus.
    Sicher ist dabei nicht alles zu hundert Prozent rund gelaufen, die AfD blieb im wesentlichen geschützt von tausenden Bullen ungestört. Aber klar ist, dass es selbst nachdem die Bullen hunderte Menschen, die vor allem dem aktionsorientierteren Teil der Proteste angehörten, trotzdem noch große und erfolgreiche Aktionen gab. Demzufolge war auch die Rezeption der an den Aktionen teilweise erstmals beteiligten Menschen und Organisationen, sowie den über sie indirekt erreichten Kreisen vorwiegend positiv. Auch das mediale Echo umfasste neben den militanten Aktionen den breiten Charakter des Protestes. Für ein aktionsorientiertes Antifaspektrum waren viele praktizierte Aktionsformen und Herangehensweisen, die es in diesem Umfang im Südwesten in den vergangenen Jahren nicht gab, wiederum Erfahrungen, auf die in Zukunft immer wieder zurückgegriffen werden kann.

    Da geht doch noch mehr!?

    Zu diesen Erfahrungen zählt, dass tendenziell effektive Aktionen, wie das Blockieren der B27 und der A8 sicherlich eine größere Wirkung gehabt hätten, hätte es hier eine bessere Anbindung und Vermittlung an mehr Menschen gegeben. Von mehr als 600 Menschen, die eine S-Bahn-Station früher als die Bullen erwartet hatten ausstiegen, beteiligten sich nur wenige komplett an der Aktion.
    Wichtig ist auch festzuhalten, dass der frühe Vogel nicht unbedingt immer den Wurm fängt. Im Klartext: Wenn die Anreise der AfD‘ler erst gegen 8 Uhr wirklich los geht, ist es eher suboptimal bereits um 7 Uhr einen Stau auf dann noch relativ wenig befahrenen Fernstraßen zu erzeugen.
    Dennoch wurde insgesamt deutlich, dass es trotz einem massiven Aufgebot von über 1700 Bullen, mehreren Hubschraubern, Wasserwerfern, Absperrungen mit Hamburger Gittern und Stacheldraht sowie Pferde- und Hundestaffeln, mit der richtigen Taktik möglich ist, Nadelstiche und deutliche Akzente zu setzen ohne dabei alle Beteiligten massiver Repression auszusetzen. Hunderte Andere mussten indes aber auch die Erfahrung machen, dass gerade das mit der Repression angesichts einer massiven Übermacht niemals einfach ist. Jene, die um sieben Uhr morgens aus Bussen direkt an der Autobahnausfahrt Flughafen/Messe ausstiegen, anschließend kleinere Materialblockaden errichteten und Pyrotechnik zündeten, hörten nach wenigen Minuten auf, in Bewegung zu bleiben. Alle, die mit dem Vorgehen der baden-württembergischen Polizei der letzten Jahre schmerzhaft vertraut sind, wissen, dass es dann nur der gängigen Polizeitaktik entspricht, eine solche Menschenmenge zu kesseln, festzunehmen und in der vorbereiteten Riesen-GeSa mit ED-Behandlungen abzufertigen. Die Busanreisen machten unter den Festgenommenen dieses Tages den Großteil aus.
    Es ist uns aber wichtig, die Gründe für die Repression nicht bei jenen zu suchen, die sich durch beherzte Aktionen selbst in Gefahr bringen, ihnen gilt unsere volle Solidarität und unser Respekt. Denn wir ändern die Verhältnisse nur, wenn wir uns bewegen, ausprobieren und Erfahrungen sammeln und anwenden. Darum gehört zu unserer Solidarität aber auch die solidarische Kritik, etwa hinsichtlich der Repressionsanfälligkeit bestimmter Vorgehensweisen.

    Leider normal

    Dabei ist es nur logisch, dass Repressionsbehörden immer zuschlagen, wenn Kräfte aktiv werden, die dem kapitalistischen System nicht integrierbar gegenüberstehen und nicht kontrollier- und einsehbar sind. Wir bringen die Hetze der AfD mit diesem herrschenden System und der Politik der anderen bürgerlichen Parteien in Zusammenhang. Darum steht uns der bürgerliche Staat natürlich auch in unserem antifaschistischen Kampf unversöhnlich gegenüber. Er ist trotz Lippenbekenntnissen und BündnispartnerInnen innerhalb einiger Gliederungen von SPD, Grünen und der Partei Die Linke niemals ein Ansprechpartner für unsere Politik.
    Im Gegenteil: Er wird uns wieder und wieder seine Schergen aufden Hals hetzen. Das wird aller Voraussicht nach auch noch eine ganze Weile so bleiben. Vielleicht verschärft sich das von Zeit zu Zeit etwas, vielleicht werden die Schrauben mal etwas gelockert. Aber mit Repression haben in einem kapitalistischen System erst einmal alle zu rechnen, die sich am Widerstand gegen dieses in welcher Form auch immer beteiligen.
    Repression ist dabei alltäglich, wird aber anlässlich von großen Mobilisierungen wie der gegen den AfD-Bundesprogrammparteitag immer besonders sichtbar. Wenn wie hier ein Bündnis aus Antifa-Gruppen mit anderen Initiativen bis hin zu Gliederungen bürgerlicher Organisationen Aktionen organisiert und es groß angelegte Antifa-Mobilisierungen gibt, diese Kräfte sich aber nicht etwa negativ aufeinander beziehen, sondern sich, wie zuvor beschrieben, als ergänzende Kräfte des Widerstands begreifen, dann ist das für die Repressionsorgane keineswegs ein Grund, zu kapitulieren. Das heißt nur, dass einige ihrer Werkzeuge nochmal an Bedeutung gewinnen, besonders ihre Propaganda. So wurde im Falle des 30. April 2016 schon vorab angekündigt, dass sich die Polizei durch ein massives Aufgebot an Bullen und diversen Hilfsmitteln auf Ausschreitungen vorbereite. Sogar der Einsatz von Wasserwerfern, die seit dem „Schwarzen Donnerstag“ der Proteste gegen S21 im Jahr 2010 in Stuttgart tabu waren, wurde angekündigt. Vermittelt werden sollte zum einen, dass sich „rechtschaffene Bürger“ besser zweimal überlegen sollten, sich an den Aktionen zu beteiligen, wollten sie nicht Gefahr laufen mit „linken Chaoten“ in einen Topf geworfen zu werden. Zum anderen stellten Polizeipressestellen den einzelnen Bullen auf der Messe so einen Freibrief aus, etwa für die Verhaftung von Journalisten und der Beschlagnahmung ihrer Fotos.
    Aber auch ansonsten hielten sich die Einsatzkräfte noch weniger zurück als sonst. Nicht genug, dass sie Hunderte von uns zusammenknüppelten, stundenlang festhielten und mit ihren Maßnahmen schikanierten, wurden sie noch mehr als sonst sexistisch übergriffig. Dazu kamen anlasslose Prügelattacken in Käfigen in den Hallen der GeSa – weitab von jeglicher Öffentlichkeit in Form von Journalisten oder Vertretern bürgerlicher Organisationen, die die Bullen oft zumindest noch von den offensichtlichsten Widerlichkeiten zurückschrecken lassen.
    Die Steigerung solcher Vorfälle ist in Baden-Württemberg in den letzten Jahren zu beobachten und leider im Rahmen eines bürgerlich-kapitalistischen Repressionsapparats nicht verwunderlich. Was nicht heißt, dass wir uns dagegen nicht unmittelbar zu Wehr setzen könnten. Natürlich hätten gerade die sexistischen Übergriffe, aber auch die Prügelattacken im Nachhinein mehr öffentlich skandalisiert und aufgearbeitet werden müssen. Doch unser Umgang damit und der direkt erfahrenen Repression generell fängt nicht erst mit der Nachbereitung von Aktionen an . Am 30. April 2016 wurde deutlich, dass es in der Praxis im Polizeigewahrsam teilweise an einem kollektiven und solidarischen Handeln mangelt. Es ist klar, dass solche Situationen individuell immer sehr belastend sind und es schwer fällt einen klaren Kopf zu bewahren. Doch gehört es zu einem konsequenten Umgang mit Repression, nicht nur keinerlei Aussagen zu machen und Unterschriften zu verweigern, sondern auch die beabsichtigte Vereinzelung durch kollektives Verhalten zu durchbrechen. Wir sind weder Opfer noch ist es wichtig oder sinnvoll, sich individuell oder kollektiv als unschuldiges Opfer von Polizeiwillkür darzustellen. Es bieten sich auch in der GeSa oder im Kessel immer wieder Möglichkeiten, sich nach innen und gegebenenfalls auch nach außen als kollektiv handelnd, solidarisch, selbstbewusst und widerständig zu zeigen.

    Wann, wenn nicht immer?

    Diese Grundhaltung muss sich auch beim juristischen Nachspiel durchziehen. Neben dem Öffentlichmachen, dem bewussten politischen Führen und der Begleitung von Gerichtsprozessen, muss auch die spektrenübergreifende Solidarität praktisch werden. Auch hier wirft uns die bürgerliche Justiz immer wieder Stöcke zwischen die Beine. So wird etwa wie bei der Repression anlässlich des AfD-Bundesprogrammparteitags durch die gezielte Anwendung des Jugendstrafrechts in Kollektivverfahren und die damit oft verbundene Nicht-Öffentlichkeit von Prozessen, eine umfassende Begleitung verhindert.
    Andererseits macht sich der bürgerliche Staat die Kollektivität unseres Handels auch zu Nutze. So ist gerade bei den Vorladungen wegen des 30. April 2016 immer wieder der Vorwurf der aus der Kollektivität konstruierten „Nötigung“ zu finden, aber auch wie in den vergangenen Jahren insgesamt zunehmend zu beobachten, der des „(schweren) Landfriedensbruchs“. Solche Konstrukte und Tatbestände zielen vor allem auf die Niederhaltung von kollektivem und fortschrittlichem Widerstands und geben den Ermittlungsbehörden und Gerichten ein besonders einfach zu handhabendes Instrument an die Hand, um unsere Aktionen massenhaft zu kriminalisieren.
    Dennoch trifft es nicht nur einzelne, denn gemeint sind immer wir alle. Zeigen wir uns solidarisch – politisch wie praktisch. Gründen wir Soli-Komitees, sammeln wir Geld, stehen wir den Betroffenen bei.
    Und: Lassen wir uns nicht einschüchtern. Bleiben wir aktiv, so wie es notwendig und sinnvoll ist. An jedem Ort, 365 Tage im Jahr.

    Viel Glück und viel Erfolg – und sowieso: Solidarität!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Veröffentlicht 2017

  • Formelhafte Verdichtung

    Formelhafte Verdichtung

    Formelhafte Verdichtung

    „Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ – heißt die unter dem Namen „Dimitroff-Definition“ bekannte und in der antifaschistischen Bewegung wohl meist diskutierte Charakterisierung des Faschismus an der Macht. Mehr über deren Entstehungsgeschichte und eine kritische Diskussion ihrer Stärken und Schwächen liefert der folgende Text des marxistischen Historikers Kurt Pätzold aus der Jungen Welt 2015.

    Der »Dimitroffschen« Bestimmung dessen, was Faschismus sei, wird seit je Unzulänglichkeit vorgehalten.

    Wenn heute Marxisten oder Menschen, die an einem tiefen, scharfen Blick in die deutsche Geschichte interessiert sind, über den Faschismus reden, taucht nahezu unvermeidlich die Frage auf, was von der »Dimitroffschen« Definition des Faschismus zu halten sei und ob ihr noch irgendein Wert zugeschrieben werden könne. Sie lautet: Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.

    Zunächst: Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff ist mit Sicherheit nicht der Schöpfer dieser Kennzeichnung. Sie wurde erstmals im Dezember 1933 auf einer Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale in Moskau vorgetragen. Da findet sie sich in einem Referat, das der Finne Otto Kuusinen hielt – seit 1921 arbeitete dieser als einer der Sekretäre des Exekutivkomitees der Komintern. Und auch in einer von den Delegierten angenommenen Resolution. Zu diesem Zeitpunkt war der deutsche Faschismus etwa zehn Monate an der Macht, und Dimitroff befand sich im Gefängnistrakt des Leipziger Reichsgerichtshofes, der ihn und zwei seiner Genossen der Reichstagsbrandstiftung beschuldigte. Dass die Begriffsbestimmung dennoch ihm zugeschrieben wurde, geht wohl auf die Tatsache zurück, dass Dimitroff, inzwischen freigekämpft, nach Moskau zurückgekehrt und Vorsitzender des Exekutivkomitees geworden, in seinem Bericht vor dem VII. Weltkongress der Komintern diese Definition im Sommer 1935 wiederholte und sie dadurch unter Kommunisten, später auch über sie hinaus, populärer machte, als sie nach ihrer ersten Erwähnung geworden war.
    Die Autoren der Bestimmung sind namentlich unbekannt, dürften jedoch zum Apparat der Weltorganisation gehört haben. Im Grunde hatten sie Kenntnisse und Erkenntnisse verdichtet, die in den Kämpfen während der Jahre zuvor gewonnen worden waren. Ihre Definition bildete und blieb eine Herausforderung derer, die sich vom Faschismus verzerrte Bilder machten, Illusionen über ihn pflegten. Und mehr noch war sie es für jene, die ein Interesse besaßen, den Charakter des Faschismus zu vernebeln. Mit dieser Charakteristik wurden Interpretationen wie die derjenigen, die ihn als die Macht einer Clique politischer Abenteurer auf eigene Rechnung ausgaben, in ihm die Herrschaft des Kleinbürgertums zu erkennen glaubten oder ihn als Ausdruck und Sieg des Volkswillens missverstanden, abgewiesen. Der Kern der Aussage lautete, dass der Faschismus an der Macht die Herrschaft einer bestimmten Gruppe des Finanzkapitals sei.
    Unausgesprochen war damit auch festgestellt, dass dieser Staatstyp eine weitere politische Ausprägung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft darstellte, also nichts weniger war als das Produkt einer Revolution. Das genügte, um alle Apologeten des Kapitals zu mobilisieren. Ließen sich auch Thesen, wonach diese Macht so etwas wie ein Bankert oder eine Missgeburt sei, nicht durchsetzen, so wird doch nach wie vor versucht, sie als Produkt eines Zufalls, als Sonderfall oder, wie durch einen Berliner Politikwissenschaftler geschehen, als Ausnahmefall auszugeben.

    Offen terroristisch

    Wer die Begriffsbestimmung des Jahres 1933 heute diskutiert, muss mitdenken: Erstens sind Definitionen immer eine Abstraktion und, wenn sie im gelungenen Falle auch die wesentlichen Kennzeichen einer Sache hervortreten lassen, sind sie stets ärmer als die Theorie, deren Konzentrat sie ja abgeben, und diese wieder ist ärmer als die Wirklichkeit. Wer versucht, eine komplizierte Erscheinung, die der Faschismus ist, treffend, knapp und einprägsam zu charakterisieren, muss gewärtig sein, dass ihm »nachgewiesen« wird, dass er diese oder jene Seite nicht oder nicht gebührend beachtet und bewertet habe. Doch übersteigt eine allseitige Kennzeichnung die Möglichkeiten des Vorhabens. Zweitens war die dem Faschismus gegebene Definition nicht nur dazu bestimmt, eine Erkenntnis konzentriert zu vermitteln, sondern Massen eine Orientierung für ihre politischen Kämpfe zu liefern. Dazu musste sie denen sprachlich verständlich sein. Drittens hatte sie, das wurde schon erwähnt, dem Anspruch zu genügen, die eigene gedankliche Position klar von anderen, von ihr abweichenden oder ihr entgegengesetzten, abzugrenzen. Endlich, viertens, kann sie nicht gerecht beurteilt werden, wenn nicht bedacht wird, dass der Faschismus in den folgenden zwölf Jahren seiner Existenz als Staats- und Kriegsmacht Züge annahm, die schwärzeste Pessimisten nicht vorauszuahnen, auch scharfsinnigste Wissenschaftler nicht vorherzusehen vermochten.
    Dies bedenkend, soll die umstrittene Definition kritisch diskutiert werden. Die Aussage, dass der Faschismus an der Macht eine Diktatur ist, zieht niemand, der ernst genommen werden will, in Zweifel. Gleiches gilt für die Feststellung, dass der Terror das Hauptinstrument ist, dessen sich diese Macht bediente, und dies während der gesamten Dauer ihrer Existenz. Anders steht es mit der Feststellung, dass es sich dabei um eine offene terroristische Diktatur handelte – eine Präzisierung, die nur Sinn macht, wenn sie von nicht offenen Formen der Anwendung von Terror abgehoben werden soll.
    Doch haben beispielsweise die deutschen Faschisten den Terror immer offen und abschreckend zur Schau gestellt? 1933 taten sie das, und sehr wahrscheinlich ist die Formulierung gerade unter diesen Eindrücken der Massenverhaftung von Antifaschisten, der Errichtung der Konzentrationslager, der Todesurteile durch Gerichte zustande gekommen. Doch im weiteren Verlauf ihrer Herrschaft versuchte die Hitlerführung, ohne auf die drohend wirkende Bekanntmachung ihrer bis zu Justizmorden reichenden Unterdrückungsmethoden zu verzichten, sich dennoch einen gesitteten Anschein zu geben. Vorbereitung und Verlauf der Olympischen Spiele 1936 zeugen davon. Das
    änderte sich jedoch wieder in der Phase der Expansion, die mit dem »Anschluss« Österreichs erreicht war, und der unmittelbaren Kriegsvorbereitung, und dann noch einmal, als die faschistische Macht – im Wissen um ihr nahes Ende – das eigene Volk gnadenlos zu weiterem Widerstand antrieb.

    Interessenten und Nutznießer

    Die weitere Bestimmung der Diktatur als jene von »Elementen des Finanzkapitals« ist uneindeutig. Für jeden bürgerlichen Staat, sei er konstitutionelle Monarchie, Militärdiktatur, Republik, trifft zu, dass die Eigner und Manager des Kapitals die Hebel der Staatsmacht nicht selbst betätigen. Würden sie das tun, enthüllten sie das bestgehütete Geheimnis, das um jeden dieser Staatstypen dicht gewoben ist und gepflegt wird. Es herrscht Arbeitsteilung vor, die jedoch nicht verabsolutiert wird und nicht ausschließt, dass Bourgeois gelegentlich Ministerämter übernehmen, Wirtschaftsführer zustaatlichen Beraterstäben formiert oder in sie einbezogen werden und Konzerngewaltige in
    Personalunion Staatsfunktionen übernehmen.

    Der Faschismus an der Macht hat in der Vorkriegszeit und mehr noch unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft diese Praxis im Interesse vor allem der Steigerung der Rüstungsproduktion verstärkt ausgeübt. Doch am Prinzip der Arbeitsteilung änderte das nichts. Und also wäre die Formulierung, »Der Faschismus an der Macht ist eine terroristische Diktatur, deren Hauptinteressenten und Hauptnutznießer Gruppen des Finanzkapitals sind« gegen Missverständnisse besser geschützt gewesen als die 1933 gewählte.
    Damit ist das Wesentliche gesagt und nicht bestritten, dass es darüber hinaus politische und ökonomische Profiteure dieser Macht aus anderen Kreisen des Kapitals und weiteren Schichten, beispielsweise der Beamtenschaft und den Militärbefehlshabern, gibt. Unbestritten ist auch – das Jahrzehnt der faschistischen Regimes hat das grausam bestätigt –, dass es Kreise des Finanzkapitals waren, die am meisten reaktionär, chauvinistisch und imperialistisch waren, die den Faschismus einst favorisierten, ihn auf dem Wege an die Macht unterstützten und dann mit dieser Macht beständig und eng kooperierten. Dieser Tatbestand wurde nach 1945 gerichtsnotorisch und zwar durch Gerichtshöfe der USA. Die stellten in den Nürnberger Nachfolgeprozessen fest, dass exponierte Angehörige kapitalistischer Großunternehmen im Krieg Verbrechen begangen hatten und verurteilten sie auch zu Haftstrafen.

    Blindstelle Massenanhang

    Jeder, der die Geschichte der Faschismusforschung vorurteilsfrei verfolgt, wird, und dies namentlich, wenn er deren verschiedene Wege und Strömungen vergleicht, den kommunistischen Beitrag als verdienstvoll anerkennen. Wo aber lagen dessen Schwächen? Die Autoren konnten sich nicht entschließen auszudrücken, dass die Faschisten an der Macht sich – anders als Politiker an der Spitze bürgerlich-demokratischer Staaten und auch Militärdiktaturen – auf eine nach Millionen zählende Gefolgschaft stützen konnten, die sie aktivierten und ohne die sie nicht annähend jene Stabilität und Aktionsfähigkeit erlangt hätten, die ihr Regime kennzeichneten.
    Dieser »Verzicht« hatte eine lange Vorgeschichte. Niemandem fiel es wohl schwerer als den Kommunisten sich einzugestehen, dass sich Millionen von Werktätigen zu verlässlichen Gefolgsleuten der Faschisten gemacht hatten oder sich zu deren Instrumenten machen ließen. Wo die zutage liegende Tatsache erwähnt wurde, schrieben Antifaschisten sie den Lügen der faschistischen Demagogen zu, den raffinierten Erzeugern von Irrungen und Verwirrungen im Massenbewusstsein und Massenverhalten. Noch 1935 war in den Reihen der Kommunisten, aber auch anderer Nazigegner der Glaube nicht aufgegeben, dass Erfahrungen mit der Diktatur die Wende dieser Entwicklung bringen werden. Den schien zu stützen, dass gerade im dritten Jahr der Existenz des faschistischen Regimes in Deutschland akute wirtschaftliche Mangelerscheinungen – eine Folge der Devisenkonzentration auf rüstungswichtige Importe – in der Bevölkerung Unmut auslösten.

    Wesentlich war die Blindstelle oder das »Loch« in der Definition des Faschismus aber dadurch verursacht, dass die Massenbasis der Diktatur einzig als Produkt aus Terror und Demagogie angesehen wurde, nicht aber als das von Korruption (Erfolgsbestechung), vor allem erzeugt durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Zu diesem Komplex gehört auch die Wirkung der politischenMaßnahmen, die als Erfolge und Schritte zur Wiederherstellung von Deutschlands Größe ausgegeben wurden – die »Heimkehr« des Saargebiets, die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, der Aufbau einer modern ausgerüsteten Armee, der »Anschluss« Österreichs und die Einverleibung des Sudetenlandes.

    Alleinstellungsmerkmale

    Der Haupteinwand, der gegen die Definition des Jahres 1933 bzw. 1935 erhoben wird, bezieht sich aber darauf, dass in ihr der faschistische Antisemitismus und seine Rolle im Regime unerwähnt blieb. Das wird als Beweis dafür ausgegeben – um nur die Minimalvariante der Vorwürfe zu benennen –, dass kommunistische Kritik den Blick nicht auf dieses Feld faschistischer Ideologie und Politik gerichtet habe. Keinem Kritiker scheint aufzufallen, keiner bemängelt, dass die Definition auch vom Antikommunismus kein Wort sagt und der hat in Wort und Praxis der Faschisten auf dem Wege zur Macht und bei deren Befestigung unstreitig eine noch größere Rolle gespielt als der hasstriefende Antisemitismus und die Anfänge der gewalttätigen Judenverfolgungen. Dennoch nimmt sich die Kritik angesichts der »Erfahrung Auschwitz« glaubwürdig und überzeugend aus.
    Doch: War auch die Ideologie der Faschisten judenmörderisch, es existierte 1933/35 nicht einmal in den Köpfen derer, die ihn später verwirklichten, ein Plan der Massenvernichtung der Juden. Das verfolgte strategische Ziel war ihre Vertreibung aus Deutschland, bei dessen Durchsetzung viele Etappen zurückzulegen waren. Im Sommer des dritten Jahres der faschistischen Diktatur lebten im Reichsgebiet noch viele sogenannte geschützte Juden, die als anerkannte Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges eingestuft waren. Doch bald lösten die Faschisten die anfänglichen Bremsen ihrer judenfeindlichen Politik, und deren Eskalation beschleunigte sich fortan. Mit der Erfahrungsmasse des Jahres 1935 gehörten Antikommunismus, Antisemitismus, dazu Antidemokratismus und Antiliberalismus in eine Definition der faschistischen Ideologie, die etwas anderes verlangte und darstellte als die des Faschismus an der Macht. Mit dem Beginn des Massenmordens, das 1941 auf sowjetischem Territorium einsetzte, gehört der eliminatorische Antisemitismus auch in jede Faschismusdefinition, die ohne die Begriffe barbarisch und bestialisch – auch mit dem Blick auf das Sterben der Kriegsgefangenen und den Terror in den eroberten Gebieten – nicht geschrieben werden kann.

    Doch geht es in der Diskussion über den Faschismus, die in der Bundesrepublik Deutschland nicht in Permanenz gefühlt wird, aber immer wieder einmal entbrannt ist, schon nicht mehr darum. Der gemeinhin als Holocaust bezeichnete Massenmord an den europäischen Juden, der bis zur Tötung des letzten Juden fortgeführt worden wäre, wären die Armeen der Alliierten den Verbrechern nicht noch in den Arm gefallen, gilt inzwischen als das Hauptkennzeichen des deutschen Faschismus. Und da die anderen faschistischen Regime dieses Programm nicht auch besaßen, wie sehr sie bei seiner Verwirklichung den Deutschen auch geholfen haben mochten, wird die geschichtlich beispiellose Untat im neudeutschen, Kenntnisse vortäuschenden Sprachgebrauch zum Alleinstellungsmerkmal aufgeblasen.
    Daraus folgt dann die Unmöglichkeit, dieses deutsche Regime mit dem Begriff »Faschismus« zu bezeichnen. Das ergäbe eine ungerechtfertigte Gleichsetzung mit weniger barbarischen Systemen wie dem italienischen und also eine Beschönigung des deutschen Regimes. Damit wird jener Etikettenschwindel gerechtfertigt, von dem eingangs schon geschrieben wurde, aber ungleich mehr erreicht. Mit der These vom Judenmorden als dem Hauptcharakteristikum des deutschen Regimes ist nicht nur dessen Einzigartigkeit behauptet, sind nicht nur Hitler, Himmler und Heydrich samt ihrer judenfeindlichen Rassetheoretiker als alleinige Architekten dieses Staatstyps und seiner Politik markiert, sondern das imperialistische Wesen und Programm aus dem Zentrum aller Betrachtungen gerückt. Und mit ihnen die Fragen nach der Kontinuität deutscher Politik in einer Zeitspanne, die vom Kaiserreich bis nahezu in die Mitte des 20. Jahrhunderts reicht. Einzig der Wahn einer Politikergruppe wird zum Ursprung dessen erklärt, was die Welt seit 1933 und vor allem seit 1939 erlebte.

    Räuberischer Imperialismus

    Nun sind Tatsachen ein hartes Ding, und zu ihnen gehören die Feldzüge der faschistischen deutschen Wehrmacht an Weichsel und Bug, zum Nordkap, an den Rand der Pyrenäen, zum Mittelmeer, nach Nordafrika und in Richtung Suezkanal, schließlich bis in das Vorfeld Moskaus, nach Stalingrad und zu den Höhen des Kaukasus. In keiner Phase dieser Eroberungen sind Judenverfolgung und Judenmorde vor den Plan der Schaffung des großgermanischen Weltreiches gerückt. In diesem Reich sollte kein Jude leben. Beides war im Denken wie in der Politik der deutschen Imperialisten, die Hitler anführte, fest verankert.
    Doch wenn diese Momente kollidierten, erhielten die Kriegshandlungen und Eroberungsziele den Vorzug, etwa vor dem Transport von deutschen und ausländischen Juden in das für »judenfrei« erklärte Reich, als dort die Arbeitskräfte rar geworden waren, der Nachschub aus den zuvor besetzten Gebieten Europas nicht mehr herbeigeschafft werden konnte und Industrieanlagen unter die Erde verlegt werden sollten, um sie Luftangriffen zu entziehen. Von den ersten bis in die letzten Tage der Existenz des faschistischen deutschen Regimes wurde gewacht, dass die judenfeindlichen und judenmörderischen Maßnahmen der Gesamtbewegung und dem Hauptziel des Systems eingeordnet blieben.

    Dennoch besitzt die formelhafte Verkürzung des faschistischen Deutschen Reiches auf den Begriff »judenmörderisches System« alle Aussicht auf Dauer. Denn erstens wird der Blick auf Auschwitz noch auf Generationen hinaus die Nachgeborenen – menschlichen Anstand und eine Phantasie vorausgesetzt, die sich Leiden vorzustellen vermag – an die abscheulichsten Verbrechen erinnern, die im Buch deutscher Geschichte stehen. Zweitens lässt sich diese Formel leicht merken und mit Bildern und Vorstellungen stützen, und dies ungleich leichter als die Definition der Komintern samt ihrer notwendigen Ergänzungen und Korrekturen. Deren Aneignung verlangt die Beschäftigung mit einem komplexen Gegenstand und also geistige Anstrengung. Drittens lässt sich diese Formel als nationales Schuldbekenntnis vorweisen, als Zeugnis für »bewältigte deutsche Vergangenheit«.
    Dafür ist die Definition des Jahres 1933 absolut ungeeignet. Wenn sich aus ihr Schuldige herauslesen lassen, dann sind es Kleingruppen von Politikern und Mächtigen der kapitalistischen Wirtschaft. Anderes ergäbe sich erst, wenn, wie erwähnt, die Massenbasis des Regimes markiert würde.

    Aus: junge Welt, Ausgabe vom 9. Oktober 2015, Seite 12. Vorabdruck aus der Einleitung einer Ende 2015 vom Autor herausgegebenen Quellenedition mit 62 Texten, »deren Autoren die Nazidiktatur als das benannten, was sie war: Eine spezielle Ausformung bürgerlicher Herrschaft. Die Auswahl enthält Reden und Aufsätze aus den Jahren 1922 bis 1945 unter anderem von Theodor W. Adorno,Hannah Arendt, Otto Bauer, Ernst Fraenkel, Daniel Guérin, Hermann Heller, Max Horkheimer, Georg Lukács, Wilhelm Reich, August Thalheimer, Palmiro Togliatti und Leo Trotzki.« (jW) – Kurt Pätzold: Faschismus-Diagnosen. Berlin 2015, Verlag im Park, 139 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 978-3-945187-42-5.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2015

  • Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Durch die Stimmungsmache gegenüber Muslimen, die vom Stammtisch bis zum Feuilleton als Gründer von „Parallelgesellschaften“, bildungsunwillige „Leistungsverweigerer“, potenzielle Gewalttäter und „Sozialschmarotzer“ verunglimpft werden sowie durch die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zu einem überraschenden Erfolg geführten Volksinitiative für ein Minarettbauverbot hat der Begriff „Rechtspopulismus“ auch hierzulande neue Aktualität gewonnen. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass der Kampf gegen Moscheebauten, „Ehrenmorde“ und die „Islamisierung“ Deutschlands bzw. Europas künftig ein Hauptagitationsfeld für rechtsextreme bzw. -populistische Gruppierungen bilden wird.

    Was ist Rechtspopulismus?

    Der inflationär verwendete Populismusbegriff ist aus zwei Gründen schillernd und unscharf. Einerseits fallen darunter häufig link(sradikal)e genauso wie recht(sextrem)e und basis- bzw. radikaldemokratische genauso wie antidemokratische Strömungen, was seine Offenheit für unterschiedliche Strategien und Taktiken signalisiert, aber auch inhaltliche Mehrdeutigkeit, Verschwommenheit und Konturlosigkeit bedingt. Andererseits wird häufig so getan, als sei „Rechtspopulismus“ das demokratisch geläuterte, zumindest sehr viel moderatere Pendant zum Rechtsextremismus, nicht etwa nur eine Spezialform desselben. Dies bringt jedoch weitere Abgrenzungsprobleme mit sich, ohne gleichzeitig mehr terminologische Klarheit zu schaffen. Missverständlich ist der Populismusbegriff insofern, als dafür zwei unterschiedliche Deutungsmuster existieren.
    Das in der Forschungslandschaft wie in der Fachliteratur klar dominante Deutungsmuster begreift Populismus als Politik(vermittlungs)form und Regierungsstil, welcher von Personen, Parteien oder Koalitionen ganz unterschiedlicher Couleur praktiziert werden kann, was man ggf. mittels der Differenzierung zwischen Links- und Rechtspopulismus zum Ausdruck bringt. Nach herrschender Lehre charakterisiert der Populismus gar nicht die Politik einer Partei, sondern nur die Art, wie sie gemacht und/oder „an den Mann gebracht“ wird.
    Ein gewisses rhetorisches Talent und die argumentative Demagogie seiner führenden Repräsentanten sind auffällige Merkmale des Populismus, aber nicht für ihn konstitutiv. Nach größerer Popularität zu streben, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ und komplexe Zusammenhänge leicht verständlich darzustellen, ist höchstens dann populistisch, wenn damit die Manipulation von Menschen zugunsten einer privilegierten Minderheit verbunden ist. Unbefriedigend bleibt eine bloße Formaldefinition für Populismus, wenn sie keinerlei inhaltliche Festlegung enthält. Die Bezeichnung eines Parteiprogramms als „populistisch“ ist sowenig aussagekräftig wie der Begriff „Protestpartei“, weil in beiden Fällen keine Aussage über die dahinter steckende Ideologie getroffen wird.

    Das andere Deutungsmuster versteht unter Populismus eine stärker inhaltlich bestimmte Konzeption, die aufgrund ihrer Konstruktion eines (ethnisch) homogenen Volkes, das sie den „korrupten Eliten“ gegenüberstellt, mit einer linken Weltanschauung bzw. deren Hauptströmungen – Sozialismus, Reformismus und Kommunismus –, die Klassen und Schichten zu Basiskategorien ihrer Topografie der Gesellschaft machen, unvereinbar ist, aber mit den bürgerlichen Grundrichtungen – Liberalismus und Konservatismus –, die zwischen den genannten Großgruppen keine Interessengegensätze zu erkennen vermögen, durchaus harmoniert. Rechtspopulismus wäre für diese Orientierung zwar der treffendere Begriff, was allerdings nicht ausschließt, dass sich auch Strömungen der „Mitte“ oder der Linken zumindest vorübergehend solcher Argumentationsmuster und entsprechender Agitationstechnikenbedienen. Populismus ist mehr als eine Stilfrage und eine Agitationstechnik, worauf schon die Etymologie des Terminus verweist, denn die ursprüngliche Wortbedeutung lässt den Anspruch damit Bezeichneter erkennen, Politik im Namen des Volkes und/oder für das Volk zu machen. Je nachdem, ob man diese
    Zielgruppe im Sinne von „ethnos“ oder „demos“ versteht, bildet das „eigene“ oder das „gemeine Volk“ den Fixpunkt.

    Zwar haben Rechtspopulisten nur wenig Hemmungen, ihrerseits – etwa als Parlamentsabgeordnete oder Minister – die Privilegien der Mächtigen und Regierenden in Anspruch zu nehmen, verlangen von diesen jedoch, sich nicht persönlich zu bereichern, sondern selbstlos „der Sache des Volkes“ zu dienen. Rechtspopulisten stellen zwar die soziale Frage, ohne sie jedoch überzeugend zu beantworten. Meistens verknüpfen solche Gruppierungen die soziale mit der nationalen Frage, obwohl eine Verbindung von sozialer und demokratischer Frage nötig wäre, um sie zu lösen.
    Der moderne Rechtsextremismus hat sich spürbar modernisiert, programmatisch erneuert und vom Nationalsozialismus mehr oder weniger überzeugend distanziert sowie aufgrund der Vielfalt von ihm mittlerweile besetzter Handlungsfelder, Aktionsformen und  Organisationszusammenhänge erheblich ausdifferenziert. Als rechtspopulistisch sollten nur jene (Partei-)Organisationen, Strömungen und Bestrebungen bezeichnet werden, die den Dualismus von „Volk“, „Bevölkerung“ bzw. „mündigen Bürgern“ und „Elite“, „Staatsbürokratie“ bzw. „politischer Klasse“ zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Agitation und Propaganda machen, ohne militante Züge aufzuweisen und Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anzuwenden oder anzudrohen. Innerhalb des Rechtspopulismus kann man idealtypisch vier Grundvarianten unterscheiden:

    • Wenn die Kritik an einem vermeintlich überbordenden, die Volkswirtschaft lähmenden und den eigenen Wirtschaftsstandort gefährdenden Wohlfahrtsstaat im Mittelpunkt der Propaganda einer Rechtspartei steht, wäre von „Sozialpopulismus“ zu sprechen. Man nutzt den unterschwellig vorhandenen, oft in der politischen und medialen Öffentlichkeit geschürten Sozialneid gegenüber noch Ärmeren – in diesem Fall: den angeblich „faulen“ bzw. „arbeitsscheuen“ Erwerbslosen und Sozialhilfeempfänger(inne)n –, um von den eigentlichen Verursachern der sich vertiefenden Kluft im Land abzulenken.
    • Konzentriert sich eine rechte Gruppierung auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Straffälligen, plädiert sie energisch für „mehr Härte“ der Gesellschaft im Umgang mit ihnen und nimmt sie besonders Drogenabhängige, Bettler/innen und Sexualstraftäter ins Visier, um die Wähler/innen mit einem Szenario der permanenten Bedrohung zu erschrecken, handelt es sich um Kriminalpopulismus, der die „anständigen Bürger“ gegen den „gesellschaftlichen Abschaum“ mobilisiert und seine Kampagnen auf dem Rücken von sozial benachteiligten Minderheiten inszeniert. Häufig genug spielt die Boulevardpresse dabei eine unrühmliche Rolle als Sprachrohr einer intoleranten und illiberalen Mehrheitsgesellschaft.
    • Sofern eine Rechtspartei die „Systemfrage“ in den Mittelpunkt rückt und sich vor allem die verbreitete Enttäuschung über ihre etablierten Konkurrentinnen auf dem „Wählermarkt“ und die Entfremdung vieler Bürger/innen gegenüber dem bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem („Politikverdrossenheit“) zunutze macht, das sie mit Korruption gleichsetzt und aus prinzipiellen Erwägungen ablehnt, erreicht die populistische Zuspitzung eine andere Qualität, was die Bezeichnung „Radikalpopulismus“ rechtfertigt. Bei dieser Variante legt eine populistische Bewegung den Maßstab für ihr eigenes Verhalten sehr hoch. Umso leichter kann sie daran gemessen und – wie schon oft geschehen – selbst der politischen Unfähigkeit, Inkompetenz und  Korruptionsanfälligkeit überführt werden.
    • Steht der staatliche Innen-außen-Gegensatz bzw. die angebliche Privilegierung von Zuwanderern gegenüber den Einheimischen oder die „kulturelle Überfremdung“ im Vordergrund, handelt es sich um Nationalpopulismus. Charakteristisch ist für ihn, dass die zunehmende Pauperisierung breiter Bevölkerungsschichten, übrigens vor allem ethnischer Minderheiten, nicht etwa als Konsequenz ihrer Diskriminierung (z.B. im Bildungsbereich sowie auf dem Arbeitsmarkt) und einer ungerechten Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, vielmehr als Resultat der zu großen Durchlässigkeit bzw. Aufhebung der Grenzen für Migrant(inn)en thematisiert und die Angst vor einer „Überflutung“ bzw. „-fremdung“ vornehmlich durch Muslime kultiviert wird. „Antiislamismus“ ist ein irreführender Begriff, weil er suggeriert, seine Träger wendeten sich nur gegen den Fundamentalismus und den daraus resultierenden Terrorismus mancher Muslime. Auch der Terminus „Islamophobie“ trifft die Sache nicht, weil er so tut, als hätten die damit Bezeichneten wirklich Furcht vor den Muslimen. Denn analog gilt das Diktum von Jean-Paul Sartre, der festgestellt hat, dass Antisemiten vor allem Möglichen Angst haben, aber nicht vor Juden.

    Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Kulturrassismus

    Die angeblich kulturell bedingte Fremdheit zwischen Ethnien ersetzt heute die Höher- bzw. Minderwertigkeit der offenbar selbst von manchen Rechtsextremisten nicht mehr für zeitgemäß gehaltenen Rassen. Dass sich die Erscheinungsformen des Rassismus in jüngster Zeit verändert haben, beruht auf einem Wandel seiner Hauptfunktion: Legitimiert wird heutzutage nicht mehr eine kolonialistische Politik der Expansion von Großmächten nach Übersee, sondern die Abwehr ihrer durch Arbeitsmigrant(inn)en, Armuts- bzw. Ökoflüchtlinge aus der sog. Dritten Welt personifizierten Folgen mit Hilfe verschärfter Asylgesetze, technisch perfektionierter Grenzkontrollen und Abschottung der „Wohlstandsfestung“ (West-)Europa. Der differenzialistische, Neo- bzw. Kulturrassismus erleichtert es, zwischen Migrant(inn)en nach dem Grad ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit zu differenzieren. Einer der Hauptvorwürfe gegenüber den zuwandernden Muslimen besteht denn auch in ihrer mangelhaften (Aus-)Bildung bzw. ihrer rückständigen Kultur, die sie als der abendländischen Hochindustrie nicht gewachsen erscheinen lässt.
    Migration und Integration leiden gegenwärtig vor allem unter der massiven Entwertung bzw. einer tiefen Sinnkrise des Sozialen, die innerhalb der Aufnahmegesellschaft zum neoliberalen Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates beiträgt, die Existenzbedingungen für Zuwanderer damit verschlechtert und aus folgenden Teilprozessen besteht:

    • fällt die Tendenz zur Ökonomisierung des Sozialen ins Auge. Fast alle Lebensbereiche, etwa Kultur, (Hoch-)Schule, Freizeit und auch die soziale Infrastruktur, werden nach dem Muster des Marktes restrukturiert. Sozial zu sein bedeutet fortan nicht mehr, sich gemäß humanistischer Grundüberzeugungen oder christlicher Nächstenliebe um arme, benachteiligte oder Menschen mit Behinderungen und ihre Probleme zu kümmern bzw. moralischen Verpflichtungen und ethischen Normen nachzukommen. Vielmehr wird auch das Soziale zunehmend vom neoliberalen Zeitgeist durchdrungen und von der Konkurrenz, dem Gewinnstreben und betriebswirtschaftlicher Effizienz bestimmt.
    • findet eine Kulturalisierung des Sozialen statt. Seit geraumer Zeit stehen nicht mehr materielle Interessen bzw. Interessengegensätze im Blickfeld, wenn man über die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft spricht, sondern die kulturelle Identität. Die Kulturalisierung des Sozialen bedeutet, dass die Zugehörigkeit zur Gesellschaft nicht mehr über die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu einer bestimmten Klasse, Schicht oder Gruppe definiert wird, die gemeinsame Interessen haben (und daher ein hohes Maß an Solidarität realisieren können, falls sie sich dessen bewusst werden), sondern dass stärker nach kulturellen Übereinstimmungen, also gemeinsamer Sprache, Religion undTradition, gefragt wird. Das ist der Grund, weshalb sich Widerstand gegen diese Entwicklung nur schwer artikulieren und organisieren kann.
    • ist eine Ethnisierung des Sozialen festzustellen. Je mehr die ökonomische Konkurrenz im Rahmen der „Standortsicherung“ verschärft wird, umso leichter lässt sich die kulturelle Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufladen und als Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium gegenüber Mitbewerber(inne)n um soziale Transferleistungen instrumentalisieren. Ein „nationaler Wettbewerbsstaat“ (Joachim Hirsch), der kein herkömmlicher Wohlfahrtsstaat mehr sein möchte, bereitet Ethnisierungsprozessen den Boden. Diese haben zwei Seiten: Neben einer Stigmatisierung „der Anderen“ bewirken sie eine stärkere Konturierung „des Eigenen“ bzw. die Konstituierung einer nationalen bzw. „Volksgemeinschaft“, mit der viel weiter reichende Ziele verfolgt werden. „Deutsche(s) zuerst!“ lautet ein Slogan, der solche Vorstellungen genauso wie „Ausländer raus!“-Parolen im Massenbewusstsein verankert.
    • zeichnet sich eine Biologisierung des Sozialen ab. Gesellschaftlich bedingte Verhaltensweisen werden heute immer häufiger an den Genen festgemacht. Dabei spielt der Demografie-Diskurs, d.h. die Art und Weise, wie über die (Alters-)Struktur der Gesellschaft gesprochen und geschrieben wird, eine Schlüsselrolle. Mit dem demografischen Wandel rückt die Humanbiologie ins Zentrum der Gesellschaftspolitik und entscheidet quasi naturwüchsig, wie ein naturgesetzlicher Sachzwang, über Rentenhöhen und darüber, wie Sozialleistungen zu bemessen sind. Wer die meist Katastrophenszenarien gleichenden Bevölkerungsprognosen betrachtet, deren Häufung in den Medien auffällt, stellt fest, dass die Urangst von Neonazis und Rechtsextremisten, „das deutsche Volk“ könne „aussterben“ (und zuwandernden Muslimen somit widerstandslos „das Feld räumen“), in die Mitte der Gesellschaft wandert.

    Terrorismushysterie und Stimmungsmache gegen Muslime

    Nach dem 11. September 2001 machten viele Medien kampagnenartig Stimmung gegen Muslime. Im Gefolge der Terroranschläge auf das Word Trade Center und das Pentagon wurde die Deutung der Weltpolitik als „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) bzw. „Krieg der Zivilisationen“ (Bassam Tibi) beinahe zum journalistischen Gemeingut. Osama bin Laden und Al Qaida avancierten zu Chiffren, welche die Feindschaft gegenüber der westlichen Zivilisation symbolisieren. Terrorismus, Fundamentalismus und Islamismus erschienen als omnipräsente wie -potente Gefahr, der man im „Kampf gegen den Terror“ entgegentrat, wobei sich der Einwanderungs-, der Kriminalitäts- und der Gewalt- bzw. Kriegsdiskurs verschränkten. Teilweise gab es einen Rückfall in Zerrbilder, die während der Asyldiskussion in den frühen 90er-Jahren dominiert hatten. Hier seien nur das stern-Titelbild vom 27. September 2001, wo ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart und Sonnenbrille zu sehen ist, in deren Gläsern sich unter der Überschrift „Terror-Gefahr in Deutschland. Geheimdienste warnen vor Anschlägen radikaler Muslime“ die brennenden Türme des World Trade Center spiegeln, sowie das Titelbild eines Spiegel special (2/2003) zum Thema „Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten“ genannt, wo von verschleierten Musliminnen über einen bärtigen Fanatiker mit bluttriefendem Krummdolch bis zum flammenden Inferno über Juden alle Stereotype bedient werden.

    Noch lange nach den Attentaten dominierten in deutschen Massenmedien die Bilder der brennenden Zwillingstürme, militärische Metaphern und eine martialische Sprache. Man konzentrierte sich zunächst auf den Schleier, die Scharia und das Kopftuch als Symbole für den Islamismus und seine Unterdrückung der Frau; später traten repräsentative Moscheebauten, Minarette und Muezzinrufe als Symbole hinzu, die Fremdheit markieren sollten.Als der islamistische Bombenterror mit den Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004 sowie auf die U-Bahn und einen Bus in London am 7. Juli 2005 auch Europa traf, wurde das politische und mediale Klima hierzulande rauer. Nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh am 2. November 2004 avancierte „Parallelgesellschaft“ zu einem Modebegriff, der eine umfassende Drohkulisse aufbaut und düstere Entwicklungsperspektiven ahnen lässt. Für die Mainstream-Medien war das Konzept der multikulturellen Gesellschaft gescheitert, wie der „Die Schlacht um Europa“ überschriebene Artikel von Gilles Kepel in der Welt am Sonntag vom 21. November 2004 und das Titelblatt der am Tag darauf erschienenen Ausgabe des Münchener Nachrichtenmagazins Focus „Unheimliche Gäste. Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland“ dokumentierten.
    In der umfangreichen Berichterstattung über „Zwangsverheiratungen“ von Mädchen und Frauen sowie „Ehrenmorde“ blieben (kultur)rassistische Untertöne gleichfalls nicht aus. Nachdem drei ihrer fünf Brüder die Kurdin Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 in Berlin erschossen hatten, beschäftigte das Thema nicht nur die lokalen Medien wochenlang. So berichtete die Süddeutsche Zeitung am 26. Februar 2005 unter dem Titel „In den Fängen einer türkischen Familie. Muslimische Dorfmoral in der Berliner Moderne: Schon wieder haben türkische Männer eine Frau mit dem Tod bestraft. Die Geschichte eines brutalen Zusammenpralls der Kulturen“ darüber. „Jetzt droht Kampf der Kulturen“ (Rheinische Post v. 4.2.2006), „Sich rüsten für den Kampf der Kulturen“ (Welt am Sonntag v. 19.2.2006) oder „Kampf der Kulturen“ (FAZ v. 13.4.2006) lauteten typische Schlagzeilen zum sog. Karikaturenstreit und zu der Auseinandersetzung um den türkischen Film „Tal der Wölfe“, wie man sie seinerzeit in fast allen Zeitungen der Bundesrepublik finden konnte. Eine von wenigen Fundamentalisten, rechten Scharfmachern und religiösen Fanatikern inszenierte Konfrontation, die letztlich nur der Provokation von Andersdenkenden bzw. -gläubigen dient und zur (militärischen) Eskalation drängt, wird als unausweichliche, der ganzen islamischen Religion/Kultur zugeschriebene Auseinandersetzung von wahrhaft historischer Tragweite interpretiert. Ein solches Paradigma reduziert, wenn es sich in den Köpfen festsetzt, die Möglichkeiten für das friedliche Zusammenleben und Integrationsbemühungen auf ein Minimum. Nunmehr werden Migrant(inn)en noch stärker mit (Gewalt-)Kriminalität, Emotionalität und Irrationalität, wenn nicht gar religiösem Fundamentalismus und politisch-ideologischem Fanatismus in Verbindung gebracht.

    Ausblick und Alternativen

    Machen wir uns nichts vor: Muslime, die zugewandert sind, Migrationshintergrund haben oder konvertiert sind, werden in den meisten europäischen Ländern eher diskriminiert als toleriert. Sie verkörpern kulturelle Rückständigkeit und den Widerstand gegen die westliche Moderne, was sie als gemeinsames Feindbild für christliche Eiferer, Marktradikale und neoliberale Modernisierer geradezu prädestiniert. Dass der Rechtspopulismus gute Chancen hat, daraus Kapital zu schlagen und die westlichen Demokratien mittels muslimfeindlicher Propaganda herauszufordern, hat das Referendum über die Aufnahme eines Minarettbauverbots in die Schweizerische Bundesverfassung am 29. November 2009 gezeigt.
    In den Diskussionen über vor Ort geplante Moscheebauten spielen immer wieder fehlende Parkplätze, die Höhe der Minarette und die Größe der Kuppel eine Schlüsselrolle. Nicht immer handelt es sich dabei um vorgeschobene bzw. Scheinargumente eingefleischter Feinde des Islams und der Muslime. Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus sind genauso ernst zu nehmen wie Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiösität, die denmeisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Sie dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen. Die multikulturelle Einwanderungsgesellschaft kann leicht als Projektionsfläche für reale Sorgen und Ängste eines Großteils der Bevölkerung im Hinblick auf ihre soziale Lage, Ausgrenzungs- und Fremdheitserfahrungen, kulturell-religiöse „Überfremdungstendenzen“ oder den Einflussverlust des Christentums benutzt und (partei)politisch entsprechend instrumentalisiert werden.
    Das Thema „Moscheebau, Minarette als Machtsymbole und Islamierung“ besetzen Rechtsaußengruppierungen gleichermaßen: von „Pro Köln“, „Pro NRW“ und „Pro Deutschland“ über die REPublikaner, die DVU und die NPD bis zu den Neonazi-Kameradschaften. Nur rechtspopulistische Kräfte sind jedoch in der Lage, bürgerlich-seriös aufzutreten und Verbündete in etablierten Kreisen zu finden. Im Unterschied zur Schweiz, zu Belgien, zu Frankreich, zu den Niederlanden und zu Österreich gibt es in Deutschland allerdings (noch) keine Partei, die rechtspopulistische und antimuslimische Inhalte mit Erfolg bei überregionalen Wahlen vertritt. Aber es gibt Personen wie Henryk M. Broder, Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin, die damit große öffentliche Resonanz haben. Anders als die Genannten, denen es um die Verbreitung primitiver Ressentiments und wahrscheinlich mehr noch um ihre eigene Medienpräsenz geht, haben viele Einheimische verständliche Vorbehalte gegenüber Muslimen, beispielsweise im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiösität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist.
    Zuletzt hat sich eine „unheilige Allianz“ zwischen Neonazis, Rechtspopulisten, Kulturrassisten, christlichen Fundamentalisten, Feministinnen, religionskritischen Intellektuellen, Tierfreunden, bildungsbenachteiligten Unterschichtangehörigen und Teilen des vom sozialen Abstieg bedrohten Kleinbürgertums formiert, die – wenn sie provozierende Symbole und Gebräuche der Muslime wie die Burka oder das Schächten für den politischen Kitt sorgt – durchaus mehrheitsfähig ist.
    Dass die muslimfeindliche Kampagne in der Schweiz eine klare Mehrheit der Abstimmenden erreichte, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sie die politische Kultur unseres Nachbarlandes beschädigt und dem friedlichen Zusammenleben seiner Bewohner/innen einen Bärendienst erwiesen hat. Direkte Demokratie bedeutet nicht, dass Referenden über alle möglichen politischen Streitpunkte stattfinden dürfen: Hätte man den Bau von Synagogen in Deutschland einem Mehrheitsentscheid unterworfen, wäre nie ein jüdisches Gotteshaus errichtet worden. Grundrechte von Minderheiten stehen auch für Abstimmungsmehrheiten in einer Demokratie nie zur Disposition.
    Kulturelle und religiöse Gegensätze basieren meist auf tiefer liegenden Konflikten, für die man die Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren muss. Die globale Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise dürfte in nächster Zeit zu größeren sozialen Verwerfungen führen. Für eine Jagd nach Sündenböcken bieten sich die Muslime zusammen mit anderen Minderheiten aufgrund ihres schlechten Images geradezu an.

    Deshalb muss vermittelt werden, dass Zuwanderung wie auch – daraus resultierend – die Koexistenz von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Bekenntnisse und kultureller Prägungen im Zeichen der Globalisierung zur Normalität westlicher Industriegesellschaften gehören.
    Schuld an der zunehmenden Spaltung in Arm und Reich sind aber nicht im Niedriglohnbereich konzentrierte Zuwanderer, sondern Eliten, die ihrerseits eine Parallelgesellschaft herausbilden, wenn sie in Luxusquartieren wohnen, die private Sicherheitsdienste bewachen, und sich gegenüber den Mittel- und Unterschichten auch räumlich immer deutlicher abschotten.

    Christoph Butterwegge
    Veröffentlicht 2014

  • Blockaden im Wandel der Zeit

    Blockaden im Wandel der Zeit

    Blockaden im Wandel der Zeit

    Immer wieder stellt sich vor und nach Naziaufmärschen die Frage, wie man diese effektiv und mit möglichst vielen Menschen unmöglich machen kann. Seit dem G8-Gipfel in Heiligendamm und später – auf urbane Gebiete angepasst – in Dresden hat sich das Konzept “Massenblockade” gewissermaßen etabliert um Aufmärsche und/oder Anfahrten der Faschisten bestmöglich zu unterbinden. Gerade Dresden hat gezeigt, dass diese Form des direkten Protestes in einem solidarischen Zusammenspiel mit weiteren Aktionformen durchaus Früchte tragen und geplante Naziaufmärsche effektiv verhindern kann.
    Doch vor allem in Baden-Württemberg zeigt sich dabei des öfteren die hässlichste Fratze des Polizeistaates und schafft so komplett unterschiedliche Ausgangsbedingungen für Aktionen gegen die Naziaufmärsche. In Baden-Württemberg waren AntifaschistInnen in den letzten Jahren mit mehreren Situationen konfrontiert, welche die Aktualität und den Sinn von Blockaden dieser “Dresdner Schule” immer wieder aufs neue zur Diskussion stellten. Genannt seien hier Heilbronn am 1. Mai 2011, Göppingen am 6. Oktober 2012 und zuletzt die “Fackelmahnwache” des FHD in Pforzheim am 23. Februar 2013.

    Wir haben uns an all diesen Mobilisierungen beteiligt – nun wollen wir eine grobe Einschätzung über Blockaden und das Verhältnis zu anderen Aktionsformen liefern, die Bedingungen der jeweiligen Gegenproteste analysieren und unsere gemachten Erfahrungen mit anderen AntifaschistInnen teilen. Wir beschränken uns in folgendem Text auf größere, über einen längeren Zeitraum angekündigte
    faschistische Aufmärsche, bei denen wir sowohl mit sehr großer Polizeipräsenz und -logistik, aber auch quantitativ hohem Protest rechnen können. Eine Debatte zu faschistischen Kleinstaufmärschen und/oder sehr kurzfristigen Mobilisierungen wie z.B. des öfteren in Mannheim finden wir nicht weniger wichtig, sollen aber nicht Thema dieses Textes sein. Des aktuellen Bezuges wegen, wollen wir mit der letzten dieser Blockade-Aktionen beginnen:

    Pforzheim 2013

    Im Vorfeld des 23.2.2013 rief das städtische, aktionsfeindliche und konservative Bündnis “Pforzheim Nazifrei” zu einer Kundgebung inklusive Selbstinszenierung des Bürgermeisters auf dem Markplatz auf. Die politisch breit aufgestellte “Initiative gegen Rechts” (IgR), in der auch AntifaschistInnen aus Stuttgart mitarbeiteten, rief zu einer Demonstration und anschließendem zivilen Ungehorsam auf. Im Vergleich zu den Protesten der letzten Jahre in Pforzheim stellte das einen deutlichen Fortschritt dar. Es wurde landesweit, vor allem von antifaschistischen Gruppen, auf die Demonstration und die Blockaden mobilisiert.
    Die “Iniative gegen Rechts” ließ sich unmittelbar vor dem 23.2. von SozialdemokratInnen unter Druck setzen und knickte vor diesen ein, sodass das Bündnis nur drei Tage vor dem 23. Februar entschied lediglich eine kurze Kundgebung am Bahnhof abzuhalten, ohne die lang angekündigte Demonstration durchzusetzen. Desweiteren untersagte das Bündnis den Stuttgarter AntifaschistInnen den zugesagten Redebeitrag. Dieses Verhalten von sozialdemokratischer Seite war ganz klar ein Schlag gegen die linken Kräfte im Bündnis, hob das Solidarische Miteinander auf und stellte aus unserer Sicht eine ungünstige Bündnissituation her.
    Dennoch betrachteten wir es als wichtig, die Demonstration allen widrigen Bedingungen zum trotz, auf jeden Fall stattfinden zu lassen. Im Nachhinein betrachtet war dies die richtige Entscheidung und gab uns am 23.2. die Dynamik, um mit ca. 1000 Menschen so weit auf den Wartberg vorzudringen. Die lokale Presse betrieb im Vorfeld des 23.2. massive mediale Hetze gegen die IgR und vor allem
    gegen aktionistische AntifaschistInnen, die in großer Zahl erwartet wurden. Auch Stadtverwaltung, Gerichte und Polizei zeigten einmal mehr, auf welcher Seite sie stehen und was für den 23.2. zu erwarten war. So wurde der extrem seichten Blockadeaufruf der IgR wegen eines angeblichen “Aufrufs zu Straftaten” beschlagnahmt und die antifaschistische Demonstration faktisch verboten: Nur eine Route in der Südstadt wurde genehmigt. Stadtverwaltung, Ordnungsamt und Polizei waren sich schon lange vor dem 23. Februar dahingehend einig, die Faschisten, welche auf dem Wartberg in der Nordstadt ihr “Fackelgedenken” abhalten wollten, und die AntifaschistInnen, welche sich in der Südstadt sammelten, um jeden Preis voneinander zu trennen und somit jeglichen Widerstand zu unterbinden.
    Nach einer kurzen antifaschistischen Kundgebung an der Südseite des Bahnhofes machten sich ca. 1000 AntifaschistInnen koordiniert als Blockade-Finger auf den Weg in Richtung Nordstadt. Sie erreichten nach kurzer Zeit eine unbewachte Eisenbahn-Unterführung und somit die erste stadtbauliche Barriere in Richtung Kundgebungsort der Faschisten. Die Polizeiführung wollte unbedingt verhindern, dass eine große Zahl AntifaschistInnen in die Nordstadt gelangent, war aber in diesem Moment schlichtweg überfordert und hatte an dieser Stelle auch nicht die Kapazitäten die gebündelte Masse an AntifaschistInnen aufzuhalten. Auf dem weiteren Weg den Berg hinauf, welcher sich ca. eine Stunde zog, stellten sich den AntifaschistInnen nur an einer Stelle Polizeikräfte in den Weg und griffen sie an. Aufgrund mangelnder Entschlossenheit der AntifaschistInnen und dem Magel eines kollektiv agierenden Blocks schafften sie es auch den Weg dicht zu halten und zwangen die BlockiererInnen einen anderer Weg auf den Berg zu wählen.
    Nach diesem -einzigen- Versuch die Antifas aufzuhalten konnte der Berg gänzlich ungestört bestiegen werden.
    Direkte und/oder militante Aktionen gab es am 23. Februar 2013 kaum und so konnten sich die Polizeikräfte am Wartberg voll und ganz auf die Blockaden konzentieren. Die in der linksradikalen Szene oftmals als “Allheilmittel” angesehenen Kleingruppenaktionen blieben aus. Am späten Abend wurde nach einer Nazifeier allerdings noch ein nicht unerheblicher Sachschaden angerichtet.
    Die Beobachtungen des 23. Februar lassen den Schluss zu, dass die anwesenden Polizeikräfte – vor allem die Polizeiführung – an diesem Tag schlichtweg nicht in der Lage waren die, für Pforzheimer Verhältnisse, riesige Masse an AntifaschistInnen in Richtung Wartberg aufzuhalten. Nur eine Wand aus Bauzäunen, Bullen mit Schildern und dahinter noch einmal direkt aneinander gestellte
    Truppenwägen, sowie in mehreren “Ringen” angeordnete Hamburger Gitter schafften es zu verhindern, dass die AntifaschistInnen auf, oder direkt an den Kundgebungsort der Nazis gelangen konnten.
    Daraus lässt sich schließen, dass an diesem Tag eine gute Koordinierung und die Masse an DemonstrantInnen zur Überforderung der Polizei führten. Diese Überforderung sorgte schließlich dafür, dass man in direkte hörweite der Faschisten kam und aufgrund der dynamischen und teilweise unkontrollierbaren Situation mehr als die Hälfte der Faschisten in Pforzheim nicht aussteigen wollten, da ihnen eine sichere Teilnahme an der Kundgebung nicht zugesichert werden konnte. Stattdessen fuhren sie mit der Bahn weiter bis Mühlacker, einen Nachbarort von Pforzheim, um dort eine spontane Fackelkungebung als “Alternativprogramm” zum vermiesten Gedenken auf dem Wartberg zu zelebrieren. Entgegen anderslautender Berichte, fand in Mühlacker kein “Fackelmarsch” der Nazis statt; sie bekamen als Kundgebungsort den Bahnhofsparkplatz, welcher ca. zehn Meter vom Bahnhof entfernt ist, zugewiesen.
    Auch die Faschisten schreiben in ihren Veröffentlichungen und Berichten zum 23. Februar, dass ihnen die Situation in Pforzheim zu “heikel” und ungewiss war und sie sich deshalb lieber für das “sichere” Mühlacker entschieden. Pforzheim lässt sich als den ersten wirklichen (Teil-) Erfolg, dieses (klassischen) Massenblockade-Konzeptes in Baden-Württemberg verzeichnen; durch geschlossenes Vordringen eines großen Blockade-Fingers, sowie das Agieren zweier kleinerer Blockade-Finger, konnten zum ersten Mal in
    den letzten 10 Jahren Zufahrtswege rund um den Ort, an welchem sich die Faschisten sammeln, blockiert werden. Kleinere Zufahrtswege wurden von einzelnen AktivistInnen mit Materialblockaden dicht gehalten.
    Um allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen ist es allerdings notwendig, sich weitere, oben bereits erwähnte Großevents der Nazis in Baden-Württemberg und die Versuche dagegen vorzugehen, anzusehen.

    6. Oktober 2012 in Göppingen

    Für den 6. Oktober 2012 hatten selbsternannte “Autonome Nationalisten” aus ganz Süddeutschland und dem Ruhrgebiet zu einem Aufmarsch nach Göppingen mobilisiert. Die Stadt entdeckte kurz vor dem Aufmarsch, welcher einen Tag vor der  Oberbürgermeisterwahl stattfand, ihren Hang zu Lippenbekenntnissen gegen die Nazis und hielt eine Kundgebung auf dem
    Marktplatz ab. In Göppingen gab es zudem noch das Bündnis “Kreis Göppingen Nazifrei!” (KGN), welches ebenfalls auf den 6. Oktober mobilisierte. Dieses Bündnis hatten wir und andere AntifaschistInnen aus Stuttgart Anfang 2012 mit Einzelpersonen aus der Grünen Jugend Göppingen iniziiert, uns dann aber infolge einer immer reaktionäreren Tendenz des Bündnisses, permanenter
    Selbstinszinierung Einzelner und Distanzierungen von direkten Aktionsformen endgültig daraus zurückgezogen.
    Aufgrund dieser vertrackten Situation vor Ort wurde sich entschieden die Arbeit zur Verhinderung des Naziaufmarsches in ein breites überregionales Bündnis auszulagern. Die neu gegründete “Antifaschistische Gruppe Göppingen” war für uns der Bezugspunkt in Göppingen, weshalb wir mit ihnen, sowie anderen solidarischen BündnispartnerInnen, den Tag vorbereiteten.
    Die politische Linie der Stadt war klar: Jeglicher ernstzunehmender antifaschistischer Protest soll im Keim und mit allen Mitteln erstickt werden – den Faschisten soll eine Route am Arbeitsamt ermöglicht werden.
    Bei der Anreise wurden nach kämpferischen Versuchen, ohne Personenkontrollen in die Stadt zu gelangen, viele mit dem Zug anreinsende Antifaschistinnen und Antifaschisten gekesselt und mit Schlagstöcken und Pfefferspray angegriffen. Ein vollbesetzer Bus mit AntifaschistInnen wurde kurz vor Göppingen von der Polizei herausgezogen und intensiv kontrolliert.
    Die Faschisten konnten aufgrund von Sabotageaktionen im Bahnverkehr erst viel später als geplant anfangen und das auch mit deutlich weniger Neonazis als erwartet. Engangierte AntifaschistInnen versuchten den gesamten Tag über in gut aufgestellten, bis zu 600 Leuten umfassenden Spontandemonstrationen auf die Route der Nazis zu gelangen. Unterstützt wurden die Blockadeversuche mit direkte Angriffen auf die Faschisten und die Polizei. Durch eine Tränengaskartusche, Farbbeutel, Stein- und Flaschenwürfe musste die Polizeiführung einen Schlenker, den die Nazidemo ursprünglich laufen sollte, absagen. Die omniprästente, martialisch ausgerüstete Polizei beantwortete das Engagement mit brutalen Angriffen auf die AntifaschistInnen, was zu einigen Verletzten führte. Trotz des Überaufgebotes an Polizei und der Tatsache, dass es für die Nazis kaum direkt spürbaren Protest gab, war der 6. Oktober ein wichtiger Tag für die antifaschistische Bewegung. Strömungsübergreifend wurde in eine Stadt mobilsiert, wo es bis dahin bei einer aktiven und aktionistischen Nazisszene kaum Gegenaktivitäten gab. Nach einem frühen Verunmöglichen von Massenblockaden auf der Route der Nazis, durch Kessel und Angriffe der Polizei, wurde durch dynamische Menschenmengen und militanten Interventionen eine für die Polizei nur schwer kontrollierbare Situation geschaffen. Hier konnten wichtige Erfahrungen gesammelt werden und es wurde gezeigt, dass auch in schwierigen Situationen ein selbstbestimmer Charakter von antifaschistischer Arbeit auf die Straße getragen werden kann, der trotz der ungünstigen Sitation die Nazis zumindest teilweise einschränken kann und der antifaschistischen Bewegung zu mehr Selbstbewusstsein verhilft.

    1. Mai 2011 in Heilbronn

    Der 1. Mai 2011 in Heilbronn war ein militärischer Erfolg der Polizei und ein demotivierender Tag für die antifaschistische Bewegung in Baden-Württemberg. Der zentrale süddeutsche Naziaufmarsch der NPD und “Freier Kräfte” anlässlich des 1. Mai konnte ohne nennenswerte Strörungen oder Einschränkungen vonstatten gehen. In den nachfolgenden Blockade-Mobilisierungen konnte seit dem nie mehr dasselbe quantitative Niveau an potenziellen BlockiererInnen erreicht werden.
    Auf antifaschistsicher Seite wurde landesweit mobilisiert und auch vor Ort arbeitete ein gut agierendes und politisch sehr breit aufgestelltes Blockadebündnis mit vollstem Einsatz monatelang auf die Verhinderung des Aufmarsches hin. Trotz einer nicht geringen Zahl an Menschen, die gewillt waren die Faschisten mithilfe zivilen Ungehorsams – oder auch mehr – zu blockieren, schaffte es ein großer Teil der Menschen nicht weiter als 30 Meter vom Bahnhof weg, wurde gekesselt und kollektiv in die Gefangenensammelstelle verfrachtet. Allein die Zugfahrt aus Stuttgart umfasste ca. 500 AktivistInnen und wurde gesammelt festgesetzt.
    Andere, die mit anderen Verkehrsmitteln wie der Bahn angereist waren, schafften es ebenfalls nicht relevante Punkte der Naziroute zu blockieren bzw. überhaupt in deren Nähe zu gelangen. Einige AntifaschistInnen, denen es dennoch gelang sich “frei” in Heilbronn zu bewegen, waren aber aufgrund der überall in großer Zahl präsenten Polizeitrupps in ihrer Handlungsfreiheit derart eingeschränkt, dass auch diese nicht in der Lage waren nennenswerte Aktionen durchzuführen.
    Heilbronn hat auf bittere Art und Weise bewiesen, dass ein massives Polizeiaufgebot von 3900 Polizisten mitsamt deren gewaltigem logistischen Apperates imstande ist “klassische” Blockadekonzepte ins Leere laufen zu lassen. Lediglich direkte militante Aktionen an den Bahngleisen behinderten einen anreisenden Zug von Faschisten und einige Nazis bekamen körperlich antifaschistischen Protest zu spüren. Hier hat sich nach Ulm 2009 erneut eine neue Strategie der Polizei gezeigt: Alle ankommenden Antifaschistinnen und Antifaschisten einzukesseln und somit jeglichen Protest und jegliche Dynamik zu verunmöglichen.

    Schlüsse

    Alles in Allem bleibt festzuhalten, dass es das alte, teils starre Verständnis von Blockaden und Kleingruppenaktionen im vermeindlichen Antagonismus zueinander abzulegen gilt. Es müssen neue Wege gegangen werden und das Konzept muss an die aktuellen Gegebenheiten, wie beinahe fehlende Bewegungsfreiheit aufgrund massiver Polizeieinsätze in urbanen Gebieten, angepasst werden.
    Weder werden ausschließlich isolierte direkte Aktionsformen, noch rein symbolische Proteste Naziaufmärsche effektiv verhindern. Blockaden bleiben ein kollektives Mittel, die es vielen Menschen ermöglicht gemeinsam die “Spielregeln” des Staates und seiner Vorstellung von Protest zu überschreiten. Wir müssen uns als politisches Ziel einen noch breiteren Blockadekonsens und eine Tiefere verankerung in der Gesellschaft setzen und uns gegen politische Sabotage von rechten Teilen aus sozialdemokratischen und bürgerlichen Organisationen zur Wehr setzen. Das gilt es vor Allem in der Arbeit in Bündnissen zu beachten und ein stets der aktuellen Bündissituation angepasstes taktisches Verhälnis zu diesen zu wahren. Denn trotz aller Angriffe aus dieser Ecke dürfen wir nicht in radikalistische Gebaren verfallen und die Arbeit mit derartigen Organisationen per se ablehnen. Immer wieder hat sich gezeigt, dass – selbst wenn einzelne FunktionärInnen den Protest im Vorhinein zu sabotieren versuchen – viele Menschen aus der Basis sich vor Ort den direkteren Protestformen anschließen und diese Form der Anti-Nazi-Arbeit für wichtig und richtig halten. Pforzheim ist hier ein gutes Beispiel: Beinahe alle KundgebungsteilnehmerInnen schlossen sich der spontanen Demonstration an und blockierten mit.
    Bei antifaschistischem Protest gegen Naziveranstaltungen müssen wir möglichst vielen Menschen eine Partizipation ermöglichen und ihn an seinem Erfolg messen. Wir müssen uns sowohl in Bezug auf kollektive und auf viele Menschen angelegte Aktionsformen, in Bezug auf Entschlossenheit, aber auch auf koordinierte und durchdachte Kleingruppenaktionen weiterentwickeln und uns auch
    auf die politischen und technischen Rahmenbedingungen, in denen wir unseren antifaschistischen Kampf führen, einstellen.
    Es gilt die “klassischen” Blockadekonzepte zu erweitern und an den aktuellen Gegebenheiten schon im vorhinein zu bewerten. Allzuhäufig wird ein förmlicher Blockadehype betrieben und eigene, selbstbestimmte Aktionen hinten angestellt. Es gilt jedes Mal aufs neue zu überprüfen wie Blockadekonzepte sinnvoll ergänzt werden können. Das schafft nicht nur mehr Chancen auf Erfolg sondern vermittelt auch das, wofür wir stehen: Antifaschismus heißt auch Handarbeit. Das alles muss allerdings stets in einem vermittelbaren Rahmen stattfinden. Es muss dafür gesorgt werden, dass für Unbeteiligte und andere NazigenerInnen keine Gefahr besteht und dass Jede und Jeder sich selbst aussuchen kann auf welches Eskalationsniveau er oder sie sich einlässt. Auch wenn wir uns nicht auf juristische Möglichkeiten verlassen dürfen, müssen wir stets versuchen die Repressionsorgane auch auf diesem Wege möglichst auch präventiv zurückzudrängen und uns nicht weiter in unseren Versammlungs- und Protestmöglichkeiten einschränken lassen.
    Das kann heißen sich zusammen mit anderen Kräften gegen weitere Verschärfungen der Versammlungsgesetze einzusetzen und die neue Kesseltaktik der Polizei immerzu anzuprangern und in die Öffentlichkeit zu tragen – bis die Polizeiführungen es sich in Zukunft gut überlegen, ob sie sich dieser Strategie bedienen wollen.
    Wir wollen mit diesem Papier einen Denkanstoß für die antifaschistsiche Bewegung liefern und hoffen auf solidarische und konstruktive Diskussionen, in welchen sich neue Aktionsformen erschließen, die es den Nazis unmöglich machen ohne spürbaren Gegenwind durch unsere Städte zu laufen!

    No Pasarán!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart,
    April 2013

    Unterstützt von:
    Antifaschistische Linke Achern-Bühl
    Antifaschistische Aktion Lörrach
    Antifaschistische Jugend Ludwigshafen-Mannheim
    Antifaschistsiche Aktion (Aufbau) Rastatt/Baden-Baden
    Antifaschistische Aktion [O] Villingen-Schwenningen

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Veröffentlicht 2013

  • Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Mit dem Blick auf den 65. Jahrestag des militärischen Sieges über den deutschen Faschismus hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten Ende April 2010 in Berlin eine geschichtspolitische Konferenz veranstaltet. In deren Verlauf kam es zu einer kontroversen Debatte über die Analyse des historischen Faschismus. Sie gab Anstoß für die Formulierung der folgenden Thesen.

    1.
    Wird in Deutschland über den Faschismus gesprochen, muß bedacht werden, daß hierzulande der Begriff in dreierlei Sinn gebraucht wird: Er bezeichnet – erstens – eine politische Bewegung, die in Form von Parteien und weiteren Organisationen existierte. Er steht – zweitens – für eine spezifische reaktionäre, antiaufklärerische Ideologie. Und mit ihm wird – drittens – verkürzt der faschistische Staat bezeichnet. Wiewohl die Beziehung von Bewegung, Ideologie und Staat logisch und historisch zutage liegt, ist zwischen ihnen doch zu unterscheiden, denn sie sind nicht identisch. Die Kennzeichnung oder Definition des einen begreift die anderen nicht ein. Wird das nicht in Rechnung gestellt, läßt sich trefflich aneinander vorbeireden.

    2.
    Die politischen Bewegungen, die mit der Kennzeichnung faschistisch erfaßt und von anderen gesondert werden, entstanden in mehreren Ländern Europas am Ende des Ersten Weltkriegs. Die Bewegung, die am frühesten in der Lage war, in die Staatsmacht einzudringen und sich dann in ihr festzusetzen, war die italienische. Das hat ihr Aufmerksamkeit verschafft, und ihre Verwandten in anderen Ländern haben sich am italienischen Beispiel und Vorbild orientiert – bis hin zu Formen des äußerlichen Hervortretens und den Ritualen. Die italienischen Faschisten gaben schließlich der Bewegung in anderen Ländern und deren Gesamtheit auch den Namen. Dabei besaß jede dieser Gruppen ihre eigenen »nationalen« Charakteristika. Die deutsche präsentierte sich unter dem Namen Nationalsozialisten. Auch im Sprachgebrauch von Publizistik, Politik und Gesellschaftswissenschaft wurde Faschismus zum weithin benutzten Sammelbegriff für die neuartige internationale Erscheinung.
    Damit wurde in Deutschland auch die demagogische Selbstkennzeichnung vermieden, derer sich die Nazifaschisten bedienten.

    3.
    So alt wie die faschistischen Bewegungen, so alt sind die Anstrengungen, diese neue politische Erscheinung zu begreifen, ihre Herkunft und ihren Platz in den geschichtlichen Kämpfen der Staaten zu bestimmen, um sich auf diese Weise auf deren Existenz und Wirken einstellen zu können. Wie auf allen Erkenntniswegen gab es auch auf diesem Fortschritte, Irrwege und Rückschläge. An den Bemühungen, Wesen, Perspektiven und Ziele dieser faschistischen Zusammenschlüsse zu erfassen, waren ihre politischen Nachbarn, Konkurrenten und Rivalen ebenso beteiligt wie ihre strikten Gegner und Feinde. Mit der Frage: »Was sind die Faschisten und was wollen sie?« befaßten sich Politiker und Theoretiker. Unter den letzteren waren Marxisten, Nicht- und Antimarxisten. In dieser oder jener Weise haben viele Verfechter unterschiedlicher Strömungen beigetragen, das nicht so große »Geheimnis« zu enthüllen, mit dem sich die Faschisten in Wort und Schrift zur Tarnung ihrer eigenen Absichten umgaben.

    4.
    Energische und erfolgreiche Anstrengungen zur Analyse des Faschismus wurden naturgemäß vor allem in den Reihen ihrer entschiedenen Gegner, von den Arbeiterparteien und deren Theoretikern unternommen. Zu begreifen, welcher Feind ihnen und der proletarischen Bewegung erwachsen war, galt zu Recht als Voraussetzung für dessen erfolgreiche Bekämpfung. In Deutschland haben Führer und Ideologen der Kommunistischen wie der Sozialdemokratischen Partei früh beigetragen, die Partei Hitlers als eine Organisationsform der Gegenrevolution bloßzustellen. Als die wichtigsten Kennzeichen der faschistischen Ideologie und Politik wurden die Feindschaft gegen alle liberalen, demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen hervorgehoben sowie der extreme Nationalismus und Revanchismus, der sich vor allem in einer hemmungslosen demagogischen Anti-Versailles-Hetze äußerte, die Kriegsstimmung und Kriegsbereitschaft erzeugen sollte. Zur Entlarvung der Rolle, welche die Faschisten in der Weimarer Republik spielten, haben auch Künstler und Schriftsteller beigetragen, so daß bis heute Bilder, Zeichnungen, Karikaturen, Erzählungen und Gedichte zusammen mit wissenschaftlicher Literatur einen Zugang zum Verständnis dieser damals neuartigen Erscheinung geben.

    5.
    Eine sich früh zeigende Schwierigkeit der Faschismusanalyse bestand darin, diese neuartige politische Bewegung von anderen, den älteren reaktionären Parteien und Organisationen, ihren nahen oder ferneren Vorläufern und Zeitgenossen, abzugrenzen und deren jeweilige Spezifik richtig zu erfassen.
    Das ist in der Arbeiterbewegung nicht durchweg gelungen, mitunter auch in den Reihen der Kommunisten weit verfehlt worden. Der Begriff Faschismus geriet in eine Art inflationären Gebrauch. Gesprochen und geschrieben wurde vom Brüning-Faschismus, vom Papen-Faschismus und vordem schon vom Sozialfaschismus, eine diffamierende Kennzeichnung der Sozialdemokratie, so falsch, irreführend und die Fronten verkehrend wie – umgekehrt – die sozialdemokratische Bezeichnung von den »rotlackierten Nazis«, die den Kommunisten galt. In diesen Kombinationen wurde das Wort Faschist in den politischen Tageskämpfen zu einem Schimpfwort, zum Knüppel, geschwungen gegen Gegner und Rivalen. Dieser Gebrauch zeigte, daß sich das adäquate Bild von den Faschisten, die Hitler führte, in den Reihen der Gegner noch nicht klar abzeichnete und verfestigt hatte.

    6.
    Nachdem in Deutschland die Faschisten an die Staatsmacht gelangt waren, standen die Antifaschisten vor der Notwendigkeit, unter Einbeziehung der italienischen wie der deutschen Erfahrungen zu beschreiben, was das Spezifische dieser neuen Staatsform ausmachte und was deren Entstehung insbesondere, aber nicht allein für die Arbeiterbewegung bedeutete. Auch daran und an den sich daran knüpfenden Prognosen waren viele beteiligt. Unter diesen Analysen der Situation hat eine theoretisch wie praktisch eine besondere Rolle gespielt. Auf sie wird bis heute zustimmend, kritisch abwägend und ablehnend Bezug genommen. Das ist die in eine Definition geronnene Kennzeichnung des Faschismus, welche die Kommunistische Internationale in einem Beschluß vornahm, den ihr Exekutivkomitee, eines ihrer Führungsgremien, im Dezember 1933 faßte: »Der Faschismus an der Macht ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.«

    7.
    Die historische Bewertung dieser Definition wird häufig dadurch erschwert oder verdorben, daß die Tatsache übergangen wird, daß die Autoren dieser Definition ausdrücklich sagen, sie kennzeichnen den »Faschismus an der Macht«, d.h. in seiner Rolle als Staatsmacht. Die Aussage würde anders lauten, ginge es um die knappe Kennzeichnung des Faschismus als politische Bewegung vor der Macht oder als Ideologie. Manche Einwände ergeben sich daraus, daß – zweitens – von dieser Definition verlangt wird, was Aufgabe und Sinn von Definitionen nicht ist. Die zielen stets auf die Hervorhebung des Wesentlichen einer Erscheinung, die aus der Vielfalt der Erscheinungsformen gleichsam destilliert wird. Mithin bietet jede Definition, ist sie treffend, den Vorzug, das Wesentliche hervorzuheben, und ist doch zugleich ärmer als die Theorie, deren konzentrierten Ausdruck sie bildet, wie diese wieder ärmer ist als die Wirklichkeit. Vorwürfe, es fehle dieses oder jenes Detail in einer Definition, sind folglich abwegig.

    8.
    Staaten waren zu allen Zeiten Formen des Überbaus einer Gesellschaft, deren Bestand und Entwicklung sie mit ihren Mitteln zu sichern hatten. Übergänge von einer in eine andere Gesellschaft, revolutionär oder nicht, gehen notwendig mit Veränderungen von Staaten einher, die entweder diesem Übergang folgen oder ihm auch vorausgehen können. Die Kennzeichnung eines Staates verlangt also zunächst und vor allem, daß dessen Beziehung zu der Gesellschaft hergestellt wird, deren Überbau er darstellt. Die Faschisten, namentlich die deutschen, traten mit dem Anspruch an, Revolutionäre zu sein.
    Sie gaben vor, wären sie am Staatsruder, eine Gesellschaft des nationalen und sozialen Friedens (die »Volksgemeinschaft«) auf dem Wege einer »nationalsozialistischen Revolution« herzustellen. Demgegenüber, und das ist der erste Vorzug der Definition von 1933, wurde klargestellt, daß der faschistische Staat nicht Überwinder, sondern Bestandteil und Stütze der bürgerlichen Gesellschaft ist und diese Rolle in einem geschichtlichen Moment übernommen hat, da der Kapitalismus, der das imperialistische Stadium erreicht hatte, sich in einer Krise befand. Es ist die Bloßstellung dieses Zusammenhangs, die der Definition bis heute ihre Befeindung durch alle einträgt, die diese Einordnung des Faschismus an der Macht als mögliche und verwirklichte Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft nicht wahrhaben wollen.

    9.
    Manche Theoretiker haben diese richtige Einstufung dadurch verballhornt, daß sie den faschistischen Staat gleichsam als die höchste und ideale Staatsform bürgerlicher Herrschaft ansahen, der bürgerliche Gesellschaften gesetzmäßig zustreben würden. Diese Auffassung hat dazu geführt, hinter allen möglichen Veränderungen bürgerlicher Herrschaftsverhältnisse faschistische Tendenzen zu wittern oder zu diagnostizieren. In Wahrheit aber kann bürgerliche Herrschaft unter voneinander sehr verschiedenen staatspolitischen Verhältnissen stabil sein und bleiben, wie die Geschichte beweist – unter denen der konstitutionellen Monarchie wie denen der parlamentarischen oder präsidialen Republik, denen der Militärdiktatur und auch anderen autokratischen Systemen. Der faschistische Staat bildet mithin keinen Idealtypus. Er ist eine Herrschaftsalternative, die bürgerlichen zivilen und militärischen Eliten als brauchbar und geeignet erscheint, wenn sie – erstens – ihre Macht dadurch besser gesichert sehen als mit den bisher praktizierten herkömmlichen Mitteln und Methoden oder – zweitens – ihre Pläne für die Zukunft auf diese Weise zu verwirklichen hoffen. Beides war der »Fall«
    des 30. Januar 1933.

    10.
    Die Installierung des Faschismus in die Staatsmacht ist für die herrschenden Kreise einer bürgerlichen Gesellschaft, Bankiers, Industrielle, große Landbesitzer, Militärs u.a., nicht ohne Risiko. Das ist ein doppeltes. Das momentane besteht darin, daß der Widerstand starker demokratischer und sozialistischer Kräfte gegen diesen Wandel statt der gewollten Machtstabilisierung deren Erschütterung bewirken kann. Und das chronische ergibt sich aus der Tatsache, daß die neue faschistische Staatselite, wenn sie verbraucht ist und versagt, weniger leicht verabschiedet werden kann, als das mit einer Politikergruppe in parlamentarischen Zuständen möglich ist. Die konzentrierte diktatorische Gewalt derer, die am Staatsruder stehen, kann dann gegen die Installateure und Profiteure dieser Macht schlagen. Die kommen in die Situation des Zauberlehrlings, der die Geister nicht mehr bannen kann, die er rief. Ein Teil der deutschen Herrschaftselite erfuhr das am 20. Juli 1944. Auch diese Erfahrung hat beigetragen, andere Herrschaftssicherungen zu bevorzugen als die faschistische, zumal sich dafür geeignete Instrumente haben finden lassen.

    11.
    Die Faschismusdefinition des Jahres 1933 hat Autoren, die namentlich nicht bekannt sind. Georgi Dimitroff, der sich Ende 1933 in Leipzig in der Gewalt der Faschisten befand, gehört nicht dazu. Er hat indessen durch seine Rede auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale zwei Jahre später, als die Definition in seinem Bericht zitiert wurde, zu deren Autorität und Verbreitung beigetragen. So ist die Bezeichnung Dimitroff-Definition (abwertend: Dimitroff-Formel) zustande gekommen. Wer sich in dieser Rede und anderen, die 1935 auf dem denkwürdigen Kongreß gehalten wurden, namentlich in der von Palmiro Togliatti, informiert, erkennt leicht, daß die Reduzierung der
    marxistischen Beurteilung des Faschismus auf diese Definition im Mindestfall unzulässig ist oder eine absichtliche Verfälschung darstellt.

    12.
    Die Definition von 1933 ist, wie alle vergleichbaren, ein Kind ihrer Zeit. Ihr sind die deutschen Erfahrungen des zu Ende gehenden Jahres 1933 abzulesen. Die Charakterisierung des Faschismus an der Macht als offene terroristische Diktatur bezog sich sowohl auf das errichtete System der Konzentrationslager als auch auf die Rolle der Gerichte, die sich mit Todesurteilen und – das Reichsgericht mit dem Prozeß gegen Dimitroff und Genossen – als Instrumente des Terrors erwiesen hatten. Opfer dieser Methode der öffentlichen Gewaltanwendung waren früh auch deutsche Juden geworden. Daß sich das Regime später zeitweilig gesittetere Formen der Anwendung der Staatsgewalt aufzuschminken suchte, hat nichts daran geändert, daß es nie auf die groben, durch kein Gesetz begrenzten Methoden der Niederhaltung von Gegnern verzichtet hat. Im Kriege hat dieser Terror Formen und ein Ausmaß angenommen, die alle geschichtlichen Vorbilder weit übertrafen.

    13.
    Die Definition des Jahres 1933 war zugleich dazu bestimmt, sich von anderen Faschismusdeutungen und -analysen abzugrenzen, namentlich von jener, die in dieser Staatsgewalt ein Instrument kleinbürgerlicher Kreise zu erkennen glaubte. Im Widerspruch dagegen wurde konstatiert, daß diese Macht im Interesse der am meisten chauvinistischen und imperialistischen Kräfte des Finanzkapitals, also von Großbanken und industriellen Konzernen, wirke. Diese Feststellung drückte sich in der Zufriedenheit aus, welche diese wirtschaftsmächtigen Kreise mit der neuen Diktatur kundtaten, was sich in ihrem eigenen Beitrag zu deren Befestigung zeigte und auch personell in der direkten Beteiligung einschlägig geprägter Personen der Wirtschaftselite an der Staatslenkung. Diese Kreise haben von der Vernichtung der politischen wie der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung profitiertund dann von der Hochrüstung. Die Charakteristik des Faschismus an der Macht war mithin auch eine Warnung, die Expansion und die Gefahr eines Krieges signalisierte.

    14.
    Die materialistisch fundierte und sich an der marxistischen Theorie orientierende Analyse des Faschismus wird mitunter abwertend als »Agententheorie« bezeichnet. Es wird behauptet, mit ihr würden die Faschistenführer als »bloße Agenten« des Kapitals oder in der Rolle von Hampelmännern der Geschichte dargestellt, ein Bild, das jedem Kind geläufig ist und besagen soll, es werde das Verhältnis von ökonomisch Herrschenden und politisch Agierenden primitiv mechanisch dargestellt.
    Wie in der marxistischen Gesellschaftstheorie insgesamt dem Überbau eine aktive, relativ selbständige, auf die Basis zurückwirkende Rolle zuerkannt wird, so auch der faschistischen Staatsmacht. Die faschistischen Führer an der Staatsspitze tanzen nicht nach der Pfeife irgendwelcher Kapitalistenvereinigungen. Sie treffen am Staatsruder in Fragen der Innen- wie der Außenpolitik eigene Entscheidungen, doch bewegten sich diese unbezweifelbar im wesentlichen, solange sie Erfolg hatten, im Bereich von Kapitalinteressen. Als sie militärisch geschlagen abtreten mußten, war in der deutschen Gesellschaft nach wie vor oben, was 1933 oben gewesen war. Die an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide hatten ihr Eigentum im Ganzen erhalten, und manche hatten es gemehrt, die kleinen Leute waren zu Millionen um dieses Eigentum gebracht.

    15.
    Jene Kritik an der Definition des Jahres 1933, die auf das »Fehlen« der Rolle der Rassenideologie und auf die der Massengefolgschaft – das sind zwei Haupteinwände – verweist, ist unhistorisch und im Hinblick auf das Verdienst der Autoren ungerecht. Denn Ende 1933 war nicht abzusehen, daß die Massengefolgschaft, die das Regime im ersten Jahr der Diktatur gewonnen hatte, stabil bleiben werde.
    Es wurde geglaubt, daß innere, namentlich wirtschaftliche Krisen eine neue Situation schaffen und diese Herrschaft erschüttern würden. Und Ende 1933, als die antisemitische Aktivität der Machthaber zu einem zeitweiligen und irritierenden Stillstand gebracht wurde, um deren negative ökonomische Folgen zu begrenzen, war nicht entfernt zu erkennen, daß dieser Weg über Pogrome nach Auschwitz führen werde. Die Kritik, daß diese Kennzeichen in die Definition nicht eingingen, kann nur Spätere treffen, also namentlich die marxistischen Historiker, die nach Faschismus und Krieg forschten. Doch trifft sie in der Sache nicht zu. Die marxistischen Analysen waren über den Wissensstand des Jahres 1935 hinausgelangt. Doch hatten die Fortsetzer keinen Grund gesehen, aufzugeben, was an Erkenntnissen sich als richtig erwiesen hatte. Daß die Definition unangetastet blieb, war weniger ihrer Dogmatisierung geschuldet als Bedenken, daß sie durch Zusätze überladen und darüber der Kern der Aussage unscharf werden würde. Darüber läßt sich streiten.

    16.
    Die faschistischen Regime, die in den zwanziger bis vierziger Jahren in Europa entstanden, gleichen nicht wie ein Ei dem anderen. Sie haben viele Gesichter und unterscheidbare Prägungen, weshalb zwischen ihnen auch sprachlich differenziert wird. Begriffe wie Hitler-, Nazi-, Mussolini-, Monarcho-, Klerikalfaschismus werden in der Literatur benutzt. Jeder dieser Faschismen, ob als politische Bewegung, Ideologie und Staatsmacht, besitzt seine Besonderheiten von Land zu Land. Die wurden zum einen durch die Wege voraufgegangener, Traditionen stiftender nationaler Geschichte geprägt, zum anderen durch die konkreten Bedingungen, unter denen die Faschisten an die Staatsmacht gelangten, davon vor allem, ob ihr Sieg über Feinde und Rivalen vollständig war oder ob sie ihren Erfolg nur gemeinsam mit nahen Verwandten errangen und die gewonnene Macht mit diesen bis zueinem gewissen Grade teilen mußten. Diese Wege an die Macht differierten sehr, so der, den die Nazis in Deutschland gingen, von dem der Franco-Faschisten in Spanien, die nur mit deutsch-italienischer militärischer Hilfe an das Staatsruder gelangen konnten, und dieser wieder von dem der Klerikalfaschisten im Ustascha-Staat Kroatien, der nach der Zerschlagung Jugoslawiens von deutschen Gnaden geschaffen wurde. Das Kräfteverhältnis der herrschenden Kräfte in diesen Staaten – Bourgeoisie, Grundbesitzer, Militärs, Kirchenobrigkeit – war unterschiedlich und trug ebenso bei, daß die faschistischen Staatsgebilde ihr besonderes Gesicht erhielten. Das konnte zusätzlich durch Vorlieben und selbst durch Marotten der jeweiligen Führer mitbestimmt werden. Daher ist es abwegig, die »Dimitroff-Formel« mit dem Verweis abtun zu wollen, sie »passe« auf diese oder jene Ausformung des Faschismus nicht. Militant, chauvinistisch, expansiv, kriegerisch waren alle diese Regime. Wie im deutschen Nazistaat die Devise von Großdeutschland ausgegeben wurde, so die – und das schon vorher – vom Mittelmeer als dem mare italiano (mare nostrum) durch die Faschisten in Rom, die von Großungarn in Budapest, von Großrumänien in Bukarest. Nur waren die Voraussetzungen von der Bevölkerungszahl bis zum technisch-industriellen Niveau sehr verschieden, diese Ziele zu verfolgen und zu erreichen.

    17.
    Der deutsche Faschismus an der Macht war der Initiator einer Judenverfolgung, die über die Vertreibung von Hunderttausenden deutschen Juden aus ihrem Vaterland bis zur Vernichtung aller ergreifbaren Juden im deutsch beherrschten Europa reichte. Dieses gemeinhin »Holocaust« genannte Verbrechen wird zum Kern der Politik der deutschen Faschisten erklärt, und da Faschisten anderer Länder an ihm beteiligt, aber nicht dessen Planer und Organisatoren waren, wird sodann der »Nationalsozialismus« als eine ganz eigene politische Herrschaft bezeichnet und seine Charakterisierung als Faschismus geradezu als eine Verharmlosung gesehen. So furchtbar, unvorstellbar, einzigartig in aller bisherigen Weltgeschichte der Massenmord an den Juden war, den die deutschen Faschisten inszenierten und nahe an ihr Ziel führten – die Achse des Regimes und sein Endziel bildete nicht er, sondern die durch Kriege und Eroberung erstrebte weltbeherrschende Stellung des deutschen Imperialismus. Es blieb von 1933 bis Auschwitz dafür gesorgt, daß Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden sich diesem Hauptinteresse zuordnete und dessen Rahmen nie sprengte.

    18.
    Wie verschieden diese faschistischen Staaten sich auf den ersten Blick auch ausnahmen, ihre Gemeinsamkeiten überwogen: ihr diktatorischer Charakter und die Anwendung terroristischer Methoden gegen alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Feinde, ihre Versuche, sich durch Terror, Demagogie und Erfolgsbestechung in der Bevölkerung eine stabile Basis zu schaffen, ihre antiaufklärerische Propaganda zum Zwecke der Verdummung und Beherrschung der Massen, ihre Verbreitung von Bildern von Feinden im Innern und jenseits der Grenzen zum Zweck der Militarisierung von Massen und zur Weckung eines kriegerischen Expansionsdrangs. Zu den Gemeinsamkeiten der faschistischen Regime gehörte – last but not least – auch ihr absolut wahrheitswidriges Verhältnis zur Geschichte der eigenen Nation, die Verweigerung jeder nach innen gerichteten kritischen Geschichtsbetrachtung und die Heroisierung der Vergangenheit, als deren Ziel- und Höhe- und Schlußpunkt sich die Faschisten ansahen.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2010

  • Mehr als ein Definitionsstreit

    Mehr als ein Definitionsstreit

    Mehr als ein Definitionsstreit

    Die Diskussion darum, was unter dem Begriff Faschismus verstanden wird ist mehr als eine abstrakte Diskussion im Elfenbeinturm, sondern vielmehr entscheidend dafür, wie er an der Wurzel bekämpft werden kann und somit ausschlaggebend für die Praxis antifaschistischer Kämpfe. In diesem Text ordnet der marxistische Historiker Kurt Pätzold die sogenannte „Dimitroff-Definition“ in ihren historischen Kontext ein, erklärt Stück für Stück ihre Bedeutung und diskutiert Kritik, die ihr oft entgegengebracht wird.

    Vor 75 Jahren charakterisierte die Kommunistische Internationale den Faschismus an der Macht

    Redaktionelle Vorbemerkung: Der Autor unseres Beitrags erhielt am 21.August 1992 von der Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, Frau Professor Dr. Marlis Dürkop, ein Schreiben, in dem sein Arbeitsverhältnis gekündigt wurde, in dem sich zu dessen Begründung u. a. der Satz findet: »Noch in den 70er Jahren gehen Sie in Ihren Arbeiten zum Faschismus ganz dogmatisch von der Faschismusformel der Kommunistischen Internationale vom Dezember 1933 aus …«. (jW)

    Heute wird der Faschismusbegriff in der Geschichtswissenschaft kaum noch für geeignet gehalten, die jeweiligen Besonderheiten faschistischer Systeme und des Nationalsozialismus angemessen zu erfassen.« Derlei Unsinn liefert das Internet 2008. Der Begriff Faschismus zielte, seit er über den »italienischen Fall« hinaus Eingang in die Sprache von Politik und Gesellschaftswissenschaften fand, nie auf die Besonderheiten der neuartigen, nach dem Ersten Weltkrieg in mehreren europäischen Staaten entstandenen Bewegungen. Er abstrahierte gerade von deren Unterschieden und suchte das Gemeinsame, Charakteristische zu erfassen, das Wesen dieser Erscheinungen.

    Daß der Begriff Faschismus heute in der Bundesrepublik in geschichtlichen Unterweisungen an Schulen und Hochschulen mit Bezug auf deutsche Zustände kaum benutzt wird, kommt einer stillschweigenden Leugnung solcher charakteristischen Gemeinsamkeiten gleich und besitzt seine Ursachen. Bevor davon zu reden ist, sei festgestellt, daß die Begriffe Faschismus und Faschisten für die sich »Nationalsozialisten« nennende Gefolgschaft Hitlers in Deutschland bereits vor 1933 geläufig waren, vor allem bei deren linken Gegnern, doch nicht allein dort. Davon überzeugt ein Blick in die Weltbühne Carl von Ossietzkys. Umstrittener als die Verwendung des Begriffs war die Kennzeichnung der Bewegung. Wer bildete sie? Wessen Interessen vertrat sie?

    Moskau, Ende 1933

    Kein Versuch, darauf zu antworten, erfuhr weitere Verbreitung und zugleich vielstimmigeren Widerspruch als die in eine Definition geronnene Charakteristik, die während der XIII. Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale im November/Dezember 1933 gegeben wurde: Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. Sie wird meist Georgi Dimitroff zugeschrieben, auch als Dimitroffsche Definition bezeichnet. In Wahrheit befand sich der bulgarische Kommunist zum Zeitpunkt der Moskauer Tagung in der Hand der deutschen Machthaber. Ihm, weiteren Kommunisten und Marinus van der Lubbe wurde in Leipzig ein Prozeß gemacht, mit dem den Kommunisten die Urheberschaft des Reichstagsbrandes angehängt werden sollte. Wer im Stab der Komintern, anknüpfend an frühere Bestimmungen – unter anderem eine von 1923 stammende Clara Zetkins – diese Kennzeichnung formuliert hat, ist unbekannt. Doch hat Dimitroff, daher mag die erwähnte falsche Zuordnung rühren, sie sich zu eigen gemacht und durch seinen im August 1935 gegebenen Bericht an den VII. Komintern-Weltkongreß, der die Definition enthielt, zu ihrer Popularisierung enorm beigetragen.

    Bevor Werte und Mängel der Definition diskutiert werden sollen, sind ein paar Bemerkungen zu den gegen sie vorgetragenen Einwänden nötig. Manche rühren, wie der eingangs zitierte, aus bloßem Unverständnis dafür her, was die Definition eines Phänomens aus Natur oder Gesellschaft ist und allenfalls leisten kann. Niemand wird auf die Idee kommen, eine Definition der Unterfamilie der Pantherinea (deutsch: Großkatzen) deshalb zu bemängeln, weil sie die Verschiedenartigkeit der Lebensgebiete, der Jagdgewohnheiten oder der Fellfärbung von, sagen wir Leoparden und Tigern, nicht berücksichtigt. Von dieser Art aber ist ein nicht unerheblicher Teil der Kritiken. Sie gehen am Interesse der theoretischen Anstrengung vorbei und ignorieren, daß jede Definition mit wissenschaftlichem Anspruch stets ärmer ist als die Theorie und diese wieder ärmer als die Wirklichkeit. Mit dem Gewinn, der aus der Abstraktion erwächst, geht ein Verlust einher. Daher gilt: Wessen Wissen auf die Definition eines Phänomens reduziert ist, hat von ihm noch nicht viel verstanden. Sie kann im besten Fall einen Zugang zum Verständnis des Ganzen in seiner Vielfalt eröffnen, das erarbeitet werden will, vor allem dadurch, daß der Gedankenweg, der zu solcher Begriffsbestimmung geführt hat, zurückgegangen wird – vom Allgemeinen zum Besonderen und von da zum Einzelnen.

    Andere, nun inhaltliche Einwände gründen darauf, daß zwischen den Aspekten des Begriffs Faschismus nicht unterschieden wird. Er meint in einer Verwendung eine Ideologie, in einer anderen eine politische Bewegung, in der dritten eine Staatsform. Die Komintern-Definition zielte auf den an die (Staats)Macht gelangten Faschismus. Sie hätte anders gelautet, wäre unternommen worden, den Extrakt der faschistischen Ideologie herauszustellen oder die faschistischen Parteien zu kennzeichnen. Den Ideologen und Theoretikern der Komintern war es darum zu tun, in einer weltweiten Bewegung klarzumachen, was von den beiden neuartigen, erkennbar eng verwandten Staatsgebilden, dem 1922 in Italien und dem jüngst in Deutschland entstandenen, zu halten und zu erwarten sei. Formuliert wurden eine Warnung und eine Orientierung für den Kampf.
    Kurzum: Die knappe Kennzeichnung der faschistischen Mächte – weitere dieses Typs zu schaffen, dafür wirkten Bewegungen in mehreren Ländern – erfolgte nicht in akademischer Absicht. Sie war bestimmt, Massen zu mobilisieren und falsche Frontstellungen zu meiden. Dazu mußte sie allgemeinverständlich sein. Ihre äußerste Verkürzung schloß wie in ähnlichen Fällen das Risiko von Mißverständnissen ein und erleichterte zudem absichtliche Mißdeutungen. Diese Zusammenhänge zu berücksichtigen, mag Menschen schwerfallen, die sich einzig in wissenschaftlichen Laboratorien bewegt und nie an politischen Kämpfen teilgenommen haben. Davon gibt es unter den Gesellschaftswissenschaftlern unserer Tage viele.

    Geschichtsferne Einwände

    Zahlreich sind auch Einwände, die im Unhistorischen wurzeln. Die Erfahrungen, die Ende 1933 mit den faschistischen Staaten vorlagen, sind minimal, verglichen mit jenen, die zwölf Jahre später angehäuft waren. Das gilt nicht nur für Antisemitismus und Judenhaß. Es betrifft ebenso die Herrschaftspraktiken der Machthaber in Rom und Berlin, und insbesondere die Methoden, mit denen die Regime ihre Massenbasis zu sichern wußten. Deren Beurteilung geschah 1933 unter dem Eindruck der Konzentrationslager, in denen gepeinigt, gefoltert und gemordet wurde, und einer sich radikalisierenden politischen Justiz.

    Eine andere unhistorische Kritik sieht davon ab, daß die Autoren der Definition mit ihr in Konkurrenz zu anderen Bestimmungen des Faschismus traten, von denen sie sich abzugrenzen wünschten. Das geschah insbesondere gegenüber jener Fehldeutung, die zwischen dem Gefolge der Faschistenführer, vorwiegend Angehörige der Mittelschichten, und dem Wesen der etablierten Macht nicht zu unterscheiden vermochte und sie als Herrschaft des Kleinbürgertums ansah. Eine bis heute anzutreffende andere Deutung reduzierte den Faschismus gar auf die »Herrschaft der Primitiven«.
    Die Kennzeichnung des Faschismus als Diktatur des Finanzkapitals, der ökonomisch mächtigsten und daher einflußreichsten Kräfte des Industrie- und Bankkapitals, diente vor allem der Entlarvung der Faschistenführer, die in Deutschland und Italien mit dem Versprechen auftraten, eine ganz neue gesellschaftliche und staatliche Ordnung errichten zu wollen, in der es keine Klassenkämpfe geben und alle Glieder der Nation einträchtig zusammenleben würden, so daß alte Größe wiedergewonnen und zu neuer aufgestiegen werden könne. Dieser Kern der Charakteristik richtete sich gegen die These von der »nationalsozialistischen Revolution« und zielte auf die Bloßlegung des Verhältnisses der Politiker um Hitler und Mussolini zum großen Kapital, da wie dort eines der am besten gehüteten Geheimnisse.

    Damit war auch gesagt, daß die Machthaber nicht die Interessen aller Bourgeois gleichermaßen verfechten würden. Die Einschränkung – die reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente – drückte zudem aus, daß nicht alle Personen und Gruppen des Finanzkapitals die neue Staatsmacht unter dem Hakenkreuz favorisiert und beigetragen hatten, sie zu installieren. Führungsgruppen von Großkonzernen, wie beispielsweise die an der Spitze des Jenaer Zeiss-Unternehmens, die auch unter Krisenbedingungen wirtschaftsfriedlich mit Betriebsräten und Gewerkschaftsführern zusammenarbeiteten und dabei ihre Interessen durchzusetzen vermochten, hatten keinen Antrieb, sich auf die Seite der faschistischen Gegner der Republik zu schlagen.

    Erwiesenes und Prognostiziertes

    Reaktionärste – das hieß, es waren jene Kreise zu entscheidendem Einfluß gelangt, die mit der revolutionären wie der reformistischen Arbeiterbewegung ein für allemal abrechnen und ebenso gründlich die bürgerlich-demokratischen Zustände beseitigen wollten. Wer die Entwicklung von elf Monaten Nazidiktatur vor Augen hatte, konnte dies nicht in Zweifel ziehen. Doch war dieser innenpolitische Feldzug keine Parteipolitik auf nur eigene Rechnung, kein Toben der Rache für erlittene Niederlagen während der Kämpfe in der Republik. Jeder Schritt gegen die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften, ausgegeben als Weg zur Volksgemeinschaft, wurde von Führungskreisen des Kapitals gebilligt, mitunter auch mit Beifall bedacht, entsprach er doch lang gehegten Wünschen, die unbeseitigten Folgen der Novemberrevolution zu liquidieren. Weit über die Zirkel des Kapitals hinaus, die den Weg zum 30. Januar bewußt ebnen halfen, schlossen sich die wirtschaftlichen Interessenorganisationen der Bourgeoisie nach der Wende um das sich etablierende Regime zusammen. Das Experiment, auf Initiative einer Minderheit einmal riskiert, sollte unter keinen Umständen scheitern. Man stellte sich, so die offiziellen Erklärungen, dienend »hinter die nationale Regierung«.

    Extrem chauvinistisch – das besagte, es würde die Außenpolitik der an die Macht gelangten Faschistenführer sich in keinen anderen Bahnen vollziehen als in jenen, die in Verlautbarungen zuvor bezeichnet waren. Das ergab sich aus den weitgehend identischen Vorstellungen von künftiger deutscher Politik, die im faschistischen Führungszentrum ebenso wie in maßgeblichen Kapitalkreisen gepflegt wurden. Weder die einen noch die anderen hatten je die Ergebnisse des Weltkriegs akzeptiert. Sie beabsichtigten, die 1914 verfehlten Ziele in einem zweiten Anlauf zu erreichen. Diese Charakteristik kontrastierte mit im In- und Ausland angestellten Mutmaßungen, ob der Hitler in der Wilhelmstraße noch der Hitler von »Mein Kampf« sei. Wer Selbstberuhigung suchte, verließ sich auf die wohlfeilen Beteuerungen des Friedenswillens, mit denen der »Führer« vom Tage an, da er Reichskanzler war, nicht sparte. Die sich davon einlullen ließen, wurden fünf Jahre später wach, als die faschistischen Chauvinisten zuerst gegen die Tschechen, dann gegen die Polen hetzten, von denen behauptet wurde, sie wollten die in ihren Grenzen lebenden Deutschen ausrotten.

    Aufs äußerste imperialistisch – diese Kennzeichnung heute noch zu diskutieren, heißt Eulen nach Athen tragen. Italiens Eroberung des souveränen Kaiserreiches Abessinien 1935, die Liquidierung Albaniens 1939 und der Angriff auf Griechenland 1940 illustrierten und bestätigten sie ebenso wie – deutscherseits – die Tilgung Österreichs und der Tschechoslowakei von Europas Staatenkarte 1938/1939, sodann die Eroberungen im Zweiten Weltkrieg und die sich mit dem einem »Endsieg« verbindenden Vorhaben, formuliert u.a. im Generalplan Ost, und nicht anders die Absicht, die Hand auf die Ölquellen des Nahen und Mittleren Ostens zu legen.

    Der seit 1939 beschrittene Weg, so weit er jener der deutschen Eroberer ist, wird heute indessen nicht der von Imperialisten genannt, sondern meist als Hitlers Vernichtungskrieg bezeichnet, als hätte das Ziel einzig im Ausrotten und Zerstören bestanden und nicht in Landraub, Rohstoffquellen, Auspowerung versklavter Einwohner, als wären Kriegszüge und -ziele allein Ausgeburten des Größenwahns eines Mannes gewesen. Das waren sie auch, aber eben nur zu einem für sich genommen zu vernachlässigenden Teil. In Wahrheit vollzog sich unter Hitlers Führung die Wiederaufnahme, Fortsetzung, Umprägung und Erweiterung traditioneller Pläne, die in Machteliten des Reiches nach dessen Gründung 1871 sukzessive formuliert und gehegt worden waren und schon in den Ersten Weltkrieg geführt hatten.

    Es gehört ein beträchtliches Quantum an Vorurteilen dazu, den Bestimmungen des Faschismus an der Macht aus dem Jahre 1933 Erkenntnis- und Wahrheitswert abzusprechen, sie als dogmatische Formel oder als »reduktionistisch« abzutun. Dennoch lassen sich derlei Etikettierungen massenhaft antreffen, argumentierende Einwände hingegen sind rar. Diese Art von »Auseinandersetzung« ist in ihrem Vorfeld inzwischen schon dadurch erleichtert, daß Begriffe wie »reaktionär« und »imperialistisch«, die nicht dadurch gegenstandslos geworden sind, daß sie in Wissenschaft und – mehr noch – Politik mitunter inflationär und beliebig gebraucht worden waren, nahezu ganz aus dem gesellschaftswissenschaftlichen und publizistischen Verkehr entfernt sind. Das geschah, ohne daß je dargetan worden wäre, welcher Wandel diesen Verzicht rechtfertigen könnte. So scheinen die Imperialisten irgendwo im 20. Jahrhundert an einer historischen Weggabelung, die weit hinter uns liegt, sich verhockt zu haben …

    Der Platz des Terrors

    Terroristische Diktatur – diese Hervorhebung entstand, wie erwähnt, unter dem unmittelbaren Eindruck der bestialischen Gewaltmethoden, die zum Zwecke raschester Etablierung der Nazimacht angewendet wurden. Kein Zeitgenosse, dem die Existenz der Konzentrationslager entgangen sein konnte, war davon 1933 doch in Zeitungsberichten zu erfahren. Kaum jemand, der die Drohung und Anwendung von Gewalt gegen Juden nicht bemerkt haben konnte. Niemand, der die Flucht von Verfolgten und Drangsalierten, darunter viele jüdische Angehörige der Intelligenz, ins Ausland nicht wahrgenommen hatte. Doch blieb ungehemmter und zur Schau gestellter Terror nicht der Alltag des Faschismus. Die Machthaber hatten sich nicht, wie angenommen wurde, permanent mit Widerständen auseinanderzusetzen und darauf mit gesteigerten Maßnahmen brutaler Unterdrückung zu antworten.

    Die Entwicklung verlief anders. Sie ermöglichte dem Regime, sich ein gesittetes Äußeres aufzuschminken und das weniger mit Rücksicht auf das Inland denn auf den Ansehensverlust, den die Enthüllung der Bestialitäten im Ausland verursacht hatten. Etwa zur Zeit des Weltkongresses 1933 verkündete Göring als preußischer Innenminister eine sogenannte Weihnachtsamnestie. Häftlinge aus Konzentrationslagern kamen mit der Auflage der totalen Unterordnung frei. Die Propaganda der Nazis präsentierte Deutschland als friedliches Land, bevölkert von in Eintrachtlebenden, strebsamen Menschen. Diesen idyllischen Bildern wurden solche von blutig verlaufenden Konflikten jenseits der Grenzen, etwa den innenpolitischen Kämpfen in Österreich im Februar 1934, gegenübergestellt.

    Die größte Wirkung vermochte diese Reklame 1936 während der Olympia-Wochen zu erzielen. Keine Rede also von permanentem, öffentlich geübtem und erfahrbarem Terror. Dessen Hauptinstrument, die Konzentrationslager, wurden in der Wahrnehmung der Mehrheit der Deutschen wie des Auslands zu einer Randerscheinung, und was in ihren geschah, blieb weithin verborgen. In aller Öffentlichkeit und ungehemmt wurde der außerjustitielle Terror erst in der Endphase des Regimes wieder angewendet. Da kam es zu demonstrativen Hinrichtungen von Soldaten und Zivilisten, die den Krieg nicht länger mehr mitmachen wollten, zu den heute »Verbrechen der Endphase« genannten Untaten. Täter knüpften daran Hoffnungen, glimpflich davonzukommen, und es tobten sich mörderisch Rasende aus, die das eigene Ende nahe und unvermeidlich auf sich zukommen sahen.

    Die Formulierung von der terroristischen Diktatur bezeichnet in der kommunistischen Ideologie und Theorie jener Jahre zugleich einen gedanklichen Fortschritt. Sie differenziert zwischen den kapitalistischen Staatsformen, und diese Unterscheidung eröffnete einen Gedankenweg zur Neubewertung von bürgerlich-demokratischen, repressiven, aber nicht terroristischen Herrschaftspraktiken. Hier kündigte sich, denkt man an das Verhältnis der deutschen Kommunisten zur Republik von Weimar, das sich etwa in Devisen wie »Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel« oder auch in Wendungen wie »Schwarz-Rot-Mostrich« für die Farben der Republik ausgedrückt hatten, eine Neubewertung an.

    Einwände, die sich gegen diesen Teil der Faschismus-Definition richten, treffen nicht die Aussage, sondern das Unberücksichtigte. Das Fehlen jeder Erwähnung der mit dem Terror einhergehenden, sich auf ihn gründenden und mit ihm kombinierten Methoden der Herrschaftssicherung, also die permanente Machtstabilisierung durch die Instrumente der Propaganda und durch Erfolgsbestechung, die von innenpolitischen Veränderungen ebenso ausging wie von den Geschehnissen auf dem Wege zu »Großdeutschland«. In diesem Punkte geht es nicht um eine Korrektur, sondern um eine Ergänzung. Sie betrifft die Autoren des Jahres 1933 nicht, denn weder der italienische noch der deutsche Faschismus hatten zu diesem Zeitpunkt Tatsachen geschaffen, die den Regimen jene Massen von Anhängern schufen, die sie seit der Mitte der dreißiger Jahre zu formieren verstanden und auf die gestützt sie in den Krieg zogen.

    Die Erfahrungsmasse, die 1945 vorlag, hätte keinen Widerruf, wohl aber eine Überprüfung und Ergänzung der definitorischen Kennzeichnung des Faschismus an der Macht erfordert, die vor allem die Massengefolgschaft, den Platz und die Rolle der Ideologie, insbesondere von Rassismus und Antisemitismus, die Genozide an Juden, Sinti und Roma und die Massenmorde während des Krieges aufzunehmen hatten. Die materialistische Faschismusforschung war, wovon viele ihrer Publikationen zeugen, gleichsam über diese Definition hinausgelangt, ohne daß dies unter den Spezialisten in der DDR zu einer weiterführenden Bestimmung geführt hätte. Das wurde auch der kritischen Bewahrung dessen, was 1933 geleistet worden war, abträglich.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2008