Autor: oaterlangen

  • Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“

    Die „Identitäre Bewegung“ in Deutschland schaffte es erstmals im August 2016 sich in das Licht der Öffentlichkeit zu drängen. Rechte Aktivisten kletterten auf das Brandenburger Tor, um dort pressewirksam ein Transparent zu befestigen. Seit dieser Aktion sind die Berichte über die „Identitäre Bewegung“ allerdings wieder stark zurück gegangen. Wer nicht in „sozialen Medien“ aktiv war, dürfte von den Aktionen der „Identitären Bewegung“ kaum etwas mitbekommen haben.

    Durch den aktuellen Rechtsruck unterstützt, wurden die Aktionen allerdings umfangreicher, und die Ambitionen größer. Zu Facebook und Instagram Posts, dem Aufhängen von Transparenten, kommen mittlerweile auch größere Projekte und immer häufiger direkte Angriffe auf ihre politischen Gegner. Seit der ersten Auflage dieser Broschüre hat sich dieser Trend fortgesetzt. Grund genug für uns, noch einmal nachzulegen mit einer komplett überarbeiteten und aktualisierten Version.

    Die Broschüre gibt einen kurzen Überblick über die „Identitäre Bewegung“. Zunächst möchten wir die Geschichte der „Neuen Rechten“ in Deutschland und Frankreich beleuchten, ohne die man die Entstehung IB selbst nicht verstehen kann. Folgend gehen wir näher auf Geschichte und Ideologie der IB ein. Anschließend analysieren wir ihre Strategie und zeigen ihre Verbindungen zur AfD und anderen Gruppen auf.

    Wir wollen mit dieser Broschüre dazu beitragen, die IB als das zu entlarven, was sie ist: Eine rassistische Gruppierung, die mit neuen Logos und Begriffen, aber alten Inhalten, versucht, Menschen für ihren „Bürgerkrieg“ gegen Migrant*innen zu gewinnen.

    Wir wollen eine Debatte über antifaschistische Strategien – speziell gegen die IB, aber auch gegen den Rechtsruck insgesamt – weitertreiben. Antifaschistischer Kampf ist durch den Aufstieg von AfD, IB und Co. ein noch zentralerer Bestandteil fortschrittlicher Kämpfe geworden.

    Kein Fußbreit den Faschisten!

    Die “Neue Rechte”

    Die „Identitäre Bewegung“ ist in das Spektrum der „Neuen Rechten“ einzuordnen. Diese Bezeichnung kam erstmals in den 60er Jahren in Frankreich auf. Viele Elemente aus ihrer Ideologie beziehen sich auf rechte Theoretiker aus der Zeit der Weimarer Republik, deren Ideologie wiederum zum Teil unter dem Begriff der „Konservativen Revolution“ zusammengefasst wird.

    Konservative Revolution?

    Nach der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg war die Situation angespannt. Die Novemberrevolution war auf halben Weg gestoppt und die Räterepublik niedergeschlagen. Der Krieg war beendet und eine formale Demokratie hergestellt, doch die alten Eliten in Militär und Industrie waren weitgehend noch auf ihren Posten. Die Grundlagen der alten Ordnung waren nicht beseitigt. Durch den Versailler Vertrag wurde die deutsche Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Die reaktionären Kräfte drängten danach, die Ordnung in Europa erneut in Frage zu stellen und einen neuen Versuch zu starten, Deutschlands Vorherrschaft in Europa zu etablieren. Die Demokratie wurde dabei allgemein als Hindernis betrachtet.

    Rechte Theoretiker dieser Zeit waren sich einig in ihrer Ablehnung des Liberalismus und Marxismus. Sie unterstützten ein autoritäres Staatsmodell. Dazu zählen beispielsweise Carl Schmitt, der als Staatsrechtler später den deutschen Faschismus rechtfertigte und Oswald Spengler, der zwar dem deutschen Faschismus kritisch gegenüberstand, sich aber positiv auf den italienischen Faschismus bezog. Oswald Spengler entwarf in seinem philosophischen Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ eine Theorie, nach welcher Kulturen in sich geschlossene, abgrenzbare Gebilde seien, die eine Lebensdauer von etwa einem Jahrtausend besäßen. Zwischen diesen verschiedenen Kulturen, so schrieb das Oswald Spengler, sei kein Austausch möglich oder wünschenswert. Er beschreibt hier schon das Konstrukt, welches die Neue Rechte später „Ethnopluralismus“ nennen wird. Oswald Spengler ist einer der Theoretiker, die später der „Konservativen Revolution“ zugerechnet werden.

    Das Deutsche Historische Museum Berlin beschreibt auf seiner Webseite die Denkschule der „Konservativen Revolution“ als „eine geistig-politische Sammelbewegung jungkonservativer Kräfte in der Weimarer Republik, die sich für einen autoritären Staat einsetzten und den liberalen Werten der Weimarer Demokratie deutlichen Widerstand entgegenbrachten“. Weiter schreiben sie: „Die Konservative Revolution verstand sich als Gegenrevolution, die nach dem Umsturz der bestehenden Ordnung [dem deutschen Kaiserreich] konservative Maßstäbe setzen und die Auflösung der abendländischen Kultur verhindern wollte“1

    Es ist allerdings umstritten, ob man diese verschiedenen Theoretiker tatsächlich einer gemeinsamen Strömung zurechnen kann. Ausgedacht hat sich den Begriff „Konservative Revolution“ Armin Mohler, ein Schweizer, der 1942 nach Deutschland umgesiedelt war, um sich dort freiwillig für die Waffen-SS zu melden. Nach seinem Studium in Berlin konstruierte er in seiner Dissertation 1950 den Begriff der „konservativen Revolution“ und legte ihn verschiedenen Intellektuellen in den Mund.

    Armin Mohler gilt als einer der wichtigsten Vordenker der „Neuen Rechten“. Er hat bereits erprobt, was bei der „Neuen Rechten“ eine Strategie werden sollte: Begriffe neu besetzen. So hat er auch den Begriff „Konservativen Revolution“ bewusst gewählt. Er wollte seinen faschistischen Ansichten den anschlussfähigen Begriff des Konservativismus als Deckmantel überwerfen. Er selbst beschrieb dies mit den Worten: „Die Definition, was „konservativ“ sei, ist bereits ein politischer Akt“.2

    „Faschismus ist für mich, wenn enttäuschte Liberale und enttäuschte Sozialisten sich zu etwas Neuem zusammenfinden. Daraus entsteht, was man konservative Revolution nennt.“
    Mohler zur Frage, was ihm Faschismus bedeutet3

    Wenn man sich näher mit Armin Mohler beschäftigt wird aber klar, dass für ihn zwischen konservativ und faschistisch kein Unterschied besteht.

    An diese Theorie knüpfen auch die heutigen Vertreter der “Neuen Rechten” an. So ist zum Beispiel Götz Kubitschek, ein Guru der „Identitären Bewegung“ und ein glühender Verehrer von Armin Mohler: Er selbst bezeichnet sich als dessen Schüler4 und schreibt, er habe seinen Verlag Antaios nicht zuletzt gegründet, um Armin Mohler – als dieser noch lebte – eine Festschrift überreichen zu können. Und auch die neurechte Zeitung Junge Freiheit hat einmal eine Abokampagne mit dem Spruch beworben: „Jedes Abo eine konservative Revolution“.

    Die „Neue Rechte“ als Antwort auf die 68er

    Der Begriff „Neue Rechte“ (franz. „Nouvelle Droite“) wurde 1968 in von der rechten Gruppe GRECE (Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne) eingeführt und maßgeblich geprägt. Die „Neue Rechte“ kämpft seit dem darum, faschistisches Gedankengut zu modernisieren und in neue Begriffe zu kleiden, um in breiteren Teilen der Gesellschaft Anschluss zu finden.

    Die Gründung der GRECE kann als eine Reaktion auf die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung gesehen werden. Ab Mitte der 1960er Jahre bildeten sich neue linke Theorieansätze, infolge derer sich in Frankreich nicht nur eine starke Student*innen- sondern auch eine starke Arbeiter*innenbewegung formieren sollte. Rechte Kräfte suchten nach neuen Konzepten, um dem etwas entgegenzusetzen. Sie hielten die alten rechtsradikalen Strukturen für veraltet und griffen deshalb die Theorien der „konservativen Revolution“ wieder auf.

    Eine Zentrale Figur der GRECE war Alain de Benoist. Er pflegte engen Kontakt mit dem Erfinder der „konservativen Revolution“ und war von Armin Mohlers Ideen begeistert. Ab den 70er Jahren, kann man von einer Freundschaft zwischen Alain de Benoist und Armin Mohler sprechen.5

    Alain de Benoist prägte den besagten Begriff „Nouvelle Droite“, maßgeblich mit. Neu an dem dahinterstehenden Weltbild ist aber nicht wirklich viel. Es ist einzig und alleine der Versuch, faschistisches Gedankengut zu aktualisieren. Ein positiver Bezug auf die „Alte Rechte“ – sprich den Nationalsozialismus – wird als Hindernis wahrgenommen, da es Vertretern der „Neuen Rechten“ mittlerweile als hoffnungslos erscheint, mit diesem Ansatz rechtsradikale Positionen in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. Aus diesem Grund grenzt sich die „Neue Rechte“ von ihren nationalsozialistischen Vorbildern ab. Der Ethnopluralismus ersetzt dabei die Rassenlehre der Nationalsozialisten und soll so die Anschlussfähigkeit der „Neuen Rechten“ an den konservativen Teil der Gesellschaft erleichtern.

    Die Bewegung GRECE ist heute nur noch ein Theoriezirkel. Mit dem Aufstieg des Front National (FN) traten viele Funktionär*innen zu diesem über. Ihren Zweck hatte sie für die radikale Rechte dennoch erfüllt. Das strategische Konzept der „Neuen Rechten“ findet sich heute in so gut wie allen rechten Bewegungen wieder.

    Die „Neue Rechte“ in Deutschland
    1968 erreichte die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg mit 9,8% einen neuen Höhepunkt. Der erhoffte Einzug in den Bundestag blieb allerdings aus – die NPD scheiterte an der 5% Hürde und verpasste diesen mit knappen 4,3%. Folge dieser Enttäuschung war ein gradliniger Abstieg der Partei, unter anderem vorangetrieben durch eine innerparteiliche Spaltung.

    Aus dieser Spaltung heraus formierte sich wenig später die Gruppe „Aktion Neue Rechte“, die, obwohl sie nur etwa zwei Jahre existierte, als Auftakt der Strömung „Neue Rechte“ in Deutschland bezeichnet werden kann.

    Dieses Konzept wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen und konnte Anfang der 90er Jahre mit der Partei „Die Republikaner“ auch kurzzeitig parlamentarische Erfolge erzielen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern gelang es ihnen in Deutschland allerdings erst vor ein paar Jahren mit dem Aufstieg der AfD eine gesellschaftliche Verankerung zu schaffen.

    Entstehung der “Identitären Bewegung”

    Gründung in Frankreich

    Der einflussreiche französische Theoretiker der „Neuen Rechten“ Guillaume Faye, verwendete bereits 2001 in seinem Werk „Pourquoi nous combattons: manifeste de la résistance européenne“ (dt. Warum wir kämpfen) den Begriff „Identitäre Bewegung“. 2003 wurde dieser Begriff von einer sich neu gegründeten Organisation, der „Bloc Identitaire“ (BI) aufgegriffen. Die Partei „Bloc Identitaire“ formierte sich aus ehemaligen Mitgliedern der faschistischen Gruppe „Unité radicale“, welche 2002 nach einem versuchten Attentat auf den damaligen Präsidenten Jacques Chirac verboten wurde.6

    Die Jugendorganisation der BI, die „Génération Identitaire“ (GI), schaffte es am 20. Oktober 2012 mit einer Aktion in Poitiers im Westen Frankreichs, massiv Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

    Rechte Aktivist*innen kletterten auf das Dach einer Moschee, entrollten dort dann ein Banner mit dem Schriftzug „Generation Identitaire“ und der Jahreszahl 732. Dazu schwenkten sie ihr Logo, den schwarzen griechischen Buchstaben Lambda auf gelbem Grund.

    Die Jahreszahl 732 stand symbolisch für die Schlacht von Poitiers. In dieser Schlacht besiegten die Franken unter dem Kommando Karl Martells die nach Gallien vordringenden muslimischen Mauren und Araber und stoppten somit ihren Vormarsch in den Westen. Karl Martell wurde wegen des Sieges später als „Retter des Abendlandes” überhöht.

    Das Symbol des griechischen Buchstabens Lambda steht für den Kampf der spartanischen Hopliten gegen die Perser in der Schlacht bei den Thermopylen (480 v. Chr.). Nach historischer Überlieferung befand sich auf dem Schild der Hopliten das Lambda-Symbol. Das Logo der „Identitären“ orientiert sich jedoch an der popkulturellen und historisch fragwürdigen Verfilmung der Schlacht in dem Spielfilm „300“. Die „Identitäten“ inszenieren sich als eine kleine Elite, die ihre Heimat gegen eine imaginierte Invasion verteidigt. Diese Aktion gilt als Auftakt für alle weiteren Gruppen der IB, die danach aktiv wurden.

    Ausbreitung nach Österreich

    Einige Monate nach der Aktion in Frankreich gründete sich auch in Österreich ein Ableger, die „Identitäre Bewegung Österreich“ (IBÖ) Zunächst bildeten sich Ortsableger in den Universitätsstädten, hauptsächlich aus dem burschenschaftlichen Milieu. Im Februar 2013 rückten die „Identitären“ aus Österreich dann mit der Besetzung der Votivkirchen in Wien, in der zuvor Geflüchtete in den Hungerstreik getreten waren, in den medialen Vordergrund. Mit Hilfe der „sozialen Medien“, wie beispielsweise dem Videoblock der IBÖ „Vlog Identitär“, werden Aktionen wie diese seither propagandistisch ausgeschlachtet.

    Hauptsächlich getragen von der Ortsgruppe Wien, kam es dann zu Störaktionen gegen politische Widersacher. Am 17.05.2014 fand die erste Demonstration der IBÖ statt. An dieser nahmen um die 100 – 150 Rechtsradikale aus Österreich, Deutschland, Italien, Frankreich und Ungarn teil. Sie zogen mit Parolen wie „Europa, Jugend, Reconquista“ durch Wien um für die „Festung Europa“ zu demonstrieren.7 Gegenseitigen Besuche stellen keine Seltenheit dar. Seit dem Beginn der PEGIDA– Märsche in Dresden waren immer wieder österreichische IB Aktivist*innen in Sachsen zu Gast.

    Anfang 2015 startete die IBÖ ihre erste Kampagne unter dem Motto: „Der große Austausch“. Diese wurde landesweit, wie auch in Deutschland und Tschechien, beworben. Kurz zusammengefasst behaupteten Flyer und Webseite zu der Kampagne, dass gezielt Österreicher*innen mit Immigrant*innen vermischt würden, um willige Lohnsklav*innen zu produzieren. Die angeblich höhere Geburtenrate von Muslim*innen, sowie Immigration würden dazu führen, dass Weiße in Europa bald eine Minderheit darstellen würden.8

    Schwerpunkt der Kampagne war die bisher größte Demonstration der „Identitären“. Der Schleier der gewaltlosen Jugendlichen, die weder links noch rechts zu verorten seien, ließen sie hier fallen. Der antifaschistische Gegenprotest wurde angegriffen, eine Person wurde im Zuge dessen sogar krankenhausreif geprügelt. Und auch in der Nacht gingen die Angriffe weiter, etwa zehn Rechte griffen eine Gruppe Antifaschisten*innen an.9

    Übergriffe wie diese sind keine Seltenheit. Das ist nicht verwunderlich, sehen sich die „Identitären“ doch selbst als „Krieger“ und trainieren in eigenen Amateurvereinen verschiedene Kampfsportarten. Auch auf ihren jährlich stattfindenden überregionalen Sommerakademien ist das Trainieren von Kampfsport ein wichtiger Bestandteil. In Österreich gehen Mitglieder der „Identitären Bewegung“ noch einen Schritt weiter und üben den Umgang mit großkalibrigen Waffen.10

    Und auch nach Deutschland

    Die erste Gruppe der „Identitären Bewegung Deutschland“ (IBD) gründete sich im Herbst 2012. Inspiriert von den Aktionen der französischen GI drangen sie mit Halloweenmasken verkleidet am 30.10.2012 in die Frankfurter Stadtbibliothek ein, um dort mit Hardbassmusik die Interkulturellen Wochen zu stören. Dabei hatten sie Schilder mit dem Lambda Symbol, ihrem Kürzel „IBD“ und dem Spruch „Multikulti wegbassen“ dabei. Die selbe Aktion fand etwas später in gleichem Aufzug vor einer Moschee in Frankfurt statt. Hardbassaktionen erfreuten sich zu dieser Zeit in rechtsradikalen Kreisen großer Beliebtheit.

    Nachdem im Dezember 2012 ein internationales Treffen der „Identitären” in Frankfurt stattfand, gründeten sich mit massiver Unterstützung aus Österreich in mehreren deutschen Städten Ortsgruppen, welche dann mit mit PEGIDA 2014 ein regelmäßiges Betätigungsfeld fanden.

    Eine herausragende Rolle in der „Identitären Bewegung Deutschland“ nimmt neben dem aktuellen Vorsitzenden Nils Altmieks, auch dessen Vize Daniel Fiß ein, welcher vor allem repräsentative Aufgaben übernimmt.11 Hinzu kommt das Sprachrohr der IBÖ Martin Sellner, welcher ebenso wie der frühere NPD Kandidat aus Zwickau Tony Gerber, die IB bei der Vernetzungsarbeit und Onlinepropaganda unterstützt. Denn mit Aktionen, die im Internet möglichst viel Aufmerksamkeit erzeugen sollen, versuchen die „Identitären“ europaweit den Rechtsruck zu verstärken und rassistische Tendenzen zu befeuern. Dabei versuchen sie, mal mehr mal weniger effektiv, linke Methoden zu imitieren. So der Versuch, die CDU Parteizentrale in Berlin – außerhalb der Öffnungszeiten – zu blockieren oder das Hissen eines Banners auf dem Brandenburger Tor.

    Zuletzt machte die IB mit zwei verschiedenen Projekten Schlagzeilen. Mit der App „Patriot Peer“ sollen sich „patriotische Aktivisten“ vernetzen. Neben der Datingfunktion werden rechte Treffen angezeigt und man kann Punkte sammeln, indem man Kirchen besucht oder Aufkleber klebt. Die Software ist innerhalb der „Identitären Bewegung“ umstritten, denn einige Aktivist*innen fürchten, darüber von Antifaschist*innen gefunden zu werden. Die App sollte eigentlich im Frühjahr bis Sommer 2017 erscheinen, ist bisher aber noch nicht auf dem Markt.

    Das zweite Großprojekt läuft unter dem Namen „Defend Europe“. Unter diesem Motto hatte die IB ein Schiff gechartert, um Hilfsorganisationen bei ihrer Arbeit, dem Retten von schiffbrüchigen Geflüchteten im Mittelmeer, zu behindern. Über 3000 Tote im Jahr 2017 sind ihnen wohl noch nicht genug. Die Aktion verlief nicht reibungslos, die „C Star“ hatte einen Motorschaden und in Malta wurde von Gewerkschaften dem Schiff die Einfahrt in den Hafen verweigert. Doch hier sieht man wieder die Funktion der IB: Sie sind nicht Durchsetzer, sondern Stichwortgeber. Während eine Handvoll „Identitäre“ auf dem Mittelmeer herumdümpelt, verstärkt Italien die Kriminalisierung von Seenotrettern und die libysche Küstenwache geht teils mit Gewalt gegen diese vor.

    Die IB finanziert ihre Projekte über Crowdfunding. Dabei sind sie, nach eigenen Angaben, mittlerweile auf eine erschreckend hohe Summe, von über 200.000€ gekommen.12 Wohin sich die „Identitäre Bewegung“ entwickelt, wird sich noch zeigen. Dass sie dies nicht ungestört machen wird steht jetzt schon fest.

    Der Ethnopluralismus der “Identitären Bewegung”

    Die „Identitäre Bewegung” sieht sich selbst als Teil der „Neuen Rechten“. Mit dieser Positionierung möchte sie sich von offen faschistischen Nazistrukturen abgrenzen. Um dieses Abgrenzungsbedürfnis mit ihrer nationalistischen Ideologie in Einklang zu bringen, reden „Identitäre” lieber von „Kulturen“ als von „Rassen“ und vermeiden klassisches NS-Vokabular. Der zentrale Begriff dabei ist der sogenannte „Ethnopluralismus“.

    Das Wort Ethnopluralismus setzt sich aus dem griechischen „ethnos“ – Volk – und dem lateinischen „pluralis“ – Mehrzahl zusammen. Er heißt also so viel wie Völkervielfalt. Klingt erst mal nett, und das soll es auch. So behauptet die IB auf ihrer Website: „Immer wieder wird der Begriff Ethnopluralismus fälschlicherweise als weltweite Apartheit ausgelegt. Das ist ungefähr so richtig, wie wenn man den amerikanischen Ureinwohnern Rassismus vorwerfen wollte, weil sie sich gegen die Landnahme der Europäer wehrten. Ethnopluralismus bedeutet lediglich: bewahren, nicht zerstören; Unterschiede wertschätzen, nicht nivellieren.“13

    Ganz ähnlich klingt das bei der NPD. Diese schreibt in ihrem Parteiprogramm zum Punkt “Europa der Völker”: „So wird an die Stelle eines „EU-Europas“ der Technokraten ein lebenskräftiges Europa der Völker treten, das frei, zukunftsfähig, sozial gerecht und in seinen nationalen Identitäten geschützt ist.”14

    Kultureller Rassismus

    Kulturen bewahren oder schützen, das muss man doch gut finden oder? Muss man nicht! Der Ethnopluralismus kleidet Rassismus schlicht in neue Begriffe. Statt auf die biologische Rassenlehre zurückzugreifen, werden kulturelle und ethnische Argumente konstruiert. Völker, beziehungsweise Kulturen, werden als einheitliche Gruppen von Menschen definiert. Die Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen werden als natürlich gegeben und als unveränderbar angesehen.15 Durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur erwerben die ihr untergeordneten Menschen das Recht, an bestimmten Orten der Welt zu leben, sind jedoch dementsprechend an anderen Orten unerwünscht. Auch ohne die direkte Unterteilung von Menschen in Rassen vorzunehmen, ist und bleibt der Ethnopluralismus eine rassistische Ideologie. „Ausländer raus“ heißt bei der IB „Remigration“, „Überfremdung“ wird zu „Umvolkung“. Die plumpen Parolen der alten Rechten werden rhetorisch neu verpackt, um Anschluss an den konservativen Teil der Gesellschaft zu finden.

    Häufig wird argumentiert, dass, wer an Kultur oder Religion anknüpft, keinen Rassismus betreiben würde, da nicht mit „Rassen“ argumentiert wird. Zentral für Rassismus ist vielmehr die Perspektive dessen, der den Rassismus ausübt. Wenn dieser einer bestimmten Gruppe unveränderliche Merkmale zuschreibt, in die jedes Mitglied der Gruppe hineingeboren wird, dann ist das Rassismus. Ob das Merkmal Kultur, Ethnie oder Religion ist, ist dabei irrelevant.

    Genau das tut die IB. Beispielhaft zeigt dies ein Beitrag der IB Wien auf Facebook aus dem Jahr 2014. Dort wird versucht, pseudowissenschaftlich zu erklären, was passiert, wenn Muslime einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtbevölkerung ausmachen. Bei einen Anteil von unter zwei Prozent sei dabei, so die IB Wien, noch alles gut. Muslime würden nicht als Bedrohung wahrgenommen werden. Ab 5% wird es schon kritischer, da „üben sie einen unangemessenen Einfluss“ aus. Unangemessen findet die IB zum Beispiel, dass Muslime ab einem Anteil von 5% anfangen würden, Halāl-Produkte zu importieren. Ab 40% etwa, würde es, so die IB Wien, zwangsläufig zu Massakern, Terroranschlägen und andauernder Kriegsführung kommen. Erst ab einem muslimischen Anteil von 100% soll wieder Frieden einkehren. Immerhin.16 Viel offener kann man Rassismus wohl nicht zur Schau stellen.

    Dass die IB mit ihrem Rassismus auf Muslime abzielt, und nicht etwa auf Juden oder andere Gruppen, hat einen einfachen Grund. Sie glaubt, damit anschlussfähig an einen Großteil der Bevölkerung zu sein. Es wäre falsch, darin eine Distanzierung von Rassismus und Antisemitismus zu sehen. Martin Sellner, Chefideologie der IB Österreich, hat gegenüber einer Undercoverreporterin klar gemacht, wie er dazu denkt: Antisemitismus sei in den 1920ern schon eine verständliche Sache gewesen, aber würde einfach nicht in die heutige Zeit passen.17

    Kreuzritter der Moderne?

    Die ständige Wiederholung des Bedrohungsszenarios einer „Masseneinwanderung“ in „unsere“ Sozialsysteme und einer vermeintlich damit einhergehenden „Islamisierung“ dient der IB als roter Faden. Ihr antimuslimischer Rassismus trifft dabei auf bereits weit verbreitete Ressentiments. Wie andere rechte Bewegungen auch, versucht die IB, diese Stimmung weiter zu befeuern. Heraus kommen dabei beispiels- weise über 3500 Angriffe auf Geflüchtete im Jahr 2016.18

    Die Mitglieder der „Identitären Bewegung” sehen sich selbst als „Verteidiger“ gegen die „Einwanderungswelle“. Als „Rückeroberer unserer Kultur“ und „Identität“. Diese beiden Begriffe, Kultur und Identität, werden von der IB gezielt und andauernd eingesetzt, ohne sie je zu definieren. Die IB hält ihre Begrifflichkeiten bewusst schwammig, um möglichst anschlussfähig zu bleiben. Ganz nach dem Motto, wer in seinen Theorien nicht konkret wird, läuft auch nicht Gefahr, mögliche Mitstreiter*innen zu verschrecken.

    Das Gefährliche daran ist, dass die IB mit „Verteidigung” die „Verteidigung gegen Zuwanderung“ meint. Den angeblich durch Zuwanderung und höhere Geburtenraten bevorstehenden „Austausch“ der einheimischen Bevölkerung sehen die „Identitären“ als “größtes Verbrechen aller Zeiten.“19 Wenn sie daher von „Bürgerkrieg“ reden, dann meinen sie nicht, dass Muslime irgendwann einen Bürgerkrieg beginnen würden. Die Zuwanderung an sich ist für sie schon der Angriff, gegen den sie sich „verteidigen“ müssen.

    Der Kapitalismus ist gekennzeichnet durch eine Teilung der Gesellschaft in die Eigentümer von Produktionsmitteln und jenen Teil, welcher gezwungen ist seine Arbeitskraft auf dem Markt als Ware anzubieten. Der Reichtum der Kapitalist*innen basiert auf der Ausbeutung der Lohnabhängigen, welche diesen gesellschaftlichen Reichtum erst produzieren. Hinzu kommen Ausbeutungsverhältnisse auf globaler Ebene, wo sich imperialistische Staaten untereinander um Einflusssphären, Rohstoffe und Absatzmärkte streiten, während in vielen Regionen der Welt Hunger, Armut und Krieg auf der Tagesordnung stehen. Der Rassismus in der Gesellschaft und insbesondere die Unterdrückung der Frau in ihrer heutigen Form sind ein Produkt der Klassengesellschaft. Frauen werden im Kapitalismus doppelt und dreifach ausgebeutet. Einmal als Lohnabhängige und zusätzlich als weibliche, vergleichsweise unterbezahlte Arbeitskräfte, welchen zudem noch die Hauptlast in der Reproduktion zugewiesen wird.

    „Ethnopluralismus“ als Legitimierung kapitalistischer Herrschaft

    Die von der IB gewünschte Trennung von Ethnien und Kulturen wird nicht natürlich vonstattengehen. Eine absolute Trennung der Völker gab es nie, Migration und Vermischung waren immer ein Teil der Menschheitsgeschichte. Ob durch Flucht oder durch den „Import“ von Arbeitskräften. Kulturen sind eben kein statischer Zustand und haben keine unveränderlichen Eigenschaften, sie sind in einem fortwährendem Zustand der Veränderung. Kulturen sind das Ergebnis eines dynamischen historischen Prozesses, beeinflusst durch Kräfteverhältnisse, Ressourcenverteilung, Kolonialismus und Imperialismus. Auf dieser Grundlage werden Menschen durch ihre Umwelt und die darin bestehenden materiellen und immateriellen Bedingungen bestimmt und geprägt.

    Um ihre Theorie der Völker zu stärken und ihr gewünschtes „Nebeneinander“ von national einheitlichen Staaten zu rechtfertigen, versuchen „Identitäre“, eine „deutsche Identität“ zu konstruieren. Diese Identität soll sich in einem nationalistischen Bewusstsein ausdrücken, welches die Gesellschaft entlang dessen spaltet und somit von den eigentlichen Interessen der lohnabhängigen Bevölkerungsschicht ablenkt. Der Identitäts-Gedanke der IB stellt also letztendlich die Grundlage da, gegen alle vorzugehen, die dem parteien- und und klassenübergreifenden „Volksinteresse“ im Wege stehen. Seien es Migrant*innen oder Linke, die für Internationalismus und Klassenkampf stehen.

    Fazit

    Die „Identitäre Bewegung“ möchte Volksgemeinschaft und Nationalismus und versucht hierfür die Gesellschaft in isolierte Kulturen mit unterschiedlichen Interessen zu spalten.

    Die wirkliche Spaltung nach gemeinsamen Interessen aber verläuft nicht entlang irgendwelcher Kulturen, sondern nach gesellschaftlichen Klassen. Der „Ethnopluralismus“ ändert die Terminologie von „Rasse“ zu „Kultur“, von „Lebensraum“ zu „angestammten Territorien“. Doch es bleibt klassischer Rassismus. Der kapitalistischen Individualisierung setzt die IB nicht einen gemeinsamen Kampf der Unterdrückten entgegen, sondern den Kampf der Unterdrückten gegen andere Unterdrückte. Man darf sich also nicht täuschen lassen: Die „Identitäre Bewegung“ mag mit bunteren Grafiken und modernem Design daher kommen, ist aber nicht weniger völkisch und rassistisch als klassische Neonazis.

    Frauen als Aushängeschild einer patriarchalen Bewegung

    Die „Identitäre Bewegung“ sieht nach eigener Aussage „junge europäische Männer“ als ihre „natürliche Zielgruppe“ an.20 Dies spiegelt sich auch auf ihrer Webseite wieder, so heißt es dort:

    „Der europäisch gebliebene Mann ist alles andere als das [ein Schlappschwanz]. Er ist – wie vielleicht kein anderer Typus Mann auf dieser Welt – bereit seine Heimat zu wahren und zu verteidigen. Es ist der Liberalismus mit seinen fatalen gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen, der ihn lähmt. Und es ist unsere primäre Aufgabe den europäischen Mann von seinen Fesseln zu befreien, damit er wie Herakles die Ketten sprengt, die ihn zu halten trachten.“21

    So viel zum Männerbild der „Identitären“. Konsequent findet sich auf der Website der IB unter der Spalte “unsere Aktivisten” auch kaum eine Frau22 und auch ihre Aktionen sind immer männlich dominiert. Frauen sind nicht Zielgruppe, sie eignen sich als Aushängeschild und dienen nur dazu, die „Bewegung“ für Männer attraktiver machen.

    Eines dieser Aushängeschilder ist Alina von Rauheneck. Sie veröffentlichte zu genau diesem Thema einen Kommentar bei Tumblr: „Europa. Der Name und die Erzählung unseres einzigartig schönen Kontinents sind nicht umsonst einer Frau gewidmet. Die Verteidigung Europas ist also ganz besonders auch Frauensache!“.23

    Doch was wird hier als die Verteidigung Europas durch die Frau verstanden? In der Ideologie der IB wird von natürlichen, unabänderlichen Eigenschaften und Bedürfnissen jedes Individuums ausgegangen. Frauen sollen demnach selbstbewusst und selbstbestimmt ihrer „natürlichen“ Rolle entsprechen. Nach diesem Weltbild hat die Frau rein biologisch gar kein anderes Interesse, als sich um Familie, Haushalt und Kinder zu kümmern. Da Sie dort in ihrer Rolle aufgehen würde und somit gleichwertig dem Mann gegenüber wäre. Sie erfüllt also in den Augen der „Neuen Rechten“ die Aufgabe, Europa durch das Kinderkriegen und somit den „Volkserhalt“ zu verteidigen.

    „Identitäre Mädels und Frauen“ bei Facebook

    Auf der Facebookseite „Identitäre Mädels und Frauen“ thematisiert die „Identitäre Bewegung” frauenspezifische Anliegen. Dort finden sich Tipps zum Haare flechten, zur Selbstverteidigung, natürlich zur Mutterrolle und jede Menge Selfies. Selbstverteidigung für Frauen klingt erst mal progressiv. Doch die Tipps der IB beweisen wieder einmal das Gegenteil. Hinweise wie: Nicht alleine ausgehen, nicht in Menschenmengen aufhalten, keinen Alkohol trinken und mal über stichfeste Kleidung nachdenken, stiften mehr Angst als Selbstbewusstsein. Auch konkretere Vorsichtsmaßnahmen werden angeraten, wie, falls ein Fremder komisch aussehen sollte, sei er auch noch so freundlich, erst mal weggehen, ihn dabei aber nicht aus den Augen lassen. Das Ziel ist hier eindeutig nicht, Frauen zu ermöglichen, selbstbestimmt im Alltag aufzutreten, sondern Angst zu stiften.

    Angst, nicht vor irgendwem, sondern vor Geflüchteten und Migranten. So veröffentlicht die Seite „Identitäre Mädels und Frauen“ ausschließlich Beiträge zu Überfällen durch Migranten. Dabei werden die meisten Übergriffe in Deutschland von Deutschen begangen – und sind Freunde und Bekannte statistisch gesehen weit gefährlicher als der „Unbekannte in der dunklen Gasse“: Sieht man sich Statistiken zu sexualisierten Übergriffen an, stellt man fest, dass in 77% der Fälle der Täter aus dem sozialen Umfeld des Opfers kommt.24

    Anstatt also Frauenunterdrückung und patriarchale Gewalt in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu setzen, wird hier Migration als einziger Grund für Sexismus dargestellt. Dadurch müssen sich europäische Männer nicht mit sexualisierter Gewalt in den eigenen Reihen auseinandersetzen. Die IB hat also ganz offenbar kein Interesse, sexualisierte Gewalt zu bekämpfen, sondern will Übergriffe auf Frauen für ihre Hetze instrumentalisieren.

    Frauen als Sexobjekte

    Die Funktion der Frau wird auf der Webseite und in den sozialen Medien noch deutlicher gezeichnet. Frauen werden meist anonymisiert präsentiert. Wenn eine Frau im Dirndl posiert, kann der Kopf auch mal außerhalb des Fotos sein, Hauptsache das Dekolleté ist gut zu sehen. Der Körper der Frau wird instrumentalisiert und dient als Lockvogel für interessierte Männer. 13 Kommentare hat das Dirndlbild der „Identitären Mädels und Frauen“, davon stammen 12 von Männern.25 Auch die Seite „Identitäre Mädels und Frauen“ wirbt demnach weniger um weibliche als um männliche Mitglieder.

    Zu dem Umgang mit Frauen gibt es auch in den Strategiepapieren der IB eine passende Anweisung. Der Vorschlag ist, Frauen im Eingangsbereich zu platzieren, da diese dort besser aufgehoben seinen und zusätzlich ein sympathisches Außenbild vermitteln. Wer sich Sticker oder Plakate der „Identitären Bewegung“ anschaut, dem dürfte sofort auffallen, dass nicht selten eine halbnackte, meist blonde Frau zu sehen ist. Wenn die Frauen ausnahmsweise mal nicht als Lustobjekt dargestellt sind, werden sie als liebende Mütter mit Kleinkind im Arm gezeigt.

    Für Frauen nichts zu bieten

    Es bleibt der „Identitären Bewegung“ auch nichts anderes übrig, als um europäische Männer zu werben, denn für Frauen haben weder Ideologie noch Praxis irgendetwas zu bieten. Im Gegenteil bekämpft die IB permanent die bereits errungenen Frauenrechte und tritt vehement dafür ein, Abtreibungen zu verbieten. Dies wird in der von Markus Willinger im Namen der IB verfassten „Kriegserklärung an die 68er“ mehr als deutlich:

    Frauen wollen selbst über ihren Körper entscheiden? Selbst bestimmen, ob sie ein Kind austragen und großziehen wollen? Nicht mit der IB.

    Und dennoch, trotz dieser Positionen versucht die IB an „Feminist*innen“ wie Alice Schwarzer anzuknüpfen. Aber auch, wenn sie sich mit Alice Schwarzer in ihrer Hetze gegen Muslime einig sein dürften – der Kampf der IB für „die Rückgewinnung wahrer, europäischer Männlichkeit“ dürfte selbst in den rechtesten, pseudofeministischen Kreisen nur auf Ablehnung stoßen.

    Eine Botschaft an die Frauen?

    Die Interessen von Frauen zählen für die IB nur solange, wie sie für ihre rassistischen Ziele zu instrumentalisieren sind. Sexualisierte Gewalt wird nur in das Licht der Öffentlichkeit gestellt, wenn diese von Migranten ausging. „Identitäre“ Frauen dürfen auf Bildern posieren, am Empfang stehen oder Mutter sein.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen zumindest als handelnde Subjekte keinen Platz haben in der Politik der „Identitären Bewegung“, die von Männern für Männer gemacht ist. Die patriarchalen Ziele der IB darf man dabei keinesfalls als ungefährlich abtun. Nicht zuletzt der Versuch, Abtreibungen zu verbieten, zeigt, dass die Erfolge, die für Frauen in den letzten Jahrzehnten erkämpft wurden, keinesfalls selbstverständlich sind und verteidigt werden müssen. Zielgerichteter Feminismus ist und bleibt immer international und gegen Staat und Kapital gerichtet!

    Struktur der “Identitären Bewegung”

    Im Februar 2017 konnten Allgäuer Genoss*innen einen ganzen Stoß interner Unterlagen der „Identitären Bewegung” sicherstellen. Sie verschaffen einen einmaligen Einblick in Arbeitsweisen und Ziele dieser Gruppierung. Der Großteil der Unterlagen stammt aus ihrer Sommerakademie 2015 in Schnellroda. Bei diesem jährlichen Treffen kommen „Identitäre“ aus ganz Europa zusammen. Im Folgenden wollen wir unter anderem anhand dieser Papiere einen kurzen Überblick über Taktik und Strukturen der „Identitären Bewegung“ geben.

    Die „Identitäre Bewegung” im Kampf um die Vormachtstellung in der rechten Szene

    In den Dokumenten werden an verschiedenen Stellen Zielsetzungen formuliert. Kurzfristig soll das erste Ziel das Erlangen der Vormachtstellung innerhalb der „Neuen Rechten“ sein. Den Ton angeben wollen sie dabei sowohl im theoretischem Diskurs, als auch als aktionistische Gruppe. Die Marginalisierung anderer rechter Gruppierungen aus dem außerparlamentarischen, aktivistischen Teil dieses Spektrums soll dabei als Indikator für den Erfolg betrachtet werden. Als Vorreiter der „Neuen Rechten“ soll die IB zur treibenden Kraft für die Errichtung einer „Patriotischen Front“ werden. In der Vergangenheit habe die „Neue Rechte“ nur als „intellektuelle Avantgarde” fungiert, ohne mit einer „politische[n] Aktionsgruppe“ ihre Theorie auch in Propaganda und Aktion umzusetzen, schreibt die IB. Das möchte sie anders machen. Das Ziel ist aber nicht, zu einer Massenbewegung zu werden. Vielmehr möchte die IB sich an die Spitze des sich bereits im vollen Gang befindlichen Rechtsrucks in Europa setzen und die verschiedenen rechtsradikalen Gruppierungen unter einem gemeinsamen Banner sammeln.

    Ihr Ziel, eine Vorrangstellung gegenüber anderen rechten Gruppen zu erlangen, wird in den Papieren besonders am Beispiel der Gruppe „Bündnis Deutscher Patrioten“ (BDP) sehr offen formuliert. Für den Bereich Schwaben schreiben sie mit zufriedenem Unterton: „Messbar: BDP und andere Gruppen werden irrelevant.“ Das überrascht, wenn man bedenkt, dass zumindest die IB München mit dem Frontmann der BDP, Chris Ares, eng befreundet war. Das Selbstbewusstsein gegenüber diesen anderen Gruppen ist wohl jetzt schon groß genug.

    Wege und Ziele

    Diesen Einfluss versucht die „Identitäre Bewegung“ nicht nur über ihre Rechweiten in den „sozialen Netzwerken“ zu erreichen, sondern auch durch die Verankerung von Aktivist*innen der IB in der bürgerlichen Gesellschaft. Deshalb sollen für die Arbeit in der „Identitären Bewegung“ vor allem „Personen, die bereits oder zukünftig über „großen“ gesellschaftlichen Einfluss verfügen (Cliquen / Vereine / Politiker / Lehrkräfte / etc.)“ gewonnen werden, wie es an anderer Stelle in den geleakten Strategiepapieren heißt. Dabei wollen sie die „alten Eliten“ ablösen – und durch neue, rechtsradikale Eliten ersetzen.

    Nicht müde wird die IB darin, sich als „weder links noch rechts“ zu definieren. In diesen internen Dokumenten verortet sich die IB selbst allerdings explizit als Teil der „Neuen Rechten“. Die ewigen Distanzierungen nach außen sind nur ein Teil ihrer Medienstrategie. Denn das Ziel ihrer Strategie, rassistische Diskurse immer weiter zuzuspitzen, ist unschwer zu erkennen: Der Rechtsruck in Europa soll bis zu einem gewaltsamen Umsturz oder einen Bürgerkrieg, wie in der Ukraine, getrieben werden. Ein Ziel, das sie öffentlich wohl niemals formulieren würden.

    Rechte Netzwerke

    Um die „Neue Rechte“ zu verstehen, kann man nicht einfach nur eine Organisation herausgreifen und diese gesondert betrachten. Es arbeiten vielmehr verschiedene Akteure arbeitsteilig zusammen. Die „Identitäre Bewegung“ ist dabei ein Teil dieses Netzwerks. Verbindungen zu anderen Strukturen der organisierten Rechten sind deshalb alles andere als zufällig.

    „Identitäre Bewegung“, AfD und die rechte Massenmobilisierung

    Die „Front der Patrioten“ soll ein Netzwerk zwischen den Akteur*innen der Rechten sein. Bestens vernetzt ist die IB bereits mit dem „Institut für Staatspolitik“ (IfS), mit dem sie zusammen Schulungen organisieren, deren Infrastruktur sie mit nutzen und dessen Zeitschrift „Sezession“ für eigene Publikationen verwenden. Götz Kubitschek, Mitbegründer des IfS, nahm 2011 an dem Konvent des „Bloc identitaire“ in Frankreich teil und arbeitete anschließend Handlungsempfehlungen für eine deutsche „Identitäre Bewegung“ aus.29

    Neben diversen Burschenschaften gehören die verschiedenen Ableger der PEGIDA– Bewegung für die IB ebenfalls zu den „vernünftige[n] rechte[n] Bewegungen“. Auch hier versuchen sie, sich in einer Führungsrolle der rechten Bewegung zu präsentieren, indem sie dort Reden halten und ihre Fahnen und Transparente prominent platzieren.

    Teil dieser „Front der Patrioten“ sollen für die „Identitären“ darüber hinaus die „Freiheitliche Partei Österreichs“ (FPÖ) und die „Alternative für Deutschland“ (AfD) werden. Sie wollen als aktionistischer Teil der „Neuen Rechten“ Vorbild für die Jugendorganisationen von FPÖ und AfD sein. Aber vor allem dort, wo parlamentarische Parteien an ihre Grenzen stoßen, indem sie zum Beispiel Kompromisse zur Regierungsfähigkeit eingehen, will die IB den Diskurs weiter nach rechts treiben. Was dies in der Praxis bedeutet, lässt sich bereits jetzt an der FPÖ in Österreich erkennen. Diese distanziert sich zwar öffentlich von der „Identitären Bewegung“, was allerdings als taktischer Zug gewertet werden muss. Der Parteiführung passt eine allzu deutliche Verbindung zur offen rechtsradikalen IB nicht zu ihrem Ziel, in Österreich zu regieren. Andererseits übernimmt die IB Aufgaben, die die FPÖ nicht selbst durchführen kann, wie unter anderem die Besetzung von Parteizentralen oder physische Angriffe auf politische Gegner.30 Daher verwundert es nicht, dass sich in der zweiten und dritten Reihe der Partei offene Sympathie und personelle Überschneidungen zur IB zu finden sind.

    In Deutschland sieht das Verhältnis ähnlich aus. Allerdings könnte sich das mit dem Vormarsch des völkischen Flügels innerhalb der AfD ändern, denn dieser tritt für eine offene Zusammenarbeit mit den „Identitären“ ein. Für die IB wäre das in zweierlei Hinsicht ein großer Schritt. Jobs als parlamentarische oder wissenschaftliche Mitarbeiter*innen bei der AfD würden erstens ihren Einfluss innerhalb der rechten Bewegung erheblich steigern und zweites ihre Ideologie, eine Elite des Volkes zu sein, tatsächlich mit einer Massenbewegung verbinden.

    Verhältnis zur „Alten Rechten“

    Offiziell bemüht sich die IB um Distanz zur „Alten Rechten“. Das Projekt soll nicht durch Verbindungen zu offen neonazistischen Gruppen und dem Verharren in einer bloßen rechten Subkultur gefährdet werden. Stattdessen werden die alten rassistischen und antisemitischen Parolen im Gewand des „Ethnopluralismus“ neu verpackt, um rhetorisch anschlussfähig an den konservativen Teil der Gesellschaft zu werden.

    Zu der Abgrenzung gegenüber der „Alten Rechten“ gehört auch, dass potentielle Neumitglieder in einem Fragebogen Auskunft über ihre Position zu anderen Organisationen, wie „III. Weg, NPD, Die Rechte, AfD“ geben müssen. Wohl auch, um überraschende Enthüllungen über die Vergangenheit ihrer Mitglieder in öffentlich noch diskreditierteren Organisationen vorzubeugen. Ein Ausschlussgrund sind Mitgliedschaften in offen faschistischen Organisationen dagegen nicht. Dutzende Aktivist*innen der IB kommen aus faschistischen Kreisen oder sind darin gut vernetzt.

    So zum Beispiel Mario Müller, Chef der IB-Halle, der Verbindungen zu dem faschistischen Asow Bataillon in der Ukraine pflegt, oder der aktuelle IBD-Vorstand Nils Altmieks, der seine rechte Karriere in der mittlerweile verbotenen „Heimattreuen deutschen Jugend” (HDJ) begann. Selbst der thüringische Verfassungsschutz kommt zu dem Schluss, dass zwei Drittel der dortigen „Identitären” einen „rechtsextremistischen Vorlauf“ haben.31

    Dies bestätigt auch der an anderer Stelle geleakte, Dialog zwischen dem Ortsgruppenleiter der IB Hamburg, Stefan Lüdtke, und einem Mitglied über das Zeigen des Hitlergrußes von einigen IB-Aktivist*innen auf einem ihrer Treffen.

    Medienstrategie und Bildsprache

    Das wichtigste Aktionsfeld der „Identitären“ sind die „sozialen Medien“, allem voran ihr Facebook-Auftritt. Ihre Aktionen dienen in erster Linie nicht dazu, Menschen auf der Straße anzusprechen, sondern, in den „sozialen Medien“ inszeniert zu werden. Die „Identitäre Bewegung“ ähnelt in ihrer Arbeitsweise daher oftmals mehr einer PR- Agentur als einer politischen Gruppe. So ist es für sie gar nicht nötig, viele Mitglieder zu rekrutierten. Es reicht ihnen, mit einer überschaubare Anzahl an Aktivist*innen wenige, aber spektakuläre Aktionen durchzuführen und sich mit selbstproduzierten Videos darüber immer wieder zum Thema zu machen.

    Dafür ist es wichtig, immer die Kontrolle über diese Aktionen zu behalten. Spontan, unvorhersehbar und somit nicht verhinderbar sollen sie sein. Heraus kommen dabei vor allem Transparentaktionen an Wahrzeichen und öffentlich Plätzen, die meist nach wenigen Minuten wieder verschwunden sind.

    Um den Erfolg der Aktion sicherzustellen werden konkrete Vorgaben gemacht. So heißt es in ihren Schulungsunterlagen beispielsweise für das Verteilen von Flyern:

    Jede Flutblattverteilung braucht Aufpasser*innen, mehr als 20 Minuten darf man nicht an einem Ort verteilen. Denn unkontrollierte Konfrontation möchte die IB vermeiden, schaden sie doch ihrer Medienstrategie. Dass dadurch keine Verankerung und Ansprechbarkeit vor Ort möglich ist, stört hingegen nicht, funktioniert das Phänomen IB doch gerade über die Medien.

    In den Schulungsunterlagen werden des Weiteren auch die Bildsprache und Inhalte, die über deren Medienkanäle transportiert werden sollen, genau aufgeschlüsselt.

    Die IB unterscheidet dabei vier verschiedene Botschaften, die ihre Bilder vermitteln sollen: „Macht“, „Trotz“, „Zuneigung“ und „Spott“.

    Die häufigste ist hierbei „Macht“. Dutzende dieser Inszenierungen finden sich im Netz. Meist werden Transparente von Wahrzeichen oder historischen Gebäuden gehängt.

    Martialische Bilder, hinterlegt mit heroischer Musik sollen die eigene Stärke zeigen. Auf keinen Fall soll allerdings Schwäche der eigenen Mitglieder sichtbar werden. Bilder von verhafteten „Identitären“ seien unbedingt zu vermeiden. In dieses Konzept passt beispielsweise auch die Besetzung der CDU-Zentrale in Berlin. Vielmals belächelt wurde diese Aktion vor allem aus linken Kreisen, da die Zentrale außerhalb der Öffnungszeiten besetzt wurde. Es ging der IB bei der Aktion aber nicht um eine reale Blockade, sondern nur um das Symbol und die produzierten Bilder. Da die CDU-Zentrale geschlossen war, hielten sich sowohl Gegenproteste, als auch Polizeirepression in Grenzen. So konnte die IB dann online die Bilder verbreiten, die sie haben wollte. Statt einer schnell aufgelösten Blockade konnte sich die IB rund 40 Minuten lang inszenieren.

    Fall es doch zur Räumung von Blockaden kommt, sollen „Identitäre“ zu sehen sein, „die sich mutig einer Masse an Feinden widersetzen“. Dies fasst die IB unter „Trotz“ zusammen. Unter „Spott” versteht die IB die Demütigung ihrer politischen Gegner*innen. Sie wollen „ein Bild, das die Reaktion der Verarschten verewigt: Entsetzen, Demütigung und Wut.“ Das funktioniert wohl nicht so wirklich, so findet man kaum solche Bilder.

    Zuletzt will die IB „Zuneigung“ erzeugen. Junge Menschen, vor allem Frauen, sollen gezeigt werden, um Sympathie zu erzeugen und einer „Dämonisierung“ der IB entgegenzuwirken. Deshalb sind gerade bei ihren Youtubevideos die wenigen Frauen der IB deutlich überrepräsentiert.

    Ein wichtiger Teil hierbei ist auch die Selbstinszenierung ihrer führenden Aktivisten. In der virtuellen Öffentlichkeit sich selbst mit vollem Namen und Gesicht zu präsentieren soll eben diese Zuneigung generieren. Das offene Auftreten soll dabei das Bild der Gewaltlosigkeit untermauern.

    Schaffung „identitärer Räume“

    Ein weiteres wichtiges Ziel für die IB sind eigene Räumlichkeiten. Sie versprechen sich davon eine andere Bandbreite an Aktivitäten und eine neue Qualität personeller Bindungen. Vorbild sind hier die Hausprojekte der „Casa Pound“ in Italien. Mitglieder der „Identitären“ pflegen regelmäßigen Austausch mit diesen. Die Schaffung „identitärer Räume“ ist von den Zielen der Sommerakademie 2015 noch am wenigsten vorangeschritten. In Österreich verfügt die Bewegung über Räumlichkeiten in Graz und Linz, für Wien war die Eröffnung eines Zentrum noch im Jahr 2017 angekündigt.

    In Deutschland ist das Haus in der Adam-Kuckhoff-Straße 16 gerade das zentrale Projekt. Betrieben und bewohnt wird es von Aktiven der IB-Ortsgruppe „Kontrakultur Halle”.

    Finanziert wurde das Projekt von der „Titurel Stiftung“, die auch als Förderinstrument für das IfS fungiert.

    Ansprechpartner der Stiftung ist Andreas Lichert, Vorsitzender des Landesverbands Hessen der AfD.34 Ein weiterer Mieter: Die Werbefirma Mosaik Kommunikation. Bei dieser ist Martin Sellner Inhaber der österreichischen Domains. Es ist zu vermuten, dass die IB über diese Firma ihre Videoproduktionen gegenüber anderen rechten Gruppen abrechnet.35

    Besonders in Halle ist eine zunehmende Aggressivität seitens der IB zu beobachten, seitdem sie über einen eigenen Rückzugsraum verfügen. So wurden auf dem Unicampus Antifaschist*innen bedroht und auch Zivibullen wurden (versehentlich) Ziel eines rechten Übergriffs, als sich die Faschisten mit Helm, Schild und Schlagstock auf die Jagd nach politischen Gegnern machte.36 37

    In eben diesem Haus betreibt der AfD-Landtagsabgeordnete Hans-Thomas Tillschneider sein Abgeordnetenbüro. Allerdings lässt sich auch in München beobachten, wie die IB die Räume der rechten Burschenschaft Danubia für ihre Veranstaltungen nutzt. Dies ist durchaus naheliegend, sind Burschenschaften doch oft der erste Anlaufpunkte für Student*innen, die sich der „Neuen Rechten“ nah fühlen.

    Aufbau der Organisation und innere Autorität

    Zwischen 2012 und 2013 schossen regionale Ableger der IB auf Facebook wie Pilze aus dem Boden. Die wenigsten davon traten allerdings auch real in Erscheinung. Mitte 2014 wurde mit der Gründung des Vereins „Identitäre Bewegung Deutschland e.V.“ aber allmählich der Wildwuchs beseitigt und die IBD in einen formellen Rahmen gegossen.

    Den mittelfristig steht vor allem eines im Vordergrund: Der Aufbau und das Bekanntmachen einer in Ortsgruppen unterteilten, elitären Organisation. Ein Großteil der Unterlagen widmet sich daher den Themen Aufbau von Ortsgruppen und Gewinnung neuer „Aktivisten“.

    Von Einzeltreffen mit Interessierten, über die Organisation der Stammtische für neue Aktivist*innen, bis hin zu deren inhaltlicher Gestaltung gibt es genaue Handlungsanweisungen. Auch für das Malen von Transparenten, Verteilen von Flyern und sonstige Aktionen gibt die IB-Leitung ihren Mitgliedern alles vor. Ziel soll es sein, neue Aktivist*innen durch gut strukturierte Treffen und bis ins Detail geplante Aktionen zu beeindrucken.

    Wenige, aber gut vernetzt

    Nach eigenen Angaben hat die IB in Deutschland rund 400 Mitglieder. Die meisten davon sind aber wohl nicht aktiv. Nach Recherchen von Zeit Online gibt einen aktiven Kern von etwa 100 Aktivst*innen. Auch bei den Aktionen sieht man die dünne Personaldecke. Um im Dezember 2016 knapp 50 „Identitäre” zur Besetzung der CDU-Zentrale zu bekommen, musste die IB nicht nur im ganzen Bundesgebiet mobilisieren, etwa ein drittel der Teilnehmer waren gar aus Österreich angereist.

    Die Selbstinszenierung als Bewegung ist also leeres Geschwätz. Aber das macht die IB nicht ungefährlich. Das Ziel der IB ist es, Meinungen nach Rechts zu verschieben. So heißt es in den Papieren:

    Dabei kann die IB bei den von ihr verhassten „Altparteien“ anknüpfen. Mit racial profiling, Gewalt und rassistischer Hetze gegen Geflüchtete bereiten diese der IB den Boden. Die IB braucht gar keine echte Bewegung zu sein.

    Mit Rückenwind aus dem medialen Mainstream und der Regierung sammelt sie rechte Aktivst*innen, treibt Vernetzung voran und gibt den Rassist*innen eine Stimme. Thomas de Maizière fordert Leitkultur – die IB malt ein Transparent dazu und schließt so die Lücke zwischen dem Innenmister und dem Mob, der nachts Flüchtlingsheime anzündet.

    Entwurf einer Gegenstrategie

    Und was jetzt?

    Spätestens seit die „Identitäre Bewegung“ mit dem Schiff „C-Star“ gegen Seenotretter*innen vorgehen wollte, ist die Gruppe vielen ein Begriff. Trotzdem fehlt es immer noch an einer einheitlichen Gegenstrategie.

    Von dem von ihr propagierten völkischem Weltbild und ihrem teils versteckten, teils offenen Rassismus geht eine nicht zu unterschätzende Gefahr für all jene Menschen aus, die die IB für „Multikulti“ verantwortlich macht. Menschen mit Migrationshintergrund, mit oder ohne Aufenthaltsstatus, aber auch linke Strukturen.

    Dass die „Identitäre Bewegung“ es geschafft hat, auch im breiteren Mainstream wahrgenommen zu werden, liegt allerdings nicht daran, dass sie so hervorragend agitieren würde. Vielmehr profitiert sie von dem Rechtsruck in Europa. Die anhaltende Krise des Kapitalismus bedeutet eine zunehmende Prekarisierung, die so gut wie alle Lohnabhängigen in Europa zu spüren bekommen. Kurzarbeit, der Ausbau des Niedriglohnsektors und Kürzungen in den Sozial- und Rentensystemen schaffen Existenzängste. Die Rechte konnte diese Ängste bisher erfolgreich nutzen, um Geflüchtete als vermeintlich Schuldige für die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten verantwortlich zu machen.

    Hier müssen wir ansetzen. Abstiegsängste sind keine Einbildung, darüber täuscht die dauernde Propaganda, es gehe uns allen gut, nicht hinweg. Wenn wir nur die Rechten bekämpfen, nicht aber das kapitalistische System, das sie hervorbringt, werden wir keinen Blumentopf gewinnen. Antifa muss antikapitalistisch und klassenkämpferisch sein.

    Antifa gegen „soziale Medien“?

    Wir möchten konkrete Handlungsmöglichkeiten gegen die IB aufzeigen. Dabei sollte aber bedacht werden, dass nicht jede Aktion in jeder Situation sinnvoll ist. Diese Abwägung wird immer von regionalen Gegebenheiten, eigenen Ressourcen und der Einschätzung des Gegners abhängig sein.
    Das Hauptaktionsfeld der IB wird mittelfristig wohl Facebook bleiben. Jedoch ist sie hier schlecht angreifbar. Auch die meist heimlich geplanten, unangekündigten Aktionen bieten kaum Angriffsflächen, anhand derer ihre Praxis nachhaltig eingeschränkt werden kann.

    Zentral für unsere Gegenstrategie ist die inhaltliche Auseinandersetzung mit ihrer Politik, insbesondere dem „Ethnopluralismus“. Der Fokus dabei sollte darauf liegen, ihren Rassismus zu entlarven.

    Netzwerke entlarven!

    Die IB als Teil eines Netzwerks verschiedener Akteure der organisierten Rechten zu betrachten, ist eine wichtige Erkenntnis, um eine wirkungsvolle Gegenstrategie zu entwickeln. Dieses Netzwerk aufzudecken, zu zeigen, dass AfD und faschistische Fußtruppen eng zusammenhängen, ist ein erster Schritt, sie zu bekämpfen. Langfristig bringt uns das aber leider nicht unbedingt weiter. Das zeigt beispielsweise der Blick über die österreichische Grenze: Nazi-Kontakte sind kein Grund, nicht gewählt zu werden. Das liberale Bürgertum wackelt angesichts der Krise und vielleicht fällt es irgendwann. Wir dürfen also nicht darauf setzen, Demokratie und Menschenrechte gegen Nazis hochzuhalten, sondern müssen eine antikapitalistische, klassenkämpferische und vor allem internationalistische Bewegung aufbauen, die eine echte Alternative zur völkischen Hetze darstellt.

    Keinen Stammtisch den Faschisten!

    Einen wichtigen Teil unserer Praxis sehen wir in der Einschränkung ihrer Mitgliedergewinnung und deren Handlungsspielräume. Um sie an der Umsetzung ihrer Ziele nachhaltig zu hindern, können ein Feld für antifaschistische Interventionen zum Beispiel ihre Stammtische für neue Mitglieder sein. Durch gezielte Aktionen können diese in die Konspirativität gezwungen werden. Die IB sieht ihr Hauptrekrutierungsfeld in gut situiertem, akademischem Umfeld. Hier kann es gelingen, mögliche Interessent*innen abzuschrecken, da diese bisher mit Konsequenzen für ihr Handeln wenig in Berührung kamen. Ein weiteres Ziel antifaschistischer Aktionen können die Räumlichkeiten der „Identitären“ sein. Dabei ist es egal, ob durch direkte Angriffe oder durch öffentliche Diskreditierung Druck aufgebaut wird. Die Botschaft sollte klar sein: Naziräumlichkeiten betreten heißt Probleme bekommen.

    Verfügen sie über keine eigenen Räumlichkeiten, fällt dies deutlich leichter, da öffentlicher Druck auf den Besitzer aufgebaut werden kann, diese wieder vor die Tür zu setzten. Gerade hier ist es allerdings wichtig, sich mit der Theorie und Praxis der IB auseinander zu setzten, um ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, ihren Rassismus hinter dem Gerede von „Ethnopluralismus“ zu verstecken oder sich in ihren Phrasen der angeblichen Gewaltlosigkeit heraus zu reden.

    Outings?

    Wir haben ein gespaltenes Verhältnis zur Outingkultur in der linken Szene. Meist beruht sie auf dem Gefühl moralischer Überlegenheit und lässt konkrete Kräfteverhältnisse, Sinn und tatsächliche Wirkung außer Acht. Entscheidend für ein öffentliches Outing sind die realen Auswirkungen, die es auf rechte Aktivist*innen und Strukturen hat. So macht es keinen Sinn auf linken Plattformen wie Indymedia persönliche Daten von Nazis zu veröffentlichen, wenn darauf keine Aktion folgt. Ein Outing kann dann erfolgreich sein, wenn die Arbeit dieses konkreten Nazis darauf beruht, seine Gesinnung zu verbergen. Das gilt insbesondere für die „Identitäre Bewegung“. Viele ihrer zentralen Figuren treten auf Facebook, Instagram u.Ä. offen auf und sind leicht über das Internet zu finden. Trotzdem gibt es auch in dieser Organisation Rechte, die nicht mit rechter Propaganda in Verbindung gebracht werden wollen. Das bedeutet, dass wir genau diese Figuren herausstellen und sie in dem Umfeld outen sollten, in dem es ihnen am meisten schadet.

    Die Uni (zurück)erobern!

    Besonders an Hochschulen können Aktionen große Wirkung entfalten. Obwohl sie sicher nicht mehr die Hochburgen des linken Widerstandes sind, so finden linke Ideen bei einem großen Teil der Studierendenschaft doch Anklang. Die IB sieht die Bekämpfung emanzipatorischer Ideen der 68er Revolte als zentral und dementsprechend die Universitäten als wichtiges Kampffeld. Hier ist es entscheidend, auf Strukturen an den Unis einzuwirken, sie praktisch zu unterstützen und in antifaschistische Arbeit einzubinden. Zentral ist auch hier, immer wieder klarzustellen, dass „Ethnopluralismus“ Rassismus ist.

    Szenesumpf und Einheitsfront

    Wenn wir dem Rechtsruck effektiv entgegentreten möchten, müssen wir uns auch mit unserem bisherigen Auftreten auseinandersetzen. Natürlich ist im Aufeinandertreffen mit Anti- Antifa Aktivist*innen oder bei der direkten Aktion gegen Nazis und ihre Strukturen Vermummung nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Dies gilt aber eben nicht für alle Aktionen. Wenn wir bei jedem rechten Infostand mit schwarzen Kapuzenpullis auftauchen und uns hinter Transparenten verstecken, dann machen wir uns für die Menschen, die wir ansprechen wollen, unattraktiv und schaden uns am Ende selber.

    Ihre Propaganda effektiv zu stören und unsere Position zu stärken, bedeutet, Menschen zu aktivieren, die am kapitalistischen System genauso wie an Faschismus und Rechtsruck kein Interesse haben. Wir müssen klare Alternativen zu Rechts aufzeigen und eine Einheitsfront mit jenen Teilen der Gesellschaft schmieden, die bereit sind, sich den Faschisten in den Weg zu stellen. Dazu ist es nötig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie davon zu überzeugen. Wir müssen also ansprechbar sein. Das gilt für uns als Einzelpersonen auf der Straße genauso wie für uns als Strukturen. Sich hinter einem meterlangen „Deutschland Verrecke!“-Transparent zu verstecken, mag den ein oder anderen „Identitären” ärgern, aber überzeugt sicher keine neuen Leute. Besser ist es da, im Umfeld rechter Mobilisierungen Flyer zu verteilen, die die eigene Position herausstellen, und Menschen zu offenen Treffen oder anderen Anlaufpunkten für antifaschistische Organisierung einzuladen.

    Wie effektiv Massenaktionen gegen die IB sein können, zeigen die Aktionen gegen das Schiff der IB. Die „C-Star“ wurde in den Häfen Zarzis und Sfax von Arbeiter*innen und deren Gewerkschaften am Anlegen gehindert und geriet daraufhin kurzzeitig in Seenot. Arbeiter*innenorganisationen stehen nicht nur im historischen Bezug zur antifaschistischen Bewegung. Auch heute noch sind sie Teil dessen und müssen in unsere Kämpfe mit einbezogen werden.

    Unser Anspruch:

    Der Kapitalismus befindet sich in einer tiefen Krise. Millionen sind auf der Flucht vor der imperialistischen Aufteilung der Erde, vor Kriegen um Absatzmärkte, Rohstoffe und strategische Interessen. Währenddessen bläst das Kapital auch in den imperialistischen Zentren zum Generalangriff auf die Errungenschaften der Arbeiter*innenbewegung und das System Hartz4 macht Schule in ganz Europa. Aufgezwungen durch Austeritätspolitik wie in Griechenland oder im Konkurrenzkampf wie in Frankreich schreitet die Vereinzelung breiter Schichten immer weiter voran.

    Weite Teile der Gesellschaft befinden sich in Bewegung. Viel zu häufig geht diese allerdings nach rechts. In einer Gesellschaft, die auf Konkurrenz beruht, in der jeder Mensch gezwungen ist, sich gegen die anderen durchzusetzen, treten viele einfach nach unten. Geflüchtete werden zum Feindbild erklärt und die Schuld an der eigenen Misere wird all denen zugeschrieben, die in der Hierarchie des Kapitalismus noch weiter unten stehen. All den rechten Parteien, Bewegungen und Organisationen, die im Windschatten dieser Entwicklung aus dem Boden sprießen, müssen wir als Antifaschist*innen entschlossen und mit allen Mitteln entgegentreten.

    Doch Antifa ist nicht alles. Und eine Organisierung, die immer das Maximalziel durchsetzen will, ist in der heutigen Phase nicht in der Lage, den Kampf gegen den Faschismus effektiv zu organisieren. Deshalb haben wir uns als Antifaschistischer Aufbau München (AA|MUC) zusammengefunden, um als Revolutionär*innen, egal ob anarchistisch, kommunistisch oder den Demokratischen Konföderalismus verfechtend, eine kontinuierliche Arbeit zu leisten. Bündnisse zu schmieden, in denen wir mit anderen gemeinsam auf die Straße gehen, ohne uns dabei in unseren Inhalten oder Mitteln einschränken zu lassen.

    Dem Faschismus entgegentreten bedeutet auch, sich mit Theorie und Praxis des politischen Gegners auseinanderzusetzen. Im Rahmen der Kampagne „Rechte Strukturen aufdecken, isolieren und angreifen“ setzen wir uns intensiv mit der „Identitären Bewegung“ auseinander und wollen unsere hieraus gezogenen Schlussfolgerungen mit anderen antifaschistischen Organisationen diskutieren. Bei aller Taktik muss allerdings eines klar sein: der Kampf gegen den Faschismus ist erst gewonnen, wenn das kapitalistische System zerschlagen und eine klassenlose Gesellschaft erreicht ist.

    Faschist*innen angreifen!

    Auf allen Ebenen!

    Mit allen Mitteln!

    Antifaschistischer Aufbau München
    Veröffentlicht 2018

    1. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/innenpolitik/konservative-revolution.html ↩︎
    2. https://www.zeit.de/2016/29/armin-mohler-neue-rechte-afd ↩︎
    3. Fred David: „Ich bin ein Faschist“, Interview mit Armin Mohler, in: Leipziger Volkszeitung vom 25. November 1995, S. 2. ↩︎
    4. https://sezession.de/8033/fuenf-lehren-nachruf-auf-armin-mohler ↩︎
    5. https://sezession.de/46621/alain-de-benoists-mein-leben-erschienen-ein-ideengeschichtliches-kurzportrait ↩︎
    6. https://www.antifainfoblatt.de/artikel/frankreich-unit%C3%A9-radicale-die-stunde-null ↩︎
    7. http://derstandard.at/2000001315593/Rechter-Marsch-durch-unbelebte-Seitengassen-statt-durch-Begegnungszon ↩︎
    8. Martin Sellner in “Undercover_Inside Britain’s New Far Right” ↩︎
    9. https://www.stopptdierechten.at/2016/01/23/uberfall-in-graz-identitare-kader-beteiligt/ ↩︎
    10. https://recherchegraz.noblogs.org/post/2017/04/01/gewaltbereitschaft-der-identitaeren/ ↩︎
    11. https://www.identitaere-bewegung.de/category/unsere-aktivisten/ ↩︎
    12. https://www.wesearchr.com/bounties/defend-europe-identitarian-sar-mission-on-the-libyan-coast ↩︎
    13. https://www.identitaere-bewegung.de/faq/was-ist-unter-dem-begriff-ethnopluralismus-zu-verstehen/ ↩︎
    14. NPD Parteiprogramm, Seite 31, 2. Auflage, März 2013 ↩︎
    15. http://www.michael-lausberg.de/index.php?menue=exclusiv&inhalt=ethnopluralismus ↩︎
    16. https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=354509344699206&id=161723267311149 ↩︎
    17. “I completely understand in the 1920 people said there is a jewish question”; “The American alt right, the American right is again do minated by this anti-Semitism, by the jewish question. Complete misunderstanding of the time. Complete strategical and theoreti cal failure in my opinion.” Martin Sellner, Undercover, Inside Britain’s New Far Right. Ab Minute 45 ca. ↩︎
    18. http://www.sueddeutsche.de/politik/fremdenhass-mehr-als-angriffe-auf-fluechtlinge-im-jahr-1.3395560 ↩︎
    19. “The British people, and you have all these people crowding in. You have the Pakis, you have those, you have the indigenous Brits and you become a minority in your own country. It’s the biggest crime ever. “Martin Sellner, ebd. ↩︎
    20. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf, Geleakte Dokumente, Seite 28 ↩︎
    21. http://www.identitaere-generation.info/?p=6261 ↩︎
    22. https://www.identitaere-bewegung.de/category/unsere-aktivisten/ Zugriff im Januar 2018 ↩︎
    23. https://alina-von-rauheneck.tumblr.com/post/159833375504/europa-der-name-und-die-erz%C3%A4hlung-unseres?is_highlighted_post=1 ↩︎
    24. http://www.sueddeutsche.de/panorama/vergewaltigung-wdie-wichtigsten-fakten-zu-sexueller-gewalt-1.2937498 ↩︎
    25. https://www.facebook.com/ibfrauen/photos/a.863379460384888.1073741828.863326133723554/1342369529152543/?type=3&theater ↩︎
    26. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf ↩︎
    27. Ebd. ↩︎
    28. Ebd. ↩︎
    29. Ebd. ↩︎
    30. https://publikative.org/2012/12/16/kampf-um-die-identitat-nazis-wollen-identitare-bewegung/ ↩︎
    31. https://stadtlandvolk.noblogs.org/post/2017/05/14/landeskongress-der-jungen-alternative-hessen-auf-dem-haus-der-marburger-burschenschaft-germania/ ↩︎
    32. Wir nehmen den Verfassungsschutz nur ungern als Quelle, schließlich ist er unter Nazis besser vernetzt als diese selbst, aber wir gehen davon aus, dass er faschistisches Potential eher unter-, als überschätzt und halten ihn deswegen an dieser Stelle ausnahmsweise mal für glaubwürdig ↩︎
    33. Die Chatprotokolle wurden auf linksunten indymedia veröffentlicht, leider wurde das Portal 2017 verboten ↩︎
    34. http://antifa-aufbau.org/wp-content/uploads/2017/12/Intere_Unterlagen_der_IB.pdf ↩︎
    35. https://lsa-rechtsaussen.net/ein-identitaeres-haus-fuer-die- kontrakultur-halle/ ↩︎
    36. Ebd. ↩︎
    37. https://dubisthalle.de/identitaere-bewegung-rechter-angriff-in- der-harz- mensa ↩︎
    38. https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/halle/angriff-auf-polizisten- halle durch-identitaere-bewegung-100.html ↩︎
  • Wer sich bewegt…

    Wer sich bewegt…

    Wer sich bewegt…

    Dieser Text der Antifaschistischen Aktion (Aufbau) Stuttgart, der 2017 veröffentlicht wurde, ordnet die verschiedenen Aktionsformen im Protest gegen den Bundesparteitag der AfD 2016 in Stuttgart ein und bewertet die Repression im Zusammenhang damit.

    Über Antifaschismus und Repression anlässlich der Aktionen gegen den AfD-Bundesprogrammparteitag in Stuttgart am 30. April 2016

    Am 30. April und am 1. Mai 2016 hielt die AfD eines ihrer wichtigsten Treffen seit ihrer Gründung auf dem Messegelände in Stuttgart ab – ihren Bundesprogrammparteitag. Für die Gegenbewegung war die Organisation von Aktionen gegen dieses Event dementsprechend ebenfalls von besonderer Bedeutung.
    Die Rahmenbedingungen waren dabei von vorneherein ungünstig. Ort und Termin wurden recht kurzfristig bekannt und räumlich, in der Stuttgarter Peripherie auf den Fildern gelegen, war das Messegelände auch eher ungewohntes Terrain. Dennoch beteiligten sich Tausende am 30. April an den Gegenaktionen. Es gab verschiedenste Aktionen; neben einer Bündnisdemonstration mit mehr als 4000 Menschen und Kundgebungen vor der Messe gab es verschiedenste Menschenblockaden am Messegelände, eine Outingaktion in Stuttgart und militante Blockaden der Bundesstraße 27 und der Autobahn 8.
    Ebenso war der Tag geprägt von einer sorgfältig, auch schon im Vorfeld verbal aufgebauten Drohkulisse aus Hundertschaften, Wasserwerfern, Hubschraubern, einer riesigen Gefangenensammelstelle und Polizeikesseln mit hunderten Menschen.
    Mehr als ein Jahr ist seitdem vergangen und es flattern gelbe Briefe mit Vorladungen und Strafbefehlen ins Haus, die ersten Prozesse fanden bereits statt – Zeit für uns, nochmal einen Blick auf die Aktionen und die Repression dagegen zu werfen.

    War‘s das wert?

    Gerade vor dem Hintergrund hunderter Ingewahrsamnahmen, ED-Behandlungen und etlichen Strafverfahren stellt sich die Frage, ob die Aktionen dennoch als Erfolg zu werten sind. Man könnte böswillig argumentieren, was man denn anderes hätte erwarten sollen bei Hunderten, die sich an teils militanten Blockadeaktionen beteiligten. Wäre es nicht besser gewesen, hätte es nur die Massenproteste eines noch breiteren Bündnisses vor dem Versammlungsort gegeben? Keine konkreten Verhinderungsaktionen, sondern symbolischen Protest, vielleicht ein paar Eier und faules Obst, aber dafür auch keine großen Bullenangriffe, kaum Festnahmen und Strafverfahren. Oder hätte man das Feld doch besser Kleingruppen überlassen, die dann militant hätten agieren können? Weniger Menschen involviert, präzise durchgeführte Aktionen, maximaler Nutzen, kalkulierbares Risiko. Oder ist es nicht notwendig verschiedene Aktionsformen zu kombinieren? Massenaktionen, etwa im Rahmen eines Bündnisses und Raum für militantes Agieren stehen dabei nicht gegeneinander. Im Gegenteil, beides bedingt sich. Wenn neben Kundgebungen und Stellungnahmen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte auch militantere Aktionen und Aufrufe Teil von Protesten sind, ohne dass sich die eine Seite von der anderen distanziert, ist die Wahrnehmung nach außen viel eher die, dass sich nicht nur das „gute Gewissen der Nation“ gegen deren übelste Auswüchse auf die Straße bequemt. Ebenso kann so weniger leicht behauptet werden, dass ausschließlich „Krawalltouristen“ gegen „Was-auch-immer“ randalieren.
    Beim AfD-Bundesprogrammparteitag wurde beides angepackt, verschiedenste Aktionen auf der Messe trugen ebenso zum Erfolg des Tages bei und wurden von allen beteiligten Kreisen als wichtig begriffen, wie die Bündnisdemo mit über 4000 Menschen am Nachmittag in der Stadt. Ermöglicht wurde das, weil es in Stuttgart und Region bis hin zu einigen Teilen Baden-Württembergs verschiedenste antifaschistische Strukturen gibt, zwischen denen eine solidarische Zusammenarbeit seit Jahren praktiziert wird. Ob geschlossene Antifagruppen, Offene Treffen oder andere gesellschaftlichen Kräften alle verhielten sich ganz selbstverständlich zu der AfD-Veranstaltung und ermöglichten die Einbindung verschiedenster Menschen und Milieus.
    Sicher ist dabei nicht alles zu hundert Prozent rund gelaufen, die AfD blieb im wesentlichen geschützt von tausenden Bullen ungestört. Aber klar ist, dass es selbst nachdem die Bullen hunderte Menschen, die vor allem dem aktionsorientierteren Teil der Proteste angehörten, trotzdem noch große und erfolgreiche Aktionen gab. Demzufolge war auch die Rezeption der an den Aktionen teilweise erstmals beteiligten Menschen und Organisationen, sowie den über sie indirekt erreichten Kreisen vorwiegend positiv. Auch das mediale Echo umfasste neben den militanten Aktionen den breiten Charakter des Protestes. Für ein aktionsorientiertes Antifaspektrum waren viele praktizierte Aktionsformen und Herangehensweisen, die es in diesem Umfang im Südwesten in den vergangenen Jahren nicht gab, wiederum Erfahrungen, auf die in Zukunft immer wieder zurückgegriffen werden kann.

    Da geht doch noch mehr!?

    Zu diesen Erfahrungen zählt, dass tendenziell effektive Aktionen, wie das Blockieren der B27 und der A8 sicherlich eine größere Wirkung gehabt hätten, hätte es hier eine bessere Anbindung und Vermittlung an mehr Menschen gegeben. Von mehr als 600 Menschen, die eine S-Bahn-Station früher als die Bullen erwartet hatten ausstiegen, beteiligten sich nur wenige komplett an der Aktion.
    Wichtig ist auch festzuhalten, dass der frühe Vogel nicht unbedingt immer den Wurm fängt. Im Klartext: Wenn die Anreise der AfD‘ler erst gegen 8 Uhr wirklich los geht, ist es eher suboptimal bereits um 7 Uhr einen Stau auf dann noch relativ wenig befahrenen Fernstraßen zu erzeugen.
    Dennoch wurde insgesamt deutlich, dass es trotz einem massiven Aufgebot von über 1700 Bullen, mehreren Hubschraubern, Wasserwerfern, Absperrungen mit Hamburger Gittern und Stacheldraht sowie Pferde- und Hundestaffeln, mit der richtigen Taktik möglich ist, Nadelstiche und deutliche Akzente zu setzen ohne dabei alle Beteiligten massiver Repression auszusetzen. Hunderte Andere mussten indes aber auch die Erfahrung machen, dass gerade das mit der Repression angesichts einer massiven Übermacht niemals einfach ist. Jene, die um sieben Uhr morgens aus Bussen direkt an der Autobahnausfahrt Flughafen/Messe ausstiegen, anschließend kleinere Materialblockaden errichteten und Pyrotechnik zündeten, hörten nach wenigen Minuten auf, in Bewegung zu bleiben. Alle, die mit dem Vorgehen der baden-württembergischen Polizei der letzten Jahre schmerzhaft vertraut sind, wissen, dass es dann nur der gängigen Polizeitaktik entspricht, eine solche Menschenmenge zu kesseln, festzunehmen und in der vorbereiteten Riesen-GeSa mit ED-Behandlungen abzufertigen. Die Busanreisen machten unter den Festgenommenen dieses Tages den Großteil aus.
    Es ist uns aber wichtig, die Gründe für die Repression nicht bei jenen zu suchen, die sich durch beherzte Aktionen selbst in Gefahr bringen, ihnen gilt unsere volle Solidarität und unser Respekt. Denn wir ändern die Verhältnisse nur, wenn wir uns bewegen, ausprobieren und Erfahrungen sammeln und anwenden. Darum gehört zu unserer Solidarität aber auch die solidarische Kritik, etwa hinsichtlich der Repressionsanfälligkeit bestimmter Vorgehensweisen.

    Leider normal

    Dabei ist es nur logisch, dass Repressionsbehörden immer zuschlagen, wenn Kräfte aktiv werden, die dem kapitalistischen System nicht integrierbar gegenüberstehen und nicht kontrollier- und einsehbar sind. Wir bringen die Hetze der AfD mit diesem herrschenden System und der Politik der anderen bürgerlichen Parteien in Zusammenhang. Darum steht uns der bürgerliche Staat natürlich auch in unserem antifaschistischen Kampf unversöhnlich gegenüber. Er ist trotz Lippenbekenntnissen und BündnispartnerInnen innerhalb einiger Gliederungen von SPD, Grünen und der Partei Die Linke niemals ein Ansprechpartner für unsere Politik.
    Im Gegenteil: Er wird uns wieder und wieder seine Schergen aufden Hals hetzen. Das wird aller Voraussicht nach auch noch eine ganze Weile so bleiben. Vielleicht verschärft sich das von Zeit zu Zeit etwas, vielleicht werden die Schrauben mal etwas gelockert. Aber mit Repression haben in einem kapitalistischen System erst einmal alle zu rechnen, die sich am Widerstand gegen dieses in welcher Form auch immer beteiligen.
    Repression ist dabei alltäglich, wird aber anlässlich von großen Mobilisierungen wie der gegen den AfD-Bundesprogrammparteitag immer besonders sichtbar. Wenn wie hier ein Bündnis aus Antifa-Gruppen mit anderen Initiativen bis hin zu Gliederungen bürgerlicher Organisationen Aktionen organisiert und es groß angelegte Antifa-Mobilisierungen gibt, diese Kräfte sich aber nicht etwa negativ aufeinander beziehen, sondern sich, wie zuvor beschrieben, als ergänzende Kräfte des Widerstands begreifen, dann ist das für die Repressionsorgane keineswegs ein Grund, zu kapitulieren. Das heißt nur, dass einige ihrer Werkzeuge nochmal an Bedeutung gewinnen, besonders ihre Propaganda. So wurde im Falle des 30. April 2016 schon vorab angekündigt, dass sich die Polizei durch ein massives Aufgebot an Bullen und diversen Hilfsmitteln auf Ausschreitungen vorbereite. Sogar der Einsatz von Wasserwerfern, die seit dem „Schwarzen Donnerstag“ der Proteste gegen S21 im Jahr 2010 in Stuttgart tabu waren, wurde angekündigt. Vermittelt werden sollte zum einen, dass sich „rechtschaffene Bürger“ besser zweimal überlegen sollten, sich an den Aktionen zu beteiligen, wollten sie nicht Gefahr laufen mit „linken Chaoten“ in einen Topf geworfen zu werden. Zum anderen stellten Polizeipressestellen den einzelnen Bullen auf der Messe so einen Freibrief aus, etwa für die Verhaftung von Journalisten und der Beschlagnahmung ihrer Fotos.
    Aber auch ansonsten hielten sich die Einsatzkräfte noch weniger zurück als sonst. Nicht genug, dass sie Hunderte von uns zusammenknüppelten, stundenlang festhielten und mit ihren Maßnahmen schikanierten, wurden sie noch mehr als sonst sexistisch übergriffig. Dazu kamen anlasslose Prügelattacken in Käfigen in den Hallen der GeSa – weitab von jeglicher Öffentlichkeit in Form von Journalisten oder Vertretern bürgerlicher Organisationen, die die Bullen oft zumindest noch von den offensichtlichsten Widerlichkeiten zurückschrecken lassen.
    Die Steigerung solcher Vorfälle ist in Baden-Württemberg in den letzten Jahren zu beobachten und leider im Rahmen eines bürgerlich-kapitalistischen Repressionsapparats nicht verwunderlich. Was nicht heißt, dass wir uns dagegen nicht unmittelbar zu Wehr setzen könnten. Natürlich hätten gerade die sexistischen Übergriffe, aber auch die Prügelattacken im Nachhinein mehr öffentlich skandalisiert und aufgearbeitet werden müssen. Doch unser Umgang damit und der direkt erfahrenen Repression generell fängt nicht erst mit der Nachbereitung von Aktionen an . Am 30. April 2016 wurde deutlich, dass es in der Praxis im Polizeigewahrsam teilweise an einem kollektiven und solidarischen Handeln mangelt. Es ist klar, dass solche Situationen individuell immer sehr belastend sind und es schwer fällt einen klaren Kopf zu bewahren. Doch gehört es zu einem konsequenten Umgang mit Repression, nicht nur keinerlei Aussagen zu machen und Unterschriften zu verweigern, sondern auch die beabsichtigte Vereinzelung durch kollektives Verhalten zu durchbrechen. Wir sind weder Opfer noch ist es wichtig oder sinnvoll, sich individuell oder kollektiv als unschuldiges Opfer von Polizeiwillkür darzustellen. Es bieten sich auch in der GeSa oder im Kessel immer wieder Möglichkeiten, sich nach innen und gegebenenfalls auch nach außen als kollektiv handelnd, solidarisch, selbstbewusst und widerständig zu zeigen.

    Wann, wenn nicht immer?

    Diese Grundhaltung muss sich auch beim juristischen Nachspiel durchziehen. Neben dem Öffentlichmachen, dem bewussten politischen Führen und der Begleitung von Gerichtsprozessen, muss auch die spektrenübergreifende Solidarität praktisch werden. Auch hier wirft uns die bürgerliche Justiz immer wieder Stöcke zwischen die Beine. So wird etwa wie bei der Repression anlässlich des AfD-Bundesprogrammparteitags durch die gezielte Anwendung des Jugendstrafrechts in Kollektivverfahren und die damit oft verbundene Nicht-Öffentlichkeit von Prozessen, eine umfassende Begleitung verhindert.
    Andererseits macht sich der bürgerliche Staat die Kollektivität unseres Handels auch zu Nutze. So ist gerade bei den Vorladungen wegen des 30. April 2016 immer wieder der Vorwurf der aus der Kollektivität konstruierten „Nötigung“ zu finden, aber auch wie in den vergangenen Jahren insgesamt zunehmend zu beobachten, der des „(schweren) Landfriedensbruchs“. Solche Konstrukte und Tatbestände zielen vor allem auf die Niederhaltung von kollektivem und fortschrittlichem Widerstands und geben den Ermittlungsbehörden und Gerichten ein besonders einfach zu handhabendes Instrument an die Hand, um unsere Aktionen massenhaft zu kriminalisieren.
    Dennoch trifft es nicht nur einzelne, denn gemeint sind immer wir alle. Zeigen wir uns solidarisch – politisch wie praktisch. Gründen wir Soli-Komitees, sammeln wir Geld, stehen wir den Betroffenen bei.
    Und: Lassen wir uns nicht einschüchtern. Bleiben wir aktiv, so wie es notwendig und sinnvoll ist. An jedem Ort, 365 Tage im Jahr.

    Viel Glück und viel Erfolg – und sowieso: Solidarität!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Veröffentlicht 2017

  • Formelhafte Verdichtung

    Formelhafte Verdichtung

    Formelhafte Verdichtung

    „Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ – heißt die unter dem Namen „Dimitroff-Definition“ bekannte und in der antifaschistischen Bewegung wohl meist diskutierte Charakterisierung des Faschismus an der Macht. Mehr über deren Entstehungsgeschichte und eine kritische Diskussion ihrer Stärken und Schwächen liefert der folgende Text des marxistischen Historikers Kurt Pätzold aus der Jungen Welt 2015.

    Der »Dimitroffschen« Bestimmung dessen, was Faschismus sei, wird seit je Unzulänglichkeit vorgehalten.

    Wenn heute Marxisten oder Menschen, die an einem tiefen, scharfen Blick in die deutsche Geschichte interessiert sind, über den Faschismus reden, taucht nahezu unvermeidlich die Frage auf, was von der »Dimitroffschen« Definition des Faschismus zu halten sei und ob ihr noch irgendein Wert zugeschrieben werden könne. Sie lautet: Der Faschismus ist die offene, terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.

    Zunächst: Der bulgarische Kommunist Georgi Dimitroff ist mit Sicherheit nicht der Schöpfer dieser Kennzeichnung. Sie wurde erstmals im Dezember 1933 auf einer Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale in Moskau vorgetragen. Da findet sie sich in einem Referat, das der Finne Otto Kuusinen hielt – seit 1921 arbeitete dieser als einer der Sekretäre des Exekutivkomitees der Komintern. Und auch in einer von den Delegierten angenommenen Resolution. Zu diesem Zeitpunkt war der deutsche Faschismus etwa zehn Monate an der Macht, und Dimitroff befand sich im Gefängnistrakt des Leipziger Reichsgerichtshofes, der ihn und zwei seiner Genossen der Reichstagsbrandstiftung beschuldigte. Dass die Begriffsbestimmung dennoch ihm zugeschrieben wurde, geht wohl auf die Tatsache zurück, dass Dimitroff, inzwischen freigekämpft, nach Moskau zurückgekehrt und Vorsitzender des Exekutivkomitees geworden, in seinem Bericht vor dem VII. Weltkongress der Komintern diese Definition im Sommer 1935 wiederholte und sie dadurch unter Kommunisten, später auch über sie hinaus, populärer machte, als sie nach ihrer ersten Erwähnung geworden war.
    Die Autoren der Bestimmung sind namentlich unbekannt, dürften jedoch zum Apparat der Weltorganisation gehört haben. Im Grunde hatten sie Kenntnisse und Erkenntnisse verdichtet, die in den Kämpfen während der Jahre zuvor gewonnen worden waren. Ihre Definition bildete und blieb eine Herausforderung derer, die sich vom Faschismus verzerrte Bilder machten, Illusionen über ihn pflegten. Und mehr noch war sie es für jene, die ein Interesse besaßen, den Charakter des Faschismus zu vernebeln. Mit dieser Charakteristik wurden Interpretationen wie die derjenigen, die ihn als die Macht einer Clique politischer Abenteurer auf eigene Rechnung ausgaben, in ihm die Herrschaft des Kleinbürgertums zu erkennen glaubten oder ihn als Ausdruck und Sieg des Volkswillens missverstanden, abgewiesen. Der Kern der Aussage lautete, dass der Faschismus an der Macht die Herrschaft einer bestimmten Gruppe des Finanzkapitals sei.
    Unausgesprochen war damit auch festgestellt, dass dieser Staatstyp eine weitere politische Ausprägung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft darstellte, also nichts weniger war als das Produkt einer Revolution. Das genügte, um alle Apologeten des Kapitals zu mobilisieren. Ließen sich auch Thesen, wonach diese Macht so etwas wie ein Bankert oder eine Missgeburt sei, nicht durchsetzen, so wird doch nach wie vor versucht, sie als Produkt eines Zufalls, als Sonderfall oder, wie durch einen Berliner Politikwissenschaftler geschehen, als Ausnahmefall auszugeben.

    Offen terroristisch

    Wer die Begriffsbestimmung des Jahres 1933 heute diskutiert, muss mitdenken: Erstens sind Definitionen immer eine Abstraktion und, wenn sie im gelungenen Falle auch die wesentlichen Kennzeichen einer Sache hervortreten lassen, sind sie stets ärmer als die Theorie, deren Konzentrat sie ja abgeben, und diese wieder ist ärmer als die Wirklichkeit. Wer versucht, eine komplizierte Erscheinung, die der Faschismus ist, treffend, knapp und einprägsam zu charakterisieren, muss gewärtig sein, dass ihm »nachgewiesen« wird, dass er diese oder jene Seite nicht oder nicht gebührend beachtet und bewertet habe. Doch übersteigt eine allseitige Kennzeichnung die Möglichkeiten des Vorhabens. Zweitens war die dem Faschismus gegebene Definition nicht nur dazu bestimmt, eine Erkenntnis konzentriert zu vermitteln, sondern Massen eine Orientierung für ihre politischen Kämpfe zu liefern. Dazu musste sie denen sprachlich verständlich sein. Drittens hatte sie, das wurde schon erwähnt, dem Anspruch zu genügen, die eigene gedankliche Position klar von anderen, von ihr abweichenden oder ihr entgegengesetzten, abzugrenzen. Endlich, viertens, kann sie nicht gerecht beurteilt werden, wenn nicht bedacht wird, dass der Faschismus in den folgenden zwölf Jahren seiner Existenz als Staats- und Kriegsmacht Züge annahm, die schwärzeste Pessimisten nicht vorauszuahnen, auch scharfsinnigste Wissenschaftler nicht vorherzusehen vermochten.
    Dies bedenkend, soll die umstrittene Definition kritisch diskutiert werden. Die Aussage, dass der Faschismus an der Macht eine Diktatur ist, zieht niemand, der ernst genommen werden will, in Zweifel. Gleiches gilt für die Feststellung, dass der Terror das Hauptinstrument ist, dessen sich diese Macht bediente, und dies während der gesamten Dauer ihrer Existenz. Anders steht es mit der Feststellung, dass es sich dabei um eine offene terroristische Diktatur handelte – eine Präzisierung, die nur Sinn macht, wenn sie von nicht offenen Formen der Anwendung von Terror abgehoben werden soll.
    Doch haben beispielsweise die deutschen Faschisten den Terror immer offen und abschreckend zur Schau gestellt? 1933 taten sie das, und sehr wahrscheinlich ist die Formulierung gerade unter diesen Eindrücken der Massenverhaftung von Antifaschisten, der Errichtung der Konzentrationslager, der Todesurteile durch Gerichte zustande gekommen. Doch im weiteren Verlauf ihrer Herrschaft versuchte die Hitlerführung, ohne auf die drohend wirkende Bekanntmachung ihrer bis zu Justizmorden reichenden Unterdrückungsmethoden zu verzichten, sich dennoch einen gesitteten Anschein zu geben. Vorbereitung und Verlauf der Olympischen Spiele 1936 zeugen davon. Das
    änderte sich jedoch wieder in der Phase der Expansion, die mit dem »Anschluss« Österreichs erreicht war, und der unmittelbaren Kriegsvorbereitung, und dann noch einmal, als die faschistische Macht – im Wissen um ihr nahes Ende – das eigene Volk gnadenlos zu weiterem Widerstand antrieb.

    Interessenten und Nutznießer

    Die weitere Bestimmung der Diktatur als jene von »Elementen des Finanzkapitals« ist uneindeutig. Für jeden bürgerlichen Staat, sei er konstitutionelle Monarchie, Militärdiktatur, Republik, trifft zu, dass die Eigner und Manager des Kapitals die Hebel der Staatsmacht nicht selbst betätigen. Würden sie das tun, enthüllten sie das bestgehütete Geheimnis, das um jeden dieser Staatstypen dicht gewoben ist und gepflegt wird. Es herrscht Arbeitsteilung vor, die jedoch nicht verabsolutiert wird und nicht ausschließt, dass Bourgeois gelegentlich Ministerämter übernehmen, Wirtschaftsführer zustaatlichen Beraterstäben formiert oder in sie einbezogen werden und Konzerngewaltige in
    Personalunion Staatsfunktionen übernehmen.

    Der Faschismus an der Macht hat in der Vorkriegszeit und mehr noch unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft diese Praxis im Interesse vor allem der Steigerung der Rüstungsproduktion verstärkt ausgeübt. Doch am Prinzip der Arbeitsteilung änderte das nichts. Und also wäre die Formulierung, »Der Faschismus an der Macht ist eine terroristische Diktatur, deren Hauptinteressenten und Hauptnutznießer Gruppen des Finanzkapitals sind« gegen Missverständnisse besser geschützt gewesen als die 1933 gewählte.
    Damit ist das Wesentliche gesagt und nicht bestritten, dass es darüber hinaus politische und ökonomische Profiteure dieser Macht aus anderen Kreisen des Kapitals und weiteren Schichten, beispielsweise der Beamtenschaft und den Militärbefehlshabern, gibt. Unbestritten ist auch – das Jahrzehnt der faschistischen Regimes hat das grausam bestätigt –, dass es Kreise des Finanzkapitals waren, die am meisten reaktionär, chauvinistisch und imperialistisch waren, die den Faschismus einst favorisierten, ihn auf dem Wege an die Macht unterstützten und dann mit dieser Macht beständig und eng kooperierten. Dieser Tatbestand wurde nach 1945 gerichtsnotorisch und zwar durch Gerichtshöfe der USA. Die stellten in den Nürnberger Nachfolgeprozessen fest, dass exponierte Angehörige kapitalistischer Großunternehmen im Krieg Verbrechen begangen hatten und verurteilten sie auch zu Haftstrafen.

    Blindstelle Massenanhang

    Jeder, der die Geschichte der Faschismusforschung vorurteilsfrei verfolgt, wird, und dies namentlich, wenn er deren verschiedene Wege und Strömungen vergleicht, den kommunistischen Beitrag als verdienstvoll anerkennen. Wo aber lagen dessen Schwächen? Die Autoren konnten sich nicht entschließen auszudrücken, dass die Faschisten an der Macht sich – anders als Politiker an der Spitze bürgerlich-demokratischer Staaten und auch Militärdiktaturen – auf eine nach Millionen zählende Gefolgschaft stützen konnten, die sie aktivierten und ohne die sie nicht annähend jene Stabilität und Aktionsfähigkeit erlangt hätten, die ihr Regime kennzeichneten.
    Dieser »Verzicht« hatte eine lange Vorgeschichte. Niemandem fiel es wohl schwerer als den Kommunisten sich einzugestehen, dass sich Millionen von Werktätigen zu verlässlichen Gefolgsleuten der Faschisten gemacht hatten oder sich zu deren Instrumenten machen ließen. Wo die zutage liegende Tatsache erwähnt wurde, schrieben Antifaschisten sie den Lügen der faschistischen Demagogen zu, den raffinierten Erzeugern von Irrungen und Verwirrungen im Massenbewusstsein und Massenverhalten. Noch 1935 war in den Reihen der Kommunisten, aber auch anderer Nazigegner der Glaube nicht aufgegeben, dass Erfahrungen mit der Diktatur die Wende dieser Entwicklung bringen werden. Den schien zu stützen, dass gerade im dritten Jahr der Existenz des faschistischen Regimes in Deutschland akute wirtschaftliche Mangelerscheinungen – eine Folge der Devisenkonzentration auf rüstungswichtige Importe – in der Bevölkerung Unmut auslösten.

    Wesentlich war die Blindstelle oder das »Loch« in der Definition des Faschismus aber dadurch verursacht, dass die Massenbasis der Diktatur einzig als Produkt aus Terror und Demagogie angesehen wurde, nicht aber als das von Korruption (Erfolgsbestechung), vor allem erzeugt durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Zu diesem Komplex gehört auch die Wirkung der politischenMaßnahmen, die als Erfolge und Schritte zur Wiederherstellung von Deutschlands Größe ausgegeben wurden – die »Heimkehr« des Saargebiets, die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, der Aufbau einer modern ausgerüsteten Armee, der »Anschluss« Österreichs und die Einverleibung des Sudetenlandes.

    Alleinstellungsmerkmale

    Der Haupteinwand, der gegen die Definition des Jahres 1933 bzw. 1935 erhoben wird, bezieht sich aber darauf, dass in ihr der faschistische Antisemitismus und seine Rolle im Regime unerwähnt blieb. Das wird als Beweis dafür ausgegeben – um nur die Minimalvariante der Vorwürfe zu benennen –, dass kommunistische Kritik den Blick nicht auf dieses Feld faschistischer Ideologie und Politik gerichtet habe. Keinem Kritiker scheint aufzufallen, keiner bemängelt, dass die Definition auch vom Antikommunismus kein Wort sagt und der hat in Wort und Praxis der Faschisten auf dem Wege zur Macht und bei deren Befestigung unstreitig eine noch größere Rolle gespielt als der hasstriefende Antisemitismus und die Anfänge der gewalttätigen Judenverfolgungen. Dennoch nimmt sich die Kritik angesichts der »Erfahrung Auschwitz« glaubwürdig und überzeugend aus.
    Doch: War auch die Ideologie der Faschisten judenmörderisch, es existierte 1933/35 nicht einmal in den Köpfen derer, die ihn später verwirklichten, ein Plan der Massenvernichtung der Juden. Das verfolgte strategische Ziel war ihre Vertreibung aus Deutschland, bei dessen Durchsetzung viele Etappen zurückzulegen waren. Im Sommer des dritten Jahres der faschistischen Diktatur lebten im Reichsgebiet noch viele sogenannte geschützte Juden, die als anerkannte Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges eingestuft waren. Doch bald lösten die Faschisten die anfänglichen Bremsen ihrer judenfeindlichen Politik, und deren Eskalation beschleunigte sich fortan. Mit der Erfahrungsmasse des Jahres 1935 gehörten Antikommunismus, Antisemitismus, dazu Antidemokratismus und Antiliberalismus in eine Definition der faschistischen Ideologie, die etwas anderes verlangte und darstellte als die des Faschismus an der Macht. Mit dem Beginn des Massenmordens, das 1941 auf sowjetischem Territorium einsetzte, gehört der eliminatorische Antisemitismus auch in jede Faschismusdefinition, die ohne die Begriffe barbarisch und bestialisch – auch mit dem Blick auf das Sterben der Kriegsgefangenen und den Terror in den eroberten Gebieten – nicht geschrieben werden kann.

    Doch geht es in der Diskussion über den Faschismus, die in der Bundesrepublik Deutschland nicht in Permanenz gefühlt wird, aber immer wieder einmal entbrannt ist, schon nicht mehr darum. Der gemeinhin als Holocaust bezeichnete Massenmord an den europäischen Juden, der bis zur Tötung des letzten Juden fortgeführt worden wäre, wären die Armeen der Alliierten den Verbrechern nicht noch in den Arm gefallen, gilt inzwischen als das Hauptkennzeichen des deutschen Faschismus. Und da die anderen faschistischen Regime dieses Programm nicht auch besaßen, wie sehr sie bei seiner Verwirklichung den Deutschen auch geholfen haben mochten, wird die geschichtlich beispiellose Untat im neudeutschen, Kenntnisse vortäuschenden Sprachgebrauch zum Alleinstellungsmerkmal aufgeblasen.
    Daraus folgt dann die Unmöglichkeit, dieses deutsche Regime mit dem Begriff »Faschismus« zu bezeichnen. Das ergäbe eine ungerechtfertigte Gleichsetzung mit weniger barbarischen Systemen wie dem italienischen und also eine Beschönigung des deutschen Regimes. Damit wird jener Etikettenschwindel gerechtfertigt, von dem eingangs schon geschrieben wurde, aber ungleich mehr erreicht. Mit der These vom Judenmorden als dem Hauptcharakteristikum des deutschen Regimes ist nicht nur dessen Einzigartigkeit behauptet, sind nicht nur Hitler, Himmler und Heydrich samt ihrer judenfeindlichen Rassetheoretiker als alleinige Architekten dieses Staatstyps und seiner Politik markiert, sondern das imperialistische Wesen und Programm aus dem Zentrum aller Betrachtungen gerückt. Und mit ihnen die Fragen nach der Kontinuität deutscher Politik in einer Zeitspanne, die vom Kaiserreich bis nahezu in die Mitte des 20. Jahrhunderts reicht. Einzig der Wahn einer Politikergruppe wird zum Ursprung dessen erklärt, was die Welt seit 1933 und vor allem seit 1939 erlebte.

    Räuberischer Imperialismus

    Nun sind Tatsachen ein hartes Ding, und zu ihnen gehören die Feldzüge der faschistischen deutschen Wehrmacht an Weichsel und Bug, zum Nordkap, an den Rand der Pyrenäen, zum Mittelmeer, nach Nordafrika und in Richtung Suezkanal, schließlich bis in das Vorfeld Moskaus, nach Stalingrad und zu den Höhen des Kaukasus. In keiner Phase dieser Eroberungen sind Judenverfolgung und Judenmorde vor den Plan der Schaffung des großgermanischen Weltreiches gerückt. In diesem Reich sollte kein Jude leben. Beides war im Denken wie in der Politik der deutschen Imperialisten, die Hitler anführte, fest verankert.
    Doch wenn diese Momente kollidierten, erhielten die Kriegshandlungen und Eroberungsziele den Vorzug, etwa vor dem Transport von deutschen und ausländischen Juden in das für »judenfrei« erklärte Reich, als dort die Arbeitskräfte rar geworden waren, der Nachschub aus den zuvor besetzten Gebieten Europas nicht mehr herbeigeschafft werden konnte und Industrieanlagen unter die Erde verlegt werden sollten, um sie Luftangriffen zu entziehen. Von den ersten bis in die letzten Tage der Existenz des faschistischen deutschen Regimes wurde gewacht, dass die judenfeindlichen und judenmörderischen Maßnahmen der Gesamtbewegung und dem Hauptziel des Systems eingeordnet blieben.

    Dennoch besitzt die formelhafte Verkürzung des faschistischen Deutschen Reiches auf den Begriff »judenmörderisches System« alle Aussicht auf Dauer. Denn erstens wird der Blick auf Auschwitz noch auf Generationen hinaus die Nachgeborenen – menschlichen Anstand und eine Phantasie vorausgesetzt, die sich Leiden vorzustellen vermag – an die abscheulichsten Verbrechen erinnern, die im Buch deutscher Geschichte stehen. Zweitens lässt sich diese Formel leicht merken und mit Bildern und Vorstellungen stützen, und dies ungleich leichter als die Definition der Komintern samt ihrer notwendigen Ergänzungen und Korrekturen. Deren Aneignung verlangt die Beschäftigung mit einem komplexen Gegenstand und also geistige Anstrengung. Drittens lässt sich diese Formel als nationales Schuldbekenntnis vorweisen, als Zeugnis für »bewältigte deutsche Vergangenheit«.
    Dafür ist die Definition des Jahres 1933 absolut ungeeignet. Wenn sich aus ihr Schuldige herauslesen lassen, dann sind es Kleingruppen von Politikern und Mächtigen der kapitalistischen Wirtschaft. Anderes ergäbe sich erst, wenn, wie erwähnt, die Massenbasis des Regimes markiert würde.

    Aus: junge Welt, Ausgabe vom 9. Oktober 2015, Seite 12. Vorabdruck aus der Einleitung einer Ende 2015 vom Autor herausgegebenen Quellenedition mit 62 Texten, »deren Autoren die Nazidiktatur als das benannten, was sie war: Eine spezielle Ausformung bürgerlicher Herrschaft. Die Auswahl enthält Reden und Aufsätze aus den Jahren 1922 bis 1945 unter anderem von Theodor W. Adorno,Hannah Arendt, Otto Bauer, Ernst Fraenkel, Daniel Guérin, Hermann Heller, Max Horkheimer, Georg Lukács, Wilhelm Reich, August Thalheimer, Palmiro Togliatti und Leo Trotzki.« (jW) – Kurt Pätzold: Faschismus-Diagnosen. Berlin 2015, Verlag im Park, 139 Seiten, 12,99 Euro, ISBN 978-3-945187-42-5.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2015

  • Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Muslimfeindlichkeit

    Durch die Stimmungsmache gegenüber Muslimen, die vom Stammtisch bis zum Feuilleton als Gründer von „Parallelgesellschaften“, bildungsunwillige „Leistungsverweigerer“, potenzielle Gewalttäter und „Sozialschmarotzer“ verunglimpft werden sowie durch die von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zu einem überraschenden Erfolg geführten Volksinitiative für ein Minarettbauverbot hat der Begriff „Rechtspopulismus“ auch hierzulande neue Aktualität gewonnen. Man muss kein Prophet sein, um voraussagen zu können, dass der Kampf gegen Moscheebauten, „Ehrenmorde“ und die „Islamisierung“ Deutschlands bzw. Europas künftig ein Hauptagitationsfeld für rechtsextreme bzw. -populistische Gruppierungen bilden wird.

    Was ist Rechtspopulismus?

    Der inflationär verwendete Populismusbegriff ist aus zwei Gründen schillernd und unscharf. Einerseits fallen darunter häufig link(sradikal)e genauso wie recht(sextrem)e und basis- bzw. radikaldemokratische genauso wie antidemokratische Strömungen, was seine Offenheit für unterschiedliche Strategien und Taktiken signalisiert, aber auch inhaltliche Mehrdeutigkeit, Verschwommenheit und Konturlosigkeit bedingt. Andererseits wird häufig so getan, als sei „Rechtspopulismus“ das demokratisch geläuterte, zumindest sehr viel moderatere Pendant zum Rechtsextremismus, nicht etwa nur eine Spezialform desselben. Dies bringt jedoch weitere Abgrenzungsprobleme mit sich, ohne gleichzeitig mehr terminologische Klarheit zu schaffen. Missverständlich ist der Populismusbegriff insofern, als dafür zwei unterschiedliche Deutungsmuster existieren.
    Das in der Forschungslandschaft wie in der Fachliteratur klar dominante Deutungsmuster begreift Populismus als Politik(vermittlungs)form und Regierungsstil, welcher von Personen, Parteien oder Koalitionen ganz unterschiedlicher Couleur praktiziert werden kann, was man ggf. mittels der Differenzierung zwischen Links- und Rechtspopulismus zum Ausdruck bringt. Nach herrschender Lehre charakterisiert der Populismus gar nicht die Politik einer Partei, sondern nur die Art, wie sie gemacht und/oder „an den Mann gebracht“ wird.
    Ein gewisses rhetorisches Talent und die argumentative Demagogie seiner führenden Repräsentanten sind auffällige Merkmale des Populismus, aber nicht für ihn konstitutiv. Nach größerer Popularität zu streben, „dem Volk aufs Maul zu schauen“ und komplexe Zusammenhänge leicht verständlich darzustellen, ist höchstens dann populistisch, wenn damit die Manipulation von Menschen zugunsten einer privilegierten Minderheit verbunden ist. Unbefriedigend bleibt eine bloße Formaldefinition für Populismus, wenn sie keinerlei inhaltliche Festlegung enthält. Die Bezeichnung eines Parteiprogramms als „populistisch“ ist sowenig aussagekräftig wie der Begriff „Protestpartei“, weil in beiden Fällen keine Aussage über die dahinter steckende Ideologie getroffen wird.

    Das andere Deutungsmuster versteht unter Populismus eine stärker inhaltlich bestimmte Konzeption, die aufgrund ihrer Konstruktion eines (ethnisch) homogenen Volkes, das sie den „korrupten Eliten“ gegenüberstellt, mit einer linken Weltanschauung bzw. deren Hauptströmungen – Sozialismus, Reformismus und Kommunismus –, die Klassen und Schichten zu Basiskategorien ihrer Topografie der Gesellschaft machen, unvereinbar ist, aber mit den bürgerlichen Grundrichtungen – Liberalismus und Konservatismus –, die zwischen den genannten Großgruppen keine Interessengegensätze zu erkennen vermögen, durchaus harmoniert. Rechtspopulismus wäre für diese Orientierung zwar der treffendere Begriff, was allerdings nicht ausschließt, dass sich auch Strömungen der „Mitte“ oder der Linken zumindest vorübergehend solcher Argumentationsmuster und entsprechender Agitationstechnikenbedienen. Populismus ist mehr als eine Stilfrage und eine Agitationstechnik, worauf schon die Etymologie des Terminus verweist, denn die ursprüngliche Wortbedeutung lässt den Anspruch damit Bezeichneter erkennen, Politik im Namen des Volkes und/oder für das Volk zu machen. Je nachdem, ob man diese
    Zielgruppe im Sinne von „ethnos“ oder „demos“ versteht, bildet das „eigene“ oder das „gemeine Volk“ den Fixpunkt.

    Zwar haben Rechtspopulisten nur wenig Hemmungen, ihrerseits – etwa als Parlamentsabgeordnete oder Minister – die Privilegien der Mächtigen und Regierenden in Anspruch zu nehmen, verlangen von diesen jedoch, sich nicht persönlich zu bereichern, sondern selbstlos „der Sache des Volkes“ zu dienen. Rechtspopulisten stellen zwar die soziale Frage, ohne sie jedoch überzeugend zu beantworten. Meistens verknüpfen solche Gruppierungen die soziale mit der nationalen Frage, obwohl eine Verbindung von sozialer und demokratischer Frage nötig wäre, um sie zu lösen.
    Der moderne Rechtsextremismus hat sich spürbar modernisiert, programmatisch erneuert und vom Nationalsozialismus mehr oder weniger überzeugend distanziert sowie aufgrund der Vielfalt von ihm mittlerweile besetzter Handlungsfelder, Aktionsformen und  Organisationszusammenhänge erheblich ausdifferenziert. Als rechtspopulistisch sollten nur jene (Partei-)Organisationen, Strömungen und Bestrebungen bezeichnet werden, die den Dualismus von „Volk“, „Bevölkerung“ bzw. „mündigen Bürgern“ und „Elite“, „Staatsbürokratie“ bzw. „politischer Klasse“ zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Agitation und Propaganda machen, ohne militante Züge aufzuweisen und Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anzuwenden oder anzudrohen. Innerhalb des Rechtspopulismus kann man idealtypisch vier Grundvarianten unterscheiden:

    • Wenn die Kritik an einem vermeintlich überbordenden, die Volkswirtschaft lähmenden und den eigenen Wirtschaftsstandort gefährdenden Wohlfahrtsstaat im Mittelpunkt der Propaganda einer Rechtspartei steht, wäre von „Sozialpopulismus“ zu sprechen. Man nutzt den unterschwellig vorhandenen, oft in der politischen und medialen Öffentlichkeit geschürten Sozialneid gegenüber noch Ärmeren – in diesem Fall: den angeblich „faulen“ bzw. „arbeitsscheuen“ Erwerbslosen und Sozialhilfeempfänger(inne)n –, um von den eigentlichen Verursachern der sich vertiefenden Kluft im Land abzulenken.
    • Konzentriert sich eine rechte Gruppierung auf die Stigmatisierung und Diskriminierung von Straffälligen, plädiert sie energisch für „mehr Härte“ der Gesellschaft im Umgang mit ihnen und nimmt sie besonders Drogenabhängige, Bettler/innen und Sexualstraftäter ins Visier, um die Wähler/innen mit einem Szenario der permanenten Bedrohung zu erschrecken, handelt es sich um Kriminalpopulismus, der die „anständigen Bürger“ gegen den „gesellschaftlichen Abschaum“ mobilisiert und seine Kampagnen auf dem Rücken von sozial benachteiligten Minderheiten inszeniert. Häufig genug spielt die Boulevardpresse dabei eine unrühmliche Rolle als Sprachrohr einer intoleranten und illiberalen Mehrheitsgesellschaft.
    • Sofern eine Rechtspartei die „Systemfrage“ in den Mittelpunkt rückt und sich vor allem die verbreitete Enttäuschung über ihre etablierten Konkurrentinnen auf dem „Wählermarkt“ und die Entfremdung vieler Bürger/innen gegenüber dem bestehenden Regierungs- bzw. Parteiensystem („Politikverdrossenheit“) zunutze macht, das sie mit Korruption gleichsetzt und aus prinzipiellen Erwägungen ablehnt, erreicht die populistische Zuspitzung eine andere Qualität, was die Bezeichnung „Radikalpopulismus“ rechtfertigt. Bei dieser Variante legt eine populistische Bewegung den Maßstab für ihr eigenes Verhalten sehr hoch. Umso leichter kann sie daran gemessen und – wie schon oft geschehen – selbst der politischen Unfähigkeit, Inkompetenz und  Korruptionsanfälligkeit überführt werden.
    • Steht der staatliche Innen-außen-Gegensatz bzw. die angebliche Privilegierung von Zuwanderern gegenüber den Einheimischen oder die „kulturelle Überfremdung“ im Vordergrund, handelt es sich um Nationalpopulismus. Charakteristisch ist für ihn, dass die zunehmende Pauperisierung breiter Bevölkerungsschichten, übrigens vor allem ethnischer Minderheiten, nicht etwa als Konsequenz ihrer Diskriminierung (z.B. im Bildungsbereich sowie auf dem Arbeitsmarkt) und einer ungerechten Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen, vielmehr als Resultat der zu großen Durchlässigkeit bzw. Aufhebung der Grenzen für Migrant(inn)en thematisiert und die Angst vor einer „Überflutung“ bzw. „-fremdung“ vornehmlich durch Muslime kultiviert wird. „Antiislamismus“ ist ein irreführender Begriff, weil er suggeriert, seine Träger wendeten sich nur gegen den Fundamentalismus und den daraus resultierenden Terrorismus mancher Muslime. Auch der Terminus „Islamophobie“ trifft die Sache nicht, weil er so tut, als hätten die damit Bezeichneten wirklich Furcht vor den Muslimen. Denn analog gilt das Diktum von Jean-Paul Sartre, der festgestellt hat, dass Antisemiten vor allem Möglichen Angst haben, aber nicht vor Juden.

    Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Kulturrassismus

    Die angeblich kulturell bedingte Fremdheit zwischen Ethnien ersetzt heute die Höher- bzw. Minderwertigkeit der offenbar selbst von manchen Rechtsextremisten nicht mehr für zeitgemäß gehaltenen Rassen. Dass sich die Erscheinungsformen des Rassismus in jüngster Zeit verändert haben, beruht auf einem Wandel seiner Hauptfunktion: Legitimiert wird heutzutage nicht mehr eine kolonialistische Politik der Expansion von Großmächten nach Übersee, sondern die Abwehr ihrer durch Arbeitsmigrant(inn)en, Armuts- bzw. Ökoflüchtlinge aus der sog. Dritten Welt personifizierten Folgen mit Hilfe verschärfter Asylgesetze, technisch perfektionierter Grenzkontrollen und Abschottung der „Wohlstandsfestung“ (West-)Europa. Der differenzialistische, Neo- bzw. Kulturrassismus erleichtert es, zwischen Migrant(inn)en nach dem Grad ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit zu differenzieren. Einer der Hauptvorwürfe gegenüber den zuwandernden Muslimen besteht denn auch in ihrer mangelhaften (Aus-)Bildung bzw. ihrer rückständigen Kultur, die sie als der abendländischen Hochindustrie nicht gewachsen erscheinen lässt.
    Migration und Integration leiden gegenwärtig vor allem unter der massiven Entwertung bzw. einer tiefen Sinnkrise des Sozialen, die innerhalb der Aufnahmegesellschaft zum neoliberalen Um- bzw. Abbau des Wohlfahrtsstaates beiträgt, die Existenzbedingungen für Zuwanderer damit verschlechtert und aus folgenden Teilprozessen besteht:

    • fällt die Tendenz zur Ökonomisierung des Sozialen ins Auge. Fast alle Lebensbereiche, etwa Kultur, (Hoch-)Schule, Freizeit und auch die soziale Infrastruktur, werden nach dem Muster des Marktes restrukturiert. Sozial zu sein bedeutet fortan nicht mehr, sich gemäß humanistischer Grundüberzeugungen oder christlicher Nächstenliebe um arme, benachteiligte oder Menschen mit Behinderungen und ihre Probleme zu kümmern bzw. moralischen Verpflichtungen und ethischen Normen nachzukommen. Vielmehr wird auch das Soziale zunehmend vom neoliberalen Zeitgeist durchdrungen und von der Konkurrenz, dem Gewinnstreben und betriebswirtschaftlicher Effizienz bestimmt.
    • findet eine Kulturalisierung des Sozialen statt. Seit geraumer Zeit stehen nicht mehr materielle Interessen bzw. Interessengegensätze im Blickfeld, wenn man über die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft spricht, sondern die kulturelle Identität. Die Kulturalisierung des Sozialen bedeutet, dass die Zugehörigkeit zur Gesellschaft nicht mehr über die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder zu einer bestimmten Klasse, Schicht oder Gruppe definiert wird, die gemeinsame Interessen haben (und daher ein hohes Maß an Solidarität realisieren können, falls sie sich dessen bewusst werden), sondern dass stärker nach kulturellen Übereinstimmungen, also gemeinsamer Sprache, Religion undTradition, gefragt wird. Das ist der Grund, weshalb sich Widerstand gegen diese Entwicklung nur schwer artikulieren und organisieren kann.
    • ist eine Ethnisierung des Sozialen festzustellen. Je mehr die ökonomische Konkurrenz im Rahmen der „Standortsicherung“ verschärft wird, umso leichter lässt sich die kulturelle Differenz zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufladen und als Ab- bzw. Ausgrenzungskriterium gegenüber Mitbewerber(inne)n um soziale Transferleistungen instrumentalisieren. Ein „nationaler Wettbewerbsstaat“ (Joachim Hirsch), der kein herkömmlicher Wohlfahrtsstaat mehr sein möchte, bereitet Ethnisierungsprozessen den Boden. Diese haben zwei Seiten: Neben einer Stigmatisierung „der Anderen“ bewirken sie eine stärkere Konturierung „des Eigenen“ bzw. die Konstituierung einer nationalen bzw. „Volksgemeinschaft“, mit der viel weiter reichende Ziele verfolgt werden. „Deutsche(s) zuerst!“ lautet ein Slogan, der solche Vorstellungen genauso wie „Ausländer raus!“-Parolen im Massenbewusstsein verankert.
    • zeichnet sich eine Biologisierung des Sozialen ab. Gesellschaftlich bedingte Verhaltensweisen werden heute immer häufiger an den Genen festgemacht. Dabei spielt der Demografie-Diskurs, d.h. die Art und Weise, wie über die (Alters-)Struktur der Gesellschaft gesprochen und geschrieben wird, eine Schlüsselrolle. Mit dem demografischen Wandel rückt die Humanbiologie ins Zentrum der Gesellschaftspolitik und entscheidet quasi naturwüchsig, wie ein naturgesetzlicher Sachzwang, über Rentenhöhen und darüber, wie Sozialleistungen zu bemessen sind. Wer die meist Katastrophenszenarien gleichenden Bevölkerungsprognosen betrachtet, deren Häufung in den Medien auffällt, stellt fest, dass die Urangst von Neonazis und Rechtsextremisten, „das deutsche Volk“ könne „aussterben“ (und zuwandernden Muslimen somit widerstandslos „das Feld räumen“), in die Mitte der Gesellschaft wandert.

    Terrorismushysterie und Stimmungsmache gegen Muslime

    Nach dem 11. September 2001 machten viele Medien kampagnenartig Stimmung gegen Muslime. Im Gefolge der Terroranschläge auf das Word Trade Center und das Pentagon wurde die Deutung der Weltpolitik als „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) bzw. „Krieg der Zivilisationen“ (Bassam Tibi) beinahe zum journalistischen Gemeingut. Osama bin Laden und Al Qaida avancierten zu Chiffren, welche die Feindschaft gegenüber der westlichen Zivilisation symbolisieren. Terrorismus, Fundamentalismus und Islamismus erschienen als omnipräsente wie -potente Gefahr, der man im „Kampf gegen den Terror“ entgegentrat, wobei sich der Einwanderungs-, der Kriminalitäts- und der Gewalt- bzw. Kriegsdiskurs verschränkten. Teilweise gab es einen Rückfall in Zerrbilder, die während der Asyldiskussion in den frühen 90er-Jahren dominiert hatten. Hier seien nur das stern-Titelbild vom 27. September 2001, wo ein dunkelhäutiger Mann mit Vollbart und Sonnenbrille zu sehen ist, in deren Gläsern sich unter der Überschrift „Terror-Gefahr in Deutschland. Geheimdienste warnen vor Anschlägen radikaler Muslime“ die brennenden Türme des World Trade Center spiegeln, sowie das Titelbild eines Spiegel special (2/2003) zum Thema „Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten“ genannt, wo von verschleierten Musliminnen über einen bärtigen Fanatiker mit bluttriefendem Krummdolch bis zum flammenden Inferno über Juden alle Stereotype bedient werden.

    Noch lange nach den Attentaten dominierten in deutschen Massenmedien die Bilder der brennenden Zwillingstürme, militärische Metaphern und eine martialische Sprache. Man konzentrierte sich zunächst auf den Schleier, die Scharia und das Kopftuch als Symbole für den Islamismus und seine Unterdrückung der Frau; später traten repräsentative Moscheebauten, Minarette und Muezzinrufe als Symbole hinzu, die Fremdheit markieren sollten.Als der islamistische Bombenterror mit den Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004 sowie auf die U-Bahn und einen Bus in London am 7. Juli 2005 auch Europa traf, wurde das politische und mediale Klima hierzulande rauer. Nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh am 2. November 2004 avancierte „Parallelgesellschaft“ zu einem Modebegriff, der eine umfassende Drohkulisse aufbaut und düstere Entwicklungsperspektiven ahnen lässt. Für die Mainstream-Medien war das Konzept der multikulturellen Gesellschaft gescheitert, wie der „Die Schlacht um Europa“ überschriebene Artikel von Gilles Kepel in der Welt am Sonntag vom 21. November 2004 und das Titelblatt der am Tag darauf erschienenen Ausgabe des Münchener Nachrichtenmagazins Focus „Unheimliche Gäste. Die Gegenwelt der Muslime in Deutschland“ dokumentierten.
    In der umfangreichen Berichterstattung über „Zwangsverheiratungen“ von Mädchen und Frauen sowie „Ehrenmorde“ blieben (kultur)rassistische Untertöne gleichfalls nicht aus. Nachdem drei ihrer fünf Brüder die Kurdin Hatun Sürücü am 7. Februar 2005 in Berlin erschossen hatten, beschäftigte das Thema nicht nur die lokalen Medien wochenlang. So berichtete die Süddeutsche Zeitung am 26. Februar 2005 unter dem Titel „In den Fängen einer türkischen Familie. Muslimische Dorfmoral in der Berliner Moderne: Schon wieder haben türkische Männer eine Frau mit dem Tod bestraft. Die Geschichte eines brutalen Zusammenpralls der Kulturen“ darüber. „Jetzt droht Kampf der Kulturen“ (Rheinische Post v. 4.2.2006), „Sich rüsten für den Kampf der Kulturen“ (Welt am Sonntag v. 19.2.2006) oder „Kampf der Kulturen“ (FAZ v. 13.4.2006) lauteten typische Schlagzeilen zum sog. Karikaturenstreit und zu der Auseinandersetzung um den türkischen Film „Tal der Wölfe“, wie man sie seinerzeit in fast allen Zeitungen der Bundesrepublik finden konnte. Eine von wenigen Fundamentalisten, rechten Scharfmachern und religiösen Fanatikern inszenierte Konfrontation, die letztlich nur der Provokation von Andersdenkenden bzw. -gläubigen dient und zur (militärischen) Eskalation drängt, wird als unausweichliche, der ganzen islamischen Religion/Kultur zugeschriebene Auseinandersetzung von wahrhaft historischer Tragweite interpretiert. Ein solches Paradigma reduziert, wenn es sich in den Köpfen festsetzt, die Möglichkeiten für das friedliche Zusammenleben und Integrationsbemühungen auf ein Minimum. Nunmehr werden Migrant(inn)en noch stärker mit (Gewalt-)Kriminalität, Emotionalität und Irrationalität, wenn nicht gar religiösem Fundamentalismus und politisch-ideologischem Fanatismus in Verbindung gebracht.

    Ausblick und Alternativen

    Machen wir uns nichts vor: Muslime, die zugewandert sind, Migrationshintergrund haben oder konvertiert sind, werden in den meisten europäischen Ländern eher diskriminiert als toleriert. Sie verkörpern kulturelle Rückständigkeit und den Widerstand gegen die westliche Moderne, was sie als gemeinsames Feindbild für christliche Eiferer, Marktradikale und neoliberale Modernisierer geradezu prädestiniert. Dass der Rechtspopulismus gute Chancen hat, daraus Kapital zu schlagen und die westlichen Demokratien mittels muslimfeindlicher Propaganda herauszufordern, hat das Referendum über die Aufnahme eines Minarettbauverbots in die Schweizerische Bundesverfassung am 29. November 2009 gezeigt.
    In den Diskussionen über vor Ort geplante Moscheebauten spielen immer wieder fehlende Parkplätze, die Höhe der Minarette und die Größe der Kuppel eine Schlüsselrolle. Nicht immer handelt es sich dabei um vorgeschobene bzw. Scheinargumente eingefleischter Feinde des Islams und der Muslime. Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus sind genauso ernst zu nehmen wie Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiösität, die denmeisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Sie dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen. Die multikulturelle Einwanderungsgesellschaft kann leicht als Projektionsfläche für reale Sorgen und Ängste eines Großteils der Bevölkerung im Hinblick auf ihre soziale Lage, Ausgrenzungs- und Fremdheitserfahrungen, kulturell-religiöse „Überfremdungstendenzen“ oder den Einflussverlust des Christentums benutzt und (partei)politisch entsprechend instrumentalisiert werden.
    Das Thema „Moscheebau, Minarette als Machtsymbole und Islamierung“ besetzen Rechtsaußengruppierungen gleichermaßen: von „Pro Köln“, „Pro NRW“ und „Pro Deutschland“ über die REPublikaner, die DVU und die NPD bis zu den Neonazi-Kameradschaften. Nur rechtspopulistische Kräfte sind jedoch in der Lage, bürgerlich-seriös aufzutreten und Verbündete in etablierten Kreisen zu finden. Im Unterschied zur Schweiz, zu Belgien, zu Frankreich, zu den Niederlanden und zu Österreich gibt es in Deutschland allerdings (noch) keine Partei, die rechtspopulistische und antimuslimische Inhalte mit Erfolg bei überregionalen Wahlen vertritt. Aber es gibt Personen wie Henryk M. Broder, Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin, die damit große öffentliche Resonanz haben. Anders als die Genannten, denen es um die Verbreitung primitiver Ressentiments und wahrscheinlich mehr noch um ihre eigene Medienpräsenz geht, haben viele Einheimische verständliche Vorbehalte gegenüber Muslimen, beispielsweise im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiösität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist.
    Zuletzt hat sich eine „unheilige Allianz“ zwischen Neonazis, Rechtspopulisten, Kulturrassisten, christlichen Fundamentalisten, Feministinnen, religionskritischen Intellektuellen, Tierfreunden, bildungsbenachteiligten Unterschichtangehörigen und Teilen des vom sozialen Abstieg bedrohten Kleinbürgertums formiert, die – wenn sie provozierende Symbole und Gebräuche der Muslime wie die Burka oder das Schächten für den politischen Kitt sorgt – durchaus mehrheitsfähig ist.
    Dass die muslimfeindliche Kampagne in der Schweiz eine klare Mehrheit der Abstimmenden erreichte, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sie die politische Kultur unseres Nachbarlandes beschädigt und dem friedlichen Zusammenleben seiner Bewohner/innen einen Bärendienst erwiesen hat. Direkte Demokratie bedeutet nicht, dass Referenden über alle möglichen politischen Streitpunkte stattfinden dürfen: Hätte man den Bau von Synagogen in Deutschland einem Mehrheitsentscheid unterworfen, wäre nie ein jüdisches Gotteshaus errichtet worden. Grundrechte von Minderheiten stehen auch für Abstimmungsmehrheiten in einer Demokratie nie zur Disposition.
    Kulturelle und religiöse Gegensätze basieren meist auf tiefer liegenden Konflikten, für die man die Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren muss. Die globale Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise dürfte in nächster Zeit zu größeren sozialen Verwerfungen führen. Für eine Jagd nach Sündenböcken bieten sich die Muslime zusammen mit anderen Minderheiten aufgrund ihres schlechten Images geradezu an.

    Deshalb muss vermittelt werden, dass Zuwanderung wie auch – daraus resultierend – die Koexistenz von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Bekenntnisse und kultureller Prägungen im Zeichen der Globalisierung zur Normalität westlicher Industriegesellschaften gehören.
    Schuld an der zunehmenden Spaltung in Arm und Reich sind aber nicht im Niedriglohnbereich konzentrierte Zuwanderer, sondern Eliten, die ihrerseits eine Parallelgesellschaft herausbilden, wenn sie in Luxusquartieren wohnen, die private Sicherheitsdienste bewachen, und sich gegenüber den Mittel- und Unterschichten auch räumlich immer deutlicher abschotten.

    Christoph Butterwegge
    Veröffentlicht 2014

  • Blockaden im Wandel der Zeit

    Blockaden im Wandel der Zeit

    Blockaden im Wandel der Zeit

    Immer wieder stellt sich vor und nach Naziaufmärschen die Frage, wie man diese effektiv und mit möglichst vielen Menschen unmöglich machen kann. Seit dem G8-Gipfel in Heiligendamm und später – auf urbane Gebiete angepasst – in Dresden hat sich das Konzept “Massenblockade” gewissermaßen etabliert um Aufmärsche und/oder Anfahrten der Faschisten bestmöglich zu unterbinden. Gerade Dresden hat gezeigt, dass diese Form des direkten Protestes in einem solidarischen Zusammenspiel mit weiteren Aktionformen durchaus Früchte tragen und geplante Naziaufmärsche effektiv verhindern kann.
    Doch vor allem in Baden-Württemberg zeigt sich dabei des öfteren die hässlichste Fratze des Polizeistaates und schafft so komplett unterschiedliche Ausgangsbedingungen für Aktionen gegen die Naziaufmärsche. In Baden-Württemberg waren AntifaschistInnen in den letzten Jahren mit mehreren Situationen konfrontiert, welche die Aktualität und den Sinn von Blockaden dieser “Dresdner Schule” immer wieder aufs neue zur Diskussion stellten. Genannt seien hier Heilbronn am 1. Mai 2011, Göppingen am 6. Oktober 2012 und zuletzt die “Fackelmahnwache” des FHD in Pforzheim am 23. Februar 2013.

    Wir haben uns an all diesen Mobilisierungen beteiligt – nun wollen wir eine grobe Einschätzung über Blockaden und das Verhältnis zu anderen Aktionsformen liefern, die Bedingungen der jeweiligen Gegenproteste analysieren und unsere gemachten Erfahrungen mit anderen AntifaschistInnen teilen. Wir beschränken uns in folgendem Text auf größere, über einen längeren Zeitraum angekündigte
    faschistische Aufmärsche, bei denen wir sowohl mit sehr großer Polizeipräsenz und -logistik, aber auch quantitativ hohem Protest rechnen können. Eine Debatte zu faschistischen Kleinstaufmärschen und/oder sehr kurzfristigen Mobilisierungen wie z.B. des öfteren in Mannheim finden wir nicht weniger wichtig, sollen aber nicht Thema dieses Textes sein. Des aktuellen Bezuges wegen, wollen wir mit der letzten dieser Blockade-Aktionen beginnen:

    Pforzheim 2013

    Im Vorfeld des 23.2.2013 rief das städtische, aktionsfeindliche und konservative Bündnis “Pforzheim Nazifrei” zu einer Kundgebung inklusive Selbstinszenierung des Bürgermeisters auf dem Markplatz auf. Die politisch breit aufgestellte “Initiative gegen Rechts” (IgR), in der auch AntifaschistInnen aus Stuttgart mitarbeiteten, rief zu einer Demonstration und anschließendem zivilen Ungehorsam auf. Im Vergleich zu den Protesten der letzten Jahre in Pforzheim stellte das einen deutlichen Fortschritt dar. Es wurde landesweit, vor allem von antifaschistischen Gruppen, auf die Demonstration und die Blockaden mobilisiert.
    Die “Iniative gegen Rechts” ließ sich unmittelbar vor dem 23.2. von SozialdemokratInnen unter Druck setzen und knickte vor diesen ein, sodass das Bündnis nur drei Tage vor dem 23. Februar entschied lediglich eine kurze Kundgebung am Bahnhof abzuhalten, ohne die lang angekündigte Demonstration durchzusetzen. Desweiteren untersagte das Bündnis den Stuttgarter AntifaschistInnen den zugesagten Redebeitrag. Dieses Verhalten von sozialdemokratischer Seite war ganz klar ein Schlag gegen die linken Kräfte im Bündnis, hob das Solidarische Miteinander auf und stellte aus unserer Sicht eine ungünstige Bündnissituation her.
    Dennoch betrachteten wir es als wichtig, die Demonstration allen widrigen Bedingungen zum trotz, auf jeden Fall stattfinden zu lassen. Im Nachhinein betrachtet war dies die richtige Entscheidung und gab uns am 23.2. die Dynamik, um mit ca. 1000 Menschen so weit auf den Wartberg vorzudringen. Die lokale Presse betrieb im Vorfeld des 23.2. massive mediale Hetze gegen die IgR und vor allem
    gegen aktionistische AntifaschistInnen, die in großer Zahl erwartet wurden. Auch Stadtverwaltung, Gerichte und Polizei zeigten einmal mehr, auf welcher Seite sie stehen und was für den 23.2. zu erwarten war. So wurde der extrem seichten Blockadeaufruf der IgR wegen eines angeblichen “Aufrufs zu Straftaten” beschlagnahmt und die antifaschistische Demonstration faktisch verboten: Nur eine Route in der Südstadt wurde genehmigt. Stadtverwaltung, Ordnungsamt und Polizei waren sich schon lange vor dem 23. Februar dahingehend einig, die Faschisten, welche auf dem Wartberg in der Nordstadt ihr “Fackelgedenken” abhalten wollten, und die AntifaschistInnen, welche sich in der Südstadt sammelten, um jeden Preis voneinander zu trennen und somit jeglichen Widerstand zu unterbinden.
    Nach einer kurzen antifaschistischen Kundgebung an der Südseite des Bahnhofes machten sich ca. 1000 AntifaschistInnen koordiniert als Blockade-Finger auf den Weg in Richtung Nordstadt. Sie erreichten nach kurzer Zeit eine unbewachte Eisenbahn-Unterführung und somit die erste stadtbauliche Barriere in Richtung Kundgebungsort der Faschisten. Die Polizeiführung wollte unbedingt verhindern, dass eine große Zahl AntifaschistInnen in die Nordstadt gelangent, war aber in diesem Moment schlichtweg überfordert und hatte an dieser Stelle auch nicht die Kapazitäten die gebündelte Masse an AntifaschistInnen aufzuhalten. Auf dem weiteren Weg den Berg hinauf, welcher sich ca. eine Stunde zog, stellten sich den AntifaschistInnen nur an einer Stelle Polizeikräfte in den Weg und griffen sie an. Aufgrund mangelnder Entschlossenheit der AntifaschistInnen und dem Magel eines kollektiv agierenden Blocks schafften sie es auch den Weg dicht zu halten und zwangen die BlockiererInnen einen anderer Weg auf den Berg zu wählen.
    Nach diesem -einzigen- Versuch die Antifas aufzuhalten konnte der Berg gänzlich ungestört bestiegen werden.
    Direkte und/oder militante Aktionen gab es am 23. Februar 2013 kaum und so konnten sich die Polizeikräfte am Wartberg voll und ganz auf die Blockaden konzentieren. Die in der linksradikalen Szene oftmals als “Allheilmittel” angesehenen Kleingruppenaktionen blieben aus. Am späten Abend wurde nach einer Nazifeier allerdings noch ein nicht unerheblicher Sachschaden angerichtet.
    Die Beobachtungen des 23. Februar lassen den Schluss zu, dass die anwesenden Polizeikräfte – vor allem die Polizeiführung – an diesem Tag schlichtweg nicht in der Lage waren die, für Pforzheimer Verhältnisse, riesige Masse an AntifaschistInnen in Richtung Wartberg aufzuhalten. Nur eine Wand aus Bauzäunen, Bullen mit Schildern und dahinter noch einmal direkt aneinander gestellte
    Truppenwägen, sowie in mehreren “Ringen” angeordnete Hamburger Gitter schafften es zu verhindern, dass die AntifaschistInnen auf, oder direkt an den Kundgebungsort der Nazis gelangen konnten.
    Daraus lässt sich schließen, dass an diesem Tag eine gute Koordinierung und die Masse an DemonstrantInnen zur Überforderung der Polizei führten. Diese Überforderung sorgte schließlich dafür, dass man in direkte hörweite der Faschisten kam und aufgrund der dynamischen und teilweise unkontrollierbaren Situation mehr als die Hälfte der Faschisten in Pforzheim nicht aussteigen wollten, da ihnen eine sichere Teilnahme an der Kundgebung nicht zugesichert werden konnte. Stattdessen fuhren sie mit der Bahn weiter bis Mühlacker, einen Nachbarort von Pforzheim, um dort eine spontane Fackelkungebung als “Alternativprogramm” zum vermiesten Gedenken auf dem Wartberg zu zelebrieren. Entgegen anderslautender Berichte, fand in Mühlacker kein “Fackelmarsch” der Nazis statt; sie bekamen als Kundgebungsort den Bahnhofsparkplatz, welcher ca. zehn Meter vom Bahnhof entfernt ist, zugewiesen.
    Auch die Faschisten schreiben in ihren Veröffentlichungen und Berichten zum 23. Februar, dass ihnen die Situation in Pforzheim zu “heikel” und ungewiss war und sie sich deshalb lieber für das “sichere” Mühlacker entschieden. Pforzheim lässt sich als den ersten wirklichen (Teil-) Erfolg, dieses (klassischen) Massenblockade-Konzeptes in Baden-Württemberg verzeichnen; durch geschlossenes Vordringen eines großen Blockade-Fingers, sowie das Agieren zweier kleinerer Blockade-Finger, konnten zum ersten Mal in
    den letzten 10 Jahren Zufahrtswege rund um den Ort, an welchem sich die Faschisten sammeln, blockiert werden. Kleinere Zufahrtswege wurden von einzelnen AktivistInnen mit Materialblockaden dicht gehalten.
    Um allgemeine Schlussfolgerungen zu ziehen ist es allerdings notwendig, sich weitere, oben bereits erwähnte Großevents der Nazis in Baden-Württemberg und die Versuche dagegen vorzugehen, anzusehen.

    6. Oktober 2012 in Göppingen

    Für den 6. Oktober 2012 hatten selbsternannte “Autonome Nationalisten” aus ganz Süddeutschland und dem Ruhrgebiet zu einem Aufmarsch nach Göppingen mobilisiert. Die Stadt entdeckte kurz vor dem Aufmarsch, welcher einen Tag vor der  Oberbürgermeisterwahl stattfand, ihren Hang zu Lippenbekenntnissen gegen die Nazis und hielt eine Kundgebung auf dem
    Marktplatz ab. In Göppingen gab es zudem noch das Bündnis “Kreis Göppingen Nazifrei!” (KGN), welches ebenfalls auf den 6. Oktober mobilisierte. Dieses Bündnis hatten wir und andere AntifaschistInnen aus Stuttgart Anfang 2012 mit Einzelpersonen aus der Grünen Jugend Göppingen iniziiert, uns dann aber infolge einer immer reaktionäreren Tendenz des Bündnisses, permanenter
    Selbstinszinierung Einzelner und Distanzierungen von direkten Aktionsformen endgültig daraus zurückgezogen.
    Aufgrund dieser vertrackten Situation vor Ort wurde sich entschieden die Arbeit zur Verhinderung des Naziaufmarsches in ein breites überregionales Bündnis auszulagern. Die neu gegründete “Antifaschistische Gruppe Göppingen” war für uns der Bezugspunkt in Göppingen, weshalb wir mit ihnen, sowie anderen solidarischen BündnispartnerInnen, den Tag vorbereiteten.
    Die politische Linie der Stadt war klar: Jeglicher ernstzunehmender antifaschistischer Protest soll im Keim und mit allen Mitteln erstickt werden – den Faschisten soll eine Route am Arbeitsamt ermöglicht werden.
    Bei der Anreise wurden nach kämpferischen Versuchen, ohne Personenkontrollen in die Stadt zu gelangen, viele mit dem Zug anreinsende Antifaschistinnen und Antifaschisten gekesselt und mit Schlagstöcken und Pfefferspray angegriffen. Ein vollbesetzer Bus mit AntifaschistInnen wurde kurz vor Göppingen von der Polizei herausgezogen und intensiv kontrolliert.
    Die Faschisten konnten aufgrund von Sabotageaktionen im Bahnverkehr erst viel später als geplant anfangen und das auch mit deutlich weniger Neonazis als erwartet. Engangierte AntifaschistInnen versuchten den gesamten Tag über in gut aufgestellten, bis zu 600 Leuten umfassenden Spontandemonstrationen auf die Route der Nazis zu gelangen. Unterstützt wurden die Blockadeversuche mit direkte Angriffen auf die Faschisten und die Polizei. Durch eine Tränengaskartusche, Farbbeutel, Stein- und Flaschenwürfe musste die Polizeiführung einen Schlenker, den die Nazidemo ursprünglich laufen sollte, absagen. Die omniprästente, martialisch ausgerüstete Polizei beantwortete das Engagement mit brutalen Angriffen auf die AntifaschistInnen, was zu einigen Verletzten führte. Trotz des Überaufgebotes an Polizei und der Tatsache, dass es für die Nazis kaum direkt spürbaren Protest gab, war der 6. Oktober ein wichtiger Tag für die antifaschistische Bewegung. Strömungsübergreifend wurde in eine Stadt mobilsiert, wo es bis dahin bei einer aktiven und aktionistischen Nazisszene kaum Gegenaktivitäten gab. Nach einem frühen Verunmöglichen von Massenblockaden auf der Route der Nazis, durch Kessel und Angriffe der Polizei, wurde durch dynamische Menschenmengen und militanten Interventionen eine für die Polizei nur schwer kontrollierbare Situation geschaffen. Hier konnten wichtige Erfahrungen gesammelt werden und es wurde gezeigt, dass auch in schwierigen Situationen ein selbstbestimmer Charakter von antifaschistischer Arbeit auf die Straße getragen werden kann, der trotz der ungünstigen Sitation die Nazis zumindest teilweise einschränken kann und der antifaschistischen Bewegung zu mehr Selbstbewusstsein verhilft.

    1. Mai 2011 in Heilbronn

    Der 1. Mai 2011 in Heilbronn war ein militärischer Erfolg der Polizei und ein demotivierender Tag für die antifaschistische Bewegung in Baden-Württemberg. Der zentrale süddeutsche Naziaufmarsch der NPD und “Freier Kräfte” anlässlich des 1. Mai konnte ohne nennenswerte Strörungen oder Einschränkungen vonstatten gehen. In den nachfolgenden Blockade-Mobilisierungen konnte seit dem nie mehr dasselbe quantitative Niveau an potenziellen BlockiererInnen erreicht werden.
    Auf antifaschistsicher Seite wurde landesweit mobilisiert und auch vor Ort arbeitete ein gut agierendes und politisch sehr breit aufgestelltes Blockadebündnis mit vollstem Einsatz monatelang auf die Verhinderung des Aufmarsches hin. Trotz einer nicht geringen Zahl an Menschen, die gewillt waren die Faschisten mithilfe zivilen Ungehorsams – oder auch mehr – zu blockieren, schaffte es ein großer Teil der Menschen nicht weiter als 30 Meter vom Bahnhof weg, wurde gekesselt und kollektiv in die Gefangenensammelstelle verfrachtet. Allein die Zugfahrt aus Stuttgart umfasste ca. 500 AktivistInnen und wurde gesammelt festgesetzt.
    Andere, die mit anderen Verkehrsmitteln wie der Bahn angereist waren, schafften es ebenfalls nicht relevante Punkte der Naziroute zu blockieren bzw. überhaupt in deren Nähe zu gelangen. Einige AntifaschistInnen, denen es dennoch gelang sich “frei” in Heilbronn zu bewegen, waren aber aufgrund der überall in großer Zahl präsenten Polizeitrupps in ihrer Handlungsfreiheit derart eingeschränkt, dass auch diese nicht in der Lage waren nennenswerte Aktionen durchzuführen.
    Heilbronn hat auf bittere Art und Weise bewiesen, dass ein massives Polizeiaufgebot von 3900 Polizisten mitsamt deren gewaltigem logistischen Apperates imstande ist “klassische” Blockadekonzepte ins Leere laufen zu lassen. Lediglich direkte militante Aktionen an den Bahngleisen behinderten einen anreisenden Zug von Faschisten und einige Nazis bekamen körperlich antifaschistischen Protest zu spüren. Hier hat sich nach Ulm 2009 erneut eine neue Strategie der Polizei gezeigt: Alle ankommenden Antifaschistinnen und Antifaschisten einzukesseln und somit jeglichen Protest und jegliche Dynamik zu verunmöglichen.

    Schlüsse

    Alles in Allem bleibt festzuhalten, dass es das alte, teils starre Verständnis von Blockaden und Kleingruppenaktionen im vermeindlichen Antagonismus zueinander abzulegen gilt. Es müssen neue Wege gegangen werden und das Konzept muss an die aktuellen Gegebenheiten, wie beinahe fehlende Bewegungsfreiheit aufgrund massiver Polizeieinsätze in urbanen Gebieten, angepasst werden.
    Weder werden ausschließlich isolierte direkte Aktionsformen, noch rein symbolische Proteste Naziaufmärsche effektiv verhindern. Blockaden bleiben ein kollektives Mittel, die es vielen Menschen ermöglicht gemeinsam die “Spielregeln” des Staates und seiner Vorstellung von Protest zu überschreiten. Wir müssen uns als politisches Ziel einen noch breiteren Blockadekonsens und eine Tiefere verankerung in der Gesellschaft setzen und uns gegen politische Sabotage von rechten Teilen aus sozialdemokratischen und bürgerlichen Organisationen zur Wehr setzen. Das gilt es vor Allem in der Arbeit in Bündnissen zu beachten und ein stets der aktuellen Bündissituation angepasstes taktisches Verhälnis zu diesen zu wahren. Denn trotz aller Angriffe aus dieser Ecke dürfen wir nicht in radikalistische Gebaren verfallen und die Arbeit mit derartigen Organisationen per se ablehnen. Immer wieder hat sich gezeigt, dass – selbst wenn einzelne FunktionärInnen den Protest im Vorhinein zu sabotieren versuchen – viele Menschen aus der Basis sich vor Ort den direkteren Protestformen anschließen und diese Form der Anti-Nazi-Arbeit für wichtig und richtig halten. Pforzheim ist hier ein gutes Beispiel: Beinahe alle KundgebungsteilnehmerInnen schlossen sich der spontanen Demonstration an und blockierten mit.
    Bei antifaschistischem Protest gegen Naziveranstaltungen müssen wir möglichst vielen Menschen eine Partizipation ermöglichen und ihn an seinem Erfolg messen. Wir müssen uns sowohl in Bezug auf kollektive und auf viele Menschen angelegte Aktionsformen, in Bezug auf Entschlossenheit, aber auch auf koordinierte und durchdachte Kleingruppenaktionen weiterentwickeln und uns auch
    auf die politischen und technischen Rahmenbedingungen, in denen wir unseren antifaschistischen Kampf führen, einstellen.
    Es gilt die “klassischen” Blockadekonzepte zu erweitern und an den aktuellen Gegebenheiten schon im vorhinein zu bewerten. Allzuhäufig wird ein förmlicher Blockadehype betrieben und eigene, selbstbestimmte Aktionen hinten angestellt. Es gilt jedes Mal aufs neue zu überprüfen wie Blockadekonzepte sinnvoll ergänzt werden können. Das schafft nicht nur mehr Chancen auf Erfolg sondern vermittelt auch das, wofür wir stehen: Antifaschismus heißt auch Handarbeit. Das alles muss allerdings stets in einem vermittelbaren Rahmen stattfinden. Es muss dafür gesorgt werden, dass für Unbeteiligte und andere NazigenerInnen keine Gefahr besteht und dass Jede und Jeder sich selbst aussuchen kann auf welches Eskalationsniveau er oder sie sich einlässt. Auch wenn wir uns nicht auf juristische Möglichkeiten verlassen dürfen, müssen wir stets versuchen die Repressionsorgane auch auf diesem Wege möglichst auch präventiv zurückzudrängen und uns nicht weiter in unseren Versammlungs- und Protestmöglichkeiten einschränken lassen.
    Das kann heißen sich zusammen mit anderen Kräften gegen weitere Verschärfungen der Versammlungsgesetze einzusetzen und die neue Kesseltaktik der Polizei immerzu anzuprangern und in die Öffentlichkeit zu tragen – bis die Polizeiführungen es sich in Zukunft gut überlegen, ob sie sich dieser Strategie bedienen wollen.
    Wir wollen mit diesem Papier einen Denkanstoß für die antifaschistsiche Bewegung liefern und hoffen auf solidarische und konstruktive Diskussionen, in welchen sich neue Aktionsformen erschließen, die es den Nazis unmöglich machen ohne spürbaren Gegenwind durch unsere Städte zu laufen!

    No Pasarán!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart,
    April 2013

    Unterstützt von:
    Antifaschistische Linke Achern-Bühl
    Antifaschistische Aktion Lörrach
    Antifaschistische Jugend Ludwigshafen-Mannheim
    Antifaschistsiche Aktion (Aufbau) Rastatt/Baden-Baden
    Antifaschistische Aktion [O] Villingen-Schwenningen

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Veröffentlicht 2013

  • Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Die Gegenrevolution – Thesen zur Analyse des historischen Faschismus

    Mit dem Blick auf den 65. Jahrestag des militärischen Sieges über den deutschen Faschismus hat die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten Ende April 2010 in Berlin eine geschichtspolitische Konferenz veranstaltet. In deren Verlauf kam es zu einer kontroversen Debatte über die Analyse des historischen Faschismus. Sie gab Anstoß für die Formulierung der folgenden Thesen.

    1.
    Wird in Deutschland über den Faschismus gesprochen, muß bedacht werden, daß hierzulande der Begriff in dreierlei Sinn gebraucht wird: Er bezeichnet – erstens – eine politische Bewegung, die in Form von Parteien und weiteren Organisationen existierte. Er steht – zweitens – für eine spezifische reaktionäre, antiaufklärerische Ideologie. Und mit ihm wird – drittens – verkürzt der faschistische Staat bezeichnet. Wiewohl die Beziehung von Bewegung, Ideologie und Staat logisch und historisch zutage liegt, ist zwischen ihnen doch zu unterscheiden, denn sie sind nicht identisch. Die Kennzeichnung oder Definition des einen begreift die anderen nicht ein. Wird das nicht in Rechnung gestellt, läßt sich trefflich aneinander vorbeireden.

    2.
    Die politischen Bewegungen, die mit der Kennzeichnung faschistisch erfaßt und von anderen gesondert werden, entstanden in mehreren Ländern Europas am Ende des Ersten Weltkriegs. Die Bewegung, die am frühesten in der Lage war, in die Staatsmacht einzudringen und sich dann in ihr festzusetzen, war die italienische. Das hat ihr Aufmerksamkeit verschafft, und ihre Verwandten in anderen Ländern haben sich am italienischen Beispiel und Vorbild orientiert – bis hin zu Formen des äußerlichen Hervortretens und den Ritualen. Die italienischen Faschisten gaben schließlich der Bewegung in anderen Ländern und deren Gesamtheit auch den Namen. Dabei besaß jede dieser Gruppen ihre eigenen »nationalen« Charakteristika. Die deutsche präsentierte sich unter dem Namen Nationalsozialisten. Auch im Sprachgebrauch von Publizistik, Politik und Gesellschaftswissenschaft wurde Faschismus zum weithin benutzten Sammelbegriff für die neuartige internationale Erscheinung.
    Damit wurde in Deutschland auch die demagogische Selbstkennzeichnung vermieden, derer sich die Nazifaschisten bedienten.

    3.
    So alt wie die faschistischen Bewegungen, so alt sind die Anstrengungen, diese neue politische Erscheinung zu begreifen, ihre Herkunft und ihren Platz in den geschichtlichen Kämpfen der Staaten zu bestimmen, um sich auf diese Weise auf deren Existenz und Wirken einstellen zu können. Wie auf allen Erkenntniswegen gab es auch auf diesem Fortschritte, Irrwege und Rückschläge. An den Bemühungen, Wesen, Perspektiven und Ziele dieser faschistischen Zusammenschlüsse zu erfassen, waren ihre politischen Nachbarn, Konkurrenten und Rivalen ebenso beteiligt wie ihre strikten Gegner und Feinde. Mit der Frage: »Was sind die Faschisten und was wollen sie?« befaßten sich Politiker und Theoretiker. Unter den letzteren waren Marxisten, Nicht- und Antimarxisten. In dieser oder jener Weise haben viele Verfechter unterschiedlicher Strömungen beigetragen, das nicht so große »Geheimnis« zu enthüllen, mit dem sich die Faschisten in Wort und Schrift zur Tarnung ihrer eigenen Absichten umgaben.

    4.
    Energische und erfolgreiche Anstrengungen zur Analyse des Faschismus wurden naturgemäß vor allem in den Reihen ihrer entschiedenen Gegner, von den Arbeiterparteien und deren Theoretikern unternommen. Zu begreifen, welcher Feind ihnen und der proletarischen Bewegung erwachsen war, galt zu Recht als Voraussetzung für dessen erfolgreiche Bekämpfung. In Deutschland haben Führer und Ideologen der Kommunistischen wie der Sozialdemokratischen Partei früh beigetragen, die Partei Hitlers als eine Organisationsform der Gegenrevolution bloßzustellen. Als die wichtigsten Kennzeichen der faschistischen Ideologie und Politik wurden die Feindschaft gegen alle liberalen, demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen hervorgehoben sowie der extreme Nationalismus und Revanchismus, der sich vor allem in einer hemmungslosen demagogischen Anti-Versailles-Hetze äußerte, die Kriegsstimmung und Kriegsbereitschaft erzeugen sollte. Zur Entlarvung der Rolle, welche die Faschisten in der Weimarer Republik spielten, haben auch Künstler und Schriftsteller beigetragen, so daß bis heute Bilder, Zeichnungen, Karikaturen, Erzählungen und Gedichte zusammen mit wissenschaftlicher Literatur einen Zugang zum Verständnis dieser damals neuartigen Erscheinung geben.

    5.
    Eine sich früh zeigende Schwierigkeit der Faschismusanalyse bestand darin, diese neuartige politische Bewegung von anderen, den älteren reaktionären Parteien und Organisationen, ihren nahen oder ferneren Vorläufern und Zeitgenossen, abzugrenzen und deren jeweilige Spezifik richtig zu erfassen.
    Das ist in der Arbeiterbewegung nicht durchweg gelungen, mitunter auch in den Reihen der Kommunisten weit verfehlt worden. Der Begriff Faschismus geriet in eine Art inflationären Gebrauch. Gesprochen und geschrieben wurde vom Brüning-Faschismus, vom Papen-Faschismus und vordem schon vom Sozialfaschismus, eine diffamierende Kennzeichnung der Sozialdemokratie, so falsch, irreführend und die Fronten verkehrend wie – umgekehrt – die sozialdemokratische Bezeichnung von den »rotlackierten Nazis«, die den Kommunisten galt. In diesen Kombinationen wurde das Wort Faschist in den politischen Tageskämpfen zu einem Schimpfwort, zum Knüppel, geschwungen gegen Gegner und Rivalen. Dieser Gebrauch zeigte, daß sich das adäquate Bild von den Faschisten, die Hitler führte, in den Reihen der Gegner noch nicht klar abzeichnete und verfestigt hatte.

    6.
    Nachdem in Deutschland die Faschisten an die Staatsmacht gelangt waren, standen die Antifaschisten vor der Notwendigkeit, unter Einbeziehung der italienischen wie der deutschen Erfahrungen zu beschreiben, was das Spezifische dieser neuen Staatsform ausmachte und was deren Entstehung insbesondere, aber nicht allein für die Arbeiterbewegung bedeutete. Auch daran und an den sich daran knüpfenden Prognosen waren viele beteiligt. Unter diesen Analysen der Situation hat eine theoretisch wie praktisch eine besondere Rolle gespielt. Auf sie wird bis heute zustimmend, kritisch abwägend und ablehnend Bezug genommen. Das ist die in eine Definition geronnene Kennzeichnung des Faschismus, welche die Kommunistische Internationale in einem Beschluß vornahm, den ihr Exekutivkomitee, eines ihrer Führungsgremien, im Dezember 1933 faßte: »Der Faschismus an der Macht ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.«

    7.
    Die historische Bewertung dieser Definition wird häufig dadurch erschwert oder verdorben, daß die Tatsache übergangen wird, daß die Autoren dieser Definition ausdrücklich sagen, sie kennzeichnen den »Faschismus an der Macht«, d.h. in seiner Rolle als Staatsmacht. Die Aussage würde anders lauten, ginge es um die knappe Kennzeichnung des Faschismus als politische Bewegung vor der Macht oder als Ideologie. Manche Einwände ergeben sich daraus, daß – zweitens – von dieser Definition verlangt wird, was Aufgabe und Sinn von Definitionen nicht ist. Die zielen stets auf die Hervorhebung des Wesentlichen einer Erscheinung, die aus der Vielfalt der Erscheinungsformen gleichsam destilliert wird. Mithin bietet jede Definition, ist sie treffend, den Vorzug, das Wesentliche hervorzuheben, und ist doch zugleich ärmer als die Theorie, deren konzentrierten Ausdruck sie bildet, wie diese wieder ärmer ist als die Wirklichkeit. Vorwürfe, es fehle dieses oder jenes Detail in einer Definition, sind folglich abwegig.

    8.
    Staaten waren zu allen Zeiten Formen des Überbaus einer Gesellschaft, deren Bestand und Entwicklung sie mit ihren Mitteln zu sichern hatten. Übergänge von einer in eine andere Gesellschaft, revolutionär oder nicht, gehen notwendig mit Veränderungen von Staaten einher, die entweder diesem Übergang folgen oder ihm auch vorausgehen können. Die Kennzeichnung eines Staates verlangt also zunächst und vor allem, daß dessen Beziehung zu der Gesellschaft hergestellt wird, deren Überbau er darstellt. Die Faschisten, namentlich die deutschen, traten mit dem Anspruch an, Revolutionäre zu sein.
    Sie gaben vor, wären sie am Staatsruder, eine Gesellschaft des nationalen und sozialen Friedens (die »Volksgemeinschaft«) auf dem Wege einer »nationalsozialistischen Revolution« herzustellen. Demgegenüber, und das ist der erste Vorzug der Definition von 1933, wurde klargestellt, daß der faschistische Staat nicht Überwinder, sondern Bestandteil und Stütze der bürgerlichen Gesellschaft ist und diese Rolle in einem geschichtlichen Moment übernommen hat, da der Kapitalismus, der das imperialistische Stadium erreicht hatte, sich in einer Krise befand. Es ist die Bloßstellung dieses Zusammenhangs, die der Definition bis heute ihre Befeindung durch alle einträgt, die diese Einordnung des Faschismus an der Macht als mögliche und verwirklichte Staatsform der bürgerlichen Gesellschaft nicht wahrhaben wollen.

    9.
    Manche Theoretiker haben diese richtige Einstufung dadurch verballhornt, daß sie den faschistischen Staat gleichsam als die höchste und ideale Staatsform bürgerlicher Herrschaft ansahen, der bürgerliche Gesellschaften gesetzmäßig zustreben würden. Diese Auffassung hat dazu geführt, hinter allen möglichen Veränderungen bürgerlicher Herrschaftsverhältnisse faschistische Tendenzen zu wittern oder zu diagnostizieren. In Wahrheit aber kann bürgerliche Herrschaft unter voneinander sehr verschiedenen staatspolitischen Verhältnissen stabil sein und bleiben, wie die Geschichte beweist – unter denen der konstitutionellen Monarchie wie denen der parlamentarischen oder präsidialen Republik, denen der Militärdiktatur und auch anderen autokratischen Systemen. Der faschistische Staat bildet mithin keinen Idealtypus. Er ist eine Herrschaftsalternative, die bürgerlichen zivilen und militärischen Eliten als brauchbar und geeignet erscheint, wenn sie – erstens – ihre Macht dadurch besser gesichert sehen als mit den bisher praktizierten herkömmlichen Mitteln und Methoden oder – zweitens – ihre Pläne für die Zukunft auf diese Weise zu verwirklichen hoffen. Beides war der »Fall«
    des 30. Januar 1933.

    10.
    Die Installierung des Faschismus in die Staatsmacht ist für die herrschenden Kreise einer bürgerlichen Gesellschaft, Bankiers, Industrielle, große Landbesitzer, Militärs u.a., nicht ohne Risiko. Das ist ein doppeltes. Das momentane besteht darin, daß der Widerstand starker demokratischer und sozialistischer Kräfte gegen diesen Wandel statt der gewollten Machtstabilisierung deren Erschütterung bewirken kann. Und das chronische ergibt sich aus der Tatsache, daß die neue faschistische Staatselite, wenn sie verbraucht ist und versagt, weniger leicht verabschiedet werden kann, als das mit einer Politikergruppe in parlamentarischen Zuständen möglich ist. Die konzentrierte diktatorische Gewalt derer, die am Staatsruder stehen, kann dann gegen die Installateure und Profiteure dieser Macht schlagen. Die kommen in die Situation des Zauberlehrlings, der die Geister nicht mehr bannen kann, die er rief. Ein Teil der deutschen Herrschaftselite erfuhr das am 20. Juli 1944. Auch diese Erfahrung hat beigetragen, andere Herrschaftssicherungen zu bevorzugen als die faschistische, zumal sich dafür geeignete Instrumente haben finden lassen.

    11.
    Die Faschismusdefinition des Jahres 1933 hat Autoren, die namentlich nicht bekannt sind. Georgi Dimitroff, der sich Ende 1933 in Leipzig in der Gewalt der Faschisten befand, gehört nicht dazu. Er hat indessen durch seine Rede auf dem VII. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale zwei Jahre später, als die Definition in seinem Bericht zitiert wurde, zu deren Autorität und Verbreitung beigetragen. So ist die Bezeichnung Dimitroff-Definition (abwertend: Dimitroff-Formel) zustande gekommen. Wer sich in dieser Rede und anderen, die 1935 auf dem denkwürdigen Kongreß gehalten wurden, namentlich in der von Palmiro Togliatti, informiert, erkennt leicht, daß die Reduzierung der
    marxistischen Beurteilung des Faschismus auf diese Definition im Mindestfall unzulässig ist oder eine absichtliche Verfälschung darstellt.

    12.
    Die Definition von 1933 ist, wie alle vergleichbaren, ein Kind ihrer Zeit. Ihr sind die deutschen Erfahrungen des zu Ende gehenden Jahres 1933 abzulesen. Die Charakterisierung des Faschismus an der Macht als offene terroristische Diktatur bezog sich sowohl auf das errichtete System der Konzentrationslager als auch auf die Rolle der Gerichte, die sich mit Todesurteilen und – das Reichsgericht mit dem Prozeß gegen Dimitroff und Genossen – als Instrumente des Terrors erwiesen hatten. Opfer dieser Methode der öffentlichen Gewaltanwendung waren früh auch deutsche Juden geworden. Daß sich das Regime später zeitweilig gesittetere Formen der Anwendung der Staatsgewalt aufzuschminken suchte, hat nichts daran geändert, daß es nie auf die groben, durch kein Gesetz begrenzten Methoden der Niederhaltung von Gegnern verzichtet hat. Im Kriege hat dieser Terror Formen und ein Ausmaß angenommen, die alle geschichtlichen Vorbilder weit übertrafen.

    13.
    Die Definition des Jahres 1933 war zugleich dazu bestimmt, sich von anderen Faschismusdeutungen und -analysen abzugrenzen, namentlich von jener, die in dieser Staatsgewalt ein Instrument kleinbürgerlicher Kreise zu erkennen glaubte. Im Widerspruch dagegen wurde konstatiert, daß diese Macht im Interesse der am meisten chauvinistischen und imperialistischen Kräfte des Finanzkapitals, also von Großbanken und industriellen Konzernen, wirke. Diese Feststellung drückte sich in der Zufriedenheit aus, welche diese wirtschaftsmächtigen Kreise mit der neuen Diktatur kundtaten, was sich in ihrem eigenen Beitrag zu deren Befestigung zeigte und auch personell in der direkten Beteiligung einschlägig geprägter Personen der Wirtschaftselite an der Staatslenkung. Diese Kreise haben von der Vernichtung der politischen wie der gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung profitiertund dann von der Hochrüstung. Die Charakteristik des Faschismus an der Macht war mithin auch eine Warnung, die Expansion und die Gefahr eines Krieges signalisierte.

    14.
    Die materialistisch fundierte und sich an der marxistischen Theorie orientierende Analyse des Faschismus wird mitunter abwertend als »Agententheorie« bezeichnet. Es wird behauptet, mit ihr würden die Faschistenführer als »bloße Agenten« des Kapitals oder in der Rolle von Hampelmännern der Geschichte dargestellt, ein Bild, das jedem Kind geläufig ist und besagen soll, es werde das Verhältnis von ökonomisch Herrschenden und politisch Agierenden primitiv mechanisch dargestellt.
    Wie in der marxistischen Gesellschaftstheorie insgesamt dem Überbau eine aktive, relativ selbständige, auf die Basis zurückwirkende Rolle zuerkannt wird, so auch der faschistischen Staatsmacht. Die faschistischen Führer an der Staatsspitze tanzen nicht nach der Pfeife irgendwelcher Kapitalistenvereinigungen. Sie treffen am Staatsruder in Fragen der Innen- wie der Außenpolitik eigene Entscheidungen, doch bewegten sich diese unbezweifelbar im wesentlichen, solange sie Erfolg hatten, im Bereich von Kapitalinteressen. Als sie militärisch geschlagen abtreten mußten, war in der deutschen Gesellschaft nach wie vor oben, was 1933 oben gewesen war. Die an der Spitze der gesellschaftlichen Pyramide hatten ihr Eigentum im Ganzen erhalten, und manche hatten es gemehrt, die kleinen Leute waren zu Millionen um dieses Eigentum gebracht.

    15.
    Jene Kritik an der Definition des Jahres 1933, die auf das »Fehlen« der Rolle der Rassenideologie und auf die der Massengefolgschaft – das sind zwei Haupteinwände – verweist, ist unhistorisch und im Hinblick auf das Verdienst der Autoren ungerecht. Denn Ende 1933 war nicht abzusehen, daß die Massengefolgschaft, die das Regime im ersten Jahr der Diktatur gewonnen hatte, stabil bleiben werde.
    Es wurde geglaubt, daß innere, namentlich wirtschaftliche Krisen eine neue Situation schaffen und diese Herrschaft erschüttern würden. Und Ende 1933, als die antisemitische Aktivität der Machthaber zu einem zeitweiligen und irritierenden Stillstand gebracht wurde, um deren negative ökonomische Folgen zu begrenzen, war nicht entfernt zu erkennen, daß dieser Weg über Pogrome nach Auschwitz führen werde. Die Kritik, daß diese Kennzeichen in die Definition nicht eingingen, kann nur Spätere treffen, also namentlich die marxistischen Historiker, die nach Faschismus und Krieg forschten. Doch trifft sie in der Sache nicht zu. Die marxistischen Analysen waren über den Wissensstand des Jahres 1935 hinausgelangt. Doch hatten die Fortsetzer keinen Grund gesehen, aufzugeben, was an Erkenntnissen sich als richtig erwiesen hatte. Daß die Definition unangetastet blieb, war weniger ihrer Dogmatisierung geschuldet als Bedenken, daß sie durch Zusätze überladen und darüber der Kern der Aussage unscharf werden würde. Darüber läßt sich streiten.

    16.
    Die faschistischen Regime, die in den zwanziger bis vierziger Jahren in Europa entstanden, gleichen nicht wie ein Ei dem anderen. Sie haben viele Gesichter und unterscheidbare Prägungen, weshalb zwischen ihnen auch sprachlich differenziert wird. Begriffe wie Hitler-, Nazi-, Mussolini-, Monarcho-, Klerikalfaschismus werden in der Literatur benutzt. Jeder dieser Faschismen, ob als politische Bewegung, Ideologie und Staatsmacht, besitzt seine Besonderheiten von Land zu Land. Die wurden zum einen durch die Wege voraufgegangener, Traditionen stiftender nationaler Geschichte geprägt, zum anderen durch die konkreten Bedingungen, unter denen die Faschisten an die Staatsmacht gelangten, davon vor allem, ob ihr Sieg über Feinde und Rivalen vollständig war oder ob sie ihren Erfolg nur gemeinsam mit nahen Verwandten errangen und die gewonnene Macht mit diesen bis zueinem gewissen Grade teilen mußten. Diese Wege an die Macht differierten sehr, so der, den die Nazis in Deutschland gingen, von dem der Franco-Faschisten in Spanien, die nur mit deutsch-italienischer militärischer Hilfe an das Staatsruder gelangen konnten, und dieser wieder von dem der Klerikalfaschisten im Ustascha-Staat Kroatien, der nach der Zerschlagung Jugoslawiens von deutschen Gnaden geschaffen wurde. Das Kräfteverhältnis der herrschenden Kräfte in diesen Staaten – Bourgeoisie, Grundbesitzer, Militärs, Kirchenobrigkeit – war unterschiedlich und trug ebenso bei, daß die faschistischen Staatsgebilde ihr besonderes Gesicht erhielten. Das konnte zusätzlich durch Vorlieben und selbst durch Marotten der jeweiligen Führer mitbestimmt werden. Daher ist es abwegig, die »Dimitroff-Formel« mit dem Verweis abtun zu wollen, sie »passe« auf diese oder jene Ausformung des Faschismus nicht. Militant, chauvinistisch, expansiv, kriegerisch waren alle diese Regime. Wie im deutschen Nazistaat die Devise von Großdeutschland ausgegeben wurde, so die – und das schon vorher – vom Mittelmeer als dem mare italiano (mare nostrum) durch die Faschisten in Rom, die von Großungarn in Budapest, von Großrumänien in Bukarest. Nur waren die Voraussetzungen von der Bevölkerungszahl bis zum technisch-industriellen Niveau sehr verschieden, diese Ziele zu verfolgen und zu erreichen.

    17.
    Der deutsche Faschismus an der Macht war der Initiator einer Judenverfolgung, die über die Vertreibung von Hunderttausenden deutschen Juden aus ihrem Vaterland bis zur Vernichtung aller ergreifbaren Juden im deutsch beherrschten Europa reichte. Dieses gemeinhin »Holocaust« genannte Verbrechen wird zum Kern der Politik der deutschen Faschisten erklärt, und da Faschisten anderer Länder an ihm beteiligt, aber nicht dessen Planer und Organisatoren waren, wird sodann der »Nationalsozialismus« als eine ganz eigene politische Herrschaft bezeichnet und seine Charakterisierung als Faschismus geradezu als eine Verharmlosung gesehen. So furchtbar, unvorstellbar, einzigartig in aller bisherigen Weltgeschichte der Massenmord an den Juden war, den die deutschen Faschisten inszenierten und nahe an ihr Ziel führten – die Achse des Regimes und sein Endziel bildete nicht er, sondern die durch Kriege und Eroberung erstrebte weltbeherrschende Stellung des deutschen Imperialismus. Es blieb von 1933 bis Auschwitz dafür gesorgt, daß Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden sich diesem Hauptinteresse zuordnete und dessen Rahmen nie sprengte.

    18.
    Wie verschieden diese faschistischen Staaten sich auf den ersten Blick auch ausnahmen, ihre Gemeinsamkeiten überwogen: ihr diktatorischer Charakter und die Anwendung terroristischer Methoden gegen alle ihre wirklichen oder vermeintlichen Feinde, ihre Versuche, sich durch Terror, Demagogie und Erfolgsbestechung in der Bevölkerung eine stabile Basis zu schaffen, ihre antiaufklärerische Propaganda zum Zwecke der Verdummung und Beherrschung der Massen, ihre Verbreitung von Bildern von Feinden im Innern und jenseits der Grenzen zum Zweck der Militarisierung von Massen und zur Weckung eines kriegerischen Expansionsdrangs. Zu den Gemeinsamkeiten der faschistischen Regime gehörte – last but not least – auch ihr absolut wahrheitswidriges Verhältnis zur Geschichte der eigenen Nation, die Verweigerung jeder nach innen gerichteten kritischen Geschichtsbetrachtung und die Heroisierung der Vergangenheit, als deren Ziel- und Höhe- und Schlußpunkt sich die Faschisten ansahen.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2010

  • Mehr als ein Definitionsstreit

    Mehr als ein Definitionsstreit

    Mehr als ein Definitionsstreit

    Die Diskussion darum, was unter dem Begriff Faschismus verstanden wird ist mehr als eine abstrakte Diskussion im Elfenbeinturm, sondern vielmehr entscheidend dafür, wie er an der Wurzel bekämpft werden kann und somit ausschlaggebend für die Praxis antifaschistischer Kämpfe. In diesem Text ordnet der marxistische Historiker Kurt Pätzold die sogenannte „Dimitroff-Definition“ in ihren historischen Kontext ein, erklärt Stück für Stück ihre Bedeutung und diskutiert Kritik, die ihr oft entgegengebracht wird.

    Vor 75 Jahren charakterisierte die Kommunistische Internationale den Faschismus an der Macht

    Redaktionelle Vorbemerkung: Der Autor unseres Beitrags erhielt am 21.August 1992 von der Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin, Frau Professor Dr. Marlis Dürkop, ein Schreiben, in dem sein Arbeitsverhältnis gekündigt wurde, in dem sich zu dessen Begründung u. a. der Satz findet: »Noch in den 70er Jahren gehen Sie in Ihren Arbeiten zum Faschismus ganz dogmatisch von der Faschismusformel der Kommunistischen Internationale vom Dezember 1933 aus …«. (jW)

    Heute wird der Faschismusbegriff in der Geschichtswissenschaft kaum noch für geeignet gehalten, die jeweiligen Besonderheiten faschistischer Systeme und des Nationalsozialismus angemessen zu erfassen.« Derlei Unsinn liefert das Internet 2008. Der Begriff Faschismus zielte, seit er über den »italienischen Fall« hinaus Eingang in die Sprache von Politik und Gesellschaftswissenschaften fand, nie auf die Besonderheiten der neuartigen, nach dem Ersten Weltkrieg in mehreren europäischen Staaten entstandenen Bewegungen. Er abstrahierte gerade von deren Unterschieden und suchte das Gemeinsame, Charakteristische zu erfassen, das Wesen dieser Erscheinungen.

    Daß der Begriff Faschismus heute in der Bundesrepublik in geschichtlichen Unterweisungen an Schulen und Hochschulen mit Bezug auf deutsche Zustände kaum benutzt wird, kommt einer stillschweigenden Leugnung solcher charakteristischen Gemeinsamkeiten gleich und besitzt seine Ursachen. Bevor davon zu reden ist, sei festgestellt, daß die Begriffe Faschismus und Faschisten für die sich »Nationalsozialisten« nennende Gefolgschaft Hitlers in Deutschland bereits vor 1933 geläufig waren, vor allem bei deren linken Gegnern, doch nicht allein dort. Davon überzeugt ein Blick in die Weltbühne Carl von Ossietzkys. Umstrittener als die Verwendung des Begriffs war die Kennzeichnung der Bewegung. Wer bildete sie? Wessen Interessen vertrat sie?

    Moskau, Ende 1933

    Kein Versuch, darauf zu antworten, erfuhr weitere Verbreitung und zugleich vielstimmigeren Widerspruch als die in eine Definition geronnene Charakteristik, die während der XIII. Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale im November/Dezember 1933 gegeben wurde: Der Faschismus an der Macht ist die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals. Sie wird meist Georgi Dimitroff zugeschrieben, auch als Dimitroffsche Definition bezeichnet. In Wahrheit befand sich der bulgarische Kommunist zum Zeitpunkt der Moskauer Tagung in der Hand der deutschen Machthaber. Ihm, weiteren Kommunisten und Marinus van der Lubbe wurde in Leipzig ein Prozeß gemacht, mit dem den Kommunisten die Urheberschaft des Reichstagsbrandes angehängt werden sollte. Wer im Stab der Komintern, anknüpfend an frühere Bestimmungen – unter anderem eine von 1923 stammende Clara Zetkins – diese Kennzeichnung formuliert hat, ist unbekannt. Doch hat Dimitroff, daher mag die erwähnte falsche Zuordnung rühren, sie sich zu eigen gemacht und durch seinen im August 1935 gegebenen Bericht an den VII. Komintern-Weltkongreß, der die Definition enthielt, zu ihrer Popularisierung enorm beigetragen.

    Bevor Werte und Mängel der Definition diskutiert werden sollen, sind ein paar Bemerkungen zu den gegen sie vorgetragenen Einwänden nötig. Manche rühren, wie der eingangs zitierte, aus bloßem Unverständnis dafür her, was die Definition eines Phänomens aus Natur oder Gesellschaft ist und allenfalls leisten kann. Niemand wird auf die Idee kommen, eine Definition der Unterfamilie der Pantherinea (deutsch: Großkatzen) deshalb zu bemängeln, weil sie die Verschiedenartigkeit der Lebensgebiete, der Jagdgewohnheiten oder der Fellfärbung von, sagen wir Leoparden und Tigern, nicht berücksichtigt. Von dieser Art aber ist ein nicht unerheblicher Teil der Kritiken. Sie gehen am Interesse der theoretischen Anstrengung vorbei und ignorieren, daß jede Definition mit wissenschaftlichem Anspruch stets ärmer ist als die Theorie und diese wieder ärmer als die Wirklichkeit. Mit dem Gewinn, der aus der Abstraktion erwächst, geht ein Verlust einher. Daher gilt: Wessen Wissen auf die Definition eines Phänomens reduziert ist, hat von ihm noch nicht viel verstanden. Sie kann im besten Fall einen Zugang zum Verständnis des Ganzen in seiner Vielfalt eröffnen, das erarbeitet werden will, vor allem dadurch, daß der Gedankenweg, der zu solcher Begriffsbestimmung geführt hat, zurückgegangen wird – vom Allgemeinen zum Besonderen und von da zum Einzelnen.

    Andere, nun inhaltliche Einwände gründen darauf, daß zwischen den Aspekten des Begriffs Faschismus nicht unterschieden wird. Er meint in einer Verwendung eine Ideologie, in einer anderen eine politische Bewegung, in der dritten eine Staatsform. Die Komintern-Definition zielte auf den an die (Staats)Macht gelangten Faschismus. Sie hätte anders gelautet, wäre unternommen worden, den Extrakt der faschistischen Ideologie herauszustellen oder die faschistischen Parteien zu kennzeichnen. Den Ideologen und Theoretikern der Komintern war es darum zu tun, in einer weltweiten Bewegung klarzumachen, was von den beiden neuartigen, erkennbar eng verwandten Staatsgebilden, dem 1922 in Italien und dem jüngst in Deutschland entstandenen, zu halten und zu erwarten sei. Formuliert wurden eine Warnung und eine Orientierung für den Kampf.
    Kurzum: Die knappe Kennzeichnung der faschistischen Mächte – weitere dieses Typs zu schaffen, dafür wirkten Bewegungen in mehreren Ländern – erfolgte nicht in akademischer Absicht. Sie war bestimmt, Massen zu mobilisieren und falsche Frontstellungen zu meiden. Dazu mußte sie allgemeinverständlich sein. Ihre äußerste Verkürzung schloß wie in ähnlichen Fällen das Risiko von Mißverständnissen ein und erleichterte zudem absichtliche Mißdeutungen. Diese Zusammenhänge zu berücksichtigen, mag Menschen schwerfallen, die sich einzig in wissenschaftlichen Laboratorien bewegt und nie an politischen Kämpfen teilgenommen haben. Davon gibt es unter den Gesellschaftswissenschaftlern unserer Tage viele.

    Geschichtsferne Einwände

    Zahlreich sind auch Einwände, die im Unhistorischen wurzeln. Die Erfahrungen, die Ende 1933 mit den faschistischen Staaten vorlagen, sind minimal, verglichen mit jenen, die zwölf Jahre später angehäuft waren. Das gilt nicht nur für Antisemitismus und Judenhaß. Es betrifft ebenso die Herrschaftspraktiken der Machthaber in Rom und Berlin, und insbesondere die Methoden, mit denen die Regime ihre Massenbasis zu sichern wußten. Deren Beurteilung geschah 1933 unter dem Eindruck der Konzentrationslager, in denen gepeinigt, gefoltert und gemordet wurde, und einer sich radikalisierenden politischen Justiz.

    Eine andere unhistorische Kritik sieht davon ab, daß die Autoren der Definition mit ihr in Konkurrenz zu anderen Bestimmungen des Faschismus traten, von denen sie sich abzugrenzen wünschten. Das geschah insbesondere gegenüber jener Fehldeutung, die zwischen dem Gefolge der Faschistenführer, vorwiegend Angehörige der Mittelschichten, und dem Wesen der etablierten Macht nicht zu unterscheiden vermochte und sie als Herrschaft des Kleinbürgertums ansah. Eine bis heute anzutreffende andere Deutung reduzierte den Faschismus gar auf die »Herrschaft der Primitiven«.
    Die Kennzeichnung des Faschismus als Diktatur des Finanzkapitals, der ökonomisch mächtigsten und daher einflußreichsten Kräfte des Industrie- und Bankkapitals, diente vor allem der Entlarvung der Faschistenführer, die in Deutschland und Italien mit dem Versprechen auftraten, eine ganz neue gesellschaftliche und staatliche Ordnung errichten zu wollen, in der es keine Klassenkämpfe geben und alle Glieder der Nation einträchtig zusammenleben würden, so daß alte Größe wiedergewonnen und zu neuer aufgestiegen werden könne. Dieser Kern der Charakteristik richtete sich gegen die These von der »nationalsozialistischen Revolution« und zielte auf die Bloßlegung des Verhältnisses der Politiker um Hitler und Mussolini zum großen Kapital, da wie dort eines der am besten gehüteten Geheimnisse.

    Damit war auch gesagt, daß die Machthaber nicht die Interessen aller Bourgeois gleichermaßen verfechten würden. Die Einschränkung – die reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente – drückte zudem aus, daß nicht alle Personen und Gruppen des Finanzkapitals die neue Staatsmacht unter dem Hakenkreuz favorisiert und beigetragen hatten, sie zu installieren. Führungsgruppen von Großkonzernen, wie beispielsweise die an der Spitze des Jenaer Zeiss-Unternehmens, die auch unter Krisenbedingungen wirtschaftsfriedlich mit Betriebsräten und Gewerkschaftsführern zusammenarbeiteten und dabei ihre Interessen durchzusetzen vermochten, hatten keinen Antrieb, sich auf die Seite der faschistischen Gegner der Republik zu schlagen.

    Erwiesenes und Prognostiziertes

    Reaktionärste – das hieß, es waren jene Kreise zu entscheidendem Einfluß gelangt, die mit der revolutionären wie der reformistischen Arbeiterbewegung ein für allemal abrechnen und ebenso gründlich die bürgerlich-demokratischen Zustände beseitigen wollten. Wer die Entwicklung von elf Monaten Nazidiktatur vor Augen hatte, konnte dies nicht in Zweifel ziehen. Doch war dieser innenpolitische Feldzug keine Parteipolitik auf nur eigene Rechnung, kein Toben der Rache für erlittene Niederlagen während der Kämpfe in der Republik. Jeder Schritt gegen die Arbeiterparteien und die Gewerkschaften, ausgegeben als Weg zur Volksgemeinschaft, wurde von Führungskreisen des Kapitals gebilligt, mitunter auch mit Beifall bedacht, entsprach er doch lang gehegten Wünschen, die unbeseitigten Folgen der Novemberrevolution zu liquidieren. Weit über die Zirkel des Kapitals hinaus, die den Weg zum 30. Januar bewußt ebnen halfen, schlossen sich die wirtschaftlichen Interessenorganisationen der Bourgeoisie nach der Wende um das sich etablierende Regime zusammen. Das Experiment, auf Initiative einer Minderheit einmal riskiert, sollte unter keinen Umständen scheitern. Man stellte sich, so die offiziellen Erklärungen, dienend »hinter die nationale Regierung«.

    Extrem chauvinistisch – das besagte, es würde die Außenpolitik der an die Macht gelangten Faschistenführer sich in keinen anderen Bahnen vollziehen als in jenen, die in Verlautbarungen zuvor bezeichnet waren. Das ergab sich aus den weitgehend identischen Vorstellungen von künftiger deutscher Politik, die im faschistischen Führungszentrum ebenso wie in maßgeblichen Kapitalkreisen gepflegt wurden. Weder die einen noch die anderen hatten je die Ergebnisse des Weltkriegs akzeptiert. Sie beabsichtigten, die 1914 verfehlten Ziele in einem zweiten Anlauf zu erreichen. Diese Charakteristik kontrastierte mit im In- und Ausland angestellten Mutmaßungen, ob der Hitler in der Wilhelmstraße noch der Hitler von »Mein Kampf« sei. Wer Selbstberuhigung suchte, verließ sich auf die wohlfeilen Beteuerungen des Friedenswillens, mit denen der »Führer« vom Tage an, da er Reichskanzler war, nicht sparte. Die sich davon einlullen ließen, wurden fünf Jahre später wach, als die faschistischen Chauvinisten zuerst gegen die Tschechen, dann gegen die Polen hetzten, von denen behauptet wurde, sie wollten die in ihren Grenzen lebenden Deutschen ausrotten.

    Aufs äußerste imperialistisch – diese Kennzeichnung heute noch zu diskutieren, heißt Eulen nach Athen tragen. Italiens Eroberung des souveränen Kaiserreiches Abessinien 1935, die Liquidierung Albaniens 1939 und der Angriff auf Griechenland 1940 illustrierten und bestätigten sie ebenso wie – deutscherseits – die Tilgung Österreichs und der Tschechoslowakei von Europas Staatenkarte 1938/1939, sodann die Eroberungen im Zweiten Weltkrieg und die sich mit dem einem »Endsieg« verbindenden Vorhaben, formuliert u.a. im Generalplan Ost, und nicht anders die Absicht, die Hand auf die Ölquellen des Nahen und Mittleren Ostens zu legen.

    Der seit 1939 beschrittene Weg, so weit er jener der deutschen Eroberer ist, wird heute indessen nicht der von Imperialisten genannt, sondern meist als Hitlers Vernichtungskrieg bezeichnet, als hätte das Ziel einzig im Ausrotten und Zerstören bestanden und nicht in Landraub, Rohstoffquellen, Auspowerung versklavter Einwohner, als wären Kriegszüge und -ziele allein Ausgeburten des Größenwahns eines Mannes gewesen. Das waren sie auch, aber eben nur zu einem für sich genommen zu vernachlässigenden Teil. In Wahrheit vollzog sich unter Hitlers Führung die Wiederaufnahme, Fortsetzung, Umprägung und Erweiterung traditioneller Pläne, die in Machteliten des Reiches nach dessen Gründung 1871 sukzessive formuliert und gehegt worden waren und schon in den Ersten Weltkrieg geführt hatten.

    Es gehört ein beträchtliches Quantum an Vorurteilen dazu, den Bestimmungen des Faschismus an der Macht aus dem Jahre 1933 Erkenntnis- und Wahrheitswert abzusprechen, sie als dogmatische Formel oder als »reduktionistisch« abzutun. Dennoch lassen sich derlei Etikettierungen massenhaft antreffen, argumentierende Einwände hingegen sind rar. Diese Art von »Auseinandersetzung« ist in ihrem Vorfeld inzwischen schon dadurch erleichtert, daß Begriffe wie »reaktionär« und »imperialistisch«, die nicht dadurch gegenstandslos geworden sind, daß sie in Wissenschaft und – mehr noch – Politik mitunter inflationär und beliebig gebraucht worden waren, nahezu ganz aus dem gesellschaftswissenschaftlichen und publizistischen Verkehr entfernt sind. Das geschah, ohne daß je dargetan worden wäre, welcher Wandel diesen Verzicht rechtfertigen könnte. So scheinen die Imperialisten irgendwo im 20. Jahrhundert an einer historischen Weggabelung, die weit hinter uns liegt, sich verhockt zu haben …

    Der Platz des Terrors

    Terroristische Diktatur – diese Hervorhebung entstand, wie erwähnt, unter dem unmittelbaren Eindruck der bestialischen Gewaltmethoden, die zum Zwecke raschester Etablierung der Nazimacht angewendet wurden. Kein Zeitgenosse, dem die Existenz der Konzentrationslager entgangen sein konnte, war davon 1933 doch in Zeitungsberichten zu erfahren. Kaum jemand, der die Drohung und Anwendung von Gewalt gegen Juden nicht bemerkt haben konnte. Niemand, der die Flucht von Verfolgten und Drangsalierten, darunter viele jüdische Angehörige der Intelligenz, ins Ausland nicht wahrgenommen hatte. Doch blieb ungehemmter und zur Schau gestellter Terror nicht der Alltag des Faschismus. Die Machthaber hatten sich nicht, wie angenommen wurde, permanent mit Widerständen auseinanderzusetzen und darauf mit gesteigerten Maßnahmen brutaler Unterdrückung zu antworten.

    Die Entwicklung verlief anders. Sie ermöglichte dem Regime, sich ein gesittetes Äußeres aufzuschminken und das weniger mit Rücksicht auf das Inland denn auf den Ansehensverlust, den die Enthüllung der Bestialitäten im Ausland verursacht hatten. Etwa zur Zeit des Weltkongresses 1933 verkündete Göring als preußischer Innenminister eine sogenannte Weihnachtsamnestie. Häftlinge aus Konzentrationslagern kamen mit der Auflage der totalen Unterordnung frei. Die Propaganda der Nazis präsentierte Deutschland als friedliches Land, bevölkert von in Eintrachtlebenden, strebsamen Menschen. Diesen idyllischen Bildern wurden solche von blutig verlaufenden Konflikten jenseits der Grenzen, etwa den innenpolitischen Kämpfen in Österreich im Februar 1934, gegenübergestellt.

    Die größte Wirkung vermochte diese Reklame 1936 während der Olympia-Wochen zu erzielen. Keine Rede also von permanentem, öffentlich geübtem und erfahrbarem Terror. Dessen Hauptinstrument, die Konzentrationslager, wurden in der Wahrnehmung der Mehrheit der Deutschen wie des Auslands zu einer Randerscheinung, und was in ihren geschah, blieb weithin verborgen. In aller Öffentlichkeit und ungehemmt wurde der außerjustitielle Terror erst in der Endphase des Regimes wieder angewendet. Da kam es zu demonstrativen Hinrichtungen von Soldaten und Zivilisten, die den Krieg nicht länger mehr mitmachen wollten, zu den heute »Verbrechen der Endphase« genannten Untaten. Täter knüpften daran Hoffnungen, glimpflich davonzukommen, und es tobten sich mörderisch Rasende aus, die das eigene Ende nahe und unvermeidlich auf sich zukommen sahen.

    Die Formulierung von der terroristischen Diktatur bezeichnet in der kommunistischen Ideologie und Theorie jener Jahre zugleich einen gedanklichen Fortschritt. Sie differenziert zwischen den kapitalistischen Staatsformen, und diese Unterscheidung eröffnete einen Gedankenweg zur Neubewertung von bürgerlich-demokratischen, repressiven, aber nicht terroristischen Herrschaftspraktiken. Hier kündigte sich, denkt man an das Verhältnis der deutschen Kommunisten zur Republik von Weimar, das sich etwa in Devisen wie »Republik, das ist nicht viel, Sozialismus ist das Ziel« oder auch in Wendungen wie »Schwarz-Rot-Mostrich« für die Farben der Republik ausgedrückt hatten, eine Neubewertung an.

    Einwände, die sich gegen diesen Teil der Faschismus-Definition richten, treffen nicht die Aussage, sondern das Unberücksichtigte. Das Fehlen jeder Erwähnung der mit dem Terror einhergehenden, sich auf ihn gründenden und mit ihm kombinierten Methoden der Herrschaftssicherung, also die permanente Machtstabilisierung durch die Instrumente der Propaganda und durch Erfolgsbestechung, die von innenpolitischen Veränderungen ebenso ausging wie von den Geschehnissen auf dem Wege zu »Großdeutschland«. In diesem Punkte geht es nicht um eine Korrektur, sondern um eine Ergänzung. Sie betrifft die Autoren des Jahres 1933 nicht, denn weder der italienische noch der deutsche Faschismus hatten zu diesem Zeitpunkt Tatsachen geschaffen, die den Regimen jene Massen von Anhängern schufen, die sie seit der Mitte der dreißiger Jahre zu formieren verstanden und auf die gestützt sie in den Krieg zogen.

    Die Erfahrungsmasse, die 1945 vorlag, hätte keinen Widerruf, wohl aber eine Überprüfung und Ergänzung der definitorischen Kennzeichnung des Faschismus an der Macht erfordert, die vor allem die Massengefolgschaft, den Platz und die Rolle der Ideologie, insbesondere von Rassismus und Antisemitismus, die Genozide an Juden, Sinti und Roma und die Massenmorde während des Krieges aufzunehmen hatten. Die materialistische Faschismusforschung war, wovon viele ihrer Publikationen zeugen, gleichsam über diese Definition hinausgelangt, ohne daß dies unter den Spezialisten in der DDR zu einer weiterführenden Bestimmung geführt hätte. Das wurde auch der kritischen Bewahrung dessen, was 1933 geleistet worden war, abträglich.

    Kurt Pätzold
    Veröffentlicht 2008

  • Politische Militanz gestern und heute

    Politische Militanz gestern und heute

    Politische Militanz gestern und heute

    Interview zu Perspektiven militanter politischer Praxis und ihrem Verhältnis zur revolutionären Organisierung aus der Broschüre „protest. widerstand. perspektive.“ gegen den G8-Gipfel aus dem Frühjahr 2007

    Glaubt man einigen Medien handelt es sich bei militanten Demonstranten in der Regel um betrunkene Chaoten oder gewalttätige Jugendliche, die die politischen Aktionen lediglich nutzen, um dort zu randalieren. Ihr werdet euch vermutlich zu keiner dieser beiden Gruppen zählen; stellt euch doch zunächst einmal vor und erzählt etwas über euch.

    Laura: Ich war zunächst einige Jahre in einer sozialistischen Jugendgruppe organisiert. Durch Erfahrungen auf diversen Demonstrationen – wie Angriffe durch die Polizei, willkürliche Festnahmen bis hin zu Verfahren und Verurteilungen gegen eine Genossin wegen erlogener Aussagen von Polizisten – hat sich im Lauf der Zeit natürlich einiges an Wut angestaut. Aus meiner eher ablehnenden Haltung gegen Leute, die auch militant agieren, hat sich zunehmend eine Sympathie für solche Aktionsformen entwickelt. Es war aber dennoch nie eine reine Gefühlssache, sondern hatte auch mit der Beschäftigung mit den verschiedenen Arten politischer Praxis zu tun – zuerst witzigerweise als Referat, das ich in der Gruppe in der ich organisiert war halten und das sich ursprünglich gegen Militanz aussprechen sollte.
    Als ich dann selbst an verschiedenen militanten Aktionen unter anderem bei Demonstrationen teilgenommen habe, war das wie eine kleine Befreiung: Das Ohnmachtsgefühl, das man auf so vielen Demos erlebt und ja auch erleben soll, wenn es nach den Cops geht, die Langeweile und empfundene Perspektivlosigkeit der immer gleichen Aktionsformen, war auf einmal durchbrochen. Die politische Praxis wurde nicht mehr einfach verschwiegen oder ging als eine Meldung unter Tausenden in den Zeitungen unter, sondern wurde öffentlich wahrgenommen. Es wurde offensichtlich, dass wir durchaus gegen den Repressionsapparat etwas erreichen können, wenn wir uns gut vorbereiten und bereit sind, etwas zu riskieren.
    Diese Erfahrungen – beziehungsweise die eigene Praxis – haben wiederum dazu geführt, dass ich mich inhaltlich in eine etwas andere Richtung orientiert habe. Die Perspektivlosigkeit des Opportunismus meiner ehemaligen Gruppe wurde mir immer mehr bewusst und ich bin mit einigen Genossinnen und Genossen momentan dabei, eine kommunistische Organisation auf die Beine zu stellen.

    Andreas: Ich komme aus der Antifa-Bewegung, habe mich aber als Student auch an Organisierungen an der Uni beteiligt und bin auch gewerkschaftlich aktiv. Seit meiner frühen Jugend habe ich an diversen Mobilisierungen gegen Nazis teilgenommen und mich später zeitweise in einer Antifa-Gruppe organisiert. Zumindest bei mir war es so, ich denke das lässt sich durchaus verallgemeinern, dass über das Erleben der Situationen bei Nazi-Aufmärschen, wie das Agieren der Polizei dort, zwangsläufig einige Fragen aufkommen: Wie können wir dem Vormarsch der Faschisten wirklich etwas entgegensetzen, reicht es, wenn wir uns auf die Straße setzen, sollen wir nur Flugblätter verteilen oder ist eigentlich wesentlich mehr nötig? Welches Verhältnis hat eigentlich der bürgerliche Staat zu den Nazis?
    Die Beschäftigung damit hatte bei mir und meinen Genossinnen und Genossen glücklicherweise immer eine praktische und eine theoretische Dimension: Wir haben an vielen Mobilisierungen teilgenommen und dort sehr viele Erfahrungen sammeln können. Wir hatten also nie ein rein theoretisches Verhältnis zu politischen Mobilisierungen, sondern haben viele verschiedene Situationen erlebt und unzählige Diskussionen vor Ort geführt. Andererseits waren wir aber nie nur aktionistisch, sondern haben uns möglichst gut auf die Aktivitäten vorbereitet und sie anschließend nachbereitet. Dazu kamen auch Diskussionen über längerfristige Perspektiven, zunächst im Kampf gegen die Nazis, später dann zwangsläufig auch zu Perspektiven, die über die jetzigen kapitalistischen Verhältnisse hinausweisen.
    Wir haben relativ schnell die Auffassung vertreten, dass ein wichtiger Teil, wenn auch längst nicht der einzige, im Kampf gegen die Nazis auch die gezielte Militanz ist und denken, dass dies in der konkreten Praxis auch immer wieder bestätigt wurde – dies ist ja eigentlich auch keine wirklich neue Erkenntnis. Unsere Erfahrungen in diesem Bereich und unsere weiteren Diskussionen haben dann dazu geführt, dass wir uns auch an militanten Protesten wie zum Beispiel 2000 gegen das IWF- und Weltbanktreffen in Prag beteiligt haben. Die erfolgreiche Mobilisierung damals hat dazu geführt, dass die Vertreter der beiden Institutionen, die weltweit für massivste Ausbeutung, Hunger, Umweltzerstörungen und Armut von Millionen von Menschen mitverantwortlich sind, ihr Treffen abgebrochen haben. Die militanten Proteste, die trotz der starken Polizeirepression stattgefunden haben, trugen einen erheblichen Anteil dazu bei.

    Wie schätzt ihr die Geschichte der militanten Linken in der jüngeren Geschichte ein und wie ist euer Verhältnis zu den verschiedenen Organisationen und Bewegungen, die vor euch aktiv waren?

    Laura: Ok, ich werde mich mal an einem Blick in die Geschichte der militanten Linken in der BRD seit den sechziger Jahren versuchen. Ein wichtiger Bezugspunkt dabei – und bis heute wohl die bekannteste kämpfende Organisierung in der BRD – ist die RAF. Es ist hier momentan für die meisten kaum vorstellbar, dass es bei militanten Aktionen konkret darum gehen kann die Machtfrage zu stellen. Ein direkter Kampf gegen die herrschende Klasse und ihren Staat mit der unmittelbaren Perspektive einer befreiten Gesellschaftsordnung scheint unmöglich zu sein. Wir sind hier momentan tatsächlich auch in einer völlig anderen Situation als zum Beispiel in Indien, Kolumbien oder bis vor ein paar Monaten auch in Nepal beim Volkskrieg der kommunistischen Guerilla, wo es ja um die konkrete Befreiung von einzelnen Gebieten und den offenen Krieg gegen die Oligarchie geht. Diese Perspektive des Kampfes schien vor wenigen Jahrzehnten auch hier möglich zu sein. Die RAF und die antiimperialistische Linke verstanden sich als Teil der sich in den sechziger und siebziger Jahren, weltweit im Aufbruch befindenden und bis in die achtziger Jahren noch relativ starken revolutionären Bewegungen. Die revolutionären Organisationen waren in vielen Ländern, von Nicaragua über Vietnam bis in den Jemen und Palästina, damals praktisch die stärkste politische Kraft. Sie waren allerdings mit einer Oligarchie konfrontiert, die sich vor allem mit Waffenlieferungen und anderer Unterstützung insbesondere aus den USA und der BRD an der Macht hielt. Wenn die revolutionären Kämpfe dennoch erfolgreich waren, intervenierten die imperialistischen Länder immer wieder direkt militärisch. Von einer revolutionären Situation auszugehen, nicht unbedingt im nationalen Rahmen der BRD, auch wenn die sich hier ebenfalls verschärfende Situation natürlich eine wichtige Rolle gespielt hat, sondern weltweit betrachtet, war in gewisser Hinsicht also nachvollziehbar. Der bewaffnete Kampf gegen diejenigen, die praktisch weltweit an den militärischen Konflikten und damit an barbarischen Massakern und Angriffen auf sämtliche fortschrittlichen Bewegungen beteiligt waren, sich hier aber in ihr „ruhiges Hinterland“ verkrochen, war also als ganzes betrachtet tatsächlich ein breit angelegter und ohnehin militärischer Kampf. Wie groß dessen Erfolgsaussichten auf diese Art und zu dieser Zeit tatsächlich waren ist natürlich schwer zu sagen.
    Es ist nun mal so, dass in sehr vielen Fällen die bewaffnet kämpfenden Guerillas, ebenso wie die anderen fortschrittlichen Organisationen, weltweit besiegt, beziehungsweise zerschlagen wurden. In den Metropolen, „dem Herzen der Bestie“, ist es nicht gelungen, den Widerstand gegen die Politik der dortigen Machthaber stark genug zu entwickeln. Mehr oder weniger offene Diktaturen, miserable Lebensbedingungen und brutale Repression gegen jegliche fortschrittliche Organisierung in großen Teilen der Welt und eine desorganisierte oder isolierte revolutionäre Linke in der BRD und anderen Ländern der kapitalistischen Metropolen gehören mit zu den Folgen der Niederlagen. Neben der RAF und den anderen Antiimperialistischen Zusammenhängen gab es in den letzten Jahrzehnten noch weitere militante Organisierungen wie die Bewegung 2. Juni, die Revolutionären Zellen und die Rote Zora sowie andere militante Strömungen. Es gab dabei sehr unterschiedlichePositionierungen zu politischer Militanz, andere politische Analysen, Bezugspunkte sowie Perspektiven und dementsprechend einen anderen Umgang mit militanten Aktionsformen. Dies lässt sich zumindest zum Teil direkt aus der damaligen Situation heraus erklären. Der zunehmende Wegfall der Befreiungsbewegungen, Stadtumstrukturierungen und Knappheit von Wohnraum, Ausbau der Atomkraft und viele weitere Aspekte haben unterschiedlichste Strömungen und Herangehensweisen an militante Aktionsformen hervorgerufen.

    Andreas: Dazu kann vielleicht noch erwähnt werden, dass ein anderer Teil der Linken, etwa einige der K-Gruppen, bewaffnete Aktionen und teilweise auch jegliche Militanz in der damaligen Situation ablehnten. Für sie hatten sich solche Aktionen danach zu richten, wie weit entwickelt die revolutionäre Organisierung breiter Massen im eigenen Land vorangeschritten ist. Bekanntlich war und ist diese Organisierung nicht gerade weit entwickelt. Ihre Herangehensweise hat die nicht militante und nicht bewaffnet kämpfende Linke allerdings auch nicht davor geschützt, ebenfalls in eine fundamentale Krise zu geraten.

    Was denkt ihr aus der Geschichte gelernt zu haben und wie haben sich eurer Meinung nach bis heute Anspruch und Ziel militanter Aktionen verändert?

    Laura: Eine veränderte Situation, also veränderte Bedingungen in denen revolutionäre Politik stattfindet, erfordert unbedingt auch andere Herangehensweisen und eine andere politische Praxis. Kurz zur Veränderung der Situation in den letzten Jahren: Eine objektiv revolutionäre Situation, das heißt, etwas verkürzt gesagt, eine Situation in der sich die Widersprüche zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten stark und nur durch den Sieg der einen oder der anderen Seite überwindbar zuspitzen, ist heute nicht nur im weltweiten Maßstab betrachtet vorhanden. Sie entwickelt sich zunehmend auch in den kapitalistischen Metropolen, dem bisher noch „ruhigen Hinterland“ des Kapitals.
    Ein Großteil der Symptome, die der Kapitalismus zwangsläufig erzeugt – Kriege, Armut, brutale Ausbeutung –, wurden über Jahrzehnte von hier in Länder der Peripherie „exportiert“. Die große Masse der Leute hier wurde durch die somit erreichten Extraprofite mehr oder weniger gekauft und damit weitgehend stillgehalten. Dass was wir momentan erleben, ist schlicht das spürbare Ende dieser Phase, die makabrerweise als „soziale Marktwirtschaft“ bezeichnet wurde. Dabei spielen eine ganze Reihe von Aspekten eine Rolle. Von der tendenziell sinkenden Profitrate bis hin zum Mangel an gesellschaftlichen Bereichen, die noch zur Kapital-Verwertung freigegeben werden können. Auf all dass kann ich in der Kürze aber wohl nicht weiter eingehen. Das entscheidende ist, dass sich die Situation in den Metropolen weiter zuspitzt: Hartz IV, die Erhöhung des Rentenalters, ständige Kürzungen in allen möglichen Bereichen und die Einführung von Studiengebühren sind nur ein paar der konkreten Beispiele, die diese Entwicklung kennzeichnen.
    Auf diese sich immer schneller verändernde Situation muss auch die revolutionäre Linke die richtigen Antworten finden. Dies betrifft natürlich auch ihr Verhältnis zu politischer Militanz. Weder ein Zurückfallen in die rein antiimperialistische oder subjektivistische Position und den direkten ohne wirklichen Bezug zu größeren Teilen der Bevölkerung vor Ort stattfindenden Kampf, noch ein opportunistisches Abwarten, bis die Massen selbst zum Gewehr oder zum Stein greifen, wären die richtige Antwort. Diese Herangehensweisen sind zu ihrer Zeit gescheitert und es wäre in der jetzigen Situation obendrein praktisch anachronistisch, das revolutionäre Subjekt – den direkten Bezugspunkt für die eigene Praxis – nur in den revolutionären Kräften in anderen Ländern oder bei sich selbst zu suchen, anstatt die Situation der Klasse der Lohnabhängigen hier dafür aufzugreifen. Allerdings lässt sich aus der Kritik an den anderen Positionen und den vielen guten und schlechten Erfahrungen, den Erfolgen und den Niederlagen durchaus sehr viel lernen und entwickeln.

    Andreas: Hier möchte ich noch ergänzen, dass die Geschichte der revolutionären und der militanten Linken, der Stadtguerilla und der verschiedenen anderen Strömungen und Organisierungen natürlich nicht mit Schlagworten wie „rein antiimperialistisch“ und „subjektivistisch“ weggewischt werden kann. Zwar gab es Kritik, wie sie Laura daran formuliert hat, auch mit diesen Schlagworten damals schon, sie umschreiben aber nur eine Tendenz und in einigen Fällen auch nur eine gewissePhase der jeweiligen Organisierungen. Tatsächlich muss, wie wir es ja schon gesagt haben, die damalige Situation als ganzes, das Scheitern praktisch sämtlicher Teile der Linken und die tatsächliche Komplexität der jeweiligen Analysen und Perspektiven immer mitbeachtet werden. Es gibt schließlich sehr viele gute Analysen und Herangehensweisen der damaligen Zeit, an denen wir anknüpfen können.
    Generell ist weder ein kritikloses Abfeiern noch eine destruktive, klugscheißerische oder verkürzte Kritik an den revolutionären Kräften die richtige Herangehensweise. Bei einem Interview zu versuchen, alles in der eigentlich notwendigen Ausführlichkeit darzustellen, würde den Rahmen aber leider sprengen.

    Laura: OK, dann also weiter mit der Bedeutung militanter Aktionsformen in der heutigen Situation. Es ist es zunächst sehr wichtig zu begreifen, dass militante Aktionsformen immer einen sehr unterschiedlichen Charakter haben können – lediglich weil sie generell illegal sind, darf nicht der Fehler gemacht werden, sie über einen Kamm zu scheren. So ist es natürlich richtig, dass wir, wie ich es am Anfang schon gesagt habe, uns momentan nicht in einem direkten Machtkampf befinden. Die militante Praxis hat also, heute hier in der BRD, nicht den Zweck direkt einen Umsturz herbeizuführen beziehungsweise als Teil eines breiten und akuten Kampfes oder Volkskrieges militärische Siege zu erlangen. Da „das Reaktionäre nicht umfällt, wenn es nicht zu Boden gestürzt wird“, die herrschende Klasse ihre Macht nicht ohne weiteres aus den Händen gibt, muss diese Perspektive immer ein wichtiger Punkt im Organisierungsprozess einer revolutionären Linken sein. Es gab in der Geschichte schon mehr als genug Beispiele dafür, dass die Revolutionären schlicht abgeschlachtet wurden, teilweise weil sie den viel besser bewaffneten Söldnern der Herrschenden ausgeliefert waren, teilweise weil sie auf den direkten Kampf nicht ausreichend vorbereitet waren oder falsche Konzeptionen verfolgten. Ob man bis zu den Bauernkriegen zurückgehen will, die Kämpfe in Deutschland zum Beispiel zur Bayrischen Räterepublik 1919 heranzieht, die Erfahrungen mit dem Faschismus in Spanien, Deutschland oder einem der anderen Länder, in Chile mit dem Militärputsch 1973 oder eines der unzähligen weiteren heran nimmt, die zu ziehenden Konsequenzen sind die selben: Wenn das System der Herrschenden in Gefahr ist, richten sie jederzeit jedes erdenkliche Blutbad an, um sich an der Macht zu halten. Marx hat die Konsequenz für die Kommunistinnen und Kommunisten einst so formuliert: „Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen.“ Und Mao hat es so ausgedrückt: „Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.“ Die quasi endgültigste Form politischer Militanz muss also immer entwickelt und vorbereitet werden, nicht erst wenn der Zeitpunkt da ist, an dem diese Frage akut wird.
    Eine rein theoretische Annäherung daran hätte aber natürlich keinen Sinn. Wer in den jetzigen Verhältnissen bereit ist, auch mal auf Barrikaden gegen vorrückende Bullen Steine zu werfen oder dem Nazi-Funktionär das Auto in Brand zu setzen, und auf diese Weise Erfahrungen in militanter Praxis sammelt, wird in einer eskalierenden Situation bei direkten militanten beziehungsweise militärischen Konflikten praktisch und auch theoretisch auf diesen Erfahrungen aufbauen können. Das wird in Zukunft unabdingbar sein.
    Die je nach Situation immer variierenden Anforderungen und drohenden Vorgehensweisen der staatlichen Konterrevolution sind bei all dem natürlich mit zu bedenken und passende Strategien mit zu entwickeln. Das wäre vielleicht der erste wichtige Aspekt zur heutigen militanten Praxis. Militanz spielt heute aber natürlich nicht nur als Vorstufe für eine revolutionäre Situation eine Rolle, sondern auch bei der konkreten Politik. Ich werde mal ein paar weitere Aspekte davon benennen, mit einem Schwerpunkt auf der Militanz bei den diversen Gipfeltreffen. Wie ich ganz am Anfang schon erwähnt habe, sind linke Mobilisierungen heute in vielen Fällen nicht gerade motivierend, beziehungsweise tun die Cops recht viel, um uns möglichst wenig Spielräume zu lassen. Ein paar Beispiele, welche Auswirkungen daraus folgen können: Bei der Demo gegen den Weltwirtschaftsgipfel – dem heutigen G8-Gipfel – 1999 in Köln waren zwar mehrere zehntausend Leute auf der Straße, die Stimmung war durch Musik und ähnliches relativ gut. Es fanden aberpraktisch keine wirklichen Aktionen statt, weil die Tagungsstätte des Gipfels abgeschirmt war und die Polizei die Demo durch ein Spalier und ständige Angriffe wegen Kleinigkeiten recht gut unter Kontrolle hatte. Die Demo war also alles andere als ein Auftakt einer starken und motivierten Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung – es gab danach zur Mobilisierung ein paar Texte, ein paar Zeitungsmeldungen und das war’s. Wenig später fand in Seattle die Tagung der WTO statt. Die Proteste wurden dort auch militant geführt und das WTO Treffen stark in seiner Durchführung beeinträchtigt. Dieser Erfolg trug weltweit zur Gründung der so genannten Anti-Globalisierungsbewegung mit ihren vielen sinnvollen Facetten bei. Sicher wäre auch zum Beispiel die Motivation nach den Protesten gegen das IWF- und Weltbanktreffen in Prag 2000 ebenso unvorstellbar gewesen, wenn es dort nicht durch die militanten Aktionen zu einer so unübersehbaren und erfolgreichen Mobilisierung gekommen wäre. Wären diese Mobilisierungen und auch die vielen danach, etwa Quebec, Göteborg, Genua und Evian, nichts weiter gewesen als Demos von A nach B, hätten nicht die einigen hundert oder einigen tausend Militanten dort so viel organisiert und auch riskiert, hätte der Motivation von unzähligen AktivistInnen weltweit eine ihrer wichtigsten Quellen gefehlt.

    Andreas: In diesem Zusammenhang spielt noch ein anderer wichtiger Punkt mit rein. Wer bekommt denn schon mit, was es weltweit an Widerstand gibt, dass niemand, der sich gegen die aktuellen Verhältnisse auflehnt, allein ist, sondern Millionen Menschen weltweit das gleiche tun – teilweise eben auch mit Erfolgen? In den bürgerlichen Medien, die nun mal für die allermeisten hier die einzige Quelle für nahezu sämtliche Information sind, gehen kurze Meldungen über eine Demo hier oder dort nahezu immer unter, wenn sie überhaupt Erwähnung finden. Als aber zum Beispiel in Genua Hunderttausende versuchten die Rote Zone, in der sich die acht mächtigsten Typen der Welt verschanzten, zu stürmen und mit allen Mitteln bereit waren sich stundenlange Schlachten mit der Polizei zu liefern, war das über Wochen überall Thema. Auch ein kleiner Anschlag auf eine Zeitarbeitsfirma hier oder ein Parteibüro dort findet in der Regel Erwähnung und macht deutlich, dass der linke Widerstand nach wie vor existiert. Erst mal überhaupt mitzubekommen, dass es Leute gibt, die so denken und handeln, ist eine der Grundvoraussetzungen dafür, selbst mal die Option linker Organisierung und Aktivitäten wahrzunehmen.
    Dass die bürgerlichen Medien darüber natürlich nicht objektiv berichten, ist klar, dafür müsste oder muss die revolutionäre Linke es schaffen, ihre Publikationen selbst gut zu organisieren und unter die Leute zu bekommen, das ist aber eine andere Geschichte.

    Laura: Ein weiterer Punkt zum Sinn militanter Aktionen wäre noch folgender: Eine der gefährlichsten Waffen der herrschenden Klasse ist die Integration von Teilen des Widerstandes. Der berühmte freiwillige Marsch von Teilen der Achtundsechziger durch, genauer, in die Institutionen des bürgerlichen Staates ist vielleicht eines der bekanntesten Beispiele. Die einst mit radikalen fortschrittlichen Forderungen angetretenen Grünen sind ein noch beschämenderes. Wer denkt, er könnte den Widerstand von der anderen Seite der Barrikade aus am besten unterstützen und daher die Seiten wechselt, wird in der Regel früher oder später selbst ein Teil des Problems. Dies hat sich in der Geschichte schon unzählige Male gezeigt und die Herrschenden haben es schon lange erkannt. Die Angebote an NGOs und Teile des Widerstandes, etwa bei diversen Gipfeltreffen teilzunehmen beziehungsweise dort eine „beratende Funktion“ inne zu haben, sind sicher eine Konsequenz davon. Eine solche Herangehensweise dient dazu, Teile des Widerstandes abzutrennen und in die herrschende Politik zu integrieren – wenn in den meisten Fällen auch nur als belangloses Anhängsel.
    Sie dient auch dazu, die Gipfeltreffen nach außen als tatsächlich im Interesse aller darstellen zu können – schließlich sind ja sogar die Kritiker dieser oder jenen Facette der herrschenden Politik an diesem vermeintlich demokratischen Spektakel beteiligt. Wie weit dies letztlich gehen kann, zeigte sich beim G8-Gipfel 2005 in Gleaneagles: Der Kriegstreiber und rechte Sozialdemokrat Tony Blair rief sogar mit zu den „Gegendemonstrationen“ gegen den G8-Gipfel – an dem er selbst teilnahm – auf. Der U2-Sänger Bono lobte als Teil der „globalisierungskritischen Bewegung“ und Beteiligter an größeren „Anti-G8-Events“ nach dem Ende des Gipfels sogar die G8-Regierungschefs. Diesehatten schließlich den Ländern des Trikonts einen minimalen Teil ihrer Schulden erlassen.
    Um es noch mal zu verdeutlichen: Die G8-Staaten sind weltweit für Kriege, Ausbeutung, Repression, die Unterstützung diverser rechter Regimes, Armut und vieles andere verantwortlich.
    Sie setzen dies entweder mit direkten militärischen Handlungen, mit ihren Institutionen wie dem IWF und der WTO oder mit Waffenlieferungen und Geheimdienstoperationen durch. In ihren eigenen Ländern lassen sie die Schere zwischen reich und arm immer weiter auseinander klaffen, betreiben Sozialabbau, verschärfen die Situation für MigrantInnen, die aus dem Elend in ihren Ländern flüchten und vieles mehr. In den bürgerlichen Medien schaffen sie es dabei, sich selbst als die legitime Führung der westlichen Welt, als menschenfreundliche Demokraten und ähnlichem zu verkaufen. Soweit so schlecht. Wenn nun aber obendrein die Bewegung gegen diese Politik auch noch so dargestellt wird, als würde sie dies alles nur kritisch begleiten oder sogar eine positive Entwicklung bei den G8-Ministern ausmachen, ist dies dann doch tatsächlich der Gipfel. Als eine der wenigen Möglichkeiten, um eine radikale Ablehnung auszudrücken und sich nicht vereinnahmen zu lassen, bleibt dann tatsächlich nur eine unübersehbare militante Praxis. Das Bild, das die Politik der Herrschenden verdient hat, ist nicht irgendein vermeintlicher Vertreter der „globalisierungskritischen Bewegung“, der vor den Kameras den Protagonisten dieser Politik die Hände schüttelt – vielleicht noch mit ein paar Bildern von Demonstrationen im Hintergrund. Das Bild, das sie verdient, ist, dass ihre Protagonisten, sich hinter Zäunen und Tausenden Soldaten und Polizisten verschanzen müssen, weil Zehn- oder Hunderttausende DemonstrantInnen versuchen, ihr Treffen anzugreifen und zu verhindern.
    Das waren jetzt mal ein paar Aspekte. Dazu wäre vielleicht noch zu sagen, dass es alles natürlich noch viel komplexer ist: Eine nicht vermittelte oder nicht vermittelbare militante Aktion zum Beispiel kann auch das Ergebnis haben, dass zwar über die dazugehörige Mobilisierung berichtet wird, sie aber auch unabhängig der üblichen Hetze der bürgerlichen Medien nichts als eine schlechte Publicity bringt.
    Auch können durch militante Aktionen unterstützte Mobilisierungen motivierend wirken, wenn allerdings viele Leute dabei festgenommen oder von der Polizei verletzt werden, kann sie auch den gegenteiligen Effekt haben. Dass alles ließe sich jetzt noch viel weiter ausführen, ich möchte damit folgendes zum Ausdruck bringen: Militanz kann von entscheidender Bedeutung sein und ist unabkömmlich für eine Veränderung der Verhältnisse. Sie ist aber kein Selbstzweck und stellt einen Bereich politischer Praxis dar, der sehr überlegt, organisiert und vorsichtig gehandhabt werden muss. Eine militante Aktion ist nicht per se revolutionärer oder effektiver als andere Aktionsformen, es kommt gerade in diesem Bereich vielmehr darauf an, welche Analyse und welches Ziel im konkreten Fall dahinter steht und wie gut sie organisiert wird.
    Es ist also wichtig, dass dieser Bereich der politischen Praxis nicht übermotivierten Jugendlichen oder anderen weniger überlegt handelnden Leuten überlassen wird, sondern dass die organisiert handelnde Linke mit ihren Konzepten darin möglichst präsent ist.

    Andreas: Ein weiterer wichtiger Punkt, der die Notwendigkeit militanter Aktionsformern verdeutlicht, ist auch heute das konkrete Ziel. So könnten wir hier zum Beispiel sehr viel von den Arbeitskämpfen in den allermeisten anderen Ländern lernen. Abwehrkämpfe gegen weitere Lohnsenkungen, Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen oder Entlassungen kämpferischer Kolleginnen und Kollegen werden nicht durch Bitten und Betteln entschieden. Auch Forderungen nach Verbesserungen werden sicher nicht erfolgreich sein, wenn ihnen nicht auch mit konkreten Aktionen Nachdruck verliehen wird. Wer also heute nur erst mal im Kleinen etwas erreichen will, muss sich darüber bewusst sein, dass dies nur durch ernsthafte Kämpfe geht. Die Kämpfe in Frankreich, Italien, Spanien und vielen anderen Ländern, gegen die selben Angriffe von Staat und Kapital wie sie auch hier stattfinden, gegen Kürzungen der Löhne, der sozialen Absicherungen oder im Bildungswesen, werden dort aus gutem Grunde ganz anders geführt. Besetzungen von Fabriken oder Universitäten, deren militante Verteidigung, Auseinandersetzungen mit der Polizei bis hin zu Angriffen auf Chefetagen und Behördengebäude gehören dort zu den Streiks und sozialen Protestendazu. Schaut man sich im Vergleich dazu zum Beispiel die Proteste hier gegen die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre an, die die Regierung und das Kapital einfach ignorieren konnten, wird eigentlich klar, wie notwendig eine kämpferische Praxis und eine gehörige Portion Militanz
    gewesen wäre beziehungsweise auch weiterhin ist.
    Auch bei der Verteidigung gegen und dem Zurückdrängen der Nazis geht es um ganz konkrete Erfolge, die nur erzielt werden können, wenn man auch eine militante Praxis mit einbezieht. Wären in den letzten Jahrzehnten nicht unzählige Aktionen gelaufen von Anschlägen auf ihre Infrastruktur bis zu direkten Angriffen auf ihre Aufmärsche, kann man sich an zwei Fingern abzählen, dass es ein noch größeres Problem mit der neonazistischen Bewegung in der BRD gäbe. Wenn man sich also ernsthaft fragt, wie können Sozialproteste, Arbeitskämpfe, antifaschistische Aktivitäten und die Verhinderung der weiteren Zerstörung der Natur effektiv gestaltet werden, wäre ein genereller Verzicht auf militante Aktionen praktisch eine vorgezogene Kapitulation. Militanz muss immer ein Bestandteil der alltäglichen politischen Praxis sein und heute, dort wo es notwendig ist, mit der nötigen Vorsicht eingesetzt, gut organisiert und vermittelt werden.
    Zuletzt noch: Der Repressionsapparat mit den diversen Polizei- und Geheimdiensteinrichtungen beschäftigt sich sehr intensiv mit der Frage der Militanz. Im Interesse der Verteidigung der bestehenden Verhältnisse tut er alles, um militante Aktionsformen zu verhindern, die AktivistInnen zu diffamieren, zu isolieren und zu kriminalisieren. Die Linke, egal ob in Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen oder anderen Zusammenhängen organisiert, würde gut daran tun, sich im Interesse der Perspektive einer anderen Gesellschaftsordnung ebenfalls intensiv mit der Frage der Militanz zu beschäftigen. Dabei sollte es um eine objektive und fundierte politische Analyse gehen, die persönlichen Konsequenzen daraus muss dann jeder und jede für sich selbst ziehen.

    Es gibt einige Argumente, die sich gegen militante Aktivitäten bei Gipfelprotesten aussprechen, nicht nur außerhalb der Protestierenden, sondern auch von Gruppen wie Attac, christlichen Gruppen und Teilen der Gewerkschaften. Was sagt ihr zu den folgenden Argumentationen: Straßenkämpfe und kaputte Scheiben führen zu schlechter Medienberichterstattung und stellen die politischen Ziele der Proteste in den Hintergrund.

    Andreas: Die bürgerlichen Medien vertreten ein bestimmtes Interesse. Etwa dadurch, dass die Chefredakteure und Vorstände in der Regel selbst Mitglieder in einer Partei sind und auch ihren Posten in vielen Fällen nur durch ihre politische Opportunität bekommen haben. Oder noch konkreter, wenn etwa bedacht wird, dass so gut wie alle Zeitungen von großen Anzeigenkunden abhängig sind. Im Kleinen kann es natürlich auch schon am einzelnen Redakteur hängen, der sich mit einem Artikel der sich positiv auf ein kritisches Thema bezieht, nicht seine Karriere verbauen will. Es gibt einige gute Veröffentlichung, die belegen, wie abhängig, unkritisch, manipulierend und monopolisiert die Medienlandschaft heutzutage ist. Jeder der es nicht glaubt, kann es jederzeit nachlesen.
    Daraus folgt, dass die Linke nicht gut daran tun würde, ihre Praxis danach auszurichten, was danach in den Medien darüber berichtet wird. Dies wäre eine hoffnungslose Herangehensweise und würde den Medien ja noch mehr Macht in die Hand geben, als sie ohnehin schon haben. Das wird ja auch immer wieder dadurch unter Beweis gestellt, dass auch nicht militante Aktionen in vielen Fällen falsch dargestellt werden und über sie hergezogen wird – wenn sie überhaupt Erwähnung finden.

    Laura: Die Berichterstattung beziehungsweise die zugängliche Information über die Praxis der Linken mit dieser Erkenntnis aber ad acta zu legen, wäre ebenso falsch und es gibt ja viele Ansätze, wie mit diesem Problem umgegangen werden kann. Die Schaffung eigener Medien wie indymedia.org und vieler anderer ist eine Möglichkeit, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat, die Unterstützung kritischer und linker Zeitungen wie der Jungen Welt eine andere. Auch die Aktivitäten können zumindest in Ansätzen direkt vermittelt werden, ganz direkt, wenn etwa Flugblätter bei oder nach Aktionen verteilt werden oder indirekt, wenn es Erklärungen dazu gibt,aus denen die Zeitungen dann doch vielleicht ein paar Sätze zitieren oder die über linke Publikationen oder im Internet publiziert werden. Auch Aktionen zu machen, die sich fast schon von alleine vermitteln und von den meisten Leuten auch verstanden und positiv aufgefasst werden, selbst wenn die Medien noch so viel darüber herziehen, ist eine wichtige Option.
    Im Übrigen sollte noch erwähnt werden, dass die politischen Ziele der Proteste, die angeblich von den Berichten über Straßenkämpfe überdeckt werden, auch ohne militante Proteste kaum wirklich erwähnt werden. Genau genommen finden sie diese in der Regel nur, wenn sie entweder nicht sehr radikal sind, wenn ein Bericht darüber als Beleg für eine „objektive Berichterstattung“ herhalten soll oder wenn sie damit in das bürgerliche Lager integriert werden sollen, um die militanten und revolutionären Kräfte zu isolieren.
    Und mal noch ganz nebenbei: Es ist gar nicht so, dass alle, die in den bürgerlichen Medien Berichte über militante Aktionen lesen, diesen generell ablehnend gegenüber stehen. Zumindest eine klammheimliche Sympathie ist bei vielen vor allem dann vorhanden, wenn sie die Aktion als zielgerichtet verstehen, unabhängig was die Medien dann noch für einen Quatsch dazu schreiben.

    Andreas: Das ganze ist eigentlich auch eine Frage der Methodik. Lassen wir unsere Aktionsformen von anderen, in diesem Fall von den bürgerlichen Medien bestimmen, oder bauen wir unsere Seite auf, versuchen wir selbst, das Richtige zu entscheiden und einen Umgang mit den Problemen, wie eben der negativen Berichterstattung, zu finden?

    Die Gewalt einiger Demonstranten kann dazu führen, dass von der Reaktionen der Polizei viele weitere betroffen werden, bis hin zu Festnahmen, Tränengasangriffen oder Verboten ganzer Demonstrationen.

    Laura: Dies ist ein ähnliches Problem wie der gerade angesprochene Umgang mit den Medien – richten wir uns nur nach dem Vorgehen der Gegenseite oder versuchen wir stattdessen einen sinnvollen Umgang damit zu finden. Der bürgerliche Staat allgemein und konkret in diesem Fall die Polizei, gehen gegen alles vor, das die herrschende Ordnung in Frage stellt oder ihr gefährlich werden könnte. Jeder der es wissen will, weiß, dass Angriffe seit jeher nicht nur in der Militanz einer Bewegung begründet liegen. Aktuell sieht das in etwa so aus: Während vor ein paar Jahren Demos vielleicht angegriffen wurden, weil Leute sich vermummt haben, gibt es heute schon Angriffe weil Seitentransparente mitgeführt werden, Leute eine Mütze und eine Sonnenbrille tragen oder sonst wie gegen die Auflagen der Behörden verstoßen wird.

    Andreas: Wenn heute Streikposten von der Polizei weggeräumt werden, passiert dies nicht, weil sie zu militant wären, sondern weil es ein ökonomisches und politisches Interesse der Bourgeoisie daran gibt. Wenn die Streiks dadurch scheitern und die Leute danach eben noch länger oder unter noch mieseren Bedingungen arbeiten müssen, redet davon niemand. Wenn die Streikposten sich aber nicht einfach wegräumen lassen, sondern sich verteidigen oder offensiv agieren, es vielleicht auch ein paar Verletzte und Festnahmen gibt, ist es einfach Quatsch dies dann zu skandalisieren und zu behaupten, dass die Militanz die Ursache davon wäre. Damit würde man ja praktisch jegliche Gegenwehr generell ablehnen und die Verhältnisse mit all ihrer täglichen Brutalität und Gewalt akzeptieren, nur weil die Bedrohung durch die Staatsgewalt existiert.
    Man würde auch immer weitere Angriffe auf Löhne und soziale Leistungen, Kriege und die Zerstörung der Umwelt mehr oder weniger akzeptieren müssen oder zumindest nicht zu vehement dagegen aktiv werden dürfen, weil ansonsten die Staatsgewalt all zu heftig zurückschlagen könnte.

    Laura: Noch ein Aspekt: Das Problem ist ja heutzutage nicht das, dass die Menschen nicht auf Demos gehen, weil sie Angst haben müssten festgenommen zu werden, sondern weil sie denken, es bringt ohnehin nichts. Nicht ein weiteres Zurückschrauben der Aktionsformen kann also die momentan richtige Herangehensweise sein, sondern eine Debatte darüber wie auch wieder mal Erfolge erkämpft werden können. Dazu gehört eine sinnvolle und gut organisierte Militanz.Nichtsdestotrotz ist es natürlich sehr wichtig, dass darauf geachtet wird, dass keine Unbeteiligten in Situationen geraten, auf die sie nicht vorbereitet sind oder mit denen sie nicht klarkommen. Die militanten Aktivistinnen und Aktivisten müssen sich ihrer Verantwortung hierbei wirklich bewusst sein. Letztlich liegt es aber an der Polizei, auf Demonstrationen die Leute nicht anzugreifen. Darauf sollten alle Kräfte hinwirken, statt sich untereinander in die Haare zu bekommen, weil das Agieren der einen angeblich zwangsläufig das Vorgehen der Polizei bedingen würde.

    Andreas: Wer sich die Geschichte oder die Situation in anderen Ländern anschaut sollte im Übrigen wissen, dass Pazifismus nicht vor Angriffen durch den Staat schützt. Manchmal stimmt sogar eher das Gegenteil, ein Beispiel, was mir dazu gerade einfällt, wäre etwa der Militärputsch in Chile 1973, der damals für viele auch in der BRD ein Grund war, ihre politische Analyse und Praxis zu überdenken und sich an den Konzepten der Stadtguerilla zu orientieren. Der Putsch unter General Pinochet, unterstützt von den westlichen Regierungen, fand gegen eine demokratisch gewählte sozialistische Regierung statt. Diese hat eben nicht mit aller Entschlossenheit gegen die faschistischen und konservativen Kräfte gekämpft, sondern stattdessen sogar die Bewaffnung der Arbeiterinnen und Arbeiter verhindert, um bloß nicht zur Eskalation beizutragen – eben auch mit dem Gedanken, bloß keine tatsächliche Konfrontation einzugehen. Der Putsch war dann mit all den Toten, Gefangenen und den Jahren des Terrors gerade deswegen erfolgreich, weil die Linken und die Arbeiterinnen und Arbeiter zu wenig bewaffnet waren und ihm kaum Widerstand entgegensetzen konnten.

    Aber werden nicht viele Menschen von den Bildern vermummter Demonstranten abgeschreckt und beteiligen sich deshalb gar nicht erst an den Protesten?

    Andreas: Über das Auftreten der Linken hier auf Demos kann man sicher sehr viel sagen. Auf langweiligen und schwachen Demos laufen die Kids ganz in schwarz mit Kapuze und Sonnenbrille – wenn sie sich das mal von außen anschauen würden, würden sie, denke ich, gleich merken, wie uncool und komisch das eigentlich ist.
    Auf anderen Demos wiederum machen sich die Leute über Vermummung überhaupt keine Gedanken und die Polizei hat es, selbst wenn es nur um kleinere Rangeleien geht, dann leicht, die entsprechenden Leute zu identifizieren und festzunehmen. Um ein wirklich ansprechendes und sinnvolles Auftreten auf den Demos zu haben, ist, denke ich, einiges an politischem Bewusstsein und Organisierung notwendig. Vielleicht ist das Bild einer Demonstration auch immer ein kleiner Blick auf den tatsächlichen politischen und organisatorischen Zustand der Linken. Das eigentlich nur am Rande.
    Wenn die Linke es schaffen würde, ihre Protestformen ansprechend zu gestalten und sich wirklich Gedanken über das Auftreten zu den unterschiedlichen Anlässen zu machen, würde die Vermummung von einem Teil der Protestierenden, denke ich, keine wirklich negative Auswirkung haben. Daran sollte man viel eher ansetzen.

    Laura: Es gibt aus guten Gründen so gut wie immer unterschiedliche Blöcke. Wer sich vermummen will und eventuell auf eine Konfrontation eingestellt ist, hat in der Regel seinen Bereich. Wer kein Risiko eingehen will, sondern nur demonstrieren will, kann dies in der Regel auch ohne weiteres tun. Anzustreben wäre es dabei natürlich, dass es im Vorfeld Absprachen gibt, welches Auftreten ist sinnvoll, wer läuft wo, worauf ist Rücksicht zu nehmen und ähnliches. Genau das klappt ja auch immer wieder mal ganz gut.

    Andreas: Es gibt leider recht viele Gründe für Leute, nicht an Protesten teilzunehmen. Ihnen kann der Sinn beziehungsweise die Erfolgsaussicht nicht bewusst sein, sie wissen mit den politischen Zielen der Proteste nichts anzufangen oder verlassen sich einfach auf die anderen, weil sie selbst zu faul sind. Falls tatsächlich nur das Auftreten oder Agieren eines Teils der Protestierenden der Grund sein solle, nicht selbst aktiv zu werden, riecht das ehrlich gesagt – Entschuldigung – ein wenig nach fauler Ausrede.

    Einige meinen, dass der Kampf für eine gerechtere Welt nicht mit Mitteln der Gewalt geführtwerden darf, da diese grundsätzlich abzulehnen sind. Was meint ihr dazu?

    Laura: Hört sich super an, genau das habe ich auch lange so vertreten. Es ist leider allerdings so, dass wir die Gewalt nicht erfinden müssen, sondern sie tagtäglich überall vorhanden ist. Die Herrschenden wenden jegliche erdenkliche Gewalt an, um ihr System aufrechtzuerhalten, die rechten Kräfte, um die Verhältnisse für viele sogar noch schlimmer zu machen und viele der Ausgebeuteten wenden Gewalt in allen möglichen Formen gegen die Falschen an, weil sie denken, dass es ihnen so etwas besser geht. Gewalt existiert nicht nur überall ganz offensichtlich, sondern auch wenn jeden Tag auf der Welt einige zehntausend Menschen verhungern, obwohl es längst mehr als genug zu Essen gibt, wenn sie an heilbaren Krankheiten sterben, wegen mieser Arbeitsbedingungen ums Leben kommen oder krank werden. Wenn ausgerechnet die Linken darauf verzichten, auch mit Gewalt die Verhältnisse zu kippen und damit die Grundlage zu schaffen, um eine befreite Gesellschaftsordnung aufzubauen, würde das eben nichts anderes heißen, als dass sie die tagtägliche Gewalt weiterhin zulassen. Sie würden damit versuchen, sich aus der alltäglichen Barbarei rauszuhalten und lediglich ihr Gewissen zu bereinigen, statt die Verhältnisse zu verändern.
    Gewalt ist in erster Linie ein Mittel zum Zweck. Eine militante Aktion gegen eine Konzernniederlassung oder gegen das Auto eines der Verantwortlichen für Sozialabbau wird als gewalttätig angesehen, ist aber viel weniger brutal, als vieles von dem, das nicht als Gewalt betrachtet wird.
    Wie heuchlerisch die Debatte im bürgerlichen Lager zu Gewalt ist, zeigt sich momentan wieder mal sehr deutlich: Die Leute aus der RAF werden von morgens bis Abends überall als Terroristen dargestellt, weil sie einst den bewaffneten Kampf gegen den mordenden US-Militärapparat und die deutsche imperialistische Bourgeoisie, deren Hände nicht erst seit dem Faschismus blutgetränkt sind, aufgenommen haben. Ihre „Gewalt“ wird aufs schärfste verurteilt. Die Toten der RAF, die von Bullen abgeknallt oder in den Knästen umgebracht wurden, die jahrelange Folter durch Isolationshaft, die fast drei Jahrzehnte, die viele in den Knästen verbracht haben, hat in dieser Debatte scheinbar nichts mit Gewalt zu tun. Wenn all das überhaupt erwähnt wird, dann wird es als Notwendigkeit dargestellt, um der „Gewalt“ der RAF beizukommen. Das tatsächlich die RAF es war, die der viel länger und in völlig anderen Dimensionen stattfindenden Gewalt des deutschen Staates und der US-Kriegspolitik beizukommen versuchte, wird natürlich nicht erwähnt. Ob es nicht auch eine Art von Gewalt sein könnte, wenn Christian Klar wegen einer politischen Äußerung, die ihm eigentlich zustehende Hafterleichterung nicht bekommt, oder eine menschenfeindliche Medienhetzjagd gegen Brigitte Mohnhaupt stattfindet, fragt sich offensichtlich kaum jemand.
    Was ich mit all dem eigentlich sagen will ist Folgendes: Wer sich damit beschäftigt, ob es legitim ist Gewalt anzuwenden, sollte sich der ganzen Dimension dieser Frage bewusst sein. In vielen Fällen zeugt eine Ablehnung von Militanz oder eine Kritik an militanten Aktivistinnen und Aktivisten mit der genannten Argumentation letztlich nur von einer moralischen Untermauerung der eigenen Passivität oder schlimmer der eigenen Unterstützung der herrschenden Verhältnisse.

    Andreas: Der Kapitalismus ist ein Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnis, er beruht darauf, dass die herrschende Klasse, diejenigen die über die Produktionsmittel verfügen, samt ihren Anhängseln die große Mehrheit der Bevölkerung ausbeuten. Diese Ausbeutung kann hier offener und da verdeckter ablaufen, sie kann sich verschärfen oder in gewissen Zeiten und an gewissen Stellen etwas zurückgenommen werden. Immer wenn ein großer Teil der Ausgebeuteten jedoch dieses System in Frage stellt oder auch nur in Teilen sein Interesse gegen das der Ausbeuter durchsetzen will, werden die Herrschenden die Gewalt anwenden, die sie für notwendig halten. Es ist also weniger eine Frage der Moral, sondern der einer nüchternen Analyse, wie diese Verhältnisse zu ändern sind. Wenn diese Analyse aufzeigt, dass eine gewisse Konfrontation, ein tatsächlicher Kampf dafür notwendig ist und es keine andere Möglichkeit gibt, spielt es nun mal keine Rolle, ob man es lieber hätte, dass alles völlig friedlich abläuft. Wenn man die Analyse, wie die Verhältnisse zu verändern sind, beiseite lässt oder gar zum Entschluss kommt, lieber keine wirkliche Veränderung zu wollen, als dabei auch das Vorgehen zu akzeptieren, das allgemein als gewalttätigangesehen wird, führt das sogar dazu, dass man selbst dazu beiträgt, die herrschenden Verhältnisse mit all ihrer Gewalt aufrechtzuerhalten.

    Laura: Wenn wir aber jetzt hier dafür argumentieren, dass Militanz oder Aktionsformen, die als „gewalttätig“ gelten, als leider notwendig betrachtet werden, darf das nicht einseitig missverstanden werden. Alle Aktivitäten der Linken, ihre Organisierungsweise, ihr Umgang und auch ihre Praxis müssen natürlich immer auch danach ausgerichtet sein, wie die zukünftigen Verhältnisse aussehen sollen. Sie müssen es praktisch schaffen, hier und jetzt pragmatisch zu funktionieren, ohne sich selbst der Barbarei anzugleichen und ohne Solidarität, Selbstbestimmung und andere Grundlagen einer anderen Gesellschaftsordnung auf später zu verschieben. Damit wurden sicher schon viele Fehler gemacht. Die Niederlagen der Versuche einer revolutionären Umgestaltung um die 1920 Jahre herum, die immer wieder blutig niedergeschlagen wurden, haben sicher einen Teil zur Entartung in Form des Stalinismus beigetragen. Dort wurde praktisch jegliche Gewalt, selbst gegen Kommunistinnen und Kommunisten, die eine andere Linie verfolgten, als notwendig betrachtet.
    Daraus muss selbstverständlich gelernt werden und es sollte Einigkeit über die Notwendigkeit einer selbstkritischen Reflektion der kommunistischen Linken über diese Form der Herangehensweise bestehen.

    Ist es nicht so, dass sich in demokratischen Verhältnissen alle an die Spielregeln halten müssen und dass wer sie verlässt und Gewalt ausübt, damit die demokratischen Errungenschaften in Frage stellt und sich damit in die Nähe totalitärer Weltanschauungen begibt?

    Andreas: Die anscheinend demokratischen Verhältnisse bedeuten weltweit seit jeher alles andere als gleiche Rechte, wirkliche Demokratie oder Freiheiten für den Großteil der Menschen. In den wenigen kapitalistischen Metropolen, in denen nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung lebt, gibt es jetzt gerade mal seit ein paar Jahrzehnten zumindest an der Oberfläche das was als „demokratische Errungenschaften“ präsentiert wird. In den allermeisten anderen Ländern herrscht Armut, Krieg, Unterdrückung oder Repression gegen die politische Opposition. Die kapitalistischen Metropolen sind aber genau dafür verantwortlich. Sie haben durch Kolonialismus über Jahrhunderte die Infrastruktur vieler Länder zerstört und sie ausgeplündert. Sie unterstützen bis heute ihnen treue Regimes mit Waffen und Geld im Kampf gegen die fortschrittliche Opposition oder führen ganz direkt Kriege und bomben die Länder in Schutt und Asche wenn sie meinen, dass es sein muss. Und hier zeigt sich doch, was von den demokratischen Verhältnissen wirklich zu halten ist. Was sind denn Berufsverbote für Kommunistinnen und Kommunisten, der immer krassere Ausbau des Polizeiapparates und des Überwachungsstaates, die seit dem KPD-Verbot stets drohende Zerschlagung einer politischen Opposition, das Verbot politischer Streiks, Isolationshaft, Notstandsgesetze und die unzähligen weiteren Facetten der aktuellen Demokratie? Sind sie Notwendigkeiten, um die Demokratie zu schützen oder sind sie nicht undemokratische Maßnahmen, die die Interessen der Bourgeoisie aufrechterhalten sollen? Die Verhältnisse hier haben ihren demokratischen Schein nur halbwegs bewahren können, weil es keine wirklich große Opposition gab. Diese gab es zum einen nicht, weil sie spätestens seit 1918, insbesondere dann im Faschismus, physisch vernichtet wurde und mit dem KPD-Verbot 1956 auch die Reste ihrer Infrastruktur zerschlagen wurden. Zum anderen weil, die Leute über eine gewisse Zeit materiell befriedigt und so auch leicht manipuliert werden konnten. Je mehr die Unzufriedenheit der Leute aber wieder zunimmt und immer dann, wenn sich eine wirkliche Opposition erhebt, zeigt der Staat seine Fratze und setzt die Demokratie einfach mal kurz außer Kraft.

    Laura: Dass hier gerade nicht auf Demos geschossen wird, was aber vor nicht allzu langer Zeit auch schon vorkam und in anderen „demokratischen“ Staaten an der Tagesordnung ist, und dass die staatliche Repression nur immer wieder mal kurz aufflackert, aber im allgemeinen der Schein einer demokratischen Situation gewahrt werden kann, hat auch noch ganz andere Gründe. Eine wichtige Bedeutung hat zum Beispiel die Manipulation der Leute. Solange sie mit der offenen und verdeckten Propaganda der bürgerlichen Medien voll gestopft und ruhig gehalten werden können, wird keine direkte Repression benötigt. Nahezu jeden Tag werden wir mit Sendungen undKommentaren zur Bösartigkeit des Kommunismus und zur Alternativlosigkeit und den Vorteilen des Kapitalismus oder auch einfach nur mit Nonsens zugeschüttet.
    Solange die Menschen nur unzufrieden sind, aber ihre Wut sich nicht gegen das herrschende System richtet, weil es keine starke organisierte politische Kraft mehr gibt, die genau das entwickeln kann, die Gewerkschaften von treuen Anhängern der Regierungsparteien kontrolliert werden, scheint es natürlich so, als wären alle irgendwie zufrieden. Dieser Anschein ändert aber nichts an der Realität und die ist eben alles andere als demokratisch.

    Andreas: Max Reimann, Abgeordneter der KPD hat damals zur Verabschiedung des Grundgesetzes, gegen das die KPD gestimmt hat, in etwa folgendes gesagt: Wir Kommunisten sind gegen dieses Grundgesetz, weil es die herrschenden Verhältnisse festschreibt, wir werden es aber gegen diejenigen verteidigen müssen, die jetzt dafür stimmen, es aber irgendwann immer weiter außer Kraft setzen werden. Damit hat er eigentlich ziemlicht gut das auf den Punkt gebracht, worum es bei der Frage nach Demokratie eigentlich geht. Als militante Revolutionäre und Kommunisten streben wir nicht einen Rückschritt hinter die bürgerliche Demokratie an. Im Gegenteil, wir wollen eben darüber hinausgehen und wirklich demokratische Verhältnisse umsetzen. Diejenigen, die sich hinter der löchrigen demokratischen Fassade verstecken, sind die tatsächlichen Feinde der Demokratie.

    Könnt ihr zum Schluss noch eine Prognose für die Anti-G8-Proteste im Juni wagen: Denkt ihr, dass es dort zu ähnlich heftigen Straßenkämpfen wie in Genua 2001 kommen wird? Wie steht ihr zur aktuell gegen den Gipfel laufenden militanten Kampagne und was würdet ihr für richtig halten?

    Laura: Das, was in Heiligendamm und der Umgebung laufen wird, hängt direkt mit dem allgemeinen Zustand der revolutionären Linken, der sozialen Bewegungen und der Konterrevolution zusammen. Dazu kurz ein paar Sätze: Es existiert in der BRD momentan keine starke revolutionäre beziehungsweise kommunistische Bewegung, geschweige denn Organisierung. Es gibt hier und da Gruppen, die lokal eine gewisse Relevanz haben, oder bundesweit organisierte Parteien, die zumindest in Ansätzen eine funktionierende Infrastruktur besitzen, das ist aber nicht viel. Die revolutionäre Linke ist gesellschaftlich isoliert und scheint daran teilweise noch nicht einmal etwas ändern zu wollen, beziehungsweise, wenn doch, dies dann durch opportunistische Anbiederung zu versuchen. Kurz gesagt befinden sich die revolutionären Kräfte in der BRD schon lange in einer Krise, sowohl aufgrund der lange Zeit sehr schwierigen objektiven Verhältnissen als auch aufgrund von eigenen Fehlern. Es gibt wohl hier und da wieder Lichtblicke und die Hoffnung, dass die momentane Krise zur Klärung führt, dies wird aber sicher noch einige Zeit dauern.
    Die sozialen Bewegungen sind ebenfalls in einer Krise: Der reformistische Teil ist mit seiner Politik weitgehend gescheitert, da Staat und Kapital heute so gut wie keine Zugeständnisse mehr machen, die Reformisten also praktisch keinerlei Erfolge mehr vorweisen können. Dass sie dann in vielen Fällen versuchen, ihre Niederlagen als Erfolge zu verkaufen, hat ihnen bei vielen die Glaubwürdigkeit genommen. Der radikalere Teil der sozialen Bewegungen, etwa innerhalb der Gewerkschaften, ist nach wie vor den Angriffen der Reformisten ausgesetzt und kann sich nur schwer Gehör verschaffen und eigene Akzente setzen. Die breite Masse ist desillusioniert und sieht kaum noch Perspektiven in sozialen Protesten, es gibt kaum neue, motivierende Debatten oder Aktionsformen.
    Die staatliche Konterrevolution hingegen, der Apparat aus Polizei, Gerichten, Geheimdiensten und Medien hat sich in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich aufgebaut. Er hat kaum Probleme, hier jede erdenkliche Situation zu kontrollieren und sich im Voraus darauf einzustellen. Hier ein paar Spitzel postieren, dort Aktivistinnen abhören, sie dort zu langjährigen Strafen verurteilen, hier wieder die Bewegung spalten, die einen integrieren, die anderen angreifen, alles begleitet von erdrückendem Abgesang oder erschlagender Hetze sämtlicher etablierter Medien – das alles ist kein Problem für ihn.Die Grundvoraussetzung für die Aktivitäten zum G8-Treffen sind also erst mal eher schlecht. Zum Glück ist alles aber deutlich komplexer. Gerade in Zeiten der Krise können große Mobilisierungen zu einer starken Dynamik führen. Dies wird nicht bedeuten, dass der G8-Gipfel tatsächlich angegriffen und die Schweine samt ihren Bewachern über die Ostsee gejagt werden können – das würde ganz realistisch gesehen auch wenig bringen, solange sich der Organisierungs- und Bewusstseinsgrad der linken und sozialen Bewegungen auf dem eben beschriebenen Niveau befindet. Es ist aber gut möglich, dass über die Mobilisierung viele Leute aktiviert werden, sich darüber politisieren und die Notwendigkeit sich zu organisieren, erkennen werden. Er wird uns neue Erfahrungen und einen Einblick in unsere Stärken und Schwächen liefern, die bei solchen konkreten Aktivitäten immer offen gelegt werden.

    Andreas: Ich denke auch, dass wir uns darüber klar sein müssen, dass die Proteste gegen den G8-Gipfel keine neue Dimension erreichen werden. Wenn es gut läuft, können wir dort aber den Herrschenden ihre Show zumindest in Ansätzen etwas vermiesen, einige kleinere Erfolge erzielen, den Protest gegen die Politik der G8-Staaten und das ganze kapitalistische System sichtbar machen und vor allem durch das gemeinsame Organisieren und die gemeinsame Praxis unsere Seite stärken. Egal wie es läuft, wer sich nicht an den Protesten beteiligt, wird in jedem Fall etwas verpassen.Diejenigen, die sich nicht während der Mobilisierung schon beteiligt haben und dann enttäuscht sind, weil dort nicht genug geht, werden sich hoffentlich danach Gedanken machen, woran das liegt und die richtigen Konsequenzen daraus ziehen.

    Laura: Jetzt aber zu den Aktionsformen. Es ist sehr schwierig einzuschätzen, was dort möglich und sinnvoll sein wird. Einerseits werden wir dort mit dem größten und bestorganisiertesten Polizeieinsatz, den die meisten wohl jemals erlebt haben, konfrontiert sein. Tausende Bullen, Geheimdienstler, Kameras, Spitzel und was der Repressionsapparat noch alles hergibt, werden uns gegenüberstehen. Und das ohne, dass wir tatsächlich behaupten könnten in den letzten Jahren in größerem Rahmen auch nur annähernd auf unseren Erfahrungen etwa beim G8 in Genua aufgebaut zu haben und unsere Seite weiterentwickelt zu haben. Andererseits wäre es natürlich völlig falsch, sich von diesem Aufgebot von vorneherein einschüchtern zu lassen. Ich denke, dass symbolische Aktionen wie Blockaden, Rangeleien an Polizeiabsperrungen, vereinzelte Auseinandersetzungen bei Polizeiangriffen oder Versuche zum Zaun zu kommen und auch die eine oder andere militante Aktion durchaus drin sein können. Ob es größere Auseinandersetzung wie in Genua damals geben wird, halte ich allerdings für fraglich. Sollte es dazu kommen, hoffe ich, dass sie entsprechend der Bedingungen geführt werden und die Leute sich nicht dabei verheizen.

    Andreas: Eine der Antworten auf die tatsächliche Schwierigkeit, vor Ort die Initiative ergreifen zu können und gegen den Repressionsapparat momentan etwas zu erreichen, ist die schon seit längerem laufende militante Kampagne. Einige Gruppen bundesweit haben insgesamt schon Dutzende Anschläge und Aktionen zum G8-Gipfel durchgeführt. Dies ist sicher eine Möglichkeit außerhalb der direkten Reichweite der Repressionsorgane eigenständig aktiv werden zu können. Daran kann, denke ich, durchaus in der Zukunft angeknüpft werden.
    Was noch zu beachten wäre ist Folgendes: Es ist richtig, sich Möglichkeiten zu suchen, militant agieren zu können, dies auch dezentral und in kleinen Gruppen zu tun. Dies kann aber nicht eine zentrale politische Organisierung ersetzen. Momentan sind die Anschläge sozusagen eine Art Verlagerung von Teilen der politischen Praxis in kleinere konspirative Zusammenhänge, es muss aber auch der Schritt organisiert werden, diese auf einer gewissen Ebene zusammenzuführen, die Möglichkeiten militanter Praxis wieder auszudehnen und sie in einen Bezug zu einem Aufbauprozess der revolutionären Linken auch in anderen Bereichen zu bringen. Das kann natürlich nicht allein die Aufgabe der Leute in militanten Organisierungen sein, sondern erfordert eine Debatte und ein Streben danach auch in anderen Organisierungen.

    Danke für das Interview, wollt ihr am Ende noch etwas loswerden?

    Laura: Es sollte bitte beachtet werden, dass wir hier nicht für alle Militanten sprechen und es natürlich auch unter denen, die sich als Militante verstehen, sehr viele unterschiedliche Positionierungen zu sämtlichen Themen, zu denen wir hier was gesagt haben, gibt. Es sollte auch klar sein, dass wir hier sicher nicht alle wichtigen Aspekte ansprechen und auch nicht alle offenen Fragen ausführlich genug beantworten konnten.

    Andreas: Nicht nur zur Frage der Militanz sollten wir die momentane Situation zur Klärung nutzen, von den historischen und internationalen Versuchen lernen, die sich verändernde allgemeine Situation begreifen, fragend und handelnd vorangehen, uns organisieren und unsere Seite aufbauen – das ist fast schon alles.
    Wir grüßen alle Genossinnen und Genossen in den Knästen und möchten alle bitten, die Gefangenen nicht zu vergessen und die Antirepressionsstrukturen wie etwa die Rote Hilfe zu unterstützen. Wir freuen uns, dass Brigitte Mohnhaupt endlich draußen ist und wünschen Christian Klar ein baldiges Ende seiner Haft.
    Wir Grüßen auch alle Genossinnen und Genossen, die sich an der militanten Kampagne beteiligen und damit viel Arbeit, Verantwortung und Risiko auf sich nehmen.

    Broschürengruppe – Anti-G8-Bündnis 2007
    Veröffentlicht 2007

  • Die Herrschaftsstruktur des Faschismus: Folgerungen und Fehldeutungen

    Die Herrschaftsstruktur des Faschismus: Folgerungen und Fehldeutungen

    Die Herrschaftsstruktur des Faschismus: Folgerungen und Fehldeutungen

    In diesem Text nimmt Kühnl nicht nur eine Abgrenzung zu verschiedenen bürgerlichen Erklärungen zur faschistischen Herrschaft in Deutschland vor, sondern analysiert die Ausgangsbedingungen dezidiert. Er erklärt die Zusammenhänge und verschiedenen Interessen zwischen Kapital und Faschismus in der kapitalistischen Krise.

    […] Die erste, insbesondere für die marxistische Faschismusdiskussion zentrale Frage ist so zu formulieren: Wenn die Interessen des Großkapitals – wie nicht nur von marxistischen Untersuchungen, sondern auch von Schweitzer, Bloch, Petzina und vielen anderen überzeugend nach-gewiesen – in so starkem Maße zum Zuge kamen: wie und in welchem Sinne wurden dann noch spezifische Interessen der faschistischen Partei realisiert? Wie kann noch von einem »Bündnis« die Rede sein, nachdem die antikapitalistischen und mittelständischen Bestrebungen der faschistischen Anhängerschaft, wie gezeigt wurde, so rigoros unterdrückt worden waren?

    Da sich also mittelständische Inhalte in der Politik faschistischer Systeme kaum finden, wird von manchen Autoren auf die Irrationalismen faschistischer Politik hingewiesen, in denen sich die vorkapitalistischen und vorindustriellen Bewußtseinsformen der Mittelschichten widergespiegelt hätten. Es bestehe ein Zusammenhang zwischen der »irrationalen Tendenz zur Selbstzerstörung« und der »letztendlichen Realitätsuntüchtigkeit . . . der faschistischen Diktatur« einerseits und den Mittelschichten, die mit dem Faschismus zu einer »autonomen politischen Kraft« geworden seien, andererseits. Sicher ist es richtig, daß nicht nur in der faschistischen Ideologie, sondern auch in der faschistischen Politik starke irrationale Elemente enthalten sind. Die Schlußfolgerung, daß darin der Einfluß der Mittelschichten zum Ausdruck komme, erscheint jedoch sehr zweifelhaft. Die Militärpolitik des kaiserlichen Deutschland ist nicht weniger abenteuerlich, die Begeisterung für den Krieg nicht weniger rauschhaft, die Eroberungspläne sind nicht weniger großspurig gewesen als im Faschismus, ohne daß hier Mittelschichteninteressen und -mentalitäten als treibende Kräfte überhaupt in Frage kommen. Die Ansicht, es sei die faschistische Bewegung gewesen, die in Deutschland und Italien »die Industrie und das konservative Militär in einen Weltkrieg« zogen gegen deren Willen, steht in klarem Widerspruch zu den Quellen und ist historisch absolut unhaltbar.

    Eine andere Variante, spezifische Interessen der faschistischen Partei im Herrschaftssystem aufzuzeigen, besteht darin, dieses System als eine Diktatur der faschistischen Führungsclique zu erklären. So spricht H.A. Winkler von der absoluten Herrschaft einer von keiner sozialen Machtgruppe kontrollierten »Clique und des von dieser Gruppe verkörperten Primats der Politik«, und I. Fetscher von der »Herrschaft einer radikalen Minderheit… aus deklassierten Kleinbürgern, Lumpenproletariern und Halbgebildeten«. Über die Inhalte faschistischer Politik ist damit freilich noch nichts ausgesagt, und es ist ziemlich evident, daß diese durch den bloßen Hinweis auf die Macht- und Karriereinteressen der faschistischen Führer nicht erklärt werden können.

    An der Frage, wie die Bündnisstruktur des faschistischen Systems konkret zu bestimmen ist, unterscheiden sich die verschiedenen Theorien sehr stark. Es ist umstritten, ob es sich bei der faschistischen Diktatur um eine Dominanz großkapitalistischer Interessen oder um eine Dominanz der faschistischen Führungsclique gehandelt hat, ob von einem »Primat der Politik«, das heißt des Staates, oder von einem »Primat der Ökonomie« gesprochen werden muß. Ebenso umstritten ist, ob das Großkapital aktiv und maßgeblich an der Gestaltung der faschistischen Politik mitgewirkt hat oder ob der faschistische Staat zwar objektiv großkapitalistische Interessen vertreten hat, jedoch ohne dem Großkapital reale politische Mitwirkung einzuräumen, oder ob die faschistische Diktatur mindestens in Deutschland in zwei Phasen zerfällt,deren erste (bis 1936) auf einem Kompromiß (partialfascism), deren zweite aber auf einer Dominanz der faschistischen Parteiführung beruhte (ful fascism), wie Schweitzer und Petzina meinen.

    Diesem Problem kommt man näher, wenn man die soziale Funktion des Faschismus im Vergleich zu früheren Formen diktatorischer bürgerlicher Herrschaft einerseits und zu parlamentarisch-demokratischen Formen andererseits genauer ins Auge faßt. Dies geschieht bei Wolfgang Abendroth, der dabei methodisch an die Bonapartismusanalyse von Marx und die Faschismusanalysen von Thalheimer aus den 20er und 30er Jahren anknüpft. Thalheimer hatte die Trennung von politischer und sozialer Herrschaft behauptet und den Faschismus als eine Herrschaftsform interpretiert, in der das Kapital auf die politische Herrschaft verzichtet, um seine soziale aufrechterhalten zu können. Schon die Errichtung der faschistischen Diktatur sei eine Vergewaltigung aller Schichten und Klassen, auch des Kapitals, und in der Folge werde zwar die Herrschaft im Interesse des Kapitals, aber ohne dessen aktive Mitwirkung ausgeübt. Diese inhaltlichen Thesen werden von Abendroth natürlich nicht übernommen, weil sie durch die reale Entwicklung des Faschismus widerlegt worden sind. Insofern sind über Bonapartismustheorien dieser Art weitausholende theoretische Erörterungen nicht mehr erforderlich: Sie stimmen einfach mit den Tatsachen nicht überein.

    Abendroth führt aus, daß der bürgerliche Staat schon im 19. Jahrhundert autoritär-repressive Mittel angewandt hatte, um die aufkommende Arbeiterbewegung niederzuhalten. Dies geschah nicht nur in Deutschland (besonders drastisch durch das Sozialistengesetz Bismarcks), sondern auch in Frankreich (zum Beispiel durch Napoleon III.) und in England (durch Disreali). Das Erstarken der Arbeiterbewegung nach der Russischen Revolution und dem Ersten Weltkrieg machte jedoch neue Herrschaftsmittel erforderlich: »Dafür mußten die herrschenden Klassen nicht nur die traditionalen selbständigen Mittelschichten mobilisieren, sondern auch die neuen Teile der Arbeitnehmerschichten mit traditional mittelständischer Ideologie – die zahlenmäßig stark angewachsenen Schichten der Angestellten und Beamten wenn sie die proletarische Revolution nicht nur vorübergehend zurückdrängen, sondern dauerhaft schlagen wollten.

    In den von den Krisen dieser Periode am stärksten getroffenen Gesellschaften reichte nunmehr die bloße Reduktion des rechtsstaatlichen Moments und der demokratisch-parlamentarischen Formen klassischer bürgerlicher Staatlichkeit auf den autoritären Staat nicht mehr aus, um den Druck der Arbeiterklasse in Richtung auf Transformation der kapitalistischen Produktionsverhältnisse auszuschalten. Das zeigt sich sehr deutlich in der Zeit der Präsidialdiktatur im Deutschen Reich. Inzwischen war das Kapital zu gewaltigen Oligopolen und Monopolen konzentriert, welche die Marktkonkurrenz durch Machtkonkurrenz (und Machtausgleich) ersetzten. So konnte man nun auch für längere Zeiträume auf die durch Öffentlichkeit vermittelte und daher auf den klassischen Parlamentarismus verwiesene Form sowohl der Gesetzgebung als auch der in anderer Weise durchgesetzten Regulierung der Gesellschaft und Intervention der öffentlichen Macht in die Gesellschaft verzichten. Der Machtausgleich zwischen einer fast unendlich großen Zahl von kleinen und mittleren Wirtschaftseinheiten bedarf der öffentlichen Auseinandersetzung zur Herstellung der erforderlichen Kompromisse; der Machtausgleich hinsichtlich des Einsatzes und der Verwendung der Staatsmacht zwischen einer begrenzten Zahl von ökonomischen Zentren der Produktion, des Kredits und der Distribution, die wieder untereinander verknüpft sind, kommt ohne das Moment der Öffentlichkeit leicht aus. Diese Zentren führen ohnedies ständig nicht-öffentliche Spitzenverhandlungen untereinander und mit den Vertretern der Staatsmacht. In Krisenperioden ist dieser Machtausgleich auf völlige Abschirmung gegen die Öffentlichkeit sogar unbedingt angewiesen, weil demokratischer Parlamentarismus bei rechtsstaatlich gesicherter freier Willensbildung der Arbeiterbewegung zwei Konsequenzen hätte: Er würde das Eingreifen der Arbeiterbewegung in staatliche Willensbildungsprozesse ermöglichen und – vor allem in der Krise – die Einsicht der Arbeiterbewegung in die Notwendigkeit des Übergangs von kapitalistischen zu sozialistischen Produktionsverhältnissen geradezu produzieren.

    So entsteht in der Periode des Monopolkapitalismus generell in allen Teilen der herrschenden Klassen die Tendenz, die aus der Aufstiegsperiode des liberalen Kapitalismus überkommenen Vorstellungsweisen und Rechtsformen mindestens zurückzudrängen, im Extremfall langwieriger ökonomischer und sozialer Krisen jedoch voll zu überwinden. Da sich die Technologie weiterentwickelt und die Kapitalkonzentration sich verstärkt, muß das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Prozesse aufrechterhalten und wiederhergestellt werden, indem der Staat zunächst stärker in die Ökonomie eingreift, bis im Endresultat Staatsmacht und Großökonomie zu einheitlicher Willensbildung verschmelzen.

    Zwischen den beiden Weltkriegen stand dieser Transformationsprozeß der politischen Ordnung unter dem Vorzeichen der Abwehr der Gefahr der proletarischen Revolution.« Dies ließ sich »nur dadurch vermitteln, daß als Gegenmacht gegen sozialistisch-proletarische Kräfte soziale Gruppen mit Mittelschichtenmentalität mobilisiert wurden. Den diesen Sozialschichten angebotenen antibolschewistischen und antimarxistischen Parolen wurde der Schein ‚antikapitalistischer‘ Ideologie zugesetzt, um ihnen die Illusion des Kampfes für ihre eigenen Interessen zu geben. Mit Hilfe dieser Parolenmixtur sollte das Mittelstandsaufgebot die Arbeiterorganisationen ausschalten. Verstärkter Druck der Staatsmacht, die mittels der militanten gegenrevolutionären Mittelschichten-Organisationen gefestigt und von ihnen unterstützt wurde, mußte dann die Arbeiterorganisationen vernichten.

    Gleichzeitig konnte auch die nunmehr der Kontrolle der Öffentlichkeit entzogene Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Interessen der einzelnen Oligopole ohne Gefährdung des sozialen Gesamtsystems weitergeführt werden. Die Oligopole hatten jedoch spätestens seit Ausbruch der Weltwirtschaftskrise einsehen müssen, daß der konjunkturelle Prozeß ohne Mithilfe der öffentlichen Gewalt nicht gesteuert werden konnte, wenn auch eventuell nur in der Weise, daß sie sich formell gemeinsam der quasi schiedsrichterlichen Entscheidung durch die öffentliche Gewalt unterwarfen. Auf dieser Situation beruhte die Wendung zum Faschismus, wie sie 1922 in Italien, 1933 in Deutschland und in Österreich durchgespielt worden ist . . . Dadurch wurde es . . . möglich, daß diese Parteien und ihre militärischen Verbände in Zusammenarbeit mit der traditionellen Staatsorganisation die Unterdrückungsfunktion der öffentlichen Gewalt gegenüber den Unterklassen generalisierten und extrem verstärkten …«

    Weiter »führte diese Situation zu einer relativ permanenten Symbiose von Monopolwirtschaft und Staat im Zeichen eines auch nach außen aggressiven Rüstungskapitalismus …«

    »Zwar wurde die Organisationswelt der früheren Arbeiterbewegung vernichtet und konkurrierende andere gesellschaftliche Organisationen wurden ausgeschaltet, abgesehen freilich von den kapitalistischen ökonomischen Verbänden der Wirtschaftsgewalt selbst, doch das sozialökonomische System der auf Machtausgleich angewiesenen formell privatwirtschaftlichen Monopole und Oligopole bestand fort.

    Dieser Machtausgleich mußte durch staatliche Dezision bewirkt werden, wenn er nicht durch unmittelbaren Kompromiß vermittelt werden konnte. Die Differenzen der Monopole und Oligopole untereinander, aber auch die Sonderinteressen anderer gesellschaftlicher Gruppen drückten sich nunmehr in den Gefügen der verwandelten staatlichen Struktur und der faschistischen Parteiorganisationssysteme selbst aus. Sie waren damit zwar der öffentlichen Diskussion entzogen und für den außenstehenden Beobachter nicht mehr offenkundig, aber – wie jede neuere Untersuchung des italienischen faschistischen Systems oder des deutschen nationalsozialistischen Systems belegt – ständig vorhanden und wirksam. Der rechtsstaatlich nicht mehr normierte Kampf divergenter Interessen wurde dadurch in einen permanenten untergründigen Konkurrenzkampf von Cliquen transformiert, ohne seine reale Bedeutung zu verlieren. Das hatte jedoch zur Folge, daß um dieser Unerkennbarkeit der Zusammenhänge für Außenstehende willen die demokratische Bildung von Bewußtsein bei den Massen der Unterklassen ausgeschaltet wurde – wenn man von der illegalen Tätigkeit der antifaschistischen Opposition absieht. So schien das gesellschaftliche Gesamtsystem in stärkerem Maße abgesichert zu sein, als das in der vorigen Entwicklungsphase parlamentarisch-demokratischer Formierung des bürgerlichen Staates der Fall war. Aus diesem Grunde blieben in den faschistischen Staaten sogar diejenigen Teile der Oberklassen, die durch Einzelentscheidungen der politischen Gewalt benachteiligt wurden, bis zur jeweiligen totalen Katastrophe im Krieg oder doch mindestens bis zur drohenden Katastrophe des Krieges grundsätzlich Anhänger des neuen politischen Systems.«

    Geht man von diesen Überlegungen Abendroths aus und überprüft man die Quellenmaterialien unter diesem Aspekt, so läßt sich die Struktur des faschistischen Herrschaftssystems und des Bündnisses, auf dem es beruhte, wohl doch genauer kennzeichnen, als es die bisherigen Kontroversen erscheinen lassen. Dies ist im Rahmen dieses Buches natürlich nur als Skizze möglich; und zweifellos wird diese Kontroverse den wissenschaftlichen Meinungsstreit der nächsten Zeit noch wesentlich bestimmen. Methodisch besonders wichtig ist dabei, daß die Frage der Inhalte und Ziele faschistischer Politik sorgfältig unterschieden wird von der Frage der Herrschaftsorganisation, also von der Frage, mit Hilfe welcher Techniken, Institutionen und Organisationsformen diese Inhalte durchgesetzt werden.

    Geht man das Problem in dieser Weise an, so läßt sich den Quellen folgende Bündnisstruktur entnehmen: Die Inhalte faschistischer Politik entsprechen im großen und ganzen großkapitalistischen Interessen. Dies gilt für die Zerschlagung der Arbeiterbewegung wie für die Auflösung der mittelständischen Interessenorganisationen, für die Organisation der Betriebe und der Wirtschaft wie für die Verwertung der inländischen und ausländischen Arbeitskräfte, für die Höhe der Profite wie für die Vergabe der Staatsaufträge; und es gilt vor allem für die Vorbereitung und Durchführung des gewaltigen Expansionsprogramms mit dem Ziel der Beherrschung und Ausplünderung Europas.

    Wie dies alles in politische Praxis umgesetzt wurde, wie dabei die faschistische Partei- und Staatsführung mitgewirkt hat, daß diese Politik durch die faschistische Ideologie vorbereitet, unterstützt und in den Massen verankert wurde, daß auch die faschistische Führung selbst diese Politik als ihre eigene verstanden und deshalb mit allen Kräften vorangetrieben hat, ist eine andere Frage, die ebenfalls sehr wesentlich ist, aber von der Frage der Inhalte faschistischer Politik unterschieden werden muß. Sie zielt nicht auf die sozialen Inhalte und Interessen, sondern auf die Organisationsform und auf die politische und ideologische Vorbereitung und Durchsetzung. In diesem Kontext muß dann auch noch genauer untersucht werden, wie der staatliche und soziale Herrschaftsapparat aufgebaut war, in welcher Weise die Vertreter der großen Industrie- und Bankkonzerne im politischen Machtapparat repräsentiert waren und dort mit dem traditionellen Staatsapparat und den Führungsgruppen der faschistischen Partei zusammenwirkten, in welchen Institutionen und in welchem Grade sich die Machtgruppen der »Bündnispartner« miteinander verschmolzen bzw. miteinander konkurrierten. Dies ist aber, um das noch einmal ganz deutlich zu sagen, eine andere Frage als die nach den realen Inhalten und sozialen Interessen der faschistischen Politik.

    Stellt man in diesem Rahmen die Frage nach den Interessen der faschistischen Partei und ihrer Führungsgruppen, so sind diese nicht in Gestalt von mittelständischen, dem Großkapital entgegengesetzten Inhalten faschistischer Politik zu finden. Solche Inhalte gibt es nicht. Soweit einige Konzessionen an Teile der Kleineigentümer gemacht wurden (wie zum Beispiel an die größeren Bauern in Gestalt des Reichserbhofgesetzes), dienten sie zur funktionalen Sicherung und ideologischen Stabilisierung des Gesamtsystems. Auf Konzessionen solcher Art kann kein politisches System gänzlich verzichten, auch nicht der Faschismus. Sogar gegenüber der Arbeiterklasse, deren Organisationen und Interessenvertretungen mit besonderer Konsequenz und Brutalität zerschlagen wurden, hat der Faschismus eine Reihe solcher Konzessionen gemacht, um ein Minimum an Ruhe, Zufriedenheit und mindestens passiver Zustimmung zu sichern. Die Herrschenden waren sich klar darüber, daß ohne diese Voraussetzung das Hauptziel des Systems, der große Expansionskrieg, der den Massen ungeheure Opfer auferlegte, nicht ins Werk gesetzt werden konnte. Tim Mason hat in seiner großangelegten Untersuchung eine Fülle von Belegen erbracht, daß die Herrschenden genau überlegt haben, welche Konzessionen an die Arbeiterklasse notwendig sind, um die Absicherung des Systems und seiner Hauptziele zu gewährleisten. Besonders die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, als die »innere Front« sich allmählich zersetzte und damit die Expansionskraft des Systems bedrohte, nötigte die Herrschenden zu entsprechenden Vorbeugungsmaßnahmen – sowohl in Hinsicht auf das Ausmaß an Terror wie in Hinsicht auf soziale Konzessionen.

    Von solchen Konzessionen zu schließen, daß der Faschismus wesentliche Interessen der Arbeiterklasse und der Mittelschichten zur Richtlinie seiner Politik gemacht habe, ginge also am wirklichen Charakter dieser Politik völlig vorbei. Diese Politik im Ernst als im Interesse der Arbeiterschaft und des Mittelstands und der gesamten »Volksgemeinschaft« aufzufassen, würde bedeuten, noch nachträglich der faschistischen Ideologie auf den Leim zu gehen und die Propaganda des Systems mit seiner Wirklichkeit zu verwechseln. Zu dieser Wirklichkeit gehörte ja auch wesentlich der ungeheure Terror, mit dem alle Versuche, eine Vertretung von Arbeiterinteressen oder Mittelstandsinteressen zu organisieren oder auch nur zu artikulieren, unterdrückt wurden. Die Zehntausende verhafteter und ermordeter Funktionäre der Arbeiterbewegung sprechen hier eine deutliche Sprache.

    Wenn also von Interessen der faschistischen Partei und ihrer Führer im Bündnissystem der faschistischen Diktatur die Rede ist, so muß dies offensichtlich in einer anderen Weise verstanden werden. Die Führungsschichten dieser Partei bestanden zu einem beträchtlichen Teil aus sozial bedrohten, im Abstieg begriffenen, real bereits deklassierten oder gescheiterten Existenzen und Sozialgruppen. Für sie bedeutete die Errichtung der Diktatur die Chance, sich eine gesicherte Existenz und womöglich ein gewisses Maß an sozialen Privilegien zu verschaffen – sei es im Staatsapparat, sei es als Funktionäre einer der vielen faschistischen Massenorganisationen, sei es als Kleineigentümer durch Staatsaufträge usw. Soweit daraus Tendenzen entstanden, die sich strukturell gegen Interessen des Großkapitals richteten, wurden sie, wie oben gezeigt, 1934/35 energisch unterdrückt. Soweit daraus jedoch einfach Bestrebungen erwuchsen, sich gewisse Pfründe und Vergünstigungen zu verschaffen, sich zu bereichern, eine parasitäre Existenz innerhalb des gewaltig aufgeblähten Staats- und Parteiapparats zu sichern usw. wurden sie toleriert und sogar gefördert. Dies war sozusagen der politische und soziale Preis, der für die Herrschenden mit der spezifisch faschistischen Art der Herrschaftssicherung verbunden war.

    Daraus ergaben sich natürlich allerlei Konkurrenzkämpfe zwischen dem etablierten Staatsapparat und den »Emporkömmlingen« der faschistischen Partei. Doch dabei ging es niemals um die grundsätzliche Richtung der faschistischen Politik. In den Quellen ist zwar bei den Vertretern des etablierten Staatsapparats, bei den hohen Beamten und Offizieren ein beträchtliches Maß an sozialer Verachtung gegenüber den »ordinären« und »plebejischen« Elementen der NSDAP und SA zu spüren – ebenso wie umgekehrt ein gewisses Mißtrauen und ein Gefühl der Minderwertigkeit der faschistischen Führer und Mitglieder gegenüber dem »satten« und abgesicherten Bürgertum -, doch hat dies alles nichts zu tun mit grundsätzlichen Differenzen über die Richtung der Politik des Systems.

    Ein zweiter Bereich, in dem sich ein relatives Eigengewicht der faschistischen Partei und ihrer Führer im Bündnissystem des Faschismus manifestierte, ergab sich bereits aus dem Faktum der »Machtübertragung« an diese Partei. In keinem politischen System sind Ökonomie und Politik, ökonomisch herrschende Klasse und politisch Regierende identisch. Der Staat kann seine Aufgabe der Sicherung des sozialen Gesamtsystems überhaupt nur wahrnehmen, wenn er gegenüber allen ökonomischen Einzelinteressen eine relative Selbständigkeit besitzt. Dies ist im Faschismus im Prinzip nicht anders als in der parlamentarischen Demokratie.

    Eine graduelle Differenz ergibt sich allerdings daraus, daß mit der Machtübertragung an die faschistische Partei und der Errichtung einer faschistischen Diktatur das Prinzip des relativ weiten und offenen Pluralismus verschiedener Kräfte mit der Chance des politischen Machtwechsels abgelöst wurde durch ein System, in welchem dauerhaft eine politische Kraft, nämlich die faschistische Partei, im Besitz der politischen und staatlichen Gewalt war und alle anderen politischen Kräfte terroristisch unterdrückt waren. Und eben diese faschistische Art der Herrschaftssicherung – nämlich die gewaltsam-terroristische Zerschlagung und Niederhaltung der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen – bedingte eine enorme Ausweitung des staatlichen Unterdrückungsapparats im Vergleich zur parlamentarischen Demokratie.

    Dies alles hatte natürlich zur Konsequenz, daß die relative Selbständigkeit dieser Staatsgewalt größer war, zumal die reale Möglichkeit, einen politischen Machtwechsel herbeizuführen, ohne das soziale Gesamtsystem zu gefährden, stark verringert, ja weitgehend abgeschnitten war. Die ökonomisch Herrschenden waren auf diese faschistische Führung in einem viel höheren Maße »angewiesen«, als sie dies etwa im Fall der verschiedenen Regierungen der Weimarer Republik oder der Bundesrepublik waren. Alle diese Regierungen waren ohne größere Schwierigkeiten ersetzbar. Dies galt nicht für die faschistische Regierung. Dieses wechselseitige Aufeinanderangewiesensein ist es, was den Begriff des »Bündnisses« gerechtfertigt erscheinen läßt – ein Begriff, der im Fall von parlamentarischen Regierungen gänzlich verfehlt wäre.

    Das System hatte mit der Errichtung der Diktatur 1933 sozusagen die Brücken hinter sich abgebrochen. Wie schwierig die Rückkehr zu »normalen« Verhältnissen des parlamentarischen Systems mit seiner Chance des politischen Machtwechsels ist und wie groß dabei die Gefahr der sozialen Alternativen anwachsen kann, haben 1943 Italien und in jüngster Zeit die Beispiele Portugal, Griechenland und Spanien gezeigt, obgleich diese Staaten keineswegs im gleichen Maße die Brücken hinter sich abgebrochen hatten. Für den deutschen Faschismus zeigt dies die Periode 1943 bis 1945, als erhebliche Teile der herrschenden Klasse die politischen Machthaber gern abgelöst hätten, doch einerseits die daraus resultierenden Gefahren einer Aktivierung der Massen und einer revolutionären Bedrohung fürchteten, andererseits vor dem Problem standen, gegenüber der seit 1933 und dann besonders im Krieg enorm ausgebauten staatlichen Gewaltmaschinerie, die 1933 den faschistischen Führern übertragen worden war, eigene politische Machtmittel zu mobilisieren. Die Schwächen und Widersprüche des Putschversuchs vom Juli 1944 erklären sich zu einem beträchtlichen Teil aus dieser Sachlage. […]

    Reinhardt Kühnl
    Veröffentlicht 1979

  • Arbeiterklasse und Faschismus

    Arbeiterklasse und Faschismus

    Arbeiterklasse und Faschismus

    Die Frage nach dem Verhältnis des Faschismus zur Arbeiterklasse in der Phase seiner Herausbildung hat in letzter Zeit im Zuge der ideologischen Auseinandersetzung mit bürgerlichen Faschismustheorien – wie etwa der pseudomarxistischen Bonapartismustheorie und der Deutung des Faschismus als einer originären kleinbürgerlichen Protestbewegung – sehr an Bedeutung gewonnen.1 In meinem Beitrag wird diese Frage am deutschen Beispiel untersucht.

    Vor dem ersten Weltkrieg bildeten sich in der imperialistischen Bourgeoisie zwei entgegen gesetzte Haltungen der Arbeiterklasse gegenüber heraus, denen die von Lenin beschriebenen beiden unterschiedlichen Methoden des Regierens entsprachen.2 Die “modernen” Vertreter der imperialistischen Bourgeoisie – sie waren vorwiegend in den neuen Industriezweigen Elektro- und Chemieindustrie zu finden – und ihre Ideologen und politischen Interessenvertreter hatten in Deutschland bereits um die Jahrhundertwende erkannt, dass die Abstützung der kapitalistischen Ordnung lediglich durch das Bürger- und Kleinbürgertum nicht länger ausreichte, dass man sich vielmehr auch um eine Massenbasis in der Arbeiterklasse bemühen musste. Die Möglichkeit einer solchen Abstützung erblicken sie in dem bereits im Gange befindlichen Prozess der Umwandlung der revolutionären Sozialdemokratie in eine sozialliberale Reformbewegung. Im Übergang der Führung der deutschen Sozialdemokratie und der von ihr geleiteten Gewerkschaften am 4. August 1914 auf die Position der Vaterlandsverteidigung erblickten diese Vertreter der deutschen Monopolbourgeoisie eine durchschlagende Bestätigung der Richtigkeit ihres Kurses.

    Ihnen standen die Vertreter des “harten Kurses”, der Gewaltpolitik und der Verweigerung aller Zugeständnisse an die Organisationen der Arbeiterklasse gegenüber, die vor allem in der Schwerindustrie und natürlich bei den Junkern zu Hause waren. Die einzigen Organisationen, die sie den Arbeitern zugestanden, waren die unter dem Patronat der Unternehmer stehenden “Werkvereine”. Diese Haltung hatte ökonomische und politische Ursachen. Ökonomische: Es handelte sich dabei in der Regel um Vertreter solcher Industriezweige, die nicht im gleichen Maße gewinnträchtig waren wie die neuen Industrien und einem schärferen Konkurrenzkampf auf dem Weitmarkt ausgesetzt waren. Politisch: Die Vertreter dieser Richtung wurden zumeist auch durch ihre politische Borniertheit daran gehindert, die vor sich gegangenen Veränderungen im Klassenkräfteverhältnis, das rasche Wachstum des Gewichtes der Arbeiterklasse, gebührend einzuschätzen. Sie hielten nach wie vor die Schaffung einer Massenbasis für die bürgerliche Ordnung in der Arbeiterklasse nicht nur für unmöglich, sondern auch für unnötig.

    Daran änderte sich erst etwas – dann aber verhältnismäßig rasch – in den Jahren des ersten Weltkrieges, vor allem aber nach dem Sieg der Oktoberrevolution in Russland und nach der Novemberrevolution in Deutschland, also nach dem Eintritt des Kapitalismus in das Stadium seiner allgemeinen Krise. Der Krieg machte es auch den borniertesten Junkern und Militaristen klar, dass die Herrschenden ohne die Unterstützung wenigstens durch einen beträchtlichen Teil der Arbeiterklasse unfähig waren, ihren imperialistischen Zielen näher zu kommen. Die Oktoberrevolution schreckte die deutsche Bourgeoisie auf durch den Beweis, dass das Proletariat nicht nur die zahlenmäßige Stärke, sondern – zumindest in Russland – auch die politische Reife erlangt hatte, um der Bourgeoisie ,,das letzte Gefecht” zu liefern.

    In die Jahre des ersten Weltkrieges fallen somit nicht zufällig die ersten Versuche von Vertretern des ,,harten” Kurses, auch in der Arbeiterschaft eine Basis für ihre Politik zu gewinnen. Diese Versuche hatten mit der bisherigen Politik dieser Kreise gemeinsam, dass sie nach wie vor auf die Ausschaltung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften gerichtet waren. Während die Vertreter der ,,wendigen” imperialistischen Politik die Arbeiter mit Hilfe der sozialdemokratischen und Gewerkschaftsführer vor den imperialistischen Karren spannen wollten, war das ausgesprochene Ziel der anderen bourgeoisen Fraktion die sog. ,,Nationalisierung” der deutschen Arbeiter und ihre ,,Befreiung” von ihren bisherigen sozialdemokratischen Führern, wie das in ihrer Terminologie hieß. Unverändert, jedoch bis zum äußersten Vernichtungswillen gesteigert, blieb der Hass gegenüber der organisierten Arbeiterbewegung. Der alte Wunsch nach Zerschlagung der Arbeiterbewegung verschmolz jetzt mit dem Wunsch nach einer starken Stütze in der Arbeiterschaft zu einem neuartigen Bedürfnis, dem Bedürfnis nach Erfüllung der zweieinigen Aufgabe des Vernichtungskampfes gegen die Arbeiterbewegung bei gleichzeitiger Gewinnung breiter Kreise der Arbeiter.

    Zur Lösung einer solchen Doppelaufgabe war jedoch keine der vorhandenen Organisationen auf der politischen Rechten geeignet. Dieser Umstand rief das Bedürfnis nach einer neuen Organisation hervor, die fähig sein würde, diese Doppelaufgabe zu lösen. Im Kapitalismus hat das Gesetz von Nachfrage und Angebot auch im Bereich der Politik Geltung. Die neuartige Organisation entstand mit Notwendigkeit, nachdem die Nachfrage nach ihr sich stark und deutlich genug auf dem Markt der Politik bemerkbar gemacht hatte. Sie entstand jedoch nicht als fertiges Gebilde, sondern entwickelte sich aus verschiedenen Organisationskeimen.

    Die meisten solcher Keime wurden von Mitgliedern des Alldeutschen Verbandes gepflanzt; dieser Verband besaß bekanntlich enge Beziehungen zu Vertretern der Schwerindustrie (Emil Kirdorf, Albert Vögler, Alfred Hugenberg, Paul Reusch u.a.) und des Großgrundbesitzes (Graf Arnim-Muskau, Udo Graf zu Stolberg-Wernigerode, Gertzlaff von Hertzberg-Lottin, Baron von Manteuffel-Katzdangen u. a.). Die faschistische Partei als schließliches Ergebnis dieser Bemühungen wurde nicht erfunden, sondern als die am besten den neuen Bedürfnissen der reaktionärsten Kreise der imperialistischen Bourgeoisie entsprechende Organisation in einer Art Ausleseprozess gefunden. Dieser Prozess war besonders deshalb langwierig, weil gerade die genannten Kreise der Bourgeoisie erst dann bereit waren, die Gründung einer nach außen hin vor ihr unabhängigen ,,nationalen Arbeiterpartei” zu unterstützen, nachdem sie erwiesen hatte, dass alle anderen Organisationsformen nicht zum Ziele führten.

    Am Anfang stand der Versuch, die Arbeiter im Rahmen der als ,,Volkspartei” deklarierten, am 3. September 1917 gegründeten extrem nationalistischen ,,Deutschen Vaterlandspartei” an die Seite des ,,nationalen” Bürgertums zu ziehen.3 Hinter dieser Gründung standen maßgebliche Kreise der Monopolbourgeoisie, des Junkertums und der Militaristen. Vorsitzender war der Großadmiral Alfred v. Tirpitz, zweiter Vorsitzender der Vertrauensmann der ostpreußischen Junker Wolfgang Kapp, führender Alldeutscher und seit 1912 Mitglied des Aufsichtsrates der Deutschen Bank. 4

    Trotz großer Bemühungen – so wurde z. B. in der Parteileitung eine ,,Arbeiterabteilung” mit der Aufgabe der Werbung und ,,nationalpolitischen Aufklärung” unter den Arbeitern eingerichtet5 erwies sich der Versuch als glatter Fehlschlag. Die Masse der Arbeiter erkannte in dieser Vaterlandspartei die Interessenvertretung ihrer schlimmsten Feinde. Bei den Hintermännern der Vaterlandspartei setzte sich die Erkenntnis durch, dass es ein vergebliches Unterfangen war, größere Massen von Arbeitern durch Organisationen gewinnen zu wollen, die von Vertretern der Bourgeoisie geführt wurden. Aus diesem Grunde wurde an alte Pläne angeknüpft, die ,,Gelben” – die wirtschaftsfriedlichen Werkvereinsverbände – zum Ausgangspunkt für die Schaffung einer ,,nationalen” Arbeiterorganisation zu machen, die nach außen hin organisatorisch selbständig war.

    Schon im Sommer 1917 hatte der Leiter eines Werkvereins in einem Kruppschen Betrieb in Bremen, Wilhelm Wahl, in enger Zusammenarbeit mit dem 1916 von der Alldeutschen lancierten ,,Unabhängigen Ausschuss für einen deutschen Frieden” einen ,,Freien Ausschuss für einen Deutschen Arbeiterfrieden” gegründet, der zum Ausgangspunkt für die Gründung entsprechender Ausschüsse in anderen Orten Deutschlands wurde.6 So begann z. B. Anton Drexler, Gründer der DAP, aus der bekanntlich die NSDAP hervorging, seine politische Laufbahn als Gründer eines “Freien Arbeiterausschuss für einen guten Frieden” in München. Wilhelm Wahl wie auch Drexler beabsichtigten, durch eine sozialimperialistische Propaganda, die sich einer antikapitalistischen Demagogie – allerdings nur gegenüber dem Kapitalismus der Ententemächte, insbesondere gegenüber England – bediente, Einbrüche in die Reihen der sozialdemokratischen Arbeiter zu erzielen.7 Drexler trat um dieses Zieles willen aus der Vaterlandspartei aus und wurde Mitglied im freigewerkschaftlichen Eisenbahnerverband, um eine größere Agitationsbasis zu erhalten.8

    Nach dem Januarstreik von 1918 wurden von schwerindustrieller Seite und von der militärischen Spitze verstärkt Bemühungen unternommen, die “Gelben” noch in anderer Weise als organisatorische Basis in der Arbeiterschaft für die Abstützung der Expansionspolitik des deutschen Imperialismus zu benutzen. Paul Reusch, Generaldirektor des Hanielkonzerns, aber auch Hindenburg und Ludendorff betrieben den Zusammenschluss aller “gelben” Vereine zu einer “Arbeitsgemeinschaft“. Sie hofften, dadurch eine Organisation mit mindestens einer halben Million Arbeitermitgliedern als eine ,,geschlossene Macht“ zu erhalten, stark genug, auf die Regierug Druck auszuüben bzw. ihr als Stutze zu dienen. 9

    Andere Kreise, voran Wolfgang Kapp, gelangten zu der Überzeugung, dass man noch weitergehen müsse, bis zur Gründung einer ,,nationalen Arbeiterpartei“. Kapp gehörte zu denjenigen, die schon relativ früh auch in der sozialdemokratisch und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft ideologische Eroberungen machen wollten.10 Als ihm Anfang November 1917 Wilhelm Gellert, ein Angestellter des Kalisyndikats, der schon längere Zeit in der Angestelltenbewegung tätig war, den Plan der Gründung eine Arbeiter- und Angestelltenpartei unterbreitete, lieh er ihm seine volle Unterstützung.

    Die Argumente Gellerts, die Kapp offenkundig einleuchteten, zeigten, wie viel die Kreise, die von Kapp repräsentiert wurden, im Verlaufe des Krieges hinsichtlich der Massenbehandlung, insbesondere der Behandlung von Arbeitern, dazugelernt hatten; sie zeigten aber zugleich auch die Grenzen ihrer Lernfähigkeit. Gellert führte Kapp gegenüber aus, die ,,Rettung von der sozialdemokratischen Verseuchung“ könne nur durch eine nationale Bewegung kommen, die sich die Arbeiter und Angestellten selbst schüfen. Er denke sich ,,die Deutsche Arbeiterpartei nicht als ein Anhängsel der Vaterlandspartei, sondern als völlig selbständige Partei, weil sie nur als solche Aussicht hätte, gegen die Sozialdemokratie aufkommen zu können“. Die Vaterlandspartei dürfte, so Gellert, “kaum tief in die Arbeiterschaft eindringen, wohl aber vermag das eine reine Arbeiterpartei, die zunächst fast die gleichen Ziele hat.“ 11

    Mit Unterstützung Kapps und der Führung der Vaterlandspartei gründete Gellert im Februar 1918 die ,,Deutsche Arbeiter- und Angestellten-Partei“ (DAAP); durch Kapps Fürsprache wurde er im Sommer 1918 vom Kalisyndikat für seine Tätigkeit als Vorsitzender der Partei freigestellt12.

    Die Gründung dieser Partei war nicht nur für den Augenblick gedacht, sondern erfolgte vor allem in Hinblick auf die Zeit nach dem Kriege. Mit dieser Gründung sollte, so wieder Gellert, eine dauerhafte ,,Wendung in der Arbeiterbewegung nach der vaterländischen Seite hin“ herbeigeführt werden. Falls eine solche Partei nicht geschaffen werde und die Arbeiterschaft nach ihrer Rückkehr aus dem Felde nur die alten Organisationen vorfinde, bleibe ihr gar nichts anderes übrig, als diesen wieder beizutreten ,,so dass sich für den Sozialismus wieder Gelegenheit bietet, Triumphe zu feiern.“13 Wenn eine Wendung herbeigeführt werden solle, dann dürfe nicht neuer Wein in alte Schläuche, d. h. in schon bestehende Organisationen, gegossen werden, sondern ,,man muss etwas Neues schaffen“. Nur dann habe man die Möglichkeit, ,,die Arbeiterbewegung in eine bestimmte Richtung, wie man sie für richtig und den Arbeitern wie dem Reiche für nützlich hält, zu lenken.“14

    Mit aller Deutlichkeit ist hier zum Ausdruck gebracht, worum es den reaktionärsten Kreisen der herrschenden Klasse ging: nicht nur um ein Gegengewicht gegen die bisherige Arbeiterbewegung, sondern um deren Beseitigung und Ersetzung durch eine von jenen Kreisen gelenkte nationalistische Pseudo-Arbeiterbewegung.

    So deutlich Gellert das Ziel zu formulieren verstand, so sehr fehlte ihm die Fähigkeit eines massenwirksamen Agitators. Zwar unterschied sich der Gründungsaufruf seiner Partei kaum von dem späterer ähnlicher Gründungen, darunter auch der Drexlerschen Deutschen Arbeiterpartei; vielmehr enthielt er schon deren antikapitalistische Demagogie und antisemitische Hetzparolen. Doch gingen diese mehr auf das Konto seiner Hintermänner aus der Vaterlandspartei als auf sein eigenes.15 Gellert selbst war von lächerlichem Stolz darüber erfüllt, dass ihm der “Aufstieg“ vom Arbeiter zum Angestellten gelungen war, und er war beschränkt genug, diesen seinen persönlichen “Erfolg“ als Modell des Aufstiegs für alle Arbeiter zu betrachten und zu propagieren. In einem antigewerkschaftlichen Flugblatt seiner Partei aus dem April 1919 gab er auf die Frage, wie der “Arbeitnehmer“ seine Lage verbessern könne, zur Antwort: “So, wie es immer gewesen ist, ehe es Gewerkschaften gab, und wie es auch heute noch der Strebsame tut: durch Emporsteigen des Einzelnen von Stufe zu, durch Stellenwechsel, durch Selbständigmachung… Die Stellung als Arbeitnehmer muss gleichsam nur eine Übergangszeit sein für den, der emporstrebt.“16

    Es nimmt nicht wunder, dass die DAAP bei einem solchen Programm ihres Vorsitzenden weder bei den Arbeitermasse noch bei jenen kleinbürgerlichen Elementen Anklang fand, deren Sorge nicht darin bestand, auf der sozialen Stufenleiter weiter voranzukommen, sondern darin, nicht auf die untersten Sprossen hinab gestoßen zu werden. Im August 1920 hörte sie zu existieren auf.

    Aber ihre Gründung war ein wichtiger Markstein auf dem Wege der Herausbildung einer Partei faschistischen Typs. Sie war entstanden als Folge der Einsicht der Hintermänner der Vaterlandspartei, “dass die Parolen Nationalismus und Wirtschaftsfrieden durch neue ideologische Versatzstücke ergänzt werden müssten ebenso wie das praktizierte Organisationsmodell durch parteipolitische Neubildungen“, wollte man Arbeiter und Angestellte “links von den Gelben“ mobilisieren.“17

    Dass nunmehr auch diese reaktionärsten Kreise der herrschenden Klasse Deutschlands dies wollten, war eine bedeutsame Neuorientierung. Sie war eine Folge des Eintritts des Kapitalismus in das Stadium seiner allgemeinen Krise und gab den unmittelbaren Anstoß für die Bereicherung des Feldes der bürgerlichen Parteien durch Parteigebilde faschistischen Typs.

    Zunächst allerdings zwang die Novemberrevolution die Vertreter aller Fraktionen und Flügel der Monopolbourgeoisie auf die Linie derjenigen, die in der “Arbeitsgemeinschaft“ mit der Sozialdemokratie, mit den reformistischen Gewerkschaften, das geeignetste Mittel zur Rettung vor dem Bolschewismus und zur Rekonsolidierung der bürgerlichen Ordnung sahen.

    Kaum war jedoch die akute Gefahr für die kapitalistische Ordnung in Deutschland gebannt, als auch schon die scharfmacherischsten Kräfte der Monopolbourgeoisie und ihre politischen Handlanger auf ihre alte Linie zurückschwenkten und darangingen, die politischen, ideologischen und organisatorischen Voraussetzungen für den Kampf zum Sturz der aus der Revolution hervorgegangenen Republik zu schaffen.

    Eine von den vielen Organisationen, die diesen Bemühungen ihr Entstehen verdankten, war die von Anton Drexler mit tatkräftiger Unterstützung seiner alldeutschen Hintermänner am 5. Januar 1919 gegründete “Deutsche Arbeiterpartei“. Bereits der Name dieser Gründung weist darauf hin, dass Drexler und seine Mentoren mit dieser Partei die schon mit dem “Arbeiterausschuss für einen guten Frieden“ begonnenen Versuche fortzusetzen gedachten, vor allem in der Arbeiterschaft eine breite Basis für die extrem nationalistische und reaktionäre Politik der Alldeutschen und der hinter ihnen stehenden monopolistischen Kreise zu schaffen.

    Drexler hatte vieles mit seinem Vorläufer Gellert gemeinsam. Wie diesem schwebte ihm als Ziel seiner Gründung vor, die Masse der Arbeiter dem Einfluss der Sozialdemokratie und der “Spartakisten“ – die KPD war gerade erst gegründet worden – zu entziehen. Wie Gellert ging er davon aus, dass dieses Ziel nicht mit einer offen bürgerlichen Partei zu erreichen war, sondern nur mit einer Partei, die sich als Arbeiterpartei deklarierte. Wie Gellert war er bei dieser seiner Gründung nur eine Figur im politischen Spiel seiner großbürgerlichen Hintermänner. Und schließlich war er auch darin Gellert ähnlich, dass sein kleinbürgerliches Aufstiegsdenken es ihm ganz unmöglich machte, seiner Partei Anziehungskraft auf andere als bereits im kleinbürgerlichen Denken befindliche Arbeiter zu verschaffen; wie Gellert fand er nicht einmal wirksame Parolen für jene Kleinbürgermassen, die später von der NSDAP unter seinem Nachfolger Hitler mobilisiert wurden. In den Richtlinien, die er auf der Gründungsversammlung der DAP bekannt gab, hatte er zwar seine Partei als eine “sozialistische Organisation“ bezeichnet, im übrigen aber Gedanken zu Papier gebracht, die seine mangelnde Qualifikation für die Lösung der Aufgabe, die er sich selbst gestellt hatte, deutlich zutage treten ließen. Da hieß es beispielsweise, die DAP wolle “die Adelung des deutschen Arbeiters“; jeder ansässige Arbeiter habe ein Recht, zum Mittelstand gerechnet zu werden; es müsse ein scharfer Trennungsstrich zwischen Arbeiter und Proletarier gezogen werden.18 Kein Zweifel, unter Drexlers Führung war die DAP auf die Dauer zum gleichen Schicksal verurteilt wie die Gellertsche DAAP.

    Wenn sie davor bewahrt blieb, dann verdankte sie das vor allem einigen Offizieren des in München stationierten bayerischen Reichswehr-Gruppenkommandos, insbesondere dem Leiter der Nachrichtenabteilung, Hauptmann Karl Mayr, und Hauptmann Ernst Röhm, Stabsoffizier des Infanterieführers der bayerischen Division, Ritter von Epp.

    Die deutschen Militärs hatten nicht weniger, sondern eher noch mehr als die Monopolherren im Kriege die Erfahrung machen müssen, dass ohne einen starken Rückhalt in der Arbeiterschaft kein Krieg zu führen, geschweige denn zu gewinnen ist. Diesen Rückhalt zu erlangen, war deshalb eine ihrer dringlichsten Sorgen geworden. Dabei trat in ihren Reihen die gleiche Differenz über den Lösungsweg zutage wie innerhalb der Monopolbourgeoisie: während der überwiegende Teil zunächst keine andere Möglichkeit sah, als diesen Rückhalt in der Sozialdemokratie und den reformistischen Gewerkschaften zu suchen – diese Richtung wurde vor allem von General Wilhelm Groener und seinem engen Mitarbeiter, dem damaligen Oberleutnant Kurt von Schleicher, zeitweilig auch von General Hans von Seeckt repräsentiert -, strebten andere, an ihrer Spitze General Erich Ludendorff – für das “nationale“ Deutschland der “größte Feldherr“ des Weltkrieges – nach möglichst rascher und gründlicher Vernichtung der Sozialdemokratie (und natürlich erst recht der Kommunistischen Partei) und nach Schaffung einer “nationalen“ Arbeiterbewegung. Darum nahm er sich nach seiner Übersiedlung nach München auch der NSDAP und ihres Führers Hitler an. In ihr sah er die Organisation, die geeignet war, “den international denkenden Arbeiter wieder national“ zu machen; das aber war nach seiner Überzeugung die Voraussetzung für ein Wiedererstarken des deutschen Imperialismus und Militarismus. 19

    Auf der Suche nach brauchbaren Ansätzen für eine “nationale“ Arbeiterpartei hatte schon vorher die Drexlersche DAP das Interesse von Hauptmann Mayr erweckt. Er entschloss sich, den Versuch zu unternehmen, aus dieser Partei eine Organisation zu machen, die sich für den militanten Einsatz gegen die Arbeiterparteien und die Republik wie für die “Nationalisierung“ der Arbeiterschaft gleichermaßen eignen sollte. Aus diesem Grunde schickte er einige seiner Schützlinge, darunter auch den damals noch der Truppe angehörenden Adolf Hitler, zur Beobachtung und Berichterstattung in Versammlungen dieser Partei. Er wollte aus der “nationalen Arbeiterpartei“ einen “starken Stoßtrupp“ machen für den Kampf gegen die Republik, wie er an den nach dem Scheitern seines Putsches nach Schweden geflohenen Wolfgang Kapp im September 1920 schrieb. In diesem Brief berichtete er, dass er sich bereits seit Juli 1919 mit der Stärkung der DAP beschäftige, für die er schon “sehr tüchtige junge Leute auf die Beine gebracht“ habe, darunter einen “Herr Hitler“, der “eine bewegende Kraft geworden“ und “ein Volksredner 1. Ranges“ sei. 20

    In einer Denkschrift des Ritters von Epp vom Dezember 1922 wurde über die NSDAP ausgeführt: “Die unter der Regierung Kahr in den bürgerlichen und bäuerlichen Kreisen geweckten nationalen Kräfte haben durch die nationalsozialistische Bewegung Hitlers in den Arbeiterkreisen starke Bundesgenossen gefunden.“21 Epp war mit dieser Einschätzung zwar Opfer einer übertreibenden Information geworden; aber sie zeigt doch, worin diese Kreise den spezifischen Auftrag für die Nazipartei erblickten. Das wird noch erhärtet durch die Ausführungen des deutschnationalen Abgeordneten Friedrich Hilpert im bayerischen Landtag; er gab dort im Juli 1920 seiner Erwartung und Hoffnung Ausdruck, dass die NSDAP den “nationalen Gedanken“ in die deutsche Arbeiterschaft tragen werde; denn solange dieser Gedanke nur die bürgerlichen Parteien erfasse, könne er die Gesundung nicht herbeiführen22.

    Dies blieb während der gesamten Dauer der Weimarer Republik eine der beiden hauptsächlichen Erwartungen gegenüber der NSDAP. Das soll an einigen wenigen Beispielen nachgewiesen werden. Am 20. Juni 1926 schrieb die Rheinisch-Westfälische Zeitung, ein Sprachrohr des Ruhrberghaus, in ihrem Bericht über einen Auftritt Hitlers vor Ruhrindustriellen: “Die Tatsache, dass man der Einladung zu diesem Vortrag seitens der ersten Wirtschaftskreise so zahlreich gefolgt war, beweist am besten, zu welcher Bedeutung die nationalsozialistische Bewegung unter der Führung Adolf Hitlers bereits gelangt ist. Sie muß um so mehr auch von der Wirtschaft beachtet werden, als sie sich ja in erster Linie auf den Arbeiter erstreckt und um dessen deutsche Seele ringt.“23

    Im August 1930 kennzeichnete das Mitteilungsblatt der Parteiführung der DNVP die von ihr gewünschte Arbeitsteilung zwischen Nazipartei und DNVP folgendermaßen: “Das Ziel einer möglichst beschleunigten politischen Entwicklung im Sinne der nationalen Rechten ist aber nur dann zu erreichen, wenn die Deutschnationale Volkspartei in möglichst weitgehendem Maße alle entschieden national, aber zugleich auch privatwirtschaftlich eingestellten Bevölkerungskreise zusammenfasst, und wenn der Nationalsozialismus die Aufgabe übernimmt und durchführt, Sozialisten internationaler Denkungsart zu Sozialisten nationaler Denkungsart zu machen.“24

    Voller Enttäuschung vermerkte die großbürgerliche Berliner Börsenzeitung in einer Betrachtung zum Wahlergebnis des 14. September 1930: “Die Tatsache besteht dass die rote Burg des Marxismus in der gegenwärtigen Wellenbewegung dieser Wahl sich als unerschütterlich erwiesen hat… Es ist den Nationalsozialisten nicht gelungen, die Idee zu verwirklichen, …die deutsche Arbeiterschaft dem Internationalismus zu entreißen und den deutschen sozialistischen Arbeiter zum Nationalismus zu erziehen.“25

    Die Naziführer waren sich des Auftrages zur “Nationalisierung der Arbeiterschaft“ voll bewusst und unternahmen nicht geringe Anstrengungen, ihm gerecht zu werden. Hitler selbst pries sich und seine Partei in allen Reden, die er an die Adresse seiner monopolistischen Gönner, Finanziers und Auftraggeber richtete, als die einzige Kraft an, die einen solchen Auftrag zu erfüllen fähig sei.

    1922 richtete Hitler einen Bettelbrief an Unternehmerkreise, dessen Argumentation zeigt, dass er ausgezeichnet begriffen hatte, worauf es den Kräften der herrschenden Klasse, denen er sich anbot, ankam. In dem Schreiben gab er nämlich eine ziemlich exakte Formulierung für die Doppelaufgabe der Vernichtung der Arbeiterbewegung und der Gewinnung der Arbeiterschaft. Er schrieb: “Ihr (der NSDAP – K. G.) Ziel heißt ganz kurz: Vernichtung und Ausrottung der marxistischen Weltanschauung. Mittel hierzu sollen sein 1. eine unvergleichliche, genial aufgezogene Propaganda- und Aufklärungsorganisation, alle Möglichkeiten menschlicher Beeinflussung erfassend, 2. eine Organisation rücksichtsloser Kraft und brutalster Entschlossenheit, bereit, jedem Terror des Marxismus einen noch zehnfach größeren entgegenzusetzen, die so genannte ,Sturmabteilung’ der Bewegung.“26 Und weiter: “Solange auch nur bei einem Drittel unseres Volkes diese Verneinung des Staates und des eigenen Volkstums vorhanden ist, ist jeder Wiederaufstieg… unmöglich… Tatsächlich stellt die Summe der ,international-marxistisch’ eingestellten Angehörigen unseres Volkes über 40 % unserer Gesamtbevölkerung dar. Eine entsetzliche Wahrheit besonders deshalb, weil in diesen 40 % die aktivsten, tatkräftigsten Elemente der Nation zur Zeit vereinigt sind.“27 Hier haben wir das Grundmuster der Argumentation nahezu aller Hitlerreden vor Vertretern des Monopolkapitals: den Hinweis darauf, dass die Hälfte des deutschen Volkes internationalistisch-marxistisch eingestellt sei; die Feststellung, solange das so sei, könne es keinen “Wiederaufstieg“ geben, und die Behauptung, nur die NSDAP sei imstande, erstens den Marxismus auszurotten, zweitens die Arbeiterschaft für die “Nation“ wiederzugewinnen. Auch dafür einige wenige Beispiele.

    Am 28. Februar 1926 sprach Hitler vor den Großindustriellen und Großkaufleuten Hamburgs. Dabei führte er aus: “Mehr als die Hälfte aller erwachsenen männlichen und weiblichen Einwohner ist bewusst antideutsch eingestellt… Die Frage der deutschen Wiedererhebung ist eine Frage der Vernichtung der marxistischen Weltanschauung in Deutschland. Wenn diese Weltanschauung nicht ausgerottet wird, wird Deutschland niemals wieder emporsteigen. Wir haben 15 Millionen, die bewusst und gewollt antinational eingestellt sind, und solange diese 15 Millionen, die den lebendigsten und kräftigsten Teil repräsentieren, nicht in den Schoß des gemeinsamen Nationalgefühls und Empfindens zurückgeführt werden, ist jede Rede von Wiederaufstieg und Wiedererhebung Geschwätz und ohne jede Bedeutung. …Die Zertrümmerung und Vernichtung (der marxistischen Weltanschauung), das ist etwas wesentlich anderes, als das, was die bürgerlichen Parteien als Ziel vor Augen haben. Den bürgerlichen Parteien schwebt als Ziel nicht die Vernichtung vor, sondern nur ein Wahlsieg.”28

    Als Hitler im Jahre 1927 Kirdorf persönlich seine Gedanken vortragen durfte (die er später auf Wunsch Kirdorfs in einer Broschüre schriftlich niederlegte),29 führte er aus: “Das deutsche Volk zerfällt immer stärker in zwei sich todfeindlich gegenüberstehende Lager… die Voraussetzung zu einer wirklichen Wiedererhebung der deutschen Nation ist… die Wiedergewinnung der inneren Kraft der Nation, die in einer allgemeinen solidarischen Erkenntnis über die Notwendigkeit ihres Bestandes und der daraus sich ergebenden Verbundenheit liegt… Die nationalsozialistische Bewegung erkennt… als wesentlichste Voraussetzung für die Bildung eines einheitlichen Nationalkörpers die restlose Eingliederung des so genannten vierten Standes in die Volksgemeinschaft. …Sie wünscht, dass diese Millionenmassen unseres Volks gutes aus den Händen ihrer derzeitigen internationalen, meist undeutschen Verführer und Leiter genommen wird und ihre volle Eingliederung in den Rahmen der Nation und des Staates finden. Sie vollzieht zunächst diesen Prozess vorbildlich in ihren eigenen Reihen und liefert damit den Beweis für die Möglichkeit der Durchführung des Entschlusses.“30 Nachdrücklich betonte Hitler, dass die NSDAP sich die Vernichtung der Weimarer Republik zum Ziele setze: sie sei, so führte er aus, “kein Wehrverband zum Schutze des heutigen Staates, sondern eine Kampforganisation zur Überwindung desselben und zur Schaffung eines neuen Reiches.“31

    In seiner berühmt-berüchtigten Rede vor den führenden Monopolisten am 26.Januar 1932 griff Hitler wieder auf die gleichen Leitmotive zurück: “Wie soll ein Volk überhaupt noch einen Faktor nach außen darstellen, wenn 50 Prozent am Ende bolschewistisch orientiert sind und 50 Prozent nationalistisch oder antibolschewistisch? …es ist undenkbar, ein starkes und gesundes Deutschland zu schaffen, wenn 50 Prozent seiner Angehörigen bolschewistisch und 50 Prozent national orientiert sind!“32 Und: “Der Marxismus muss ausgerottet werden! Und wenn man uns unsere Unduldsamkeit vorwirft, so bekennen wir uns stolz zu ihr – ja, wir haben den unerbittlichen Entschluss gefasst, den Marxismus bis zur letzten Wurzel in Deutschland auszurotten. …70 Jahre lang haben die bürgerlichen Parteien Zeit zum Arbeiten gehabt. Wo ist die Organisation, die sich mit der unsrigen vergleichen könnte? Wo ist die Organisation, die so wie die unsrige, …wenn notwendig, 400.000 Männer auf die Straße hinausbringt, die blinden Gehorsam in sich tragen, die jeden Befehl vollziehen…?33

    Aber nicht nur Hitler, auch andere Naziführer ließen sich ganz ähnlich oder noch pointierter zu diesem Thema aus. So schrieb etwa Reinhold Muchow, der spätere Reichs¬organisations¬leiter der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO), im November 1928 in der Berliner Arbeiter-Zeitung des Strasserschen Kampf-VerIages: “Viele Energien der Nationalsozialisti¬schen Partei werden nutzlos verschwendet für die Gewinnung von Volksgenossen aus den Wehrverbänden, Bünden, sogar bürgerlich-nationalen Parteien… Die Gefahr ist sehr groß, dass wir durch diesen Opportunismus auf die Ebene einer radikalisierten Nur Antisemiten- und Kleinbürgerpartei abrutschen.“ Die eigentliche Mission sei jedoch, wie es Hitler klargestellt habe, die Gewinnung des deutschen Arbeiters.34

    Einer der adligen Naziführer, der allerdings immer eine Sonderrolle spielte, Ernst Graf zu Reventlow, schrieb gar im Mai 1930: “Die Gewinnung eines einzigen Arbeiters für die nationalsozialistische Bewegung ist unendlich wertvoller als Beitrittserklärungen von einem Dutzend Exzellenzen, überhaupt von ,gehobenen’ Persönlichkeiten.“35

    Alle diese Ausführungen, besonders aber die Hitlerschen, machen deutlich, dass die Naziführer sich der Rolle und Bedeutung ihrer Partei als einer Spezialorganisation der herrschenden Klasse zur Lösung der neuartigen Doppelaufgabe völlig bewusst waren. Sie machen auch deutlich, dass die Kombination von Terror und Sozialdemagogie von den Naziführern ganz bewusst für die Lösung dieser Aufgabe eingesetzt wurde.

    Damit kommen wir zur Beantwortung einer weiteren Frage: Welche Auswirkungen hatten diese Bemühungen auf die Herausbildung der spezifischen Besonderheiten des deutschen Faschismus?

    Entgegen der weit verbreiteten Ansicht, dass die Kombination von radikalstem Terrorismus mit Sozialdemagogie aus dem Bestreben der Faschisten hervorging, im Kleinbürgertum eine Massenbasis gegen die Arbeiterbewegung zu schaffen, ist diese Kombination in erster Linie das unvermeidliche, gewissermaßen organisch gewachsene Ergebnis des Bemühens um die Lösung der Doppelaufgabe, die Arbeiterbewegung zu vernichten, aber die in ihr organisierten Arbeiter zu gewinnen.

    Hitler selber hat das in seiner Rede vor den Hamburger Honoratioren deutlich ausgesprochen, als er formulierte: “Wenn man begriffen hat, dass die Schicksalsfrage darin besteht, dass der Marxismus gebrochen wird, dann muss auch jedes Mittel recht sein, das zum Erfolg führen kann. Das ist das erste: eine Bewegung, die das durchführen will, muss sich an die breite Masse wenden, an die Masse, mit der der Marxismus selber kämpft… In der Masse liegt die Quelle aller Kraft… Diese breite, sture Masse, die vernarrt, verbohrt für den Marxismus kämpft, ist die einzige Waffe für die Bewegung, die den Marxismus brechen will. Wenn eine Bewegung aber an die breite Masse appellieren will, in der Erkenntnis, dass man nur mit ihr allein das machen kann, und wenn die gestellte Frage die Lebensfrage der Nation an sich ist, tritt das große Recht in Erscheinung, dass dann jedes Mittel zu verantworten ist, das zum Ziele fuhrt… Wenn ich die breite Masse in den Schoß der deutschen Nation zurückzuführen vermag, wer wird mir da später Vorwürfe über die Mittel machen? … Wenn wir siegen, wird der Marxismus vernichtet, und zwar restlos.“36

    Natürlich bedeuteten diese Ausführungen nicht, dass die Nazis ihre gesamte Demagogie nur auf dieses eine Ziel der Gewinnung von Arbeitern richteten. Von Anfang an gaben sie sich für die Interessenvertreter aller Deutschen, vor allem aller benachteiligten Schichten, besonders auch des so genannten Mittelstandes, aus. Aber in diesem Punkte unterschieden sie sich von den anderen bürgerlichen Parteien einschließlich der DNVP, nur graduell durch eine radikalere Tonart, mit der sie die “Mittelstands“forderungen vortrugen. Jedoch setzte sich keine andere bürgerliche Rechtspartei – von faschistischen Konkurrenzunternehmen abgesehen – die Eroberung der organisierten Arbeiterschaft zum Ziel.

    Obwohl Hitler- wie seine Ausführungen zeigten – bereit war, jedes Erfolg versprechende Mittel zur Erreichung dieses Zieles anzuwenden, fehlte ihm die notwendige Kenntnis und das Einfühlungsvermögen in die geistige Welt, in das Denken und Fühlen der sozialistisch organisierten Arbeiter, um ermessen zu können, welche Konsequenzen ein solches Vorhaben nach sich ziehen wurde. Wenngleich Hitler den Gellert und Drexler die Schulung durch den Militärdienst und die Reichswehrkurse voraus hatte – sie hatten ihm geholfen, sich von altmodischen Skrupeln zu befreien, sofern er solche vor dem Kriege gehabt haben sollte; sie hatten ihm den festen Glauben an die unbegrenzte Wirkung der Gewalt eingeflößt, hatten ihm die Bedeutung der straffen Organisiertheit und Disziplin für den Erfolg einer politischen Bewegung und noch manches andere bewusst gemacht -, war er ihnen doch insofern ähnlich geblieben, als er zunächst glaubte, er brauche den Arbeitern nur sein eigenes, abstruses Weltbild vorzuführen, um sie von ihrem bisherigen “Irrglauben“ zu befreien. Er vertraute der manipulativen Wirkung der Argumente, die ihm selbst eingeleuchtet hatten: dass die Weltgeschichte nicht ein Kampf der Klassen, sondern der Rassen sei; dass die Besserstellung des Arbeiters nur durch Befreiung vom Versailler Vertrag und Eroberung von “Lebensraum“ möglich sei; dass die Wurzel aller sozialen Ungerechtigkeit in der “Zinsknechtschaft“ liege, und dass diese eine jüdische Erfindung sei wie überhaupt alle Übel in dieser Welt, deren allerschlimmste der Marxismus und der Sowjetstaat seien. Es war dies genau die Argumentationslinie, die solche Förderer Hitlers wie der Ruhrmagnat Kirdorf für zulässig hielten.

    Dementsprechend war auch das Programm der NSDAP sehr zurückhaltend in der Formulierung “sozialistischer“ Forderungen. Immerhin konnten seine Verfasser – Anton Drexler, Gottfried Feder und Hitler – nicht umhin, einige Punkte aufzunehmen, in denen Arbeiter Forderungen sehen sollten, die ihnen als “Arbeiterforderungen“ vertraut waren. So konnte man den Punkt 7 (“Wir fordern, dass sich der Staat verpflichtet, in erster Linie für die Erwerbs- und Lebensmöglichkeit der Staatsbürger zu sorgen“) als Umschreibung der Forderung nach dem Recht auf Arbeit ansehen; ganz besonders “sozialistisch“ sollte aber Punkt 11 klingen, der da forderte: “Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens.“ Das klang doch ganz so, wie der Grundsatz der Arbeiterparteien: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Allerdings lautet der zweite Satz des Punktes 11: “Brechung der Zinsknechtschaft“, und das war nun eine Forderung, mit der ein Arbeiter überhaupt keine reale Vorstellung verbinden konnte, um so mehr jedoch die selbständigen Handwerker, Ladenbesitzer, Kleinunternehmer, Bauern usw. Für die Wirkung vor allem auf Arbeiter berechnet war wiederum Punkt 12: “Wir fordern restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“, sowie die folgenden Punkte: “Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe“ (13.); “Wir fordern Gewinnbeteiligung an Großbetrieben“ (14.); “Wir fordern einen großzügigen Ausbau der Altersversorgung“ (15.). Auch der Punkt 17 (“Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform, Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke“) war aus den Programmen der Arbeiterparteien entlehnt und zielte vor allem auf Landarbeiter und landarme Bauern.

    Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass die Hitlersche Argumentation und diese Programmpunkte nicht ausreichten, dass man – besonders in den Industriegebieten und den “roten Hochburgen“ – zu stärkeren Mitteln und Parolen greifen musste, wollte man wenigstens bei kleinen Gruppen von Arbeitern Fuß fassen und aus der geschlossenen Mauer von Verachtung und Feindseligkeit wenigstens einige Steine herausbrechen.

    So war es kein Zufall, dass gerade im Ruhrgebiet die Sozialdemagogie der Nazis bereits in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre weit über das hinausging, was in München auf diesem Gebiet üblich war. Vor allem taten sich dabei Gregor Strasser und Joseph Goebbels hervor.

    Strasser führte z. B. im Juli 1927 in einem Artikel “Ziele und Wege“ folgendes aus: “Wir sind Sozialisten, sind Feinde, Todfeinde des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems mit seiner Ausbeute der wirtschaftlich Schwachen, mit seiner Ungerechtigkeit der Entlohnung, mit seiner unsittlichen Wertung der Menschen nach Vermögen und Geld statt nach Verantwortung und Leistung, und wir sind entschlossen, dieses System unter allen Umständen zu vernichten!“37

    Goebbels gebärdete sich nicht weniger radikal und “sozialistisch“ als Strasser. So schrieb er etwa in seiner Werbebroschüre “Der Nazi-Sozi“ Sätze wie diesen: “Wenn auf der linken Seite 17 Millionen Proletarier im Klassenkampf die letzte Rettung sehen, so nur deshalb, weil man es sie auf der rechten Seite 60 Jahre lang durch die Praxis lehrte. Woher wollen wir die sittliche Berechtigung nehmen, gegen den proletarischen Klassenkampfgedanken anzurennen, wenn nicht zuerst der bürgerliche Klassenstaat grundsätzlich zertrümmert und abgelöst wird durch eine neue sozialistische Gliederung der deutschen Gemeinschaft.“38

    Aber solche “klassenkämpferischen“ Kraftübungen reichten zwar aus, um bei verschiedenen Unternehmern Zweifel in die Zuverlässigkeit und Brauchbarkeit der Nazis zu erwecken, nicht jedoch dafür, klassenbewusste kommunistische und sozialdemokratische Arbeiter zu beeindrucken.

    Die entscheidende Frage, der die Naziführer lange auswichen, der sie aber auf die Dauer nicht ausweichen konnten, war die praktische Stellung der NSDAP im Klassenkampf zwischen Unternehmern und Arbeitern, ihr Verhalten gegenüber den Gewerkschaften, in Tarifauseinandersetzungen und bei Streiks.

    Hatte die NSDAP in den Jahren der relativen Stabilisierung gegenüber diesen Fragen sich noch relativ abstinent verhalten und ihre Werbung um Arbeiterstimmen auf Aktivitäten in den Wohnvierteln beschränken können, so wurde es mit Beginn der Weltwirtschaftskrise notwendig, um der Intensivierung des “Kampfes um die Seele des deutschen Arbeiters“ willen diese Werbung in die Betriebe selbst zu verlegen. Das lag auch im Interesse der Unternehmer, die sich von einer Nazizelle im Betrieb ein “nationales“ Gegengewicht gegen die freien Gewerkschaften und die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) versprechen konnten, das gegebenenfalls auch für Streikbrecherarbeit einsetzbar wäre.

    Auf Druck verschiedener Funktionäre aus den Industriegebieten beschloss 1929 eine Sondertagung des Nürnberger Parteitages der NSDAP, zum Ausbau der Betriebszellenorganisation überzugehen.39

    Im gleichen Beschluss wurde ebenfalls erklärt, Streikbrecher würden “mit Schimpf und Schande aus der NSDAP entfernt.”40 Dieser Teil des Beschlusses blieb natürlich ohne jegliche praktische Folgen, war doch die gesamte Betriebszellenorganisation der NSDAP ihrem innersten Wesen nach nichts anderes als eine Streikbrecherorganisation im Dienste des Unternehmertums. Der Beschluss wurde aber überdies faktisch zurückgenommen durch eine spätere ergänzende Auslegung, die besagte, Streikbruch liege nur dann vor, wenn es sich um einen von der NSB0 geführten Streik handele.41 Bis August 1932 war jedoch die Haltung der NSBO gegenüber Streiks dadurch festgelegt, dass sie keine Streikunterstützung zahlen durfte. Zu ihrer Hauptaufgabe wurde der Kampf gegen den “Betriebsmarxismus“, also vor allem gegen die Gewerkschaften, erklärt. So hieß es in “Richtlinien für die Arbeit der NSDAP-Betriebsfunktionäre“ aus dem Herbst 1930:42 “Der nationalsozialistische Betriebsfunktionär hat die Aufgabe,

    1. den Marxismus in seinen stärksten Bollwerken – den Betrieben – zu schlagen,
    2. die Betriebe zu Hochburgen des Nationalsozialismus auszubauen …
    Im Vordergrund der Propaganda hat zu stehen:
    a) Aufklärung über den Verrat ihrer politischen Führer;
    b) Wesen und Ziele des nationalen Sozialismus.“
    Über die sozialpolitische Tätigkeit der NSBO hieß es dort: “Sie umfasst:
    I. Beratung der Belegschaft 1. in Tariffragen, 2. im Arbeitsrecht, 3. in der Sozialversicherung.
    II. Vertretung der Belegschaft 1. gegenüber der Firma, 2. beim Arbeitsgericht 3. gegen rote Funktionäre und deren Terror.
    III.. Vorbereitung und Durchführung von Betriebsratswahlen.“

    Bedeuteten diese Richtlinien mit ihrer Orientierung auf den Kampf gegen die Funktionäre der Arbeiterorganisationen bereits eine deutliche Hilfeleistung für die Unternehmer, so wurden sie durch Richtlinien der Reichsleitung der NSDAP, die im Mai 1932 bekannt wurden, noch drastisch verschärft.

    In der Einleitung zu diesen “Vertraulichen Richtlinien zur Durchführung unseres Kampfes im Entscheidungsjahr 1932 gegen Betriebsmarxismus“43 wurde ausgeführt, es sei wiederholt betont worden“, dass die NSBO keine Gewerkschaft ist, auch nicht der Vorläufer einer solchen. Die NSBO ist nichts weiter als die spezifische Waffe zur Eroberung der Betriebe durch Niederringung des Betriebsmarxismus. Nationalsozialisten schließen sich nur zu dem Zweck in der NSBO zusammen, um Idee und Weltanschauung in die Betriebe zu tragen. Als Gewerkschaft ist die NSBO schon durch die Feststellung des Reichsarbeitsgerichtes nicht anerkannt. Es kann also auch logischerweise keine Amtsgerichtsvertretung durch die NSBO stattfinden. Ebenfalls können bei Streiks keine Unterstützungen gezahlt werden. Allerdings kommen ja Streikfälle wenig oder fast gar nicht in Betracht. Bedenken sind dieserhalb bei den Herren Pg. Arbeitgebern zu zerstreuen“.

    In den Ausführungen über die Aufgaben der Nazi-Betriebsräte wurde in diesen Richtlinien die Rolle der NSBO als Spitzel- und Terrororganisation im Dienste der Kapitalisten mit folgenden Sätzen unverblümt dargelegt: “Die vornehmste Aufgabe des Nationalsozialisten im Betrieb ist der Kampf für unsere Bewegung und die Vernichtung des Feindes. In welcher Gestalt der Feind uns gegenübertritt, ob KPD, RGO oder die sozialdemokratischen Gewerkschaften und die in ihrem Schlepptau befindlichen halbmarxistischen christlichen Gewerkschaften, unser Kampf gilt allen diesen Gebilden. …Jeder Nationalsozialist ist ferner verpflichtet, im Betrieb jeden marxistischen Funktionär, gleichgültig welcher Schattierung, festzustellen mit genauer Adresse. Wenn irgend möglich, muss versucht werden, von jedem dieser Leute eine Fotografie zu beschaffen…. Ist der Arbeitgeber Pg., so steht demselben das Recht zu, fortwährend auf dem laufenden gehalten zu werden. Auf diese Weise ist es möglich, dass die einzelnen Betriebe nach und nach von schädlichen Elementen gesäubert werden und eine große Anzahl unserer Pg. in dem Betrieb Arbeit finden wird. Auch dürfte solches Adressenmaterial nach unserer Machtergreifung von großer Bedeutung sein. …Wichtig ist noch, die Herren Pg. Arbeitgeber darauf hinzuweisen, dass bei evtl. unerlässlichen Lohnsenkungsaktionen eine nationalsozialistische Belegschaft der wirtschaftlichen Lage immer ein anderes Verständnis entgegenbrächte als eine marxistisch verhetzte“.
    Die Praxis der NSBO entsprach weitgehend diesen Streikbrecher-Richtlinien.44

    Die Nazipropaganda war jedoch mit großem Aufwand bemüht, die Gründung der NSBO und die Einrichtung einer Reichs-Betriebszellen-Abteilung bei der Reichsleitung der NSDAP als einen Schritt zu verstärktem Kampf für Arbeiterinteressen durch die NSDAP auszugeben.

    Die Verschärfung des Klassenkampfes, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahres 1932, zwang auch die Naziführung gegen ihren Willen dazu, nicht nur ihre sozialdemagogischen Parolen zu verschärfen, sondern darüber hinaus der NSBO zu gestatten, in bestimmten Fallen sich an Streiks zu beteiligen und sogar zu versuchen, sich an die Spitze zu stellen, um endlich einen Einbruch in die “marxistische Front“ zu erzielen.

    Mit Wirkung ab 1. August 1932 gab die Leitung der NSBO Streikunterstützungsbestimmungen heraus.45 In den einleitenden allgemeinen Bemerkungen wurde ausgeführt: “Der politische Kampf der NSBO in den Betrieben bringt es mit sich, dass wir bei wirtschaftlichen Kämpfen (Streiks, Aussperrungen, Maßregelungen usw.) unseren Mitgliedern Unterstützung (Barbeträge und Lebensmittel) gewähren müssen. …Ganz allgemein ist zu beachten: Die NSBO ist keine Gewerkschaft, noch nicht einmal ein gewerkschaftsähnliches Gebilde, sondern sie war und ist die politische Kampfform der NSDAP in den Betrieben, um Adolf Hitlers Idee zu verbreiten, den Betriebsmarxismus zu zerschlagen und brauchbare deutsche Arbeiterelemente für den Nationalsozialismus zu gewinnen… Die Zielsetzung der NSBO ist eine ausgesprochen politische; sie will die Befreiung der deutschen Arbeiterschaft aus den Fängen des internationalen jüdischen Marxismus. Diese Arbeit verrichtet sie vor allem in den Betrieben, den Brutstätten des Marxismus. Sie kämpft genau so wie die NSDAP in ihrer Gesamtheit, für die soziale Besserstellung des deutschen Arbeiters. Dabei bleibt es nicht aus, dass sie positiv zu den gegenwärtigen Wirtschaftskämpfen Stellung nehmen muss.“

    Dieser recht gequälten Feststellung, der deutlich anzumerken ist, wie widerstrebend sich die Naziführer zu einer solchen “positiven Stellungnahme“ entschlossen, folgte ein Versuch, diese Stellungnahme zu rechtfertigen, indem die “gegenwärtigen Wirtschaftskämpfe“ aus Klassenkämpfen in einen Rassenkampf umgedeutet wurden: “Der Arbeiter ist politisch unfrei und sozial versklavt dank der langjährigen marxistischen Herrschaft, die heutige Wirtschaft ist ihrem Wesen nach liberal-kapitalistisch dank der Vorherrschaft des jüdischen internationalen Finanzkapitals und des mangelnden Volksgenossenschaftsgefühls. Zwischen beiden Hauptgruppen spielen sich heute die wirtschaftlichen Kämpfe ab. Bei keiner gütlichen, tariflichen oder sonstigen Einigung ist die schärfste Waffe des Arbeiters der Streik. Diesen Streik, sofern er eindeutig wirtschaftlich gerechtfertigt ist und wenn die soziale Lage des Arbeiters noch mehr menschenunwürdig gestaltet werden soll, dass er kaum noch leben kann (! – K. G.), bejahen wir. Ausgesprochen politische Streiks, die lediglich mit dem Deckmantel wirtschaftlicher Forderungen umgeben sind, lehnen wir in vollster Verantwortlichkeit vor unausbleiblichen Maßregelungen und fristlosen Entlassungen der Belegschaft rundweg ab. Die Entscheidung, ob ein Streik politisch oder wirtschaftlich gerechtfertigt ist, liegt nach Vorprüfung durch die Gauhauptabteilungsleiter VI beim Hauptabteilungsleiter VI der Reichsorganisationsleitung oder dessen Stellvertreter.“

    Also nur bei Streiks, bei denen die Arbeiter ums nackte Überleben kämpften, sollte die NSBO mitstreiken dürfen! Damit dieses Kriterium aber ja auch eingehalten würde, wurde die Erlaubnis zum Streiken an die Bedingung geknüpft, dass zunächst der Gauhauptabteilungsleiter VI gewissenhaft prüfe, “welche Ursache zum Streik führte“. Nach “verantwortungsvoller Prüfung“ hatte er einen Bericht an die Hauptabteilung VI nach München zu schicken. Die ganze Furcht der Nazi-“Arbeiterführer“, eine Streikbeteiligung könnte einmal in einem “falschen“ Betrieb, nämlich dem eines der Forderer und Finanziers der NSDAP, erlaubt werden, spricht aus der folgenden Instruktion:
    “Der Bericht ist deshalb außerordentlich wichtig, weil er erstens die Grundlage zur endgültigen Entscheidung ist, ob der Streik geführt werden soll oder nicht, und zweitens die Hauptabteilung VI u. a. politisch belasten kann, falls er Ungenauigkeiten oder glatte Unwahrheiten enthalt. Daher: Genaueste Präzision der Angaben!“ Unangemeldete Streiks würden nicht anerkannt, folglich auch keine Unterstützungsgelder bezahlt.

    Großes Gewicht wurde auf die propagandistische Ausschlachtung von Streikbeteiligungen gelegt: “Besser als die umlangreichste Propaganda wirkt die Tatsache auf die Arbeiterschaft, dass die NSBO sich bei wirtschaftlich berechtigten Streiks an die Spitze der Streikenden stellt. Deshalb ist die Popularisierung eines Streiks unter nationalsozialistischer Führung äußerst wichtig.“ Vor allem wurde Wert darauf gelegt, “die Tatsache allgemein bekannt zu machen, dass die NSBO bei Streiks Unterstützungen zahlt, deren Höhe der Gewerkschaftsunterstützung gleichkommt, sie meistens noch übertrifft“. Dies gebe auch Gelegenheit, “darauf hinzuweisen, dass hinter jedem NSBO-Mitglied nicht nur die gesamte NSBO steht, sondern die Macht und die Solidarität einer Millionenpartei!“

    Ihren absoluten Höhepunkt erreichte die faschistische Sozialdemagogie gegenüber der Arbeiterklasse im Zusammenhang mit der Streikwelle, die sich – zumeist unter Führung der RGO – gegen die Papensche Lohnraubnotverordnung vom September 1932 erhob. Im Oktober verbreitete die NSBO ein Flugblatt mit der fettgedruckten Schlagzeile: “Bekenntnis zum Streik als Kampfmittel gegen die Verelendungspolitik.“ In dem Flugblatt hieß es: “Jede Gegenwehr der durch die letzte Notverordnung des Herrn von Papen aufs tiefste verelendeten Volksgenossen ist nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich berechtigt. Darum stellt sich die Nationalsozialistische Betriebszellen-Organisation in diesem Kampfe an die Spitze der deutschen Arbeiterschaft… Bei dieser Abwehr verzichten wir auch nicht auf den Streik!… Das ist unser Streik gegen Papen und seine Hochfinanz!… Jeder berechtigte Streik gegen den Elendskurs des Systems findet unsere Unterstützung in jeder Form. Angesichts des Versagens der Gewerkschaften haben wir die Führung im Kampfe übernommen.“46
    Angesichts solcher Großmäuligkeit konnten es die Nazis nicht wagen, offenen Streikbruch zu begehen, als Anfang November 1932 die Berliner Verkehrsarbeiter unter Führung der RGO in den Streik traten. Sie erklärten offiziell ihre Teilnahme am Streik und entfachten darüber einen riesigen Propagandalärm. Goebbels als Gauleiter und die Berliner NSBO-Führer Muchow und Engel taten indessen alles, um die Streikfront der BVG-Arbeiter zu desorganisieren.47

    Immerhin hatten die Naziführer mit der Beteiligung am BVG-Streik die Grenze dessen überschritten, was auch ihnen wohl gesonnene Vertreter der Monopolkreise zu gestatten oder wenigstens nachzusehen bereit waren, und die Nazis waren sich dessen wohl bewusst. Aber sie befanden sich in einer Zwangslage. Neue Reichstagswahlen standen am 6. November 1932 vor der Tür. Die letzten Wahlen im Juli hatten gezeigt, dass das bisherige Wählerreservoir der Nazipartei erschöpft war und die Partei seit Frühjahr 1932 stagnierte; aus dem bürgerlichen Lager war kein weiterer Zuwachs mehr zu erwarten. Aber die Nazipartei musste einen neuerlichen Wahlsieg erringen, sie musste endlich den Beweis erbringen, dass sie fähig war, ihre Wählerstimmen nicht nur aus dem bürgerlichen Lager, sondern auch aus dem Lager der Arbeiterparteien zu holen. Sonst würde es sehr schwer, wenn nicht aussichtslos sein, den Widerstand des Reichspräsidenten Hindenburg und der hinter ihm stehenden Kreise aus der Finanzoligarchie und dem Junkertum gegen eine Übertragung der Kanzlerschaft an den Naziführer zu überwinden. Hinzu kam der wachsende Druck der eigenen Anhänger, denen die Not im Nacken saß, deren Tatendrang durch die Nazipropaganda zur Siedehitze aufgepeitscht worden war und die nun der vielen Verheißungen müde waren und nur noch durch Aktionen bei der Stange gehalten werden konnten.

    So war die im August vollzogene taktische Wendung der Nazipartei zur Streikbeteiligung das Manöver einer krisengeschüttelten Partei, die alles auf eine letzte Karte setzte, um einer Wahlniederlage zu entgehen.

    Als Hitler am 19. November von Hindenburg zu einer Unterredung empfangen wurde, wusste er auf Hindenburgs Frage, weshalb die Nazis sich am BVG-Streik beteiligt hätten, nur zu antworten: “Die Leute sind sehr erbittert. Wenn ich meine Leute von der Beteiligung abgehalten hätte, hätte der Streik doch stattgefunden, aber ich hätte meine Anhänger in der Arbeiterschaft verloren.“48

    Mit den angeführten Beispielen dürfte hinlänglich bewiesen worden sein, dass die Spezifik der faschistischen Kampfesweise – die untrennbare Verbindung von brutalstem Terror und skrupellosester Sozialdemagogie – gewissermaßen naturnotwendig aus der Übernahme des Auftrages zur Lösung der eingangs mehrfach genannten Doppelaufgabe gegenüber der Arbeiterklasse und ihren Organisationen durch die faschistischen Führer erwuchs.

    Mit besonderer Deutlichkeit wurde das erkennbar am tatsächlichen Charakter der NSBO und dem, wofür sie in der Nazipropaganda den Arbeitern gegenüber ausgegeben wurde.

    Es bleibt schließlich die Frage nach dem Ergebnis der faschistischen Bemühungen um die Arbeiterschaft. Auf eine kurze Formel gebracht, könnte man sagen: Diese Bemühungen blieben – jedenfalls bis 1933 und noch lange danach – erfolglos, aber nicht ergebnislos.

    Sie blieben erfolglos, weil es nicht gelang, das Hauptziel zu erreichen, nämlich den ideologischen Einbruch in die sozialistische Arbeiterbewegung (worunter hier die sozialdemokratische und die kommunistische Bewegung verstanden wird). Mehr noch: Es gelang den Faschisten ebenfalls nicht, die Masse der dem katholischen Zentrum folgenden Arbeiter von dieser Partei und den christlichen Gewerkschaften zu lösen. Der Kampf der Nazis und ihrer NSBO um die Betriebe, die “Brutstätten des Marxismus“, endete mit einer eklatanten Niederlage der Faschisten.

    Im Jahre 1929 hasten sie den Startschuss für die Gründung der NS-Betriebszellen gegeben. Nach zwei Jahren, im März 1931 hatte die NSBO ganze 4131 Mitglieder.49 Um hier einen gründlichen Umschwung zu erreichen, wurden alle NSDAP-Mitglieder, soweit sie Lohn- oder Gehaltsempfänger waren, verpflichtet, der NSBO beizutreten. Im September 1931 wurde eine große Aktion “Hinein in die Betriebe“ (die so genannte “HiB-Aktion“) gestartet, mit der großspurigen Losung “Jeder Betrieb eine Burg des Nationalsozialismus“, und dem Werbevers “Keine Arbeitsstelle ohne Nazizelle!“50 Im Ergebnis dieser Maßnahmen erhöhte sich die Mitgliederzahl bis zum Ende des Jahres 1931 auf 39.316.51 Parallel zur raschen Zunahme der Parteimitgliedschaft im Jahre 1932 wuchs die Mitgliederzahl der NSBO bis Ende 1939 auf 300.000 an.52 Wie gering dieser Erfolg war, wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass ein sehr Großer Teil dieser Zahl auf Angestellte entfiel, und wenn man dem außerdem einige andere Zahlen gegenüberstellt: Ende 1932 betrug die Mitgliederzahl der NSDAP über 800.000, die Zahl der Naziwähler am 6. November 1932 11,7 Millionen. Die freien Gewerkschaften hatten 1931 4,1 Millionen Mitglieder (Zahlen über 1932 liegen nicht vor), die christlichen Gewerkschaften rund 700.000 (bei 4,2 Millionen Wählern des Zentrums bei den Novemberwahlen).53

    Ein weiterer Maßstab für den Misserfolg der Werbeanstrengungen der NSBO waren die Ergebnisse der Betriebsrätewahlen im Frühjahr 1931. Die NSBO stellte erstmals eigene Listen auf und fiel glatt durch. Von der Gesamtzahl der gewählten Betriebsräte entfielen auf die freien Gewerkschaften 83,6 Prozent, auf die Roten Einheitslisten 3,4 Prozent, auf die Nazis 0,5 Prozent.54 (Im Jahr 1932 wurden keine Betriebsratswahlen durchgeführt.) Wo die Nazis Betriebsräte durchbrachten, handelte es sich überwiegend um Betriebe, in denen sie sich auf der Angestelltenliste aufstellen ließen, bzw. um Banken und Verwaltungen.55

    Bekannt ist schließlich auch, dass die Arbeiter die einzige Bevölkerungsgruppe waren, deren Anteil an der Mitgliedschaft der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei geringer war als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Der Anteil der Arbeiter an der Mitgliedschaft der NSDAP lag 1932 um 38,8 Prozent unter ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. (28,1 % Anteil NSDAP, 45,8 % Anteil an Bevölkerung.)56

    Die entsprechenden Zahlen für die anderen Bevölkerungsgruppen lauteten:

    Angestellte: 113,5 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (25,6:12,0)

    Selbständige: 1 30,0 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (20,7:9,0)

    Beamte: 62,7 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (8,3:5.1)

    Bauern: 32,0 Prozent über dem Anteil a. d. Gesamtbev. (14,0:10,6)

    Alle angegebenen Daten lassen erkennen, weshalb wir davon sprachen, dass die Werbebemühungen der Nazis um die Arbeiter erfolglos, aber nicht ergebnislos blieben. Was ihnen bei den Arbeitern nicht gelang, gelang ihnen nämlich um so gründlicher bei den Mittelschichten in Stadt und Land.

    Zur Massenpartei entwickelte sich die faschistische Partei also nicht als “rationale Arbeiterpartei“, sondern als Kleinbürgerpartei, genauer gesagt: als imperialistische Partei mit vorwiegend kleinbürgerlicher Gefolgschaft.

    Wo die Ursachen dafür lagen, dass bestimmte Schichten des Kleinbürgertums sich einer Bewegung anschlossen, die nicht nur die Fahne des Nationalismus schwenkte, der diese Schichten schon immer gefolgt waren, sondern die sich auch als sozialistisch ausgab, ist eine Frage für sich. Hier soll nur so viel gesagt werden, dass der Verlust des Vertrauens breiter kleinbürgerlicher Kreise in den Kapitalismus als beste aller Ordnungen, das Verlangen nach einer neuen, sozial gerechteren, die Mittelschichten vor der Ausplünderung durch das große Kapital schützenden Ordnung, deren Herstellung sie von den Faschisten erwarteten, gleichfalls eine Folge und zugleich ein Symptom der allgemeinen Krise des Kapitalismus war. Aber die faschistische Partei war nicht entstanden als eine originäre Partei des radikalisierten Kleinbürgertums, das etwa mit Hilfe dieser Partei und im Zweifrontenkampf gegen die Arbeiterbewegung und das Großkapital die Macht erobern wollte, wie dies die Verfechter der Theorie vom Faschismus als einer “sozialen Bewegung“57, und die “Bonapartismus“-Theoretiker behaupten.58

    Die Geschichte der Faschistenpartei hat den Beweis erbracht für die Unlösbarkeit der “Doppelaufgabe“, der Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen die Arbeiterbewegung insgesamt. Sie hatte aber auch die unvorhergesehene Möglichkeit aufgezeigt, gestützt auf eine aus dem Kleinbürgertum rekrutierte militante und terroristische Massenbewegung faschistischen Typs im Zusammenwirken mit dem staatlichen Gewaltapparat den Sieg über die gesamte Arbeiterbewegung und alle demokratischen Kräfte zu erringen und auf formal legalem Wege, d. h. ohne riskanten Putsch, zu der von den reaktionärsten Elementen des Finanzkapitals erstrebten offenen Diktatur zu gelangen.

    Nachdem diese Möglichkeit einmal gefunden und erprobt war, bedurfte es zur Motivation für die Gründung faschistischer Parteien in anderen Ländern nicht mehr der “Doppelaufgabe“, das Motiv des Vernichtungskampfes gegen die Arbeiterbewegung reichte vollständig aus. Ob und in welchem Maße dabei jeweils doch auch das Motiv der Schaffung einer Massenbasis in der Arbeiterklasse mitspielte – und noch heute mitspielt -, das muss in jedem einzelnen Falle untersucht werden.

    Die Geschichte der faschistischen Bewegungen hat aber auch noch ein anderes gezeigt: dass nämlich auch eine faschistische Partei der imperialistischen Bourgeoisie keine Gewähr dafür bietet, die gewünschte Massenbasis zu gewinnen. Zwar ist das stets ihr Ziel. Aber es wäre verfehlt, der faschistischen Bewegung von vornherein die Fähigkeit zuzuschreiben, dieses Ziel zu erreichen. Es hängt nicht zuletzt von der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Vorhut, von ihrer richtigen Bündnispolitik ab, alle dahin zielenden Bemühungen zu durchkreuzen.

    Vortrag, in gekürzter Form gehalten auf der wissenschaftlichen Konferenz der Historikerkommission UdSSR—DDR in Kiew, 19.-21. 9. 1978, veröffentlicht in: Bulletin des Arbeitskreises ,,Zweiter Weltkrieg„ Nr. 1-4/ 1980, S. 32-71. Gossweiler, Kurt, Aufsätze zu Faschismus, 2 Bände, Band II, Pahl-Rugenstein, Köln, 1988, S. 439-467.

    Kurt Gossweiler
    Veröffentlicht 1978

    1. Siehe die diesbezüglichen Beitrage in:
      Faschismusforschung: Positionen Probleme Polemik. Hg. von Dietrich Eichholtz und Kurt Gossweiler, Berlin 1980:
      Ruge, Wolfgang, Monopolkapital, faschistische Massenbasis und NS Programmatik 1920 1933;
      Petzold, Joachim, Die Herausbildung der Naziideologie; Gossweiler, Kurt, Faschismus und Arbeiterklasse. Im letztgenannten Beitrag erstreckt sich die Untersuchung auf den italienischen und deutschen Faschismus. ↩︎
    2. Lenin,W.I., Werke, Bd. 16, Berlin 1964, S. 356. ↩︎
    3. Ullrich, Robert, Deutsche Vaterlandspartei (DVLP) 1917 1918, in: Handbuch der bürgerlichen Parteien, Bd. I, Leipzig 1968, S. 627. ↩︎
    4. ZStAM, Rep. 92, Nachlass Kapp. Bd. C VI 9. ↩︎
    5. Handbuch der bürgerlichen Parteien, Bd. 1, S. 624, 627. ↩︎
    6. Stegmann, Dirk, Zwischen Repression und Manipulation: konservative Machteliten und Arbeiter und Angestelltenbewegung 1910 1918. Ein Beitrag zur Vorgeschichte der NSDAP, in: Archiv für Sozialgeschichte. Hg. von der Friedrich Ebert Stiftung. Bd. XII 1972, Bonn – Bad Godesberg1972, S. 381f. ↩︎
    7. Ebenda, S. 383. ↩︎
    8. Ebenda, S. 388. ↩︎
    9. Ebenda, S. 388f. ↩︎
    10. Ebenda, S. 386 ↩︎
    11. ZStAM, Rep. 92, Nachlass Kapp, Bd. D X 77, Bl. 40 (Brief Gellerts an Kapp v. 8. 11. 1917). ↩︎
    12. Ebenda, Bl. 5 (Gellert an Kapp, 27. 9. 1918). Rl. 3 (Gellert an Kapp, 20.7.1918). ↩︎
    13. Ebenda, Bl. 39f. (Brief Gellerts an Kapp v. 8. 11. 1917). ↩︎
    14. Ebenda. ↩︎
    15. Ebenda und Stegmann, S. 396. ↩︎
    16. ZStAM, Nachlass Kapp, D X 77, Bl.42. ↩︎
    17. So zutreffend Stegmann, S. 391, dem das Verdienst gebührt, die DAAP entdeckt und ihre Bedeutung als eine Vorläuferin der NSDAP erkannt zu haben. ↩︎
    18. Maser, Werner, Die Frühgeschichte der NSDAP. Hitlers Weg bis 1924, Frankfurt/M. Bonn 1965, S. 150. ↩︎
    19. Erich Ludendorff im Prozeß gegen ihn, Hitler und die anderen führenden Teilnehmer des Putsches vom 8./9. November 1923: “Die völkische Bewegung machte den international den-kenden Arbeiter wieder national. lch und meine Freunde von ‚Oberland‘ und von den ‚National-sozialisten’ haben immer geglaubt, dass wir nur durch die Gesundung der deutschen Arbeiterschaft zur Freiheit kommen können. (Der Hitler-Prozeß. Auszüge aus den Verhandlungsberichten, München 1924, S. 55.) ↩︎
    20. ZStAM, Rep. 92, Nachlass Kapp, Bd. E II 26, Bl. 339f. ↩︎
    21. Bennecke, Heinrich, Hitler und die SA, München Wien 1962, S. 46. ↩︎
    22. Maser, Frühgeschichte, S. 234. ↩︎
    23. Zit. nach: Adolf Hitler und seine Bewegung im Lichte neutrale Beobachter und objektiver Gegner, 2. Aufl., München 1958, S. 11f. ↩︎
    24. ZStAP, DNVP, Bd. 393, Bl. 22f. ↩︎
    25. Berliner Börsen Zeitung vom 14. Oktober 1930. ↩︎
    26. Zit. nach: Tyrell, Albrecht, Führer befiehl … Selbstzeugnisse aus der ,Kampfzeit’ der NSDAP. Dokumentation und Analyse, Düsseldorf 1969, S. 47-55. ↩︎
    27. Ebenda, S. 48. ↩︎
    28. Zit. nach: Jochmann, Werner, Im Kampf um die Macht. Hitlers Rede vor dem Hamburger Nationalklub von 1919, Frankfurt/M.1960, S. 102 f. ↩︎
    29. Die Rede ist abgedruckt hei: Turner, Henry Ashby, Faschismus und Kapitalismus in Deutschland. Studien zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Wirtschaft, Göttingen 1972, S. 41 ff. ↩︎
    30. Ebenda, S. 57. ↩︎
    31. Ebenda, S. 58. ↩︎
    32. Hitler, Adolf, Vortrag vor westdeutschen Wirtschaftlern im Industrieklub in Düsseldorf am 27. Januar 1932, München o. J., S. 9 ff. ↩︎
    33. Ebenda. ↩︎
    34. Berliner Arbeiter Zeitung vom 23. 11. 1928, zit. nach: Rudowsky, Harald, Die Nationalso-zialistische Betriebszellen Organisation (NSBO) im Propaganda und Terrorapparat der NSDAP von ihren Anfängen im Jahr 1928 bis zu ihrer Beteiligung an der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933, Diplomarbeit Humboldt Universität Berlin, 1971, S. 17. ↩︎
    35. Zit. nach: Rudowsky, S. 17. ↩︎
    36. Jochmann, Kampf, S. 116. ↩︎
    37. NS Briefe, Juli 1927, zit. nach Kühnl, Reinhard, Die nationalsozialistische Linke 1925 1930, Meisenheim am Glan 1966, S. 283. ↩︎
    38. Zit. nach: Schildt, Gerhard, Die Arbeitsgemeinschaft Nord West. Untersuchungen zur Ge-schichte der NSDAP 1925/26. Phil. Diss., Freiburg 1964, S. 76. ↩︎
    39. Rudowsky. S. 33 f. ↩︎
    40. Ebenda, S. 96 (Wortlaut des Beschlusses). ↩︎
    41. Ebenda, S. 71. ↩︎
    42. Düwell, Bernhard, Gewerkschaften und Nationalsozialismus, Berlin 1931, S. 30 32; zit. nach: Rudowsky, Dok. 2. des Dokumentenanhanges ↩︎
    43. Die Richtlinien sind wiedergegeben in: Betriebsarchive sagen aus. Der Kampf der Arbeiter der Filmfabrik Agfa Wolfen unter Führung der KPD gegen Ausbeutung, Faschismus und Krieg in der Zeit von 1931 bis Anfang 1933, bearbeitet v. Heinz Beike, Manuskriptdruck, o. O. 1961, S. 29 32. ↩︎
    44. Siehe dazu beispielsweise die Berichte in der Internationalen Gewerkschaftspressekorres-pondenz, Nr. 74 vom 16. 9. 1932, S. 907 f. ↩︎
    45. ZStAP, Reichsinnenministerium, Bd. 26 133, Bl. 341 343. ↩︎
    46. Siehe Arbeitertum, Nr. 18 vom 15. 11. 1932; (ZStAP, Reichsinnenministerium, Bd. 26 133, Bl. 335). ↩︎
    47. Zur Rolle der Naziführung im BVG Streik siehe die Berichte in der Internationalen Ge-werkschaftspressekorrespondenz der Nummern 87-89 von 1932. ↩︎
    48. Aufzeichnung des Staatssekretärs Meissner über Unterredung Hindenburg-Hitler am 19. 11. 1932; (ZStAP, Büro des Reichspräsidenten, Bd. 47, Bl. 338 340; siehe auch S. 67 ff. dieses Bds.). ↩︎
    49. Rudowsky, S. 93. ↩︎
    50. Ebenda, S. 60. ↩︎
    51. Ebenda, S. 93; siehe auch Roth, Hermann, Die nationalsozialistische Betriebszellenorganisa-tion (NSBO) von der Gründung bis zur Röhm-Affäre (1928 1934), in: Jahrbuch für Wirtschafts-geschichte, 1978, Teil I, S. 49-66. ↩︎
    52. Rudowsky, S. 93 ↩︎
    53. Siehe Dokumente zur deutschen Geschichte 1929 1933, hg. V. Wolfgang Ruge und Wolfgang Schumann, Berlin 1975, S. 97, 107. ↩︎
    54. Die folgenden Zahlen nach Rudowsky, S. 53. ↩︎
    55. Ebenda. ↩︎
    56. Errechnet nach Angaben bei Kühnl, Reinhard, Der deutsche Faschismus in Quellen und Dokumenten, Köln 1975, S. 98. ↩︎
    57. Siehe Schieder, Wolfgang (Hg.), Faschismus als soziale Bewegung, Hamburg 1976; Leppert Fögen, Anette, Die deklassierte Klasse. Studien zur Geschichte und Ideologie des Kleinbürger-tums, Frankfurt/M. 1974, S. 259; (es handelt sich dabei um eine Verteidigung der Trotzki’schen Faschismusauffassung). ↩︎
    58. Siehe z. B. Schild, Stefan, Faschismustheorie im Zerrspiel der Politik, I u. II, in: Beiträge zum wissenschaftlichen Sozialismus, Hamburg, 2/1978, S. 92 120, u. 3/1978, S. 106 123. ↩︎