Autor: oaterlangen

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    Wir feiern unsere Gründung im @zewi_erlangen , feiert mit uns! 🎉🎉
    Es handelt sich um eine Soli Party, da die Einnahmen, die erzielt werden direkt in unsere politische Arbeit fließen werden!

  • Heraus zum ersten Mai…!

    Heraus zum ersten Mai…!

    Seit über 140 Jahren wird der erste Mai als Tag von Arbeitskämpfen genutzt. Auch wir wollen uns an diesem Tag der Tradition des Arbeiter*innenkampftags anschließen und mit einer revolutionären Demonstration unsere Forderungen und Wut auf die Straße tragen.

    Denn nicht nur vor 140 Jahren, sondern auch heute hält der Kapitalismus die arbeitende Klasse klein. Steigende Mieten und Inflation ohne angemessene Lohnsteigerung sind nur ein Teil davon!

    Auch im restlichen Jahr ist der Unmut unserer Klasse so spürbar wie schon lange nicht mehr, die Streiks in Kliniken, der Bahn und vielen anderen Bereichen zeigen das klar auf.

    Wir brauchen einen grundlegendem Bruch mit diesem System! Mitbestimmung der Arbeiter*innen, Abschaffung der profitorientierten Lohnarbeit und ein Fokus auf Bedürfnisse, Klimagerechtigkeit und Gleichberechtigung sind dabei elementar .

    Für all dies wollen wir uns kämpferisch und solidarisch die Straße nehmen, Heraus zum ersten Mai!

    Besiktas-Platz 09 Uhr

  • Freiheit für alle politischen Gefangenen

    Freiheit für alle politischen Gefangenen

    Der 18.03. ist der Tag der politischen Gefangenen. Auch in Deutschland sitzen viele unserer Genoss*innen in Haft, oder werden mit anderen Repressalien überzogen. Genau wie unsere gesamte Szene. Hausdurchsunchungen liegen an der Tagesordnung und auch Plena werden gestürmt. Das ganze, obwohl wir es sind, die den Antifaschistischen Widerstand leben und für eine bessere Welt kämpfen. Realistischer Weise müssen wir hier eigentlich nicht obwohl sagen, sondern weil. Denn unser Kampf scheint anzukommen und zu wirken, sonst würden wir nicht in der Form verfolgt.

    Erst letzte Woche musste unsere Genossin Leo ihre Haft antreten und Tahir wurde verurteilt.

    Wir fordern Freiheit für sie und alle politischen Gefangenen.

    Deswegen Reisen wir am 18.03 vom Erlangener Hauptbahnhof nach Nürnberg an, wir sehen uns um 17 Uhr am Bahnhofsvorplatz.

  • Nachbericht zum Feministischen Kampftag am 08.03.2024

    Nachbericht zum Feministischen Kampftag am 08.03.2024

    Der 8.März, die erste Demo, die das OAT alleine organisiert hat, war ein voller Erfolg!

    Die angemeldete Personenzahl von 50 wurde stark übertroffen, circa 170 Menschen haben sich unserem Aufruf angeschlossen und sind gegen das Patriarchat und den Sexismus auf dies Straße gegangen. Durch verschiedene Reden, unter anderem vom offenen feministischen Treffen Ingolstadt, dem offenen Antifa Treffen Augsburg, der queeren Aktion Franken und Defend Kurdistan, sowie natürlich auch von uns, konnten wir verschiedenste Themen ansprechen, von internationalen Kämpfen bis zu Femiziden und darüber aufklären.

    Auch unser Demozug war laut und kämpferisch!

    Wir sind sehr zufrieden mit der Aktion und hoffen, wir können diesen Erfolg auch bei zukünftigen Aktionen wieder erreichen.

  • Feministischer Kampftag 8.März

    Feministischer Kampftag 8.März

    Wir rufen auf zum Feministischen Kampftag am 08.03.24 um 18:00 Uhr am Hugenottenplatz. Unter dem Motto „Das Patriachat zerschlagen“ wollen wir den Feminismus auf die Straße bringen. Mit Redebeiträgen, Musik und einem kämpferischen Demonstrationszug.

    Unsere Solidarität gilt allen Genoss*innen weltweit, die diesen Kampf mit uns führen!

  • Zwischen Rechtspopulismus und Faschismus – Wo steht die AfD?

    Zwischen Rechtspopulismus und Faschismus – Wo steht die AfD?

    Zwischen Rechtspopulismus und Faschismus – Wo steht die AfD?

    Einleitung

    Seit knapp zehn Jahren existiert mit der „Alternative für Deutschland (AfD)“ in der BRD eine rechte Kraft, die sich zum einen auf parlamentarischer und gesellschaftlicher Ebene etabliert hat und zum anderen als ein Sammelbecken für verschiedene rechte und faschistische Kräfte und Spektren fungiert. Allen Skandalen und offen rassistischer Hetze zum Trotz wird sie nach mehreren Jahren im bürgerlich-parlamentarischen System mittlerweile von einem Großteil der Bevölkerung als legitimer Teil dessen wahrgenommen.

    Mit ihrer Größe und Infrastruktur ist die „AfD“ momentan die gesellschaftlich relevanteste Kraft rechts der CDU/CSU. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass die Zeit des permanenten Aufschwungs der Partei momentan vorbei ist. Zuletzt flog sie im Mai 2022 in Schleswig-Holstein sogar das erste Mal seit ihrer Gründung aus einem Landesparlament. Die harten innerparteilichen Machtkämpfe zwischen verschiedenen Strömungen prägen zudem das Außenbild nachhaltig und lähmen gerade die weitere Entwicklung der „AfD“.
    Trotz Streit und Misserfolg wäre es jedoch falsch vom nahenden Ende der Partei zu sprechen. Das Problem „AfD“ wird sich nicht von allein erledigen. Vielmehr zeichnet sich ab, dass sich nach einer Phase des Aufschwungs, mit einem Wachstum der Partei und Wählerschaft, nun ausdifferenziert, welche Kräfte innerhalb der „AfD“ tonangebend sind und sein werden. Kurz: Welchen Weg die Partei in den nächsten Jahren nimmt. Bleibt sie ein rechtspopulistisches Sammelbecken oder wird die „AfD“ zur offen faschistischen Kraft? Als antifaschistische Bewegung tun wir daher gut daran, die „AfD“ nicht klein zu reden oder uns von Meinungsumfragen täuschen zu lassen – sondern die Debatten und Entwicklungen genau zu verfolgen, zu analysieren und die Gegenwehr entsprechend anzupassen.

    Denn selbst wenn Wahlerfolge aktuell auf sich warten lassen, bildet der in den letzten Jahren aufgebaute Apparat mit massiven finanziellen Ressourcen und einer organisierten Basis eine gute Grundlage für künftige Schritte. Hinzu kommt, dass die aktuelle Situation hohes Potenzial für rechte Wahlerfolge und Dynamiken birgt: Nach Jahren des gefühlten „Politik-Stillstands“ bewegt sich innerhalb kurzer Zeit unglaublich viel – so gut wie nichts davon zum Guten. Die Auswirkungen der kapitalistischen Misere werden mehr und mehr auch im Alltag der Menschen im „reichen“ und „stabilen“ Deutschland spürbar. Viele Menschen verlieren in Anbetracht der aktuellen Kriseneinschläge völlig zu Recht das Vertrauen in die Politik der Herrschenden und sind auf der Suche nach Alternativen. Gesellschaftliche Stimmungen können sich in einer solch hoch-politischen Zeit schnell ändern – manchmal reicht dafür ein kleiner Funke. In Zeiten in denen massenfähige und greifbare linke und klassenbewusste Antworten auf die kapitalistische Krise fehlen, kann so die Stunde der Rechten und der „AfD“ schlagen. Ein Grund mehr die antifaschistischen Aktivitäten zu intensivieren und den Gegner genau unter die Lupe zu nehmen.

    Je nachdem wann und von wem getroffen, reichen die bisherigen Einschätzungen und Analysen zur „AfD“ von rechtspopulistisch bis faschistisch. Auch wir haben in der Vergangenheit von einer rechten bzw. rechtspopulistischen Partei gesprochen, festgemacht einerseits an den Kräften, die innerhalb der „AfD“ im Vordergrund standen, andererseits an ihrer politischen Ausrichtung und der Art ihrer Umsetzung.

    Die Entwicklungen der letzten Jahre, insbesondere die inneren Grabenkämpfe um die Ausrichtung und die zentralen Personalentscheidungen auf der einen, sowie die sich verändernden objektiven Bedingungen im Zuge der sich vertiefenden kapitalistischen Krisenentwicklung auf der anderen Seite, machen eine aktuelle Analyse der „AfD“ für uns notwendig. Wir wollen deshalb den diesjährigen Bundes1 sowie den baden-württembergischen Landesparteitag2 zum Anlass nehmen, uns erneut mit dem Charakter der „AfD“ zu beschäftigen, eine politische Einschätzung zu treffen und daraus mögliche Gegenstrategien abzuleiten.

    Antifaschistische Aktion Süd,
    September 2022

    Entstehung und Entwicklung der „AfD“

    Um die heutige „AfD“ zu verstehen und zu charakterisieren ist es hilfreich einen Blick zurück zu werfen und die Entwicklung der Partei seit Entstehung (bzw. deren Vorläufer) genauer unter die Lupe zu nehmen. Ihre heutigen Richtungskämpfe und Verfasstheit sind in ihren Wurzeln begründet, war die „AfD“ doch von vorne herein ein Projekt / Bündnis unterschiedlicher rechter Kräfte und in der Konsequenz eine Plattform auf der diese Kräfte um die Vorherrschaft gekämpft haben.

    Die im Folgenden skizzierte Entstehungsgeschichte hat explizit nicht den Anspruch einer umfassenden Chronologie aller Schritte seit Parteigründung. Vielmehr geht es darum, anhand prägender Ereignisse die wesentlichen Entwicklungsschritte, die dominierenden politischen Strömungen sowie die jeweiligen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nachzuzeichnen.

    Als die „AfD“ im Februar 2013 aus der bereits 2012 gegründeten „Wahlalternative 2013“ entstand, war sie das vorläufige Ergebnis eines jahrelangen Ringens um eine bundesweite Kraft rechts der CDU/CSU, das schon Mitte der 90er Jahren begann und in Organisationen bzw. Parteien wie den „Republikanern“3 oder dem „Bund freier Bürger“4 und später in Kleinprojekten wie z. B. „Der Freiheit“ und anderen ihren Ausdruck fand. Keine dieser Organisationen konnte mit der „AfD“ vergleichbare Erfolge erzielen, dennoch waren sie wichtig für einen Formierungsprozess innerhalb des nationalkonservativen / rechtspopulistischen und Teilen des faschistischen Lagers der BRD. Hier fand eine Sammlung der politischen Kräfte statt, wurden Debatten geführt und praktische Erfahrungen gemacht.

    Auch der national-neoliberale, marktradikale Teil der „AfD“ weist eine weit über die Partei selbst hinausgehende Geschichte auf. Schon seit Mitte der 90er Jahre entstanden rund um Beatrix von Storch verschiedene Zirkel, zum Beispiel der „Zivile Koalition e.V.“ und das „Freie Welt Netzwerk“, in denen später tonangebende Personen, wie Ex-BDI-Präsident5 Hans-Olaf Henkel, Jürgen Elsässer, Konrad Adam und Redakteur:innen der Zeitung „Junge Freiheit“6 Kontakte knüpften.

    Den Ausbruch aus der gesellschaftlichen Nische und politischen Bedeutungslosigkeit mit der Gründung der „AfD“ verdanken die Rechten einerseits dieser organisatorischen Vorgeschichte, andererseits aber auch den sich verändernden und zuspitzenden politischen und ökonomischen Verhältnissen in der BRD der 2010er Jahre.

    Das Projekt Europäische Union geriet in den 2010er Jahren als Nachwirkung der vorangegangenen Weltwirtschaftskrise stark ins Wanken. Die EU ist der – maßgeblich unter deutscher Führung erfolgte – Versuch mittels Währungs- und Zollunion einen Binnenmarkt und damit eine Kapitalkonzentration ähnlicher Stärke der USA, Russlands oder Chinas zu schaffen. In Schieflage geriet dieses Projekt als die südeuropäischen Staaten – durch die EU um eine eigene Währungs- und Zollpolitik beraubt – keine eigenen Möglichkeiten der Krisenbewältigungen mehr hatten. Mittels EU-Recht, Euro und auferlegtem Spardiktat (u. a. die Verpflichtung zur Privatisierung öffentlicher Infrastruktur) konnten diese sich nicht mehr vor der innereuropäischen Konkurrenz abschotten und wurden somit zum Ausverkauf freigegeben. Davon profitierten vor allem die wirtschaftlich stärksten EU-Länder Frankreich und die BRD. Die deutsche Bourgeoisie verfolgte während dieser Zeit einen Kurs mit dem es ihr zwar gelang hohe Extraprofite auf Kosten eben jener südeuropäischen Länder einzustreichen, der jedoch auch dazu führte, dass diese Länder damit immer weiter unter die Räder der Krise kamen und letztlich den Euro als gemeinsame Währung stark gefährdete.

    Gerade unter den klein- und mittelständischen Unternehmen wurden in dieser Phase viele EU-kritische Stimmen laut. Sie verdienten nicht in einem ähnlich Maße wie die großen Industrie- und Finanzverbände, sondern sahen sich zusätzlich zur Währungskrise durch zahlreiche, mittels tausender Lobbyist:innen im EU-Parlament durchgesetzter Verordnungen, vielmehr selbst von den großen Kapitalverbänden angegriffen. Die „Wahlalternative 2013“ – und kurz darauf die „Alternative für Deutschland“ – war der Versuch die kritischen Stimmen mittelständischer Lobbyorganisationen und den rechten Teil der bürgerlichen Parteien in einer gemeinsamen politischen Kraft zu bündeln. Die marktradikalen Gründungsmitglieder rund um Bernd Lucke und Co. dominierten entsprechend auch zu Beginn das politische Profil, brachten ihr den Ruf als eurokritische Protestpartei ein und bescherten ihr damit gleich kurz nach Gründung mit 4,7 % bei der Bundestagswahl 2013, 7,1 % bei den Europawahlen 2014 und den Einzügen in drei ostdeutsche Landtage7 im gleichen Jahr ihre ersten Wahlerfolge.

    Personelle Unterstützung erhielt die junge „AfD“ auch von Funktionär:innen der bürgerlichen Parteien, die mit deren Kurs zunehmend unzufriedener wurden. Der neoliberale Gesellschaftsumbau der BRD nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende der Systemkonkurrenz, mit Projekten wie der rot-grünen „Agenda 2010“8, fand Ende der 00er Jahre sein Ende und wurde von einer protektionistischen Politik und nachfrageorientierten Konjunkturprogrammen9 abgelöst. Das führte zu Unmut und äußerte sich zum Beispiel im „Hamburger Appell“ 2005: Knapp 250 Wirtschaftswissenschaflter:innen (mit dabei auch Bernd Lucke) forderten die damals regierende Große Koalition zu drastischen Lohnsenkungen und strikten Sparmaßnahmen auf.

    Gleichzeitig brachen in dieser Zeit innerhalb der bürgerlichen Parteien offene Streitigkeiten mit jenen Kräften aus, die die Parteien ideologisch weiter nach rechts bewegen wollten. Die Debatte um das rassistische Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin10 war beispielhaft dafür und dürfte vielen noch gut im Gedächtnis sein. Beides führte dazu, dass vor allem Mitglieder aus der zweiten und dritten Reihe von CDU/CSU und FDP begannen, sich nach einer neuen politischen Heimat umzusehen. Sie fanden diese in der frisch gegründeten „AfD“. So verfügte die Partei schon früh über eine ganze Reihe erfahrener Berufspolitiker:innen.

    Auch wenn die Initiative zur Parteigründung hauptsächlich von den National-Neoliberalen vorangetrieben wurde, standen den verschiedenen anderen rechten Kräften von Anfang an alle Türen offen. Der von der „AfD“ propagierte Generalangriff auf die Lebensbedingungen der lohnabhängigen Klasse – gegen die Gewerkschaften, linke Bewegungen und Parteien – lag und liegt voll auf Linie rechter und faschistischer Kräfte.

    Kein Jahr nach der Parteigründung setze eine immer größer werdende Fluchtbewegung vor allem aus dem eskalierenden Syrien-Krieg nach Europa ein. Neben einer breiten Solidaritätsbewegung hielt damit der weltweite Rechtsruck auch in der BRD mit voller Wucht Einzug. Mit „PEGIDA“11 ging 2015 Montag für Montag eine rassistische Massenbewegung auf die Straßen, kurze Zeit später rollte eine Welle gewaltsamer Angriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte durch das Land. Durch „PEGIDA“ wurden schon lange in der Gesellschaft vorhandene rassistische Ressentiments öffentlich artikulierbar und die „AfD“ konnte sich als deren parteipolitische Vertretung präsentieren.

    Gewissermaßen als Brandbeschleuniger zeigt sich hier auch die Rolle der CDU. Ihre – vor allem von den Regierungsmitgliedern – propagierte „wir schaffen das“-Mentalität (bezogen auf die zunehmende Aufnahme Geflüchteter in der BRD) und eine für die Union sehr untypischen (jedoch rein symbolischen) Offenheit gegenüber Geflüchteten, wurde von den rechten Teilen der Partei, aber auch besonders der Basis und (Stamm-)Wähler:innenschaft als „Linksruck“ wahrgenommen. Das sorgte für eine „AfD“-Beitrittswelle und weitere Wahlerfolge.12

    Diese Verschiebung der Gründe, weshalb die „AfD“ gewählt wurde, legte den Grundstein für die bis heute andauernden Linienkämpfe innerhalb der Partei. Auf der einen Seite die marktradikalen Kräfte anfangs um Lucke und Petry, später um Gauland, von Storch und Weidel, die auf den Stimmenfang der Rechten angewiesen sind. Und auf der anderen Seite die Parteirechte um Björn Höcke13, die zwar für den Großteil der Wahlerfolge verantwortlich ist, aber lange nur einen Bruchteil des Funktionärsapparats innerhalb der Partei stellt und damit auch weniger (direkten) Einfluss auf deren politische Ausrichtung hatte. Dennoch prägte die Parteirechte schon damals die Außenwahrnehmung der Partei maßgeblich mit.

    Bereits zwei Jahre nach der Gründung, im Jahr 2015, spitzte sich dieser Kampf bis hin zur Spaltung der Partei zu. Vorausgegangen war dem die „Erfurter Resolution“, welche die Parteirechte um Björn Höcke und André Poggenburg14 initiierte und darin eine Öffnung der Partei hin zur „PEGIDA“-Bewegung forderte. Diese Resolution gilt auch als Gründungsmoment der Strömung „Der Flügel“, welche als Struktur der offenen Faschist:innen innerhalb der „AfD“ bis heute eine immer bedeutendere Rolle einnimmt.

    Um das Verhältnis zu „PEGIDA“ tobte im Anschluss ein monatelanger Machtkampf, der erst auf dem Essener Parteitag 2015 endete. Bernd Lucke verlor die Wiederwahl zum Parteivorsitzenden mit 38 % zu 60 % der Stimmen gegen Frauke Petry. Infolgedessen trat er zusammen mit Hans-Olaf Henkel aus der Partei aus. Es folgten ihnen fast der komplette rein neoliberale Flügel und die Partei verlor etwa 20 % ihrer Mitglieder. Ihr anschließender Versuch, das ursprüngliche Konzept der „Wahlalternative 2013“ ohne die nationalkonservativen und faschistischen Kräfte in einer neuen Partei weiter zu führen, scheiterte krachend. Mit „ALFA“15 sind auch ihre Gründer:innen direkt nach dem Entstehen in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Die „AfD“ hatte damit einen großen Schritt weiter nach rechts gemacht.

    2017 sorgten antisemitische Veröffentlichungen des „AfD“-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon16 aus Baden-Württemberg beinahe für den Zerfall der dortigen Landtagsfraktion, die nur durch die Intervention der Bundesspitze und den folgenden Austritt Gedeons verhindert wurden. Der Fall Gedeon steht dabei exemplarisch für bewusst gesetzte öffentliche „Ausfälle“. Mit diesen versucht die Partei das gesellschaftlich Sagbare Stück für Stück nach rechts zu rücken und so Raum für z. B. offen rassistische Positionen in der Gesellschaft zu schaffen. Daran beteiligten und beteiligen sich nicht nur Mitglieder des „Flügels“, sondern die gesamte Partei. Die Forderung nach einem Schießbefehl auf Geflüchtete von Petry17 sei hier nur exemplarisch genannt.

    Gestritten wird in der Partei nur darum, wie weit diese Grenze verschoben werden soll – inhaltlich und taktisch. Taktisch einen Schritt zu weit ging Björn Höcke 2017 mit einer geschichtsrevisionistischen Rede in Dresden18. Der öffentliche Sturm der Entrüstung zwang den Parteivorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn einzuleiten. Inhaltlich stand die „AfD“ letztlich aber hinter Höcke – er wurde nicht aus der Partei ausgeschlossen.

    Im gleichen Jahr versuchte Petry mit ihrem „Zukunftsantrag“ die Partei auf einen „realpolitischen Kurs“ zu bringen und so langfristig die Weichen für eine Regierungsbeteiligung zu stellen. Auf dem Kölner Parteitag wurde es jedoch abgelehnt, sich mit dem Antrag zu befassen. An der Ausrichtung der Partei, eine rechte „Fundamentalopposition“ zu sein, wurde nicht gerüttelt. Nach verlorenem Machtkampf verzichtete Petry auf die Spitzenkandidatur bei der kommenden Bundestagswahl und verließ die Partei. Auch diese (Ab-)Spaltung muss als eine weitere Verschiebung der Kräfteverhältnisse in der „AfD“ nach rechts gesehen werden.

    Diese Spaltungen und internen Streitigkeiten taten dem generellen Aufstieg der Partei allerdings keinen Abbruch. Auf der Welle der Anti-Geflüchtetenproteste reitend zog die „AfD“ 2017 mit 12,6 % in den Bundestag ein, konnte in allen bis dahin stattfindenden Landtagswahlen mit zweistelligen Ergebnissen aufwarten und wuchs auf über 20.000 Mitglieder an.

    2018 gelang es der Partei in Chemnitz spontane faschistische Ausschreitungen nach dem Mord an einem Chemnitzer politisch zu kanalisieren und eine große, rassistische Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmenden mit zu organisieren. An der Versammlung nahmen, neben Parteifunktionär:innen wie Höcke und Kalbitz, auch militante Kameradschaften und rechte Hooligans, aber auch viele Chemnitzer:innen teil. Eine in dieser Größenordnung und Mischung seit den 1990er nicht mehr dagewesene Veranstaltung. Federführend bei der Organisation und politischen Konzeption der Demonstration waren Akteur:innen des „Flügels“.

    Kurz vor den Landtagswahlen in den östlichen Bundesländern 2019 war „Der Flügel“ dann erstmals direktes Streitthema um die weitere politische Ausrichtung der Partei. „Flügel“-Mitglied Doris von Sayn-Wittgenstein wurde in Sachsen-Anhalt zur Landesprecherin gewählt, obwohl der Parteivorstand gerade versuchte sie wegen aktiver Unterstützung faschistischer Kreise aus der Partei zu werfen. In NRW traten dreiviertel der Vorstandsmitglieder aufgrund der stärker werdenden Faschist:innen in der Partei von ihren Ämtern zurück. Gleichzeitig drohte Björn Höcke, aufgrund der indirekten Aufrufe des Parteivorsitzenden Jörg Meuthen gegen den „Flügel“, offen die Wiederwahl des „AfD“-Bundesvorstands zu verhindern. Die faschistischen Kräfte gingen gestärkt aus diesen Kämpfen hervor. Die Landtagswahlen in den Hochburgen des „Flügels“ wurden mit 23,5 % in Brandenburg, 27,5 % in Sachsen und 23,4 % in Thüringen zu den größten Erfolgen der Partei.

    Sein strategisches Geschick stellte der „Flügel“ ein weiteres Mal im Februar 2020 im Thüringer Landtag unter Beweis: Damals hatte die dortige „AfD“-Landtagsfraktion unter Höcke mit einem geplanten Manöver den FDP-Politiker Thomas Kemmerich vorübergehend zum Ministerpräsidenten gemacht und eine politische Krise mit Auswirkungen bis auf Bundesebene ausgelöst19.

    Im Frühjahr 2020 reagierte der amtierende Parteivorstand der „AfD“ auf die anhaltende Thematisierung und Problematisierung des „Flügels“ in der Öffentlichkeit. Vor allem die Befürchtung, dass die Gesamtpartei „AfD“ zum Beobachtungsfall des Verfassungsschutzes wird, mitsamt der Konsequenzen und erwartbarer Misserfolge bei Wahlen, waren Aufhänger dafür, dass der „Flügel“ formal für aufgelöst erklärt wurde. Die Geste, zu der sich die „gemäßigteren“ Teile der „AfD“ gezwungen sahen, um den Vorwürfen des weiteren Rechtsrucks innerhalb der Partei zu begegnen, sollte allerdings nicht als mehr verstanden werden denn: Eine symbolische Handlung, die von Teilen der „AfD“ getragen wird. Allerdings intern eher mit dem Rücken zur Wand angesichts eines erstarkenden „Flügels“ und um nach außen hin den Schein der Kontrolle innerhalb der Partei zu wahren. Im gleichen Kontext ist der Parteiausschluss des ehemaligen brandenburgischen „AfD“-Landesvorsitzenden Kalbitz im Mai 202020 zu sehen, dessen Mitgliedschaft in der faschistischen „Heimattreuen Deutschen Jugend“21 als Ausschlussgrund herangezogen wird: Ein Kopf, der notwendigerweise rollen musste, um nach außen sichtbar gegen die rechteren, offen faschistischen Teile vorzugehen.

    Wie wenig der Entschluss schon damals mit den Mehrheitsverhältnissen in der „AfD“ zu tun hatte, verdeutlicht u. a. die kurz darauf einsetzende Pandemie-Politik der Partei. Der Versuch sich an die Spitze der rechtsoffenen, von Verschwörungsmythen dominierten und in Teilen antisemitischen „Corona-Proteste“ zu setzen, lag voll auf Linie des faschistischen Teils, welcher insbesondere im Osten der Republik früh Teil der Straßenbewegung wurde. Auch der geschasste Kalbitz war auf diesen Demonstrationen immer wieder zu sehen und trat z. T. auch als Redner auf.

    Dass die Strukturen des „Flügels“ weiterhin existieren und wirken, wird an verschiedenen Stellen deutlich. So belegen Mitschnitte, dass es in Niedersachsen im Februar 2021 ein Treffen gab, bei dem sich der dortige Ex-„Flügel“ in nahezu gleicher Besetzung restrukturiert hat – unter Teilnahme mehrerer Bundestagsabgeordneter. Und auch der vergangene Bundesparteitag im Juni 2022 hat eines verdeutlicht: Der offen faschistische Teil ist als eigenständige Struktur innerhalb der Partei organisiert und aktuell die wirkmächtigste innerparteiliche Strömung. Er kann (und will) zwar die Macht innerhalb der „AfD“ noch nicht vollständig an sich ziehen, ist aber sehr wohl in der Lage, inhaltlich und politisch das Geschehen in der Partei sowie das Bild nach außen maßgeblich zu prägen. Ohne den „Flügel“ ist mittlerweile innerhalb der „AfD“ keine tragfähige Politik zu machen.

    Eine Person, die dabei auch weiterhin heraus sticht, ist der Faschist und „Flügel“-Galionsfigur Björn Höcke. Von einem Parteiausschluss, wie er noch 2017 gefordert wurde, spricht heute niemand mehr, im Gegenteil: Höcke sitzt fester denn je im Sattel.

    Die öffentliche Zurückhaltung in den letzten Jahren, in denen er auf Angriffe auf die Parteispitze verzichtete, scheinen rein taktischer Natur gewesen zu sein. Der geschlossene und gut organisierte Auftritt des faschistischen Teils auf dem Bundesparteitag 2022 lässt auf eine massive organisatorische Arbeit in den letzten Jahren schließen und gibt einen Vorgeschmack auf kommende Entwicklungen. Die Machtdemonstration in Riesa, deren Ergebnis u. a. ein „AfD“-Bundesvorstand von „Höckes Gnaden“22 ist und letztlich im Abbruch des Parteitags gipfelte, verdeutlicht die zentrale Rolle des Thüringer Fraktionschefs und den Einfluss seiner faschistischen Strömung. Das Einbringen einer „Kommission für Strukturreform der Partei“, an deren Spitze er sich selbst sieht, ist zwar vertagt, es zeigt aber, in welche Richtung sich die „AfD“ entwickelt und welche Köpfe perspektivisch an zentralen Stellen sitzen (werden/könnten).

    Die Teile der „AfD“ hingegen, die sich als „gemäßigt“ verstehen, haben dem kaum noch etwas entgegenzusetzen. Sie wirken unorganisiert, schlecht aufgestellt und planlos. Unter diesen Vorzeichen hat mit dem damaligen Bundessprecher Jörg Meuthen im Frühjahr 2022 eine weitere Person die „AfD“ verlassen, die nach außen als Widersacher des „Flügels“ galt. Sein Austritt bestätigte einmal mehr eine seit Gründung anhaltende Tendenz: In den Flügelkämpfen setzt sich am Ende immer der rechtere Teil durch. Das war bei Lucke so, das war bei Petry so und das belegt auch der Fall Meuthen. Und Meuthen wird mit Sicherheit nicht der Letzte sein, der in den internen Auseinandersetzungen der „AfD“ den Kürzeren zieht.

    Nach fast zehn Jahren hat sich die „AfD“ mittlerweile zu einer Partei entwickelt, in der sich der offen faschistische Teil politisch durchsetzt, strategisch Politik betreibt und die verbliebenen national-neoliberalen Teile an den Rand drängt bzw. mehr und mehr bedeutungslos macht. Gleichzeitig ist die „AfD“ die bundesweit relevanteste rechte Kraft, die mit ihrer Größe, Infrastruktur und finanziellen Mitteln deutlich besser aufgestellt ist, als andere rechte und faschistische Parteien oder Gruppen. Sie schafft es nach wie vor Bezugspunkt für verschiedene rechte Strömungen zu sein, dient als Vernetzungsplattform und ist auch dadurch zunehmend besser in der Lage auf gesellschaftliche Widersprüche Einfluss zu nehmen oder zumindest von ihnen zu profitieren. Zeitweise war die „AfD“ in allen Landesparlamenten vertreten und fuhr einigermaßen stabile zweistellige Wahlergebnisse ein. Auch wenn sich der Trend der letzten Jahren nicht weiter fortzusetzen scheint, kann die „AfD“ auf einen festen Wähler:innenstamm und damit auf eine gewisse gesellschaftliche Verankerung, vor allem im Osten der Republik, bauen.

    Was kennzeichnet eine faschistische Partei?

    Die „AfD“ ist als Gesamtpartei (noch) nicht faschistisch, wird jedoch mehr und mehr von einem gut organisierten faschistischen Teil geprägt. Ob und – wenn ja wie – dieser die umfassende Kontrolle über die Partei übernimmt, lässt sich aktuell nicht voraussagen. Im Hinblick auf den immer größer werdenden Einfluss der Faschist:innen wird sich jedoch auch die Praxis und die inhaltliche Ausrichtung der „AfD“ weiter verändern. Damit drängen sich Fragen auf: Was kennzeichnet eigentlich eine faschistische Partei? Welche Politik macht sie? Worin unterscheidet sie sich von anderen Parteien?

    Antworten darauf können sicherlich nicht dabei stehen bleiben eine Liste mit Kriterien zum Abhaken oder gar eine Schablone zu entwerfen, die auf das jeweils zu untersuchende Objekt aufgelegt wird. Das soll im Folgenden auch nicht geschehen. Dennoch unternehmen wir den Versuch Kernmerkmale faschistischer Politik und insbesondere einer faschistischen Partei herauszuarbeiten und in ein Verhältnis zum aktuellen Entwicklungsstadium der „AfD“ zu stellen. So können einerseits Analysen geschärft und andererseits konkrete Schlussfolgerungen für eine antifaschistische Praxis gezogen werden.

    Vorweg: Die faschistische Partei ist keine „normale“ bürgerliche Partei, welche im Wesentlichen als Wahlverein mit zumeist inaktiver (bzw. nur zum Wahlkampf aktivierter) Basis fungiert. Die faschistische Partei dient als Organisationszentrum der faschistischen Bewegung mit dem Anspruch Bezugspunkt für unterschiedliche politische und kulturelle Organisationen der radikalen Rechten zu sein – auf der Straße, im Betrieb, im gesellschaftlichen Leben. Natürlich bleibt sie weiterhin Stütze des Kapitalismus, unterscheidet sich jedoch in der Form und im Auftreten maßgeblich von bürgerlichen Parteien.

    Außerdem: Nicht jede faschistische Gruppe oder Partei erfüllt alle im Folgenden gelisteten Merkmale umfänglich – wohl aber finden sich in allen Ansätze der aufgeführten Punkte. Zudem treffen einzelne Merkmale sicherlich auch auf rechte bürgerliche bzw. rechtspopulistische Parteien zu; das Zusammenwirken aller unterscheidet jedoch eine faschistische Partei qualitativ von diesen. Auch wenn das Vertreten einer faschistische Ideologie maßgeblich ist, so ist sie nicht das einzige Merkmal, das eine Partei faschistisch macht – ein Umstand der leider oft übersehen wird. Faschistische Bewegungen bzw. ihre Parteien hatten in der Vergangenheit unterschiedliche Formen und Ausprägungen. Es lassen sich folgende Kernmerkmale einer faschistischen Partei heraus arbeiten:

    • die faschistische Ideologie
    • eine pseudorevolutionäre Rhetorik & Soziale Demagogie
    • ihre kleinbürgerliche Klassenbasis & der Anspruch auch Teile des Proletariats zu organisieren
    • der Aufbau von (Massen-)Strukturen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen
    • den Bezug zur Straße
    • der organisierte Einsatz von Gewalt
    • ihr Verhältnis zum Parlamentarismus
    • das Zuschneiden der Partei auf eine Führungspersönlichkeit
    • die Unterstützung durch das Kapital

    Faschistische Parteien vertreten eine faschistische Ideologie. Diese kennzeichnet die Bündelung verschiedener reaktionärer Denkmuster in einer geschlossenen Weltanschauung. Dabei werden rückwärtsgewandte und ausgrenzende Vorstellungen wie etwa Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, Sozialdarwinismus und Sexismus zusammengeführt und auf eine neue qualitative Ebene gehoben. Hinzu kommt ein starker Antikommunismus, ein aggressiver Militarismus, ein daraus folgender Expansionsdrang und die Verdrehung der Geschichte (Geschichtsrevisionismus). Im Bezug auf die „AfD“ mangelt es nicht an Äußerungen wichtiger Parteifunktionär:innen mit eindeutigem Inhalt: Gaulands geschichtsrevisionistischer „Vogelschiss“23, Höckes antisemitisches „Denkmal der Schande“ oder Weidels rassistische Aussage über „Kopftuchmädchen“24. Ein Augenmerk sei an dieser Stelle explizit auf das ultra-patriarchale Weltbild sowie die offene Bekämpfung jedweder progressiver, linker oder sozialistischer Ideen gelegt. Beide Positionen sind – im Gegensatz zu anderen Facetten faschistischer Ideologie – in der Gesamtpartei und ihrer Politik, von der Basis bis zur Führung Konsens.

    Im „AfD“-Parteiprogramm selbst finden sich viele Versatzstücke faschistischer Ideologie nur verklausuliert wieder, was im Anbetracht der langjährigen Stigmatisierung faschistischer Positionen in der bundesdeutschen Gesellschaft nicht verwunderlich ist. Zudem stammen wesentliche Teile des Programms noch von 2016.

    Die Gesamttendenz ist dennoch eindeutig: Inhaltlich betrachtet finden sich in der Partei alle wichtigen Positionen mit der notwendigen Klarheit wieder, die elementar für eine geschlossen faschistische Ideologie sind. Allerdings spiegelt der Kampf um die Hegemonie innerhalb der Partei auch deren aktuelle ideologische Verfassung wider. Die „AfD“ hat als Gesamtes auf programmatischer Ebene noch nicht den qualitativen Schritt zur faschistischen Partei vollzogen, wohl aber finden Faschist:innen in der Partei mehr als genug Anknüpfungspunkte für ihre Ideologie.25

    Ein wichtiger Baustein der faschistischen Partei ist auch ihre pseudorevolutionäre Rhetorik, mit der sie sich gerne antikapitalistisch und systemüberwindend gibt. Die Faschist:innen greifen dabei vor allem das „ausländische“ Kapital26 an und schwadronieren von Antikapitalismus, Umsturz und Revolution. Dabei haben die führenden Kräfte der Partei keinerlei Interesse daran, tatsächlich etwas an den bestehenden Verhältnissen zu ändern. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Schon in der Bewegungsphase ist der oftmals völlig diffuse bzw. antisemitische „Antikapitalismus“ reine Rhetorik, an der Macht sind die Faschist:innen Partner:innen der dominierenden „heimischen“ Kapitalfraktion und erhalten so die bürgerliche Herrschaft. Eines der bekanntesten Beispiele dafür dürften die deutschen Faschist:innen sein, die diesen pseudorevolutionären Ansatz sogar im Namen („national-sozialistisch“) und in der Symbolik (rote Fahne als Grundlage) verwirklichten. Nach der Machtübertragung war deren erste Handlung jedoch die Zerschlagung der organisierten Arbeiter:innenbewegung, ihrer Parteien und Gewerkschaften.
    Innerhalb der „AfD“ ist vom Sturz des bürgerlichen Systems höchstens im Höcke-Flügel27 die Rede. Andere Teile geben sich bisher bewusst staatstragend und schielen auf eine Regierungsbeteiligung. „Fundamentalopposition“ ja, aber im Rahmen der bestehenden bürgerlichen Demokratie. Und dennoch: Bei den Faschist:innen in der „AfD“ findet sich sehr wohl eben jene „antikapitalistische“ und pseudorevolutionäre Rhetorik, die es den historischen Faschist:innen in der Vergangenheit ermöglichte, auch in Teilen der Arbeiter:innenklasse Fuß zu fassen.

    Im Hinblick auf die momentane Verschärfung der kapitalistischen Krise und einer daraus möglicherweise resultierenden Legitimationskrise des kapitalistischen Wirtschaftens, kann in naher Zukunft ein Nährboden entstehen, auf dem die „Flügel“-Positionen sehr schnell massenfähig werden könnten.

    Um den Zuspruch größerer, auch proletarischer Bevölkerungsgruppen zu erhalten, nutzt die faschistische Partei auch Demagogie28 – eine Charaktereigenschaft, die nahezu vollumfänglich auf die „AfD“ zutrifft: Das „einfache Volk“ gemeinsam gegen die „herrschende Elite“, „wir Deutsche“ gemeinsam gegen „die Ausländer“. Was hier passiert ist so einfach wie erfolgreich. Durch simple Feindbilder wird ein vereinendes Element geschaffen und die wirklichen Ursachen wohlweislich vertuscht. In nahezu allen Bereichen gibt es für die „AfD“ Sündenböcke, die in den Augen der Partei Schuld an der gesellschaftlichen Missständen sind. Seien es Geflüchtete, ökonomisch Schwächere, die Klimabewegung oder der Feminismus. Für alles gibt es das passende Feindbild, selbst wenn sich ihre Propaganda dabei teilweise widerspricht. Dennoch – oder gerade deshalb – hat die „AfD“ damit einen gewissen Erfolg: Einfache Antworten auf komplexe Fragen. Die wirklichen Ursachen und die Profiteure – die Kapitalist:innen – bleiben wohlweislich unangetastet.

    Ihre Klassenbasis hat die faschistische Partei jedoch vornehmlich im Kleinbürgertum – den Selbstständigen, den höheren Angestellten, den Inhaber:innen kleiner Handwerksbetriebe usw. Sie sind – aus Angst vor dem eigenen gesellschaftlichen Abstieg und ökonomischen Niedergang – der Kern der faschistischen Partei und stellen wesentliche Funktionär:innen.

    Mit Blick auf die AfD scheint deren Klassenbasis tatsächlich ins Muster faschistischer Parteien zu passen. Überproportional sammeln sich z. B. im Bundestag und den Länderparlamenten Selbstständige und Inhaber:innen kleiner (Handwerks-)Betriebe – die absolute Mehrheit davon übrigens Männer. Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an Polizist:innen, ehemaligen Mitgliedern der Bundeswehr und Teilen des Justizapparats. Auch ein Blick auf die beiden Bundessprecher:innen unterstützt das Bild vom Kleinbürgertum als maßgebliche Trägerin der Partei: Tino Chrupalla ist Malermeister und Inhaber eines entsprechenden Betriebs, Alice Weidel hat einen Doktortitel in Volkswirtschaftslehre und ist selbstständige Unternehmensberaterin.

    Der Zuspruch von gewichtigen Teilen des Proletariats ist kein elementares Kennzeichen einer faschistischen Partei (siehe z.B. „NDP“29 oder „III. Weg“30), wohl aber notwendiger Bestandteil, will sie zur Herrschaftsoption werden. Ohne diese Massenbasis ist der Faschismus an der Macht nicht dauerhaft denkbar. Vorrangiges Ziel ist der Machterhalt durch die Integration von Teilen des Proletariats und der offene Terror gegen den Rest.

    Der Anspruch und die reale Integration sowie Organisation vieler Menschen in unterschiedlichen Strukturen („Vorfeld-strukturen“) rund um die Partei ist aber schon in der Bewegungsphase der faschistischen Partei ein wesentlicher Unterschied zu klassisch bürgerlichen Parteien. Historisch gesehen geschah vieles davon in Strukturen die militaristisch geprägt, zumindest aber klar hierarchisch organisiert waren (z. B.: „Schwarzhemden“ in Italien, „Hitlerjugend“ und „Bund deutscher Mädel“ in Deutschland).

    Der „AfD“ gelingt es aktuell noch nicht eine größere Anzahl an Menschen innerhalb oder außerhalb der Partei organisatorisch zu fassen, jedoch sind Kerne solcher Strukturen rund um die Partei vorhanden. Aktuellstes Beispiel ist sicherlich die Gruppe „Zentrum“ (ehemals „Zentrum Automobil“), die nach dem Vorbild der „NSBO“31 versucht betriebliche Strukturen für die organisierte Rechte aufzubauen. Beim Bundesparteitag in Riesa 2022 kippte der offen faschistische Teil um Höcke den bis dato geltenden Unvereinbarkeitsbeschluss mit „Zentrum“. Einer Zusammenarbeit mit der betrieblichen Struktur steht zukünftig also nichts mehr im Wege. Dass „Zentrum“ während der Antragsdiskussion auf dem Parteitag von „Flügel“-Vertreter:innen als Vorfeldorganisation bezeichnet wurde, unterstreicht diese Ambitionen.

    Darüber hinaus sucht die „AfD“, insbesondere der „Flügel“-Teil, aktiv den Bezug zur Straße und dortigen Protestbewegungen. Als es beispielsweise 2018 zu spontanen und großen Versammlungen und Angriffen von Rechten in Chemnitz kam, schaffte es die „AfD“ um Höcke sich an die Spitze der zentralen Demonstration zu setzen. Dahinter sammelten sich Tausende: Rechte Anzugträger, „Nazihools“, aber auch einfache Chemnitzer:innen. Bei den von Nazis geprägten Protesten im rheinland-pfälzischen Kandel 201832 versuchten sie dasselbe, schafften es jedoch nicht gänzlich.

    Bisher beschränkt sich die „AfD“ auf der Straße auf ihr politisch nahestehende Bewegungen, wie z. B. die rassistischen „PEGIDA“-Demonstrationen oder solche, die zumindest anknüpfungsfähig für Rechte und deren Ideologie sind, wie etwa die „Querdenken“-Bewegung. Das muss und wird aller Wahrscheinlichkeit nicht so bleiben. Köpfe wie Höcke haben die (strategische) Bedeutung der Macht auf der Straße längst erkannt und versuchen dort über den eigenen Wirkungskreis hinaus Fuß zu fassen. In Dresden, in Chemnitz und Kandel, aber auch bei wesentlich kleineren Ereignissen, wie den Stuttgarter „Diesel-Demos“33 haben Funktionär:innen der Partei Erfahrungen gesammelt, auf die bei einer Intervention in mögliche „Anti-Teuerungsproteste“ oder den Widerstand gegen zu hohe Spritpreise oder Heizkosten zurück gegriffen werden kann. Auch historisch gesehen sind die Faschist:innen in der Zeit der wirtschaftlichen Krise groß geworden.

    Die faschistische Partei führt einen offenen Kampf gegen die organisierte Arbeiter:innenbewegung und gesellschaftliche Minderheiten. Dieser Kampf wird dabei nicht nur durch Worte oder Gesetze ausgetragen. Er ist konkret und gewalttätig. Und: Er ist organisiert. Im Gegensatz zur klassischen bürgerlichen Rechten sind die Faschist:innen bestrebt mittels terroristischer Methodik offensiv gegen den politischen Gegner zu kämpfen. Ein historisches Beispiel ist hier sicherlich die „Sturmabteilung (SA)“ der deutschen Faschist:innen, aber auch heutzutage machen kleinere faschistische Gruppierungen große Schritte in diese Richtung.

    So etwa „Der III. Weg“ mit Wehrübungen, Stadtpatrouillen oder dem Versuch Geflüchtete an der Grenze zu Polen abzufangen. Ähnliche Bestrebungen bzw. einen offen erkennbaren, parteiinternen „Ordnungsdienst“, also eine Art paramilitärische bzw. militante Organisation, die mit Terror auf der Straße politische Gegner einschränkt und bekämpft, gibt es bei der „AfD“ bisher nicht. Die Partei hat aber unübersehbare Verbindungen in das Spektrum der militanten Nazi-Netzwerke und das rechts-terroristische Milieu. Nicht selten zeigen sich „AfD“-Funktionär:innen bei Großveranstaltungen mit der „Identitären Bewegung“ oder anderen, gewaltorientierten Zusammenhängen aus der extremen Rechten. Dabei kommt es von diesen immer wieder zu Angriffen auf z. B. Gegendemonstrant:innen.

    Auch wenn die „AfD“ im Moment (noch) keinen eigenen, organisierten „militanten“ Arm besitzt, wird diese Rolle aktuell z. T. von nahestehenden Gruppen übernommen. Der Teil um Höcke ist sich dieser Tatsache sehr bewusst und arbeitet am Schulterschluss zu Spektren die perspektivisch als z.B. militanter „Ordnungsdienst“ fungieren könnten – bspw. den Resten der „Identitären Bewegung“, der „German Defence League“34 oder Teilen des rechten Hooligan-Milieus. Ebenso zeigt sich, dass die Jugendorganisation der Partei, die „Junge Alternative (JA)“ – zwischenzeitlich in Teilen wegen zu großer personeller Überschneidungen in die faschistische Szene aufgelöst – nicht nur enge Kontakte in eben diese pflegt, sondern, wenn auch lokal begrenzt, deutlich aktionistischer und gewaltbereiter auftritt als die „Mutterpartei“. Dass die „JA“ zum Großteil dem „Flügel“ nahe steht ist daher nicht überraschend.

    Bürgerliche wie faschistische Parteien wollen den Kapitalismus als Wirtschaftssystem erhalten, doch sie unterscheiden sich dennoch qualitativ voneinander. Ein abstrakter, aber grundlegender Unterschied ist ihr Verhältnis zum Parlamentarismus. Das Ziel der bürgerlichen Partei ist es vor allen anderen, Macht in den Parlamenten, in den Regierungen und Institutionen zu erlangen. Auch sie hat natürlich ein Umfeld, das über die Wahlpartei hinaus geht, doch dient das lediglich dazu, die parlamentarische Macht zu (unter)stützen. Ihr Erfolg konzentriert sich letztlich in den Wahlergebnissen.

    Die faschistische Partei hingegen hat ein anderes Verständnis von Macht. Sie versucht sie auf allen Ebenen zu erlangen: In der Gesellschaft, in Medien, Kultur, auf der Straße, in den nicht gewählten staatlichen Institutionen (z. B. in Justiz und Sicherheitsapparat), in den Betrieben und natürlich auch in den Parlamenten35. Die faschistische Bewegung sieht den Erfolg der Wahlpartei „AfD“ nicht als höchstes Ziel an, sie folgt nicht dem Primat des Parlamentarismus36.

    Faschistische Parteien leben von charismatischen Führungsfiguren. Das unterscheidet sie zwar nicht prinzipiell von klassischen bürgerlichen Parteien, faschistische Parteien sind jedoch konzeptionell auf einzelne Führungspersönlichkeiten zugeschnitten. Das hat Auswirkungen auf die Willensbildung innerhalb der Partei, diese ist noch weniger demokratisch als bei klassisch bürgerlichen Parteien und orientiert sich maßgeblich an der Führungsfigur bzw. dem engen „Circle“ darum. Der „Führerkult“ der deutschen Faschist:innen um Adolf Hitler sticht dabei sicherlich heraus, findet aber im z. B. Italienischen und spanische Faschismus mit Mussolini und Franco seine Entsprechung. Auch heutzutage sind faschistische Parteien, wie etwa der „RN“37 in Frankreich, federführend auf ihre „Leader“ ausgerichtet38.

    In der bürgerlichen Forschung und dem Diskus wird der Faschismus oftmals genau auf dieses Phänomen reduziert. Einzig der Kult um „den Führer“ sei die Ursache allen Unheils. Das ist so einfach wie falsch. Richtig ist hingegen, dass die Organisationsstruktur, die auf eine zentrale Person ausgerichtet ist, eines von mehreren und nicht das zentrale Merkmal einer faschistischen Gruppe ist.

    Der „AfD“ fehlt momentan eine charismatische Führungsperson, die in der Lage wäre unterschiedliche gesellschaftliche Spektren anzusprechen und zu mobilisieren. Zudem arbeitet die Partei zur Befriedung der internen Konflikte nach wie vor mit einer Doppelspitze. Die von der Gruppe um Björn Höcke am dem Bundesparteitag 2022 lancierten Anträge zur Einzelspitze zeigen aber, dass es mehrheitsfähige Bestrebungen gibt, die Partei auf eine Führungsperson zuzuschneiden. Höcke selbst hat angedeutet sich 2024 um den Vorsitz bewerben zu wollen.

    Die Unterstützung durch gewichtige Teile des Kapitals sind – zumindest für die faschistische Herrschaft – von zentraler Bedeutung. Doch schon auf dem Weg von der faschistischen Sekte zur Massenpartei spielt die finanzielle Hilfe durch Geldgeber:innen aus der Wirtschaft eine große Rolle. Ohne Spenden aus der Industrie wäre es der „NSDAP“ nicht möglich gewesen eine Organisation in der Größe und dem Ausmaß auf die Beine zu stellen. Die Unterstützung für die Faschist:innen kommt natürlich nicht von ungefähr: Für Teile des Kapitals ist die faschistische Partei ein Rettungsanker für die eigene Herrschaft, die in Krisenzeiten in Gefahr geraten kann oder ein Mittel zur Durchsetzung imperialistischer Bestrebungen.

    Trotz sich verschärfender Wirtschaftskrise gibt es aktuell kein größeren Block innerhalb des deutschen Kapitals, der versucht mithilfe der „AfD“ gezielt die eigenen Interessen durchzusetzen. Der Grund dafür ist so einfach wie offensichtlich: Es gibt schlicht und ergreifend keine Notwendigkeit dafür. Noch werden die Interessen der großen, global agierenden deutschen Kapitalfraktionen von den klassischen, bürgerlichen Parteien wie CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP vertreten. Zudem ist die revolutionäre Linke derart marginalisiert und in der Defensive, dass die bürgerliche Herrschaft weit davon entfernt ist gefährdet zu sein.

    Nichtsdestotrotz erhält die „AfD“ zum Teil hohe finanzielle Zuwendungen, vor allem aus der Immobilienbranche und von „mittelständischen“ Unternehmen. Bisher bekannte Großspender:innen kommen dort her39. Gerade der „Mittelstand“ kann sich – auf Grund geringerer Unternehmensgröße – oftmals nicht auf dem Weltmarkt behaupten. Daher sind diese Unternehmen traditionell eher Europa- und teils Russland-orientiert. In dieses Unternehmer:innenmilieu unterhält die „AfD“ seit ihrer Gründung gute Kontakte und die ökonomischen Schwierigkeiten ein Teil dessen waren mit Gründungsgrund der „AfD“. Nur einige Wenige unterstützt die „AfD“ jedoch öffentlich, was sicherlich auch auf die damit verbundene Stigmatisierung zurückzuführen ist. Die Immobilienbranche hat hingegen kein gutes Image zu verlieren. Sie sieht in der Politik der „AfD“ vor allem Unterstützung für ihren auf maximalen Profit ausgelegten Kurs, dessen Leidtragende schon jetzt Millionen proletarischer Mieter:innen sind.

    Dennoch ist es (aktuell) nicht unbedingt ein Widerspruch, dass die „AfD“ nicht direkt die Interessen des Großkapital vertritt, eben weil dies aktuell noch innerhalb der „parlamentarischen Demokratie“ seine Interessen von den anderen bürgerlichen Parteien vertreten sieht bzw. diese auch vertreten werden. Was nicht ist, kann jedoch mit einer sich veränderten Krisen-Situation allerdings schnell werden. Vieles der Politik der „AfD“ ist schließlich schon jetzt sehr wohl im Interesse des Großkapitals. Sei es ihre Position zum Eigentum, „dem Markt“, ihr Kampf gegen die Gewerkschaften oder der offene Antikommunismus. Letztlich ist die tatsächliche Unterstützung dieser Kapitalfraktion jedoch nur für eine faschistische Partei an der Macht (bzw. auf dem Weg dahin) entscheidend. Solange dies keine Option ist, ist die (fehlende) Unterstützung kein Kriterium anhand dessen eine Partei als faschistisch oder eben nicht charakterisiert werden kann.

    Quo vadis „AfD“?

    Das faschistische Lager innerhalb der „AfD“ ist aktuell zwar laut und prägt den Kurs, aber jedoch nicht in allen Fragen tonangebende die Fraktion und noch davon entfernt, eine faschistische Hegemonie innerhalb der Partei herzustellen. Die Tendenz geht aber dahin, dass sich der offen faschistische Teil weiter konstituiert und sein Einfluss wächst. Es zeichnet sich ab, dass er sich in entscheidenden Fragen perspektivisch durchsetzen könnte. Der Bundesparteitag 2022 hat gezeigt, wie gut die Strömung mittlerweile organisiert ist und wie einflussreich sie bei einem geschlossenen Auftritt wirken kann.

    Auch wenn nicht mehr von einer rechtspopulistischen Partei gesprochen werden kann, ist es noch zu Früh, um die „AfD“ als Gesamtes als faschistischen Partei einzuschätzen. Vielmehr handelt es sich unserer Einschätzung nach um eine rechte, reaktionäre Partei mit etabliertem, wachsendem und offen auftretendem faschistischen Teil. Ob diese Entwicklung weiter anhält, bleibt ein Blick in die Glaskugel. Die antifaschistische Bewegung tut jedoch gut daran, die Kräfteverschiebungen innerhalb der Partei genau im Blick zu behalten. Die politische Entwicklung der „AfD“ ist allerdings nicht alleine das Resultat innerparteilicher Machtkämpfe und Intrigen. Die sich aktuell stark verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse können dem faschistischen „Flügel“ ebenfalls weiteren Aufwind geben oder auch genau gegenteilige Entwicklungen befördern.

    Für die Bewertung der „AfD“ als rechtspopulistisch oder faschistisch zwar nicht von zentraler Bedeutung, aber für die Bewertung der konkreten Gefahr, die von dieser Partei für die Lohnabhängigen ausgeht, unerlässlich, ist die Frage nach einer möglichen Regierungsbeteiligung. Unvereinbarkeitsbeschlüsse der konservativen Parteien mit der „AfD“ sind auf Landesebene bereits einmal am bröckeln gewesen. Anfang 2020 lies sich Thomas Kemmerich (FDP) mit den Stimmen der „AfD“ zum Thüringer Ministerpräsidenten wählen. Der Fall Kemmerich hat deutlich gezeigt, dass es bei allen Lippenbekenntnissen sehr wohl Stimmen innerhalb der bürgerlichen Parteien gibt, die auch für einer Zusammenarbeit mit der „AfD“ offen sind. Aktuell spricht wenig für ein baldiges Koalitionsangebot, aber für eine nach rechts rückende CDU unter Friedrich Merz wird dies in den nächsten Wahlen in den ostdeutschen Bundesländern nicht mehr unbedingt von vornherein ausgeschlossen sein. Die realistische Chance auf eine Regierungsbeteiligung wird mit Sicherheit dynamische Entwicklungen innerhalb der Partei zugunsten der Kräfte, die diese regierungsfähig machen wollen, auslösen.

    Momentan scheint es so, dass die „AfD“ ihre relative Umfragestabilität trotz krasser innerparteilicher Schwierigkeiten eben genau aus ihrem Zwischenstadium zieht. Sie schafft es große Teile der rechten bis faschistischen Bewegungen in bzw. hinter sich zu einen und füllt damit die Lücke zwischen CDU/CSU und den aktuell weit weniger relevanten faschistischen Gruppen. Auch wenn die aktuelle Tendenz eher darauf hindeutet, dass sie sich langfristig zu einer faschistischen Partei entwickeln wird, besteht natürlich die Möglichkeit, dass sie weiterhin als Plattform und Sammelbecken fungiert – ähnlich z. B. dem „RN“ in Frankreich. Dieser hatte zwar den umgekehrten Weg genommen, sich also von einer rein faschistischen Partei hin zu einer Partei mit Plattformcharakter entwickelt. Die Partei konnte damit jedoch zuletzt große Erfolge für sich verbuchen40. Zu berücksichtigen ist hier sicherlich, dass die Geschichte und die Entwicklungen rund um den „RN“ relativ neu sind – und eine Übertragung auf die „AfD“ somit nur eingeschränkt möglich.

    Dass die „AfD“ einen ähnlichen Charakter behalten könnte, darauf deutet zumindest aktuell einiges hin. So scheint es, als wollten die Faschist:innen die „AfD“ bewusst nicht komplett an sich reißen, sondern sie als eine Partei erhalten, in der sie ihre politische Heimat haben, sich den Platz aber mit anderen Strömungen teilen. Es ist z. B. davon auszugehen, dass Björn Höcke nicht gelogen hat, als er auf dem Bundesparteitag in Riesa sagte, der neue Bundesvorstand sei nach seinem Geschmack41 gewählt worden. Auch Götz Kubitschek42 sieht die „AfD“ nach dem Parteitag in Riesa gut aufgestellt für die kommenden Auseinandersetzungen rund um die kapitalistische Krise.

    Vielleicht wird sich die Situation noch einmal grundlegend ändern, wenn die alten Dämme brechen und die „AfD“ zum Beispiel auf Landesebene eine Regierungsoption bekommt. Für den Moment scheint die „AfD“ als parlamentarischer Arm der faschistischen Bewegung in der BRD ihre Rolle gefunden zu haben.

    Und jetzt? Vorschläge für eine antifaschistische Gegenstrategie

    Die „AfD“ ist aktuell die zentrale und wichtigste Kraft im reaktionären und faschistischen Lager und muss deshalb Schwerpunkt antifaschistischer Arbeit und Intervention sein. Zwar gelingt es auch anderen, kleineren Gruppen und Parteien lokal Einfluss und Stärke aufzubauen, wie beispielsweise den „Freien Sachsen“43 oder dem „III. Weg“. Keine dieser Strukturen verfügt jedoch über den Einfluss und die Infrastruktur der „AfD“. Diese ist die einzig bundesweit organisierte, in fast allen Landes- und dem Bundesparlament vertretene Kraft. Dadurch finden ihre Positionen und ihr Handeln auch in die bürgerliche Presse- und Medienlandschaft Eingang. Hinzu kommen die enormen finanziellen Ressourcen durch Spenden und Möglichkeiten durch die Parteienfinanzierung, die es der „AfD“ ermöglicht einen großen Stamm an Berufspolitiker:innen und Mitarbeiter:innen zu beschäftigen.

    Demgegenüber steht ein schwächer werdender antifaschistischer Widerstand. Die breite gesellschaftliche Empörung, welche durch die Entstehung der „AfD“ hervorgerufen wurde, ist verschwunden und immer weniger Menschen kämpfen aktiv gegen rechte Umtriebe. Die „AfD“ scheint auch für viele Linke zur Normalität geworden zu sein. Vielerorts werden, frei nach dem Motto „linke Perspektiven schaffen“, andere politische Schwerpunkte gesetzt. Das ist in Anbetracht einer marginalisierten revolutionären Linken richtig und wichtig, darf aber nicht auf Kosten des Kampfes gegen Rechts geschehen sondern muss vielmehr in Einklang und Abstimmung damit angepackt werden. Wenn die Rechten und Faschist:innen klein gehalten werden, dann erst ist langfristig Raum für linke Systemalternativen und kämpferische, linke Straßenpräsenz.

    Diese antifaschistische Arbeit ist dann erfolgreich, wenn sie unterschiedliche Ebenen und Zielsetzungen beachtet. So trägt der direkte Kampf gegen die „AfD“, ihre Funktionär:innen, ihre Infrastruktur und ihr öffentliches Auftreten zum Zurückschlagen der faschistischen Gefahr bei. Jede Veranstaltung mit Protest, jede verlorene Räumlichkeit und jeder verhinderte Infostand schränkt die Arbeit der Partei konkret ein. Auch wenn das bei der allgegenwärtigen rechten Präsenz viel Zeit und Energie kostet, lohnen sich diese Kämpfe nach wie vor: Wenn eine Partei nicht in der Lage ist ungestört in die Öffentlichkeit zu treten oder Schwierigkeiten hat Infrastruktur zu schaffen, dann hindert sie das ganz konkret in ihrer Weiterentwicklung.
    Langfristig und nachhaltig erfolgreich wird der antifaschistische Kampf aber erst dann, wenn er den Rechten auch den Nährboden entzieht, ein antifaschistisches Bewusstsein in der arbeitenden Klasse aufbaut und so eine proletarische Massenbasis der „AfD“ verhindert – einfach gesagt, schwierig umgesetzt.

    Damit das gelingt, darf die antifaschistische Bewegung nicht bei einer moralischen Kritik der Rechten und ihrer Ideologie stehen bleiben. Es muss darum gehen, den Menschen die Motivation zu nehmen, rechte Parteien zu wählen. Dabei sind nicht diejenigen mit einem geschlossenen rechten bzw. reaktionären Weltbild gemeint, sondern die Bevölkerungsteile, die aufgrund ihrer Perspektivlosigkeit auf die Demagogie der „AfD“ hereinfallen. Ein wirksamer Antifaschismus muss diese Menschen erreichen und ihnen klar machen, dass die Rechten keine wirklichen Lösungen für die Probleme dieser Zeit haben. Die Kritik an rechter „Sozialpolitik“ muss deswegen immer verknüpft sein mit linken Ideen und einer scharfen Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen. Das ist in Anbetracht des herrschenden Antikommunismus und der eigenen organisatorischen und personellen Schwäche schwierig und langwierig, letztlich aber unumgänglich.

    Gerade weil die antifaschistische Bewegung momentan nicht über unerschöpfliche Ressourcen verfügt, tut sie gut daran ihr Handeln nicht im Gießkannenprinzip sondern durchdacht und zielgerichtet auszurichten. Bei der „AfD“ handelt es sich um eine große und nach wie vor heterogene Partei. Ein praktischer Antifaschismus ist dann erfolgreich, wenn er zwischen (zentralen und faschistischen) Funktionär:innen, einfachen Mitgliedern und Sympathisant:innen bzw. Wähler:innen differenziert und sein Handeln entsprechend anpasst. Die einen müssen bekämpft, um die anderen muss gegebenenfalls gekämpft werden. Unterschiedliche Ziele, unterschiedliche Mittel.

    Hinzu kommt, dass die aktuelle kapitalistische Krise größere Bruchstellen in der Gesellschaft hervorrufen könnte. Wenn der Unmut und die Existenzängste der Menschen sie auf die Straße treibt, ist es auch die Aufgabe antifaschistischer Kräfte hier um eine linke Hegemonie44 zu kämpfen. Schließlich werden „AfD“ und Co. versuchen in Sozialprotesten Fuß zu fassen und die Bewegungen in ihrem Sinne zu instrumentalisieren.

    Sollte es derartige Entwicklungen geben, wird das umfassenden Einfluss auf die Praxis der antifaschistischen Bewegung haben. Um die Hegemonie zu kämpfen wird einerseits heißen, rechte Akteur:innen und Positionen aus den Bewegungen zu drängen – so lange das möglich und sinnvoll ist – und andererseits offen antikapitalistische Positionen zu vertreten. Je stärker und greifbarer solche linken Krisenantworten in der Gesellschaft präsent sind, desto schwieriger wird es für die Faschist:innen, die arbeitende Klasse mit falschen und deren Interessen entgegenstehenden Antworten zu erreichen. Ein Erfahrungswert auf den aufgebaut werden kann, ist die Praxis französischer Antifaschist:innen die es geschafft haben die offenen Faschist:innen aus der dortigen „Gelbwesten-Bewegung“45 zu drängen.

    In Zeiten sich verschärfender Auseinandersetzungen ist die Organisation von Selbstschutz eine weitere zentrale Aufgabe antifaschistischer Kräfte. Zum einen mit Blick auf die Durchsetzung und den Schutz linker und revolutionärer Straßenpräsenz, zum anderen mit dem Schwerpunkt gemeinsam mit Menschen, die unmittelbar von faschistischer Gewalt und der Hetze der „AfD“ betroffen sind, ihren Schutz offensiv zu organisieren.

    Es wird an uns allen liegen diese (abstrakten) Ansprüche mit konkreter Praxis zu unterfüttern. Eine zutreffende Analyse ist am Ende nur die eine Seite der Medaille. Packen wir’s an.

    Fußnoten:

    Antifaschistische Aktion Süd

    2022 veröffentlicht

    1. Bundesparteitag der „AfD“ in Riesa am 18. und 19. Juni 2022 ↩︎
    2. Landesparteitag der „AfD“ in der Stuttgarter Messe am 16. und 17. Juli 2022 ↩︎
    3. Rechte Partei, die in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung verlor; verzeichneten Mitte der 90er Jahre einige Erfolg, schafften den Einzug ins Europaparlament und waren für neun Jahre im Landtag Baden-Württembergs vertreten. ↩︎
    4. Versuch von Unions- und FDP-Mitgliedern eine deutsche „FPÖ“ aufzubauen; wichtige Mitglieder wie z.B. Karl Albrecht Schachtschneider und Joachim Starbatty fanden später in der „AfD“ ihr politisches Zuhause. ↩︎
    5. BDI Bundesverband der deutschen Industrie e.V. (BDI), Interessensvertretung des deutschen Kapitals; Hans-Olaf Henkel war Präsident von 1995 bis 2000. ↩︎
    6. 1986 gegründete, rechtspopulistische Tageszeitung die sich mittlerweile zum Sprachrohr, insbesondere der national-neoliberalen Kreise innerhalb der „AfD“ entwickelt hat. ↩︎
    7. Sachsen (9,7 %), Brandenburg (12,2 %) und Thüringen (10,6 %) ↩︎
    8. Massiver Abbau von staatlichen Sicherungssystemen und Sozialleistungen. ↩︎
    9. Staatliche Investitionen zur Erhöhung der Nachfrage um die „Wirtschaft wieder anzukurbeln“. ↩︎
    10. SPD’ler, Rassist und ehemaliges Mitglied des Vorstands der deutschen Bundesbank. ↩︎
    11. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands (PEGIDA)“ entstand 2014 in Dresden. ↩︎
    12. 2016 zog die Partei in vier Landesparlamente ein: Baden-Württemberg (15,1 %), Sachsen-Anhalt (24,3 %), Rheinland-Pflaz (12,6 %) und Mecklenburg-Vorpommern (20,8 %) ↩︎
    13. Sprecher und Fraktionsvorsitzender der „AfD“ in Thüringen. ↩︎
    14. Damals Sprecher der AfD Sachsen-Anhalt, später Austritt und Gründung einer unbedeutenden faschistischen Kleinstpartei. ↩︎
    15. Alianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA)“, später „Liberal-Konservatie Reformer (LKR)“ ↩︎
    16. Der Streit brach rund um Passagen aus einem Buch Gedeons aus, welches er bereits 2012 veröffentlichte. Darin bezeichnete er den Holocaust als „Zivilreligion des Westens“ und rief dazu auf „Holocaust-Revisionismus und die Geschichtsdissidenten“ ernst zu nehmen und deren Aussagen kritisch zu prüfen, ansonsten könne man „gleich ein Wahrheitsministerium im Orwellschen Sinn ein[…]richten und es beim Zentralrat der Juden in Deutschland an[…]siedeln“. ↩︎
    17. „Er muss den illegalen Grenzübertritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen.“ – Frauke Petry in einem Interview mit dem „Mannheimer Morgen“ am 30. Januar 2016 ↩︎
    18. „Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ – Björn Höcke im Januar 2017 (Auszug aus einer Rede bei einer Veranstaltung der „Jungen Alternative“ in Dresden) ↩︎
    19. Die „AfD“-Fraktion verhindert somit kurzfristig eine zweite Amtszeit des bisherigen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Bundesweit kommt es zu breiten antifaschistischen Protesten. Nach zwei Tagen kündigt Kemmerich seinen Rückzug an und tritt nach einem Monat zurück. ↩︎
    20. Die Entscheidung fiel denkbar knapp: Sieben Stimmen dafür, fünf dagegen, eine Enthaltung. Der knappe Ausgang war ein deutlicher Hinweis auf die sich wandelnden Mehrheitsverhältnisse innerhalb der Partei. ↩︎
    21. „HDJ“ – mittlerweile verbotene Organisation die in der Tradition der „Hitlerjugend“ stand. ↩︎
    22. Nicht wenige Beobachter:innen sahen nach dem Parteitag eine neue „AfD“-Führung von „Höckes Gnaden“. Nach der Neuwahl der Sprecher:innen, Alice Weidel und Tino Chrupalla, mit Unterstützung bzw. Duldung durch den „Flügel“ hatte dieser in allen Folge-Abstimmungen eine andere Haltung als die neue Parteispitze eingenommen und dieser so mehrere eindrucksvolle Abstimmungsniederlagen zugefügt. ↩︎
    23. „Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre, aber liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über tausendjährigen Geschichte.“ – Alexander Gauland am 2. Juni 2018 (Auszug aus einer Rede auf dem Bundeskongress der „Jungen Alternative“) ↩︎
    24. „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ – Alice Weidel im Mai 2018 (Auszug aus einer Rede im Bundestag). ↩︎
    25. Die faschistische Ideologieproduktion findet jedoch nicht nur innerhalb der „AfD“ statt. Höckes Buch „Nie zweimal in den selben Fluss“ ist neben einem strategischem Papier auch ein Grundlagenwerk einer neuen faschistischen Ideologie. Nicht zu vernachlässigen ist das Zusammenspiel mit externen Akteuren. Hier sei zuallererst das „Institut für Staatspolitik“ genannt. Deren Grundlagenwerke zum sog. „Solidarischen Patriotismus“ wird von Höcke aufgegriffen und immer wieder in den Diskurs geworfen. Es dient als Leitschrift für die sozialpolitische Ausrichtung der „AfD“, dient aber auch anderen Akteuren, wie z.B. „Zentrum Automobil“, als Orientierung. ↩︎
    26. „Ausländisch“ bezieht sich hier nicht nur auf das Kapital anderer Länder, sondern eben auch jenes, das ihrer Ansicht nach nicht „einheimisch“ ist. So wie in der Vergangenheit bspw. Jüdisches. ↩︎
    27. Höcke selbst verfasste bereits vor seiner Zeit in der „AfD“ in den Jahren 2010 und 2011 unter dem Pseudonym Landolf Ladig drei Artikel u.a. in einer NPD-nahen Zeitung. Dort kritisierte er mittels antisemitischer Ressentiments den Kapitalismus und machte sich für eine Systemalternative, einen vermeintlichen „dritten Weg“, stark. ↩︎
    28. Demagogie: Volksverführung, Verhetzung mittels Klischees und Vorurteilen; Demagogie zeichnet sich durch Unsachlichkeit, Manipulation, Polemik und Verunglimpfung aus, deren Ziel es ist, Hass gegen bestimmte Personen / Gruppen zu schüren. ↩︎
    29. „Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD)“, 1964 gegründete faschistische Partei die in den 2000er zeitweise in zwei Landtagen (Sachsen & Mecklenburg-Vorpommern) vertreten war und in dieser Zeit eine wichtige Rolle innerhalb der faschistischen Bewegung auf der Straße eingenommen hat. Thorsten Heise, aktuell stellvertretender Bundesvorsitzender der „NPD“ ist im Übrigen ein Freund von Björn Höcke. ↩︎
    30. Im Jahr 2013 gegründete, militant-faschistische Partei, Nachfolgeorganisation des verbotenen Kameradschaftsnetzwerks „Freies Netz Süd (FNS)“. Aus dem Milieu der Partei kommt es immer wieder zu Angriffen und Anschlägen auf Andersdenkende und Menschen die nicht in das faschistische Weltbild passen. Der „III. Weg“ unterhält im sächsischen Plauen ein Zentrum und ist im dortigen Stadtrat und dem Kreistag mit jeweils einer Person vertreten. ↩︎
    31. „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO)“; siehe auch Broschüre: „Rechte Betriebsarbeit im Keim Ersticken↩︎
    32. Siehe auch Broschüre: „Kandel – zwischen rechter Massenmobilisierung, Dauerprotesten und antifaschistischem Widerstand im ländlichen Gebiet↩︎
    33. Siehe auch: „Gegen die Politik der einfachen Antworten„, AABS ↩︎
    34. Militante faschistische Gruppe die sich u.a. aus dem Hooligan-Milieu rekrutiert. Auch der baden-württembergische „AfD“-Landesvorsitzende Markus Frohnmaier war „GDL“-Mitglied. ↩︎
    35. Der „Flügel“ der „AfD“ ist Teil eines Netzwerks, das sich um das „Institut für Staatspolitik“ gebildet hat und verschiedenste Akteure wie „Ein Prozent“, „Zentrum Automobil“, das „Compact-Magazin“ oder die „Identitäre Bewegung“ umfasst. Die Politik des „Flügels“ ist nicht autonom, sondern in das Handeln des gesamten Netzwerks eingebunden. ↩︎
    36. Hier lohnt sich ein Blick nach Frankreich, bzw. nach Österreich: Bei den letzten Präsidentschaftswahlen in Frankreich traten gleich zwei rechtsextreme bzw. faschistische Kandidat:innen an: Marie Le Pen für den „Rassemblement National“, und Eric Zemmour für „Team Zemmour“. Le Pen hatte als Leitthema ihrer Kampagne die ökonomische Krise gewählt, Zemmour die ethnische Säuberung Frankreichs (die sog. „Remigration“). Erstere gewann die Vorwahlen erheblich und konnte so in der Stichwahl gegen Macron antreten, wo sie knapp unterlag. Martin Sellner, Kopf der „Identitären Bewegung“, deutete Zemmours Kampagne jedoch nicht als Misserfolg. Weil er an dem unpopulären Thema ethnische Säuberung festhielt, anstatt sich auf die allgegenwärtige Wirtschaftskrise zu fokussieren, nahm er in Kauf, die Wahl zu verlieren. Dafür hat er sein Leitthema, sowie die rassistische und antisemitische Verschwörungstheorie des „Großen Austausches“ in der französischen Gesellschaft bekannt gemacht und im politischen Diskurs verankert. Nazis bezeichnen das als „metapolitischen Erfolg“. ↩︎
    37. „Rassemblement National (RN)“, früher „Front National (FN)“; einst offen faschistische Partei die sich unter Führung von Marine Le Pen für andere Spektren der Rechten geöffnet hat. ↩︎
    38. Deutlich unbekannter, jedoch besonders beispielhaft ist hier die italienische „Casa Pound“. Deren Chef Gianluca Iannone – nicht immer unbedingt charismatisch – ist für Partei und Bewegung eine Führungsfigur weit über „Casa Pound“ hinaus. Er ist Gesicht und Sprachrohr der Partei, sein Foto ist auf Zeitschriften abgebildet und seine Band liefert den Soundtrack der Partei. Aus der „AfD“ bzw. mit ihr verbundener Organisationen gibt es Kontakte nach zu „Casa Pound“. ↩︎
    39. Nur wenige Spender:innen der „AfD“ sind bekannt, noch versucht die Partei Geldgeber:innen zu verschleiern. Es gilt jedoch als gesichert, dass der Milliardär August von Finck junior der „AfD“ größere Geldsummen zukommen lies. Bereits sein Vater war einer der Industriellen, die Hitler früh unterstützen. Eine bekannte Großspende über 100.000 Euro direkt an den Höcke-Landesverband Thüringen kam 2020 vom Unternehmensverwalter, Immobilienbesitzer und Bauunternehmer Christian Krawinkel. Dieser forderte sie zwar zwei Jahre später medienwirksam zurück, wird damit aber wohl gerichtlich nicht durchkommen. ↩︎
    40. So bspw. bei den Parlamentswahlen 2022 als die Fraktion von bisher acht auf 89 Abgeordnete wuchs. ↩︎
    41. „Dieser neue Bundesvorstand entspricht bisher vollständig meinem Geschmack.“ Björn Höcke gegenüber dem Fernsehsender Phoenix noch während dem Parteitag. ↩︎
    42. Faschistischer Ideologe, Gründer des „Institut für Staatspolitik“. ↩︎
    43. Im Jahr 2021 gegründete, faschistische-seperatistisch Kleinstpartei die sich für die Unabhängigkeite Sachsens einsetzt und gleichzeitig offen faschistische Positionen vertritt. Konnte im zweiten Corona-Jahr mit z.T. unangemeldeten Demonstrationen kurzzeitig viele Menschen auf die Straße bringen und war Organisatorin von Fackelmahnwachen und Hausbesuchen bei bürgerlichen Politiker:innen. Etliche faschistische Funktionäre aus anderen Parteien und Gruppen (NPD, Pro-Chemnitz, die Rechte) haben sich mittlerweile den „Freien Sachsen“ angeschlossen bzw. dort Funktionen übernommen. Die Partei verfügt auch über Kontakte zu „Zentrum Automobil“. ↩︎
    44. Handlungs- und Deutungshoheit. Die Hegemonie in einer Bewegung gegenüber Faschist:innen zu haben bedeutet, dass man innerhalb der Bewegung offen und uneingeschränkt auftreten und handeln kann, dass die Rechten das nicht können und dass die eigenen grundlegenden Erklärungsansätze vorherrschend sind (z. B. Was ist eine Krise? Ein sich verschärfender Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, oder ein Widerspruch zwischen der deutschen Volksgemeinschaft und internationalen Machenschaften?) ↩︎
    45. Große, militante Widerstandsbewegung gegen den den neoliberalen Umbau des französischen Staats durch den ehemaligen Investmentbanker und aktuellen Präsidenten Macron. Die Bewegung war nach außen hin durch das Tragen von gelben Warnwesten erkennbar. ↩︎
  • Repression gegen militanten Antifaschismus – Zur Kriminalisierung von Antifas in Baden-Württemberg

    Repression gegen militanten Antifaschismus – Zur Kriminalisierung von Antifas in Baden-Württemberg

    Repression gegen militanten Antifaschismus – Zur Kriminalisierung von Antifas in Baden-Württemberg

    Als Perspektive Kommunismus haben wir bereits im Dezember 2020 mit der Broschüre „Repression im revolutionären Aufbau“ erste Gedanken zur Frage der Legalität bzw. Illegalität und der Wechselwirkung von Repression und Organisierung verfasst.
    Der nun vorliegende Text zur Kriminalisierung von Antifaschist:innen in Baden-Württemberg soll diese ergänzen

    „WIR KRIEGEN EUCH!“

    Mit ernstem Blick und klarer Stimme spricht Thomas Strobl in die Kamera. Der Auftritt des Baden-Württembergischen Innenministers am 2. Juli 2020 folgt einem klaren Drehbuch.
    Strobl profiliert sich als das, was er schon immer war. Ein rechter Hardliner. In der Woche zuvor wetterte er gegen Migrant:innen, man solle es „mit Multikulti nicht übertreiben“; nun erklärt er der antifaschistischen Linken den Krieg: „Wir kriegen euch!“.

    „QUERDENKER“, WIDERSTAND, KNAST

    Der 2. Juli 2020 markiert einen weiteren Höhepunkt in der Chronik von Repressionsschlägen gegen Antifaschist:innen in den letzten Jahrzehnten. Ausgangspunkt ist eine Auseinandersetzung zwischen Antifas und Mitgliedern der von Nazis geleiteten Daimler-Betriebsgruppe „Zentrum Automobil“ am Rande einer sogenannten „Querdenken-Demo“ im Stuttgarter Stadtteil Cannstatt. Die Rechten zogen hier den Kürzeren, einer von ihnen musste intensivmedizinisch behandelt werden und wurde einen knappen Monat lang ins künstliche Koma versetzt. Der Mann ist kein unbeschriebenes Blatt oder Opfer, wie die Rechten schnell verbreiteten. Er selbst war in der Vergangenheit „Pressesprecher“ der Faschisten und bewaffnete sich während der Schlägerei offenbar mit zwei Schlagringen.

    Die Stuttgarter Polizei unterstrich daraufhin erneut ihren gesteigerten Verfolgungswillen, wenn es gegen Linke geht und bildete eine 14-köpfige Sonderkommission. Wochenlang wurden Zeug:innen vernommen, Kameraaufnahmen ausgewertet und Recherchen betrieben.
    Anfang Juli erfolgte der große inszenierte Zugriff. Neun Wohnungen wurden durchsucht, bei allen Beschuldigten DNA-Proben entnommen, der Antifaschist Jo wurde inhaftiert. In den Monaten danach folgten Zeugenvorladungen und weitere Kriminalisierungsversuche. Mit Dy wurde im November 2020 ein weiterer Antifaschist festgenommen.

    Repression gegen Antifas in Baden-Württemberg ist kein neues Phänomen. Kriminalisiert wurden in den letzten 15 Jahren u.a. durchgestrichene Hakenkreuze und politische Aufrufe zur Verhinderung von Naziaufmärschen, genauso wie entschlossene Demonstrationen und militante Auseinandersetzungen mit Faschisten. Den quantitativen Schwerpunkt der Verurteilungen bilden sogenannte Versammlungsdelikte, also Scharmützel mit der Polizei am Rande von Demonstrationen und Ähnliches. Offensichtlich geht es bei der kleinteiligen Verfolgung nicht darum, konkrete Straftaten zu ahnden. Vielmehr soll antifaschistisches Engagement als solches angegriffen und die dahinterstehende Bewegung zersetzt werden.

    All das ist kein Zufall. Nicht erst seit in den letzten Jahren immer mehr faschistische Netzwerke in Polizei, Geheimdiensten und Bundeswehr – inklusive Morddrohungen, Anschlagsplänen und Todeslisten politischer Gegner:innen – bekannt wurden, ist klar, dass im antifaschistischen Kampf kein Verlass auf diesen Staat ist. Im Gegenteil: jede und jeder der sich nachhaltig für eine starke antifaschistische Bewegung einsetzt, kann und wird irgendwann mit Repression konfrontiert. Dabei können wir den unbedingten Kriminalisierungswillen des Staates nicht umschiffen. Daher müssen wir lernen mit der Konfrontation umzugehen und Gegendruck zu organisieren. Mit diesem Text wollen wir hierzu einen Beitrag leisten.

    ANTIFA UND REPRESSION

    Antifapolitik nimmt innerhalb der Linken eine besondere Rolle ein. Breite Bündnisse haben Tradition, im Kampf gegen Nazis sammeln sich Linke und Linksliberale genauso wie Gewerkschafter:innen und Teile der Zivilgesellschaft. Immer noch politisieren sich hier besonders viele junge Menschen und erleben, dass organisierter Widerstand durchaus auch Erfolge zeigen kann. Außerdem ist Antifaschismus wohl das politische Widerstandsfeld, das am meisten von der radikalen und revolutionären Linken geprägt ist.

    Das ist kein Wunder, denn eine umfassendere Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen – die mehr ist, als die moralische Verurteilung von Rassismus und Faschisten – zwängt sich regelrecht auf: Der Faschismus an der Macht ist eine Form bürgerlicher Herrschaft. Historisch war der Faschismus immer die letzte Option den Kapitalismus zu retten, wenn Wirtschaftskrisen seine Stabilität zerrüttet und starke revolutionäre Bewegungen ihn offensiv in Frage gestellt hatten.

    Beispiele hierfür findet man nicht nur in der Geschichte, sondern aktuell auch in Ländern wie Brasilien oder der Türkei. Letztlich ist der Faschismus eine besonders gewalttätige politische Ausprägung kapitalistischer Ausbeutung, umhüllt von der pseudo-revolutionären Ideologie der „Volksgemeinschaft“, die reale Klassengegensätze verschleiern soll. Auch wenn viele faschistische Gruppen noch weit von tatsächlicher Macht entfernt sind, ist dies die Perspektive, deren reaktionäre Saat schon heute in den unterschiedlichen rechten Strömungen keimt. Wie in jeder bürgerlichen Herrschaftsform gibt es auch im Faschismus Klassenverhältnisse: Die Kapitalistenklasse oder zumindest deren durchsetzungsstärkste Fraktion, setzt ihre Interessen in gesteigerter und noch rücksichtsloserer Weise auf dem Rücken der anderen Klassen durch. Deshalb ist ernstgemeinter Antifaschismus immer auch Teil des Klassenkampfes. Denn bereits heute muss Antifapolitik darauf abzielen, vor allem diejenigen anzusprechen und einzubinden, deren materielle Lebensbedingungen im Faschismus vollends den Kapitalinteressen untergeordnet werden: Arbeiterinnen und Arbeiter, Arbeitslose, migrantisch-proletarische Communities…

    Antifaschismus ist also einerseits defensiv und verteidigt den Status quo gegen eine noch viel barbarischere Form der Ausbeutung. Andererseits ist im Antifaschismus, wenn er seine historischen Lehren ernst nimmt, eben auch antikapitalistische Kritik und die Entwicklung von Klassenbewusstsein angelegt. Dazu kommt, dass gerade in Krisenzeiten die Dynamik kapitalistischer Herrschaft selbst in Richtung autoritärer, teilweise dem Faschismus ähnlicher Methoden drängt: Die Verschärfung der Polizeigesetze, inklusive der Aufrüstung der Polizei mit Handgranaten und Sturmgewehren zur Bürgerkriegsarmee und unbegrenzter Präventivhaft sogenannter „Gefährder“, ist hier ein aktuelles Beispiel. Nicht zufällig nehmen Antifa-Bündnisse und Netzwerke auch im Widerstand gegen diese autoritäre Entwicklung eine wichtige Rolle ein.

    Aus all diesen Gründen ist es nicht weiter verwunderlich, dass Antifaschist:innen aus konservativ-bürgerlicher Perspektive als natürlicher Feind wahrgenommen werden. Repression gegen aktive Antifaschist:innen gibt es daher, unabhängig von den gewählten Aktionsformen, seit es den Begriff des Antifaschismus gibt.

    ANGST VOR LINKER GEGENMACHT

    Nicht nur im Fall von Jo und Dy in Stuttgart, auch im Kontext der Verhaftung der Antifaschistin Lina aus Leipzig, gilt: Einen besonderen Verfolgungseifer legen die Repressionsbehörden immer dann an den Tag, wenn Antifaschist:innen vorgeworfen wird mit Gewalt dem rechten Mob entgegengetreten zu sein. Das liegt nicht an der Gewalt an sich: Thomas Strobl schleuderte sein „Wir kriegen euch!“ nicht den faschistoiden Reichsbürgern entgegen bei denen im Oktober 2020 unter Anderem in Schorndorf bei Stuttgart LKW-Ladungen voll Waffen gefunden wurden. Auch als nach 2015 in Baden-Württemberg, wie im ganzen Land, die Unterkünfte von Geflüchteten brannten, wirkte er nicht so entschlossen. Schon gar nicht möchte Herr Strobl die offenbar zahlreichen Faschisten beim KSK in Calw „kriegen“ die dort über Jahre Kriegswaffen und Sprengstoff entwendet haben. Nein, seine persönliche Kampfansage galt einigen Antifaschist:innen, die in eine Auseinandersetzung mit Faschisten verwickelt waren, deren Chef Oliver Hilburger vor einigen Jahren mit seiner Band den Soundtrack zu den NSU-Morden geliefert hat. Der wütende Eifer des Herrn Strobl erklärt sich dadurch, dass durch direkte Angriffe auf Faschisten das Gewaltmonopol des Staates (indirekt) angegriffen wird. Und zwar von Links. Besondere Angst macht solchen rechts-konservativen Hardlinern, dass sich Linke hierbei organisieren könnten. Deshalb wird nach jedem erfolgreichen Angriff eine neue kriminelle Vereinigung (Stichwort Antifa-Sportgruppe) konstruiert.
    Der hohe Verfolgungswille der Polizei, wenn es gegen linke und progressive Bewegungen geht, ist daher kein Zufall. Es ist schlichtweg ihre Hauptaufgabe die herrschende Ordnung gegen diejenigen durchzusetzen, die sie am meisten in Frage stellen. Dieses in Frage stellen ist praktisch zu verstehen. Wortmächtige Texte alleine werden mitunter geduldet, der wirksame Aufbau von Gegenmacht auf der Straße hingegen in aller Härte bekämpft. Wenn Polizeigewalt und Strafverfahren insbesondere Antifaschist:innen treffen, dann liegt das in erster Linie an der realen Gegenmacht, die in diesem politischen Teilbereich entsteht und der damit verbundenen strategischen Bedeutung für die revolutionäre Linke.

    LERNEN MIT DER KONFRONTATION ZU LEBEN

    Die Repression mit der wir uns bereits heute konfrontiert sehen, sollpolitischen Strukturen und die sie tragenden Einzelpersonen daran hindern ihre politischen Kämpfe weiterzuentwickeln. Die Taktiken und Strategien hierbei sind vielfältig. Sie reichen von Integrationsversuchen, über Abschreckungsmethoden bis hin zu nackter physischer Gewalt. Am Ende sind es nicht nur unsere Ideen und unsere Bewegung, sondern explizit auch wir als Individuen die angegriffen werden. Wie hart diese Angriffe erfolgen, können wir nur zu einem kleinen Teil selbst bestimmen. Fakt ist, die Perspektive die uns vorschwebt werden wir nicht durchsetzen können, ohne dass die Herrschenden alle möglichen Hebel der Repression nutzen werden, um dies zu verhindern. Bereits jetzt, ohne die konkrete Gefahr eines revolutionären Bruches, werden die Stellschrauben – sozusagen präventiv – permanent zu unserem Nachteil angezogen: widerständiges Verhalten soll, wo es nicht verhindert werden kann, unangenehm sein.
    Die Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Staat ist für uns also eine Konfliktlinie, die sich zwangsläufig auftut. Gewalt, Anzeigen, Strafverfahren, Verurteilungen bis hin zu Knaststrafen:
    Wenn klar ist, dass sich Repression nicht vermeiden lässt, in der Antifapolitik, im revolutionären Aufbauprozess nicht umgangen werden kann, dann bleibt uns letztlich nichts anderes übrig als zu lernen damit umzugehen. Alles andere bedeutet letztlich zurück zum Gehorsam, zurück in die Wohlfühlzone dessen was politisch gestattet wird. Wer wirklich überzeugt ist vom eigenen politischen Handeln, kann und wird diese Auseinandersetzungen, die Verfolgung und die Strafen, individuell und als politisches Subjekt überstehen. Das gilt sowohl für die individuell Betroffenen, als auch für die kollektiven Strukturen, beziehungsweise die gesamte Bewegung, die mit jedem Repressionsschlag getroffen werden soll und auch wird: Wo es Aufgabe der Betroffenen ist, sich nicht kleinkriegen zu lassen, ist es die kollektive Aufgabe des Restes, weiterzumachen; gerade im Angesicht der erwartbaren Repression. Denn ein reines Beschränken auf die Nachsorgearbeit, also die Unterstützung der Betroffenen alleine und im schlechtesten Fall komplett „ausgelagert“ in auf Solidaritätsarbeit spezialisierte Strukturen, führt zwangsläufig dazu, dass den Angriffen nicht adäquat begegnet werden kann. Es bleibt bei einer Niederlage; mal größer mal kleiner, aber immer eine Niederlage. Immer dann wenn wir eine kriminalisierte Aktion nicht politisch einordnen und verteidigen, überlassen wir ihre Bewertung den Gerichten, sprich dem bürgerlichen Staat und vergeben die Chance an der Repression politisch zu wachsen. Diese Bewertung kann nur aus den jeweiligen Kämpfen, mit ihren speziellen Bedingungen und Besonderheiten vorgenommen werden. Nur die Strukturen die in diesen Kämpfen aktiv sind, können die konkrete Repression in die Vorbereitung und Umsetzung zukünftiger Aktivitäten einbeziehen und so künftig besseren Schutz vor Kriminalisierung bieten. Außerdem ist die kollektive Auseinandersetzung mit den Folgen der Repression, mit Prozessen und Haftstrafen, der beste Weg um zu gewährleisten, dass Betroffene – auch im Knast – weiter Teil der politischen Auseinandersetzung bleiben können. Dem Ziel der Kriminalisierung, einzelne zu isolieren und so zum Einknicken zu bewegen, kann so begegnet werden.
    Es gilt also im Umgang mit Repression ein offensives Agieren, das die auftretenden Potenziale in der Öffentlichkeitsarbeit, im politischen Diskurs, in der Weiterentwicklung der Strukturen und der politischen Praxis aufgreift, zu entwickeln. So kann die Wirksamkeit der Angriffe nicht nur entschärft werden, es kann auch gelingen den Spieß umzudrehen und aus der Position des Objektes staatlicher Repression in die Offensive zu kommen.

    IN DIE OFFENSIVE KOMMEN

    Es mag nicht in unseren Händen liegen, wie die Repression zuschlägt, welche Hebel angesetzt werden und wer betroffen ist. Es liegt hingegen sehr wohl unseren Händen, was die Repression auslöst, wie sie wirkt. Viel zu oft erstarren die Betroffenen und ihre Strukturen angesichts der auf sie einprasselnde Angriffe. In der Geschichte der antifaschistischen Bewegung gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass auch starke und etablierte Strukturen angesichts der Übermacht des Staates und der Härte der Repression zugrunde gehen können. Hingegen sind die Beispiele für Zusammenhänge, die einem entsprechenden Verfolgungseifer dauerhaft standhalten konnten oder gar die Angriffe ummünzen und daraus Stärke schöpfen konnten, rar gesät. Dennoch kann alleine das die Orientierung sein. Eine Fokussierung auf die mitunter tatsächlich verheerenden Folgen staatlicher Repression würde zwangsläufig in die Defensive führen. Dass der Staat angreift, muss und darf für die Linke kein Grund sein in Deckung zu gehen. Es ist das bestehende System, das tagtäglich unter Beweis stellt, dass es keine lebenswerte Perspektive zu bieten hat. Während der technische Fortschritt und das gesellschaftliche Wissen längst ein gutes Leben für alle ermöglichen könnte, sehen wir uns konfrontiert mit tiefgreifenden ökonomische Krisen, kriegerischer Gewalt, der permanenten Zerstörung des Planeten usw. usf.
    Eine andere Welt, eine bessere Welt ist möglich und nötig. Erforderlich ist dafür, dass wir die herrschende Klasse enteignen und den kapitalistischen Staat zerschlagen. Das wird nur gegen die herrschende Klasse und ihren Staat durchsetzbar sein. Wenn eine gesellschaftliche Bewegung es wagt, das kapitalistische Eigentum zu hinterfragen, dann setzen die Kapitalist:innen auf alle Optionen um ihre Macht zu sichern. Eine davon sind die Faschist:innen, die immer wieder gegen fortschrittliche Bewegungen in Stellung gebracht werden. Wir müssen diese Kräfte daher immer in ihre Schranken weisen, wenn wir eine revolutionäre Bewegung aufbauen wollen.
    Das zieht natürlich die Angriffe des Staates nach sich. Dies muss aber nicht immer schlecht sein, zeigt es doch, dass der Staat uns als Revolutionär:innen ernst nimmt. Nur durch eine revolutionäre Perspektive, dem Bruch mit dem Kapitalismus und dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung ist die Option der faschistischen Barbarei dauerhaft gebannt.
    Diese Perspektive darf nichts abstraktes sein. Auch wenn im jetzigen, frühen Stadium der Bewegung keine umfassende revolutionäre Strategie existieren kann, so ist klar, dass wir all die unterschiedlichen Kämpfen die wir führen in einem gemeinsamen revolutionären Aufbauprozess verbinden müssen.

    Bei all dem kommen wir nicht umhin einen Umgang mit der Repression zu finden. Die Kapitalisten werden niemals ohne Gegenwehr ihre Vormachtstellung aufgeben. Jeder revolutionäre Versuch in der Geschichte wurde, mehr oder weniger erfolgreich, mit einem Versuch der Konterrevolution beantwortet. Es liegt an uns, in den zwangsläufig aufkommenden Konflikten zu wachsen, sie zu nutzen, um an Wahrnehmbarkeit und organisatorischer Stärke zu gewinnen. Es muss nicht zwangsläufig schlecht sein angegriffen zu werden, wenn wir einen guten Umgang damit finden.

    Für eine starke antifaschistische Bewegung, für einen revolutionären Aufbauprozess, für den endgültigen Bruch mit dem bestehenden kapitalistischen System!

    Veröffentlicht von Perspektive Kommunismus im März 2021

    Perspektive Kommunismus
    Veröffentlicht 2021

  • Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Gegen wen wir kämpfen – Faschismusanalyse

    Für Antifaschist:innen ist die Frage – Was ist Faschismus? – von zentraler Bedeutung. Ohne ein Verständnis davon, wie er entsteht, welche historischen Umstände ihn begünstigen und welche Teile der Bevölkerung ihn tragen, bleibt der antifaschistische Kampf erfolglos. Der Text bietet eine niedrigschwellige Möglichkeit sich auf Basis einer materialistischen Gesellschaftsanalyse dem Phänomen Faschismus zu nähern.

    Zusammensetzung und Aufstieg faschistischer Organisationen

    Für uns als Antifaschist*innen ist die Frage – Was ist Faschismus? – von zentraler Bedeutung. Ohne ein Verständnis davon, wie er entsteht, welche historischen Umstände ihn begünstigen und welche Teile der Bevölkerung ihn tragen, werden wir von jedem erneuten Erstarken der faschistischen Bewegung überrascht. Ohne ein Verständnis davon, welche Rolle der Faschismus als oppositionelle Bewegung einnimmt und welche Rolle er an der Macht spielt, werden wir keine effektiven Gegenstrategien entwickeln können. Eine fundierte theoretische Analyse des Faschismus zu entwickeln ist ein Muss, wenn wir ihn nicht nur bekämpfen, sondern diesen Kampf auch gewinnen wollen.

    Das Phänomen Faschismus ist Produkt der bürgerlichen Klassengesellschaft – während erst deren wiederkehrende Krisen Faschismus zur Massenbewegung machen, entstehen durch die inneren Widersprüche bereit die Wurzeln der faschistischen Bewegung. Auch in Zeiten wirtschaftlicher Stabilität und Aufschwungs haben wir es deshalb oft mit faschistischen Kleinstorganisationen zu tun. In dieser Phase schaffen sie es kaum Einfluss auf gesamtgesellschaftliche Vorgänge zu nehmen. Ihre Relevanz für die herrschende Klasse und die herrschende Politik ist eher gering. Aber auch wenn faschistische Organisationen noch klein sind, dürfen sie nicht unterschätzt werden. Mit ihrer reaktionären Ideologie bieten sie scheinbare Erklärungen und Feindbilder für akute Problemlagen an und lenken damit von wirklichen Ursachen ab.

    In ihnen sammelt sich ein ideologischer Kern, der durch Propaganda-Aktionen und aggressives Auftreten hervortritt. Das geht bis hin zu terroristischen Aktivitäten, wie Anschläge auf Migrant:innen und Menschen, die von den Faschist:innen für den „Niedergang der Nation“ verantwortlich gemacht werden. Darüber hinaus ermutigen sie andere reaktionäre Potentiale in der Gesellschaft sich offener zu artikulieren. Ihre Mitglieder rekrutieren sich hauptsächlich aus einer tiefen Überzeugung von Rassismus, Sexismus und einem extrem übersteigerten Nationalismus. Teil ihres Weltbildes ist auch immer eine verklärte bis romantisierte Auffassung der kapitalistischen Wertschöpfung

    Die dadurch entstehenden Organisationen sind so verschieden wie die Gesellschaft heterogen, die sie hervorbringt. Von losen Kameradschaftsstrukturen in ländlichen Gegenden über stark völkisch-faschistisch beeinflusste Gruppen wie zum Beispiel den „III. Weg“, von Verschwörungstheorien geleitete Bewegungen wie die Reichsbürger*innen bis hin zur akademisch geprägten „Identitären Bewegung“.

    Ihre Agitation richten sie hauptsächlich darauf die Arbeiter:innenklasse auf die Seite des Nationalismus zu ziehen. Notwendig wird dies, wenn die or ganisierte Arbeiterschaft ein internationalistisches, revolutionäres Potential entwickelt. Um dem entgegenzuwirken bedienen sich die Faschist:innen nicht zufällig an der Rhetorik und dem Auftreten der Linken und Arbeiter:innen Bewegung. Das Rot der Hakenkreuzfahne war genauso bewusst gewählt und kalkuliert wie Hausbesetzungen der faschistischen „Casa Pound“ in Italien, das Nachahmen der Autonomen-Bewegung durch die autonomen Nationalisten Anfang der 2000er oder die Kopie von Namen und Logo der Partei „Die Linke“ durch die faschistische Kleinstpartei „Die Rechte“. Die revolutionäre Linke als tatsächliche Alternative zu dem System kapitalistischer Ausbeutung wird kopiert um sich selbst einen revolutionären Anstrich zu verpassen und zumindest nach außen hin subversiv zu wirken. Der in der Klassengesellschaft vorherrschende Rassismus und Sexismus allein führt aber nicht zum Aufstieg der Faschist:innen zu Massenorganisationen. Die Geschichte zeigt, dass dies immer mit den Krisen des Kapitalismus zusammen hängt – so die Mussolini-Partei in Italien mit dem Zusammenbruch der alten Ordnung nach dem ersten Weltkrieg, genauso wie in Deutschland die Freicorpsverbände. Die NSDAP wurde erst mit der Welwirtschaftskrise 1928 von einer faschistischen Sekte zur Massenpartei, die Goldene Morgenröte wuchs erst mit der Eurokrise 2009/10 zu einer starken Kraft in Griechenland an. Auch die rechtspopulistischen AfD hätte sich ohne dieser Krise und den kurz darauf entstehenden weltweiten Fluchtbewegungen nicht mit zweistelligen Wahlergebnissen festigen können.

    .Um den Aufstieg der faschistischen Parteien zu verstehen, müssen wir uns anschauen welche Teile der Bevölkerung in diesen Situationen massenhaft zu den Faschist:innen strömen. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, besteht ein Großteil der Faschist:innen nicht aus den ungebildeten Armen und Abgehängten. In quasi jeder faschistischen Partei finden sich stattdessen kleine Unternehmer:innen, Ladenbesitzer:innen, Beamt:innen und Akademiker:innen wieder. Der/Die durchschnittliche Faschist:in ist überdurchschnittlich gebildet und hat ein überdurchschnittliches Einkommen, wenn die meisten auch nicht zur gesellschaftlichen Elite zählen. Der Grund für diese überproportionale Vertretung von Mittelschichten – oder Kleinbürger:innen – liegt in ihrer besonderen Lage im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

    Denn diese Menschen werden während einer kapitalistischen Krise zwischen den durchschnittlichen Lohnabhängigen und den großen Kapitalen zerrieben. Während Großkonzerne zum einen über riesige Kapitalreserven verfügen mit denen sie auch längere Durststrecken überstehen und dazu noch die große Zahl an Arbeitsplätzen nutzen können, um die Politik zu Hilfszahlungen und Steuererleichterungen zu erpressen, stehen Kleineigentümer:innen ohne derartige Sicherheiten da. Genauso wenig können sie sich wie Lohnabhängige in solidarischen Gemeinschaften – wie den Gewerkschaften – organisieren. Zwar gibt es auch Interessenverbände von Kleinunternehmer:innen und Selbstständigen, aber einen tatsächlichen wirtschaftlichen Kampf, der mit einem Streik oder einer Betriebsverlegung ins Ausland vergleichbar wäre, lässt allein die Tatsache nicht zu, dass Kleinunternehmer:innen nicht nur gegen Großkonzerne, sondern immer auch lokal untereinander konkurrieren müssen um zu bestehen. Solange die Wirtschaftslage auch für die kleinen Unternehmen Profite zulässt, spielen sie in faschistischen Bewegungen nicht unbedingt eine zentrale Rolle. In einer im Kapitalismus wiederkehrenden Krise stehen sie allerdings gegen die beiden entscheidenden Teile der Gesellschaft. Auf der einen Seite gegen die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter:innen, deren Forderungen nach Lohnerhöhungen, besseren Arbeitsbedingungen und betrieblicher Mitbestimmung, für die Unternehmer:innen Gewinneinbussen bedeuten und ihre Stellung als alleinige Chef:innen im Unternehmen angreifen. Der bewussteste Teil der Arbeiter:innenklasse fordert dazu auch noch deren Enteignung. Auf der anderen Seite gegen das Großkapital, das sie mittels industrieller Massenfertigung rücksichtslos unterbietet oder kleine Konkurrenzunternehmen in prekärer Lage reihenweise aufkauft. Weil sie sich also weder von den traditionellen liberalen Parteien vertreten fühlen können, deren Hauptaugenmerk immer auf die großen Kapitale liegt und auch eine Orientierung an der Arbeiter:innenbewegung Gewinneinbussen oder gar Enteignung bedeutet, finden sie in der oppositionellen faschistischen Bewegung ihre Heimat. Dort finden sie scheinbare Schuldige an ihrer prekären Lage, meist in ohnehin schon rassistisch diskriminierten Personen und ein Programm, das sich deutlich gegen Linke und vage gege den Finanzkapitalismus richtet. Damit wird die Hoffnung geweckt zu einer Zeit zurückkehren zu können, in der auch kleine Unternehmen noch konkurrenzfähig waren. Dass sich die Uhren nicht auf die Zeit vor dem globalen Finanzkapitalismus zurück drehen lassen und damit dieses Programm schlicht unmöglich umzusetzen ist, spielt keine Rolle. Neben diesen Kleinunternehmer:innen strömen Teile der Bevölkerung zu den Rechten, die zwar objektiv nicht in der selben Situation sind, sich aber ähnlich fühlen. Dazu zählen höhere Angestellte, deren Identifikation mit dem Unternehmen über Jahre zu besserer Bezahlung und privilegierter Positionen führten. Zwar gehören ihnen weder die Unternehmen, noch können sie groß Einfluss auf dessen Kurs nehmen, doch ihre Privilegien gegenüber der restlichen Belegschaft sind untrennbar mit dem Erfolg des Unternehmens verknüpft. Beamt:innen, besonders Teile des Repressionsapparats sehen in unruhigen Zeiten ihre besondere Stellung bedroht und wenden sich zunehmend der Strömung zu, die ihnen die entschlossenste Verteidigung ihrer gewohnten Rechte verspricht. Mehr noch, die von den Faschist:innen versprochene Law- and Order-Politik stellt massive Befugniserweiterungen für Polizei, Justiz, Armee und Geheimdienste in Aussicht. Auch die Ansage mit der linken Bewegung abzurechnen, fällt bei ihnen auf fruchtbaren Boden, gehört doch eine antikommunistische Indoktrination zur Ausbildung der Beamt:innen im bürgerlichen Staate. So verwundert es nicht, das die NSDAP bereits vor der Machtübergabe auf einen großen Rückhalt aus Polizei und Justiz setzen konnte. Auch zur Durchsetzung des Terror gegen die Arbeiter:innenorganisationen musste nicht erst der Polizeiapparat ausgetauscht, sondern konnte mit dessen tatkräftiger Unterstützung durchgeführt werden. Ein Blick auf die im Bundestag vertretenen Berufsgruppen und deren Parteibuch zeigt, dass diese Sympathie mit rechten bis faschistischen Parteien auch heute noch zutrifft. 56% der Polizist:innen im Bundestag sind Mitglieder der AfD, genauso wie 44% der Justizbeamt:innen und alle Bundeswehrangehörigen – und das bei nur 12,6% der Sitze (Stand Legislaturpersiode 2017-2021). In ihrer Gründungsphase war die AfD relativ eindeutig ein Projekt, welches antrat, um das reaktionäre Kleinbürgertum zu einen. Damals geschah das unter weitgehend wertkonservativen und nationalliberalen Vorzeichen. Heute wird teilweise behauptet, dass sich die AfD von der Professor:innen-Partei zur Partei der Prekariats gewandelt habe. Tatsächlich gibt es einige Wahlen, bei denen die AfD die meisten Stimmen von allen Parteien etwa unter den Arbeitslosen gewinnen konnte. Dies relativiert sich jedoch wieder, wenn man berücksichtigt, dass die Ärmsten in Deutschland kaum zur Wahl gehen. Die hauptsächliche Basis der AfD besteht immer noch aus den Selbstständigen, den kleineren Unternehmer:innen und den ökonomisch besser gestellten Teilen der Arbeiter:innenklasse. Dies trifft insbesondere auf ihre Mitglieder zu. Inwiefern sie weitere Einbrüche in die Arbeiter:innenklasse erreicht, hängt zu einem großen Teil von der politischen Arbeiter:innenbewegung selbst ab. Die Interessen unserer Klasse vertritt die AfD keinesfalls.

    Faschismus als Bewegung

    Der Faschismus an der Macht ist also immer ein Bündnis: Auf der einen Seite steht die herrschende Klasse in Wirtschaft und Politik. Auf der anderen Seite des Bündnis steht die faschistische Massenpartei. Faschistische AgitatorInnen versprechen ihren Anhänger:innen die Rückkehr zu einer besseren Zeit, die in Wahrheit nie existiert hat, in welcher die große Masse der Bevölkerung angeblich in ehrlicher, harter Arbeit an ihrer eigenen Werkbank eine Familie ernähren konnte, ohne dass Banken und „Heuschrecken“ alles ihren Renditevorstellungen untergeordnet haben. Dass Schulden, Banken und Kapitalkonzentration so alt sind wie der Kapitalismus selbst, wird in unserer bürgerlichen Gesellschaft genauso verschwiegen wie jede humane Alternative. Die faschistische Partei kann also gar keine reale Politik machen, die die realen Probleme ihrer Anhängerschaft lösen könnte und übernimmt stattdessen in brutalster Form die Interessen des Großkapitals. Diese großen Kapitale haben gute Gründe die radikalsten und brutalsten Vertreter:innen der bisherigen Wirtschaftsordnung an die Regierung zu bringen. Zum ersten ermöglicht ihnen die faschistische Machtübernahme die völlige Zerschlagung aller Organisationen der Arbeiter:innenklasse. Denn egal wie sozialpartnerschaftlich, verräterisch oder zurückhaltend eine Gewerkschaftsbürokratie ist, egal welch enge Grenzen dem Streikrecht gesetzt werden, kann die Basis doch jederzeit ihre Interessen formulieren. So kann die Existenz einer Gewerkschaft allein dazu genutzt werden, kollektiv Widerstand zu leisten und den Klassenkampf von unten zu führen. Ist allerdings jede unabhängige Gewerkschaft und Arbeiter:innenpartei verboten, ihre Kader*innen verhaftet oder liquidiert, ihre Häuser besetzt und ihre Zeitungen verboten, steht das Proletariat vor dem Nichts und ihre Interessen finden nur insofern Beachtung, als dass kein spontaner Aufstand aufgrund unerträglicher Ausbeutung auftritt. So wurde nach der Machtübertragung an die NSDAP der Besitzer der Fabrik zum „Führer“ und die Belegschaft zum „Gefolge“ erklärt, welches in widerspruchsloser Unterwerfung jede Akkorderhöhung und jede Reallohnkürzung hinzunehmen hatte. Vor einer Ausweitung der Kinderarbeit fürchteten sich aber NSDAP und die Köpfe der deutschen Industrie gleichermaßen stark genug, als dass es dazu (für „arische“ Kinder) nicht kommen sollte. Alle Klassen, außer der Bourgeoisie, werden aber nicht nur durch direkten Terror unterdrückt. Während Gesetzgebungsverfahren in einer parlamentarischen Demokratie zwangsläufig bis zu einem gewissen Grad öffentlich stattfindet, ist im Faschismus diese Öffentlichkeit restlos ausgeschaltet. Entscheidungen werden nicht mehr in öffentlichen Plenarsitzungen diskutiert, in deren Verlauf verschiedene Interessengruppen, seien es Industrieverbände, Gewerkschaften, Umweltschutzverbände oder Rentner.innenvereine, versuchen darauf Einfluss zu nehmen. Stattdessen versucht jede Firma, jede Kapitalfraktion ihre Vertrauensleute innerhalb des Regimes zu finden oder zu installieren, um dann im unübersichtlichen Wust faschistischer Bürokratie ihre Interessen mit tödlicher Effizienz durchzusetzen. Neben der Erhöhung der Profitrate, durch Drücken der Lohnkosten, ermöglicht die faschistische Partei an der Macht außerdem Zugriff auf neue Absatzmärkte, Rohstoffe und die Unterwerfung konkurrierender, ausländischer Kapitale. Nicht dass mit bürgerlich-parlamentarische Regierungen keine imperialistische Expansionsbestrebung durchführbar wären, erleichtert das vorherige Ausschalten der gesamten Opposition (auch in den Reihen des Kleinbürgertums und der Bourgeoisie) ein solches Vorhaben aber doch erheblich.

    Das Bündnis zwischen Bourgeoisie und FaschistInnen ist allerdings nicht unbedingt der Idealfall für beide Parteien. Die faschistische Bewegung gewinnt ihre Anhängerschaft vor allem durch pseudorevolutionäre Phrasen. Entsprechend beunruhigend wirkt diese Bewegung auf die Köpfe der Wirtschaft. Faktisch aber kann die faschistische Bewegung ohne deren Unterstützung und die der führenden Köpfe im politischen Establishments nicht an die Macht gelangen. Und auch die faschistischen Führer stellen meistens bei näherer Betrachtung schnell fest, dass Großmachtfantasien und kleinbürgerliche Träume über eine Wirtschaftsordnung der kleinen Handwerksbetriebe nicht vereinbar sind, dass sich die Uhr tatsächlich nicht einfach auf eine Zeit vor dem imperialistischen Stadium des Kapitalismus zurückdrehen lässt. Politik für das Monopolkapital zu machen bedeutet also seine Konzentration zu beschleunigen. Kleine Unternehmen werden für international konkurrenzfähige Kapitalakkumulation und möglichst effektive Rüstung zwangsweise einem größeren Kapital unterstellt oder gleich ganz enteignet. Es ist also eine Politik, die den Vorstellungen der faschistischen Massenbasis über die Welt der kleinen ehrlichen Produzenten grundsätzlich widerspricht. Dieser Widerspruch wird gelöst, indem der Terror, welcher sich zuvor gegen die Arbeiter:innenbewegung gerichtet hat, nun auch gegen die Teile der faschistischen Bewegung angewandt wird, die die Vorstellung, eine kleinbürgerliche Revolution gegen das Monopolkapital durchzuführen, noch ernst meinen. Die faschistische Terrormaschinerie unterwirft also auch diese Klasse gewaltsam ihrer Politik im Sinne des Monopolkapitals. Im NS-Faschismus geschah dies 1934 in der „Nacht der langen Messer“ mit der Liquidierung Röhms und der Entmachtung seiner SA, als der Ruf der faschistischen Basis nach einer „zweiten Revolution“ immer lauter wurde. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die Teile der herrschenden Klasse kaltgestellt, die den Plänen einer möglichst schnellen Aufrüstung Deutschlands im Wege standen. Ähnliches ereignete sich mit der Matteotti-Krise 1924 auch im faschistischen Italien. Die im Gegensatz zur faschistischen Propaganda geführte sozialen Demagogie führte erst zu Ernüchterung innerhalb der faschistischen Anhängerschaft und dann zu offenem Widerstand in der noch vorhanden sozialistischen Opposition. Der darauf folgende Terror, sowie die ausbleibenden wirtschaftlichen und militärischen Erfolge in den folgenden Jahren entzogen dem italienischen Faschismus letztlich die Massenbasis. Es bleibt eine kleine Clique faschistischer Führer, die sich möglichst lukrative Posten unter den Nagel reißen und eine Masse an Faschist:innen, welche die Lüge der erreichten klassenlosen Volksgemeinschaft glauben. Trotzdem bleibt das Bündnis ein reines Zweckbündnis. Der faschistische Führer und seine Clique bleibt in wirtschaftlicher Abhängigkeit von der Bourgeoisie, kann sie ohne sozialistisches Programm und Basis nicht als Klasse entmachten und muss sie so durch Kompromisse oder Terror versuchen zu lenken. Die Bourgeoisie dagegen verliert ihre Flexibilität. Alle Parteien, die auf dem Boden der kapitalistischen Grundordnung stehen, eint das Ziel das nationale Kapital zu mehren. Allein über den Weg dorthin streiten sie. Im Parlamentarismus können die einzelnen Kapitalfraktionen ihre Interessen mit Hilfe der verschiedenen Parteien flexibel durchsetzen. Braucht die Wirtschaft einen Modernisierungsschub wird durch Spenden, Öffentlichkeitskampagnen und so weiter eben die Partei gefördert, welche diesen Weg am vielversprechendsten unterstützt. Unter faschistischer Herrschaft jedoch gibt es diese Möglichkeit nicht. Politische Kurswechsel sind immer nur in Verhandlungen mit der faschistischen Partei möglich – wenn überhaupt. Dasselbe gilt für außenpolitische Zielstellungen. Größere Absatzmärkte, freier und billiger Zugang zu Ressourcen sind gemeinsame Interessen der herrschenden Klasse. Mit welcher Risikobereitschaft, auf welchem Weg, ob mit Krieg oder „friedlicher“ Einigung, liegt genauso wenig in ihrer Hand, wie mit und gegen welche anderen imperialistischen Player gekämpft wird. So mussten die Verschwörer des 20. Juli um Stauffenberg zu dem drastischen Mittel des Tyrannenmords greifen, um die außenpolitische Linie Nazideutschlands zu ändern. Gegen die Unterwerfung, Ausbeutung und Versklavung Osteuropas und der Sowjetunion hatte Claus Graf Schenk von Stauffenberg nämlich nichts, wie aus seinen Briefen aus der Zeit des Überfalls auf Polen hervorgeht. Allerdings war ein Teil der deutschen Bourgeoisie zur Einsicht gelangt, dass dies auch gegen die Westalliierten durchzuführen militärisch aussichtslos ist. Mit dem Mord an Hitler sollte der Weg für einen Teilfrieden im Westen geschaffen werden, um die Niederlage gegen die Sowietunion doch noch abzuwenden. Hinzu kommt, dass einmal unter faschistischer Herrschaft die Brücken zur liberalen Demokratie abgerissen werden. Eine Rückkehr ist faktisch nur mit einer Entmachtung der faschistischen Partei möglich und diese gibt ihre Macht in den seltensten Fällen freiwillig ab. Nur in Ausnahmen kann eine Integrationsfigur der herrschenden Klasse, wie im Beispiel Spanien der König, im Bündnis mit Bourgeoisie und liberalem Bürgertum einen Kompromiss aushandeln. Und auch das gelingt meist nur durch den Tod des faschistischen Führers – sei es friedlich oder gewaltsam. Sonst bleibt außer einer militärischen Niederlage, die das nationale Kapital natürlich um jeden Preis vermeiden will, nur ein revolutionärer Umsturz, um die faschistische Partei zu entmachten. Im antifaschistischen Kampf, der für eine Demokratisierung notwendig ist, tun sich aber meistens kommunistische Gruppen aufgrund ihrer Erfahrung, ihrem Klassenbezug, ihrer internationalistischen Einstellung und tödlichen Feindschaft zum Faschismus besonders hervor und die Gefahr, dass aus der politischen eine soziale Revolution wird, ist zu hoch, als dass die wirtschaftliche Elite sich gegen die faschistischen Machthaber stellen würden. Warum beide Seiten dieses Bündnis trotz der Widersprüche eingehen, liegt an der konkreten historischen Situation, in der das Bündnis geschmiedet wird. Es ist eine krisenhafte Situation, in der die Hauptklassen, Bourgeoisie und Proletariat sich in einem Gleichgewicht befinden. Die liberalen kapitalistischen Parteien verlieren massiv an Zustimmung 16 und stehen einer starken organisierten Arbeiterschaft gegenüber. Gleichzeitig steht die nationale Bourgeoisie ökonomisch massiv unter Druck und verfügt über keine koloniale oder neokoloniale Ausbeutungsmöglichkeiten, auf denen sie diesen abwälzen können. Anders als England, Frankreich und der USA mit ihren großen Kolonialreichen und imperialistischen Einflussmöglichkeiten standen Deutschland, Italien und Japan hierfür nur die eigene Arbeiter:innenklasse zur Verfügung. Die üblichen Mittel der Befriedung funktionieren nicht mehr, weil die wirtschaftliche Lage Zugeständnisse an die Arbeiter:innenschaft nicht zulässt, der bürgerliche Parlamentarismus vom nützlichen Herrschaftsinstrument zum aufgezwungenen Übel wird und ein Militärputsch ohne Massenunterstützung am Widerstand breiter Bevölkerungsschichten scheitern würde. In dieser Situation ist es für beide Seiten, die faschistische Partei und die Bourgeoisie, lebensnotwendig einer drohenden sozialistischen Revolution zuvorzukommen. Die FaschistInnen sind für die herrschende Klasse aber keineswegs die erste Wahl, für einen Ausweg aus solch einer Situation. In Deutschland feilte die Bourgeoisie seit dem Bestehen der Weimarer Republik daran sie wieder los zu werden. Der Machtübertragung an Hitler gingen eine ganze Reihe unterschiedlicher Versuche vorweg sich der Demokratie wieder zu entledigen. Mit dem Marsch auf den Reichstag und dem Kapp-Putsch zwei militärische, sowie mit dem Staatsstreich Papens gegen das „rote“ Preußen ein „legaler“ Versuch, sowie dutzende Verschwörungen, die noch in der Planungsphase stecken blieben. So gehen relevante Teile der Bourgeoisie, des Militärs und des restlichen Staatsapparates den Schritt große Teile ihre Macht an die faschistische Massenbewegung zu übertragen. Dafür wird sie, bei allen Widersprüchen, mit einem Maß an Ausbeutung der lohnabhängigen Bevölkerung belohnt, welche in parlamentarischen Demokratien reines Wunschdenken wäre und obendrein im Zweifel noch Zugriff auf Sklav:innen und ungehemmte Expansion, während die faschistischen Bonzen auf ihren neu eroberten Posten fett werden und ihren ideologischen Wahn ausleben können. Auch wenn das Bündnis nicht immer bereitwillig geschlossen wird, geben beide Partner, einmal verbunden, alles und gehen ohne mit der Wimper zu zucken gemeinsam über Millionen und Abermillionen von Leichen, um sich den größtmöglichen Vorteil daraus zu verschaffen. Unsere Analyse des Faschismus an der Macht liest sich wie die Geschichte des deutschen Faschismus. Und das nicht ohne Grund. In den wenigen Fällen der Weltgeschichte, in denen eine faschistische Partei eine Diktatur errichten konnte, ist der deutsche Fall der in dem die Besonderheiten des Phänomens Faschismus am ausgeprägtesten zum Vorschein kamen. Der marxistische Historiker Kurt Gossweiler stellte heraus, dass der Nationalsozialismus in einmaliger Weise zum Ausdruck brachte, was in allen Formen des Faschismus angelegt ist, wohin seine Entwicklung zielt, ohne jedoch überall den gleichen Reifegrad zu erreichen. Denn alle Facetten des Faschismus sind Produkt bestimmter historischer Bedingungen und Umstände, die bisher in keiner solch ausgeprägten Form gegeben waren. Zum anderen bildet der deutsche Faschismus den für uns in der BRD kämpfenden Antifaschist*innen den wichtigsten historischen Bezug. Und anders als die faschistische Diktatur blieb die Kontinuität der deutschen herrschenden Klasse, die diesen hervor brachte, ungebrochen.

    Fazit

    Das Aufkommen des Faschismus spiegelt also auf der einen Seite die Schwäche der nationalen Bourgeoisie wieder die Krise der kapitalistischen Wirtschaft und der Zerfall des bürgerlichen Staates aufzuhalten. Auf der anderen Seite ist das Erstarken des Faschismus aber auch ein Zeichen der Stärke und Angriffslust der herrschenden Klasse, sowohl gegen die lohnabhängige Klasse als auch gegen andere imperialistische Player. Diese Dialektik von Schwäche und Stärke des Kapitals spiegelt sich im Defensiv- und Offensivcharakter der faschistischen Politik wieder. Dies zu erkennen ist für uns essenziell, um nicht den historischen Fehler der einseitigen Bewertung des Faschismus zu wiederholen. Dabei gleicht aber keine faschistische Bewegung der anderen und keine faschistische Diktatur verläuft nach streng vorgegebenen Mustern. Chauvinismus in allen seinen Facetten – Rassismus, Sexismus, Militarismus und übersteigerter Nationalismus – sind Grundkonstanten, die in keiner faschistischen Bewegung der Welt fehlen und bilden doch keine einheitliche faschistische Ideologie. Wenn wir wissen wollen woher die Besonderheiten einer faschistischen Bewegung und einer faschistischen Diktatur in einem beliebigen Lande kommen, müssen wir die kapitalistische Gesellschaft analysieren, die sie hervorgebracht hat und den Charakter des Imperialismus erkennen, der hinter ihr steht.So strebte das Franco-Regime in Spanien nicht nach der Weltherrschaft sondern unternahm im Gegenteil keinen einzigen Versuch militärischer Expansion. Aber wie die NS-Diktatur zerschlug und ermordete der spanische Faschismus rücksichtslos die Arbeiter:innenbewegung und beutete einen Teils der Bevölkerung in Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern aus. Auch Antisemitismus ist nicht zwangsläufig Teil einer faschistischen Ideologie. In der Partito Nazionale Fascista (PNA) konnten auch Jüd:innen Mitglied werden und das faschistische Italien nahm auch einige Zeit lang geflüchtete Jüd:innen aus dem deutschen Reich auf. Auch besteht keine automatische Verbundenheit zwischen den verschiedenen faschistischen Bewegungen. Bei vielen ideologischen Gemeinsamkeiten konkurrierten Italien und Deutschland lange um die Vormachtstellung in Österreich und dem Balkan. Zu einem Bündnis kam es erst, als der italienische Imperialismus zur Durchsetzung seiner Expansionsbestrebungen in Nordafrika und im Mittelmeerraum auf ein Bündnis mit Nazideutschland drängte. Dann erst setzen sich die antisemitischen Kräfte innerhalb der PNA durch und begannen mit der Verfolgung von Jüd:innen in Italien. Das Bündnis blieb aber nie eng und wurde von Italien sofort aufgekündigt als sich die Niederlage ankündigte. Auch die Frage der notwendigen Massenbasis war in keiner bisher existierenden faschistischen Diktatur einheitlich. Die NSDAP konnte sichbis zum Schluss auf einen fanatischen Massenanhang stützen. Auch die PNA in Italien organisierte einen relevanten Teil des Kleinbürger tums. In Österreich unter Dollfuß konnten die faschistischen Massenorganisationen hingegen nicht die Stärke zur Stellung der Machtfrage entwickeln, ohne ein politisches Bündnis mit christlichen Heimwehren zu schließen. Das Francoregime in Spanien wiederum musste sich viel mehr auf die Armee als bezahlte staatliche Schergen verlassen. Die Übergange zu reinen Militärdiktaturen können bei solchen Grenzformen des Faschismus fließend sein. Entscheidend ist letztlich aber der soziale Inhalt der Diktatur. Wer, welche Klasse, mit wessen Hilfe diese Dik tatur über wen ausgeübt wird, beziehungsweise gegen wen gekämpft wird. Georgi Dimitroff analysierte, dass der Nationalsozialismus deshalb die reaktionärste Spielart des Faschismus war, weil er das Produkt des damals reaktionärsten, kriegslüsternsten und brutalsten Imperialismus war und von diesem für die Erreichung seiner Ziele an die Macht gebracht wurde.

    Antifaschistische Aktion München
    2021 veröffentlicht

  • Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Rechte Betriebsarbeit im Keim ersticken

    Welche Gefahren „Zentrum Automobil“ und Co. mit sich bringen und welche Chancen wir ergreifen können!

    »Rechte Betriebsarbeit ist […] auf Demagogie angewiesen, sie verspricht den ArbeiterInnen sehr viel, wie etwa einen „unabhängigen Betriebsrat“ oder eine starke Front gegen die Konzernspitzen, sie wird diese Versprechungen aber nie einlösen können oder müssen. Denn als Rechte leugnen Organisationen wie “Zentrum” und die “AfD” die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und den Klassenkampf.
    Wer aber für ArbeiterInnen etwas durchsetzen will, muss sich eingestehen, dass es diese grundsätzlichen Widersprüche in der Gesellschaft gibt. “Deutsche ArbeiterInnen” haben eben nicht dieselben Interessen, wie “deutsche Kapitalisten”, auch nicht, weil sie “deutsch” sind.«

    Der Betriebsrat Oliver Hilburger beim Daimler-Werk Untertürkeim, Vorsitzender des Vereins „Zentrum Automobil“ hielt im November 2017 eine Rede auf der Konferenz des rechten Magazins “Compact” in Leipzig. Hilburger ist der ehemalige Gitarrist der Nazi-Band „Noie Werte“.
    Er war und ist damit ein fester Bestandteil der schwäbischen Nazi-Szene. Hilburgers Rede war nicht gut gehalten, er verhaspelte sich oft, wurde vom Einmarsch Björn Höckes unterbrochen und benutzte wirre Formulierungen1. Soweit, so normal. Ein ehemals offener Faschist redet jetzt als verdeckter auf einer Konferenz der neuen rechten Organisationen: “AfD”, “Identitäre”, “Compact Magazin”. Das Thema der Rede war für die politische Rechte Deutschlands aber etwas tatsächlich Neues oder zumindest ungewohnt. Es ging um Betriebsarbeit, Betriebsräte und die Gewerkschaften. Konkret forderte Hilburger rechte Aktivisten dazu auf, bei den Betriebsratswahlen vom März bis zum April 2018 mit eigenen Listen anzutreten.
    Er kritisierte das angeblich gute Verhältnis zwischen Konzernleitungen und IG Metall, Leiharbeit, Freihandelsabkommen, niedrige Renten und das marode Gesundheitssystem. Am Ende seiner Rede stellte er Mitglieder seines Vereins vor, die in anderen Städten mit “Zentrums”-Listen antreten sollten. Später auf der Konferenz wurde die Kampagne „Patriotische Gewerkschaft“ (PG) vorgestellt. „PG“ war ein gemeinsames Projekt der Bündnisorganisation der rechten Bewegung “Ein Prozent für unser Land” (bestehend aus der “Identitären Bewegung”, Götz Kubitscheks “Institut für Staatspolitik”, Jürgen Elsässers “Compact Magazin” und dem rechten “Flügel” der “AfD”) und Hilburgers “Zentrum Automobil”.
    Auch diese Kampagne mobilisierte zu den Betriebsratswahlen 2018, Hauptthema ist der Schutz von „Patrioten im Betrieb“ vor “politisch motivierten” Entlassungen2. Die Ergebnisse von “Zentrum Automobil” und ihnen nahestehenden Listen bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr blieben zum Teil hinter ihren eigenen, sehr hoch gesteckten, Erwartungen zurück, sollten uns aber trotzdem alarmieren. Sie schafften in einigen Werken den Sprung in den Betriebsrat.
    So z.B. bei Daimler Raststatt (3 Betriebsratssitze von 35), BMW Leipzig (3 Betriebsratssitze und damit 6% Stimmen), Siemens Görlitz (2 Betriebsratssitze und damit 16,4%) oder bei dem Motorsägenhersteller Stihl in Waiblingen bei Stuttgart (2 Betriebsratssitze und damit 9,2%). In Untertürkheim wuchs die Zahl der Betriebsratssitze von “Zentrum” von 4 auf 6 an, das sind mittlerweile 13,2%. “Zentrum” hatte sich in Untertürkheim allerdings 10 bis 12 Mandate erhofft. 2019 ist “Zentrum Automobil” nun fester Bestandteil der politischen Rechten in Deutschland. Im Zuge der Klimaproteste Fridays For Futures agierte sie stark gegen diese und schlug sich, wie die gesamte Rechte, auf die Seite der Klimawandelleugner. Dies äußerte sich u. a. in stumpfer Propaganda für Diesel-Motoren und gegen Fahrvebote. Gleichzeitig war “Zentrum” mit der Verteidigung rassistischer Hetze innerhalb von Betrieben beschäftigt.
    Neben “Zentrum Automobil” und der “PG” gibt es weitere rechte Organisationen, die ArbeiterInnen organisieren sollen. Sogar mit direkter Parteianbindung, etwa die „Alternative Vereinigung der Arbeitnehmer“ (AVA), vom nach außen neoliberal auftretenden Flügel der „Alternativen Mitte“ der “AfD” und der „Alternative Arbeitnehmerverband Mitteldeutschland“ (ALARM), der mit Jürgen Pohl einen Anhänger des Faschisten Björn Höckes als Vorsitzenden hat. “ALARM” ist dem Selbstverständnis nach sogar eine Gewerkschaft3. Einige dieser Projekte sind wieder gestorben, so die “Arbeitnehmer in der AfD” (AIDA) um den immer noch “Zentrums”-nahen BMW-Betriebsrat Frank Neufert, der sich aber von der “AfD” in Richtung “Aufbruch deutscher Patrioten Mitteldeutschland” (ADPM) abgespalten hat, wohl wegen Streitereien um die Ausrichtung in der Partei (sozial vs. neoliberal). Die Dynamik hält an, bislang beweist sich vor allem “Zentrum Automobil” als dauerhaftes “AfD”-nahes Betriebsprojekt.

    Auch andere rechte Akteure haben sehr gute Kontakte zu “Zentrum”, Hilburger redet und redete bei verschiedenen Veranstaltungen: “Pegida”, weiteren “Compact”-Konferenzen, bei und mit “Identitären”.

    1. DIE „NSBO“ – ARBEITER FÜR HITLER?

    Die “Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation” (NSBO) war eine 1929 gegründete Organisation zum Zusammenschluss von “NSDAP”-Mitgliedern auf betrieblicher Basis. Die “NSDAP” war 1925, nach einem Verbot wegen ihres gescheiterten Putschversuchs in München 1923, neu gegründet worden. In der Partei existierten damals mehrere Linien. Die Stärksten waren auf der einen Seite die Gruppierung um Hitler und die Führung in München und auf der anderen Seite die Brüder Otto und Gregor Strasser und ihr „Kampfverlag“, deren Zentrum im Norddeutschen Raum lag4. Doch auch im Süden gab es „Strasser-Gruppen“ und auch andere Parteizeitungen, die nicht im “Kampfverlag” erschienen, standen dem Strasser-Flügel nahe. Die beiden Flügel hatten verschiedene politische Linien und richteten sich in ihrer Propaganda auch an andere Zielgruppen. Die Parteiführung und Hitler fühlten sich vor allem ihrer kleinbürgerlichen Klientel (kleine Unternehmer, Beamte, Intellektuelle, Selbstständige, besitzende Bauern) verbunden und baten Kapitalisten sogar direkt um Spenden und Unterstützung. Eine andere Taktik nutzte der Strasser-Flügel: Mit radikaler Rhetorik sollten Arbeiter und Arbeiterinnen agitiert und in die Partei eingebunden werden5, dabei bezeichneten sich die Nazis beispielsweise als “sozialrevolutionär” oder “Sozialisten”. Beide faschistische Strömungen stellten dabei allerdings nie die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln infrage.
    Um propagandistisch bei ArbeiterInnen punkten zu können und den eigenen Anspruch einer, mehr oder weniger kämpferischen, Organisation umzusetzen, gab es aus dem Strasser-Flügel schon ab 1926 Bestrebungen zur Gründung einer eigenen Gewerkschaft6. Die Haltung der “NSDAP” zu Gewerkschaften an sich war dadurch gespalten, der Hitler-Flügel lehnte sie als politische Organisationsform eher ab, wohl um die Finanzierung aus Industriekreisen nicht zu gefährden7. In Berlin hatte der spätere Führer der “NSBO”, Reinhold Muchow, bereits 1928 begonnen, “NSDAP”-Mitglieder in Betrieben zu eigenen Organisationen zusammenzuschließen. Diese Organisationsform bot sich als Ersatzlösung für eine tatsächliche braune Gewerkschaft an. Auf dem Reichsparteitag 1929 forderten mehrere Anträge die Gründung einer eigenen Gewerkschaft, der Druck des Strasser- Flügels führte zu dem Zugeständnis Hitlers zur deutschlandweiten Übertragung des Betriebszellen-Konzepts8.
    Darüber hinaus wurde eine Ausschlussklausel für Streikbrecher (bei eigenen Streiks) verabschiedet9. Die “NSBO” wurde in Arbeitskämpfen und in kleineren Streiks aktiv und streikte nach eigenen Angaben von 1929-1933 insgesamt 117 Mal10. Die Streiks richteten sich oft gegen Entlassungen von “NSBO”- oder “NSDAP”-Mitgliedern oder waren Werbeaktionen für die Organisation. Es gab aber auch Beteiligungen an tatsächlichen, allgemeinen Lohnkämpfen der Belegschaften11. Die “NSBO” fügte sich in die, 1929 zur Massenpartei aufgestiegene, “NSDAP” ein und bildete einen organisierten Rahmen für die Propaganda in Richtung ArbeiterInnenklasse. Mit der Machtübergabe an die deutschen Faschisten hatte auch die “NSBO” ihre Funktion erfüllt. Jetzt zeigte sich auch den “NSDAP”-Mitgliedern, die fest an eine „deutsche Revolution“, den Sturz des Kapitalismus und einen „nationalen Sozialismus“ geglaubt hatten, dass sie und auch die Parole eines “Nationalsozialismus” nur Mittel zum Zweck gewesen waren. 1933 verlor die “NSBO” (wie auch alle anderen Betriebsorganisationen) ihre Macht12. Anders als die freien Gewerkschaften, wurde die NSBO nicht aktiv zerschlagen, sondern eher entmachtet. Ihre Mitglieder spielten bei der Stürmung von Gewerkschaftshäusern eine zentrale Rolle. Die “NSBO” war nach der Machtübergabe nicht bereit, sich widerspruchslos in den Staat zu intergrieren, bzw. ihren Charakter als “Arbeiterorganisation” zugunsten einer “Betriebsgemeinschaft” aufzugeben. Auch nach 1933 behielt sie eine Frontstellung gegenüber den Eigentümern bei und geriet damit in Konflikt mit Hitlers Planungen. Nach und nach wurden ihr die Kompetenzen entzogen und der sogenannten “Deutschen Arbeitsfront” (DAF) zugesprochen. 1934 wurde sie dann durch diese ersetzt. Die “DAF” organisierte klassenübergreifend, sowohl Eigentümer, als auch ArbeiterInnen eines Betriebs13. Gerade diese Entwicklung zeigt, wohin die Betriebsarbeit der Faschisten tatsächlich führt: In die Auflösung der ArbeiterInnenorganisationen (selbst faschistischer), sowie in die totale Abhängigkeit der ArbeiterInnen von “ihrem” Arbeitgeber, der mit ihnen auf eine Stufe gestellt wird. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit wird in der, auf einzelne Unternehmen heruntergebrochenen, “Volksgemeinschaft” der Faschisten (der Betriebsgemeinschaft) eben nicht aufgehoben. Er wird zugunsten der Eigentümer unterdrückt, die jetzt als absolute Herrscher über das Wohl und Wehe “ihrer” ArbeiterInnen bestimmen (“Verantwortung tragen”, sagen die Rechten), ohne, dass diese ein Fünkchen mitzureden hätten. Die faschistische Arbeitsgesetzgebung, Arbeitszeiterhöhung und Akkordarbeit sind schlagende Beispiele für die Verschärfung der Ausbeutung.

    2. PROGRAMM DER “NSBO”

    Die Weimarer Republik war massiv von offenen Klassenkämpfen und Klassenbewusstsein geprägt. Die Novemberrevolution hatte bewiesen, dass es auch in Deutschland eine Macht gab, die dem Kapital gefährlich werden konnte. 45,8% der Bevölkerung wurden als ArbeiterInnen klassifiziert14. In dieser Situation versuchten viele Parteien, in irgendeiner Weise auf ArbeiterInnen direkt einzuwirken und sie zu organisieren. So auch die “NSDAP”, ihrem Selbstverständnis nach immerhin eine „Arbeiterpartei“.
    Die propagandistische Formel des „Nationalen Sozialismus“ bildete eine Klammer für die Partei, die wegen ihrer ungenauen Definition alle Arten von Aktivisten lockte. So gab es Menschen, die dachten, die “NSDAP” sei wirklich eine antikapitalistische und sozialistische Partei. Diese vage Propaganda war sehr flexibel. Die “NSDAP” konnte mal das rechte Bürgertum ansprechen, mal Werbung bei Kapitalisten machen, mal den Versuch starten, ArbeiterInnen zu agitieren und mal zum Streik aufrufen. „Sozialismus“ definierten die Partei und die “NSBO” soweit um und benutzten diesen Begriff so willkürlich, dass sein eigentlicher Inhalt, wie etwa die konsequente Verstaatlichung der Produktionsmittel, entfiel.
    Die “NSBO” drückte sich um eine klare Antwort auf die Eigentumsfrage, sie schrieb lediglich von einer “sozialen Verwendung des Privateigentums” und nannte das schon “Sozialismus”. Umgekehrt definierte sie auch nur den Missbrauch des Privateigentums als “Kapitalismus” und konnte so das Kunststück eines „antikapitalistischen Kapitalismus“ vollbringen15.
    Die “NSBO” musste sich, um ArbeiterInnen ansprechen zu können, bei ihrer Agitation weiter aus dem Fenster lehnen, als die “NSDAP”, denn sie war auf betrieblicher Ebene mit der konkreten Lebensrealität der ArbeiterInnen konfrontiert. So war die Propaganda der Organisation zwar von einer starken Frontstellung gegen die Gewerkschaften geprägt, aber auch gegen Unternehmer und Kapitalisten. Reinhold Muchow, zum Organisationsleiter der “NSBO” aufgestiegen: „(…) da der Nationalsozialismus nicht nur gegen den volksverräterischen Marxismus ankämpft, sondern beispielsweise auch das heute herrschende, unsittliche, liberal-kapitalistische Wirtschaftssystem zu beseitigen anstrebt, (…) wird deshalb der Kampf der NSBO auch gegen diesen Feind gerichtet sein“16. Trotzdem war die “NSBO” vor allem darauf bedacht, die Arbeiter zu nationalisieren, also aus ihrer Sicht “aus den Klauen des Internationalistischen Marxismus von SPD, KPD und dem Gewerkschaftsverband ADGB (dem Vorläufer des DGB) zu befreien”.
    Die Propaganda der Faschisten unterschied hier zwischen Führern und ArbeiterInnen. Erstere seien „unfähig“ und „korrupt“, die ArbeiterInnen hingegen nur „verführt“ oder „vergiftet“ – also rettbar17. Dabei verstieg sie sich sogar in eine konsequente Kritik des Reformismus der SPD (sie warf ihr Verrat der ArbeiterInnen in der Novemberrevolution, Eintritt in die bürgerliche Regierung, Friedensschluss mit dem Kapital vor), nur um sich dann ganz gegen den Marxismus an sich zu wenden und eben zu behaupten, dieser Verrat sei im Marxismus selbst schon angelegt18. Die “NSBO” tat also alles, um ArbeiterInnen auf ihre Seite zu ziehen. Das widersprüchliche und oft diffuse Programm der “NSBO” erfüllte aber auch eine Funktion für die “NSDAP”: Sie konnte in alle Richtungen effektive Propaus und ist einer seiner größten Vorteile. Im Gegensatz zu Neoliberalen, Konservativen und bürgerlichen Rechten haben sie kein Problem mit sozialen Forderungen, können diese sogar selbst formulieren. Diese Form der “sozialen Demagogie” wechselt dann aber, nach der Machtübergabe an die Faschisten, den Charakter, aus pseudo-revolutionären Parolen und vermeintlichem Antikapitalismus wird eine Terrorherrschaft, die den Kapitalisten nutzt, und sonst niemandem!

    3. FUNKTION, CHARAKTER UND MITGLIEDSCHAFT DER “NSBO”

    Wie auch die gesamte Partei, befriedigte die Betriebsarbeit der deutschen Faschisten gleich mehrere Bedürfnisse des damaligen deutschen Kapitals. Zentral für die “NSBO”, aber auch für andere, äußerst “revolutionär und sozialistisch” auftretende, Faschisten, war ihre Funktion als Sammlungsorganisation eines antikapitalistischen Bedürfnisses, ohne Aussicht auf Verwirklichung. Die Organisation zog mit ihrer antikapitalistischen Propaganda Menschen an, die mit der derzeitigen Situation unzufrieden waren, vom Sozialismus träumten oder zumindest für mehr soziale Rechte eintraten. Sie bestärkte aber diese Menschen in ihrem Antisemitismus, systematisierte ihn und verwandelte sie in Antikommunisten, ihren Sozialismus in eine hohle Phrase und die antikapitalistischen Gefühle vieler ArbeiterInnen in, für das Kapital ungefährliche, sehr ungenaue Vorstellungen.
    Weiter griff sie echte Interessensvertretungen der ArbeiterInnen, die Gewerkschaften, an. Sie konkurrierte mit ihnen um Betriebsratssitze und übte Terror gegen GewerkschafterInnen aus19. Sie bespitzelte Linke und legte Listen mit AktivistInnen an, schwärzte diese bei Vorarbeitern und/oder Eigentümern an und bot sich auch als Streikbrecher an, solange damit den Linken in ausreichendem Maß geschadet werden konnte20. Auf der anderen Seite schloss sie sich gerne Streiks und Kämpfen an, wenn sie in diesen keine zentrale und alleinige Verantwortung übernehmen musste und damit auch nicht kritisierbar war. Streikte sie alleine, dann vor allem um propagandistisch gegen Gewerkschaften vorzugehen und um vor Betriebsratswahlen auf sich aufmerksam zu machen21. Ziel war es, immer für einen Einfluss der “NSDAP” in die Arbeiterschaft zu sorgen. So gelang es der “NSBO” tatsächlich, Arbeiter und vor allem Angestellte zu organisieren, aber auch Arbeitslose22. Auffallend war die starke Affinität von Angestellten, insbesondere von Angestellten öffentlicher Betriebe, wie den Verkehrsbetrieben23. Die “NSBO” schaffte es aber auch, klassische Industriearbeiter an sich zu binden, jedoch in weit geringerem Maß als Betriebsorganisationen anderer politischer Richtungen, v.a. die Gewerkschaften24. Bei den Arbeitslosen konkurrierte die “NSBO” direkt mit der KPD bzw. RGO (Revolutionäre Gewerkschafts Opposition, Betriebsorganisation der KPD) und machte dieser auch einige Probleme25. Jedoch war die Mitgliedschaft der “NSBO” oft nicht deckungsgleich mit der “NSDAP”, so war nur etwa die Hälfte der “NSBO”-Mitglieder auch “NSDAP”-Mitglied26. Die Arbeit der “NSBO” bestand also aus propagandistischer Betriebsarbeit, etwa durch Streiks, Terror und körperliche Angriffe gegen Linke. Dabei darf nicht vergessen werden, dass selbst, wenn Faschisten streiken, betrieblich arbeiten oder soziale Forderungen aufstellen, dies immer im Kontext eines Aufbaus faschistischer Strukturen und der Bewegung zu sehen ist, niemals im Sinne einer klassenkämpferischen oder auch nur sozialen Ausrichtung. Die Demagogie faschistischer Betriebsorganisationen ist nicht fest auf eine Taktik beschränkt und gerät aufgrund politischer Notwendigkeiten auch in Konflikt mit den Tagesinteressen einzelner Eigentümer, jedoch nie auf einem hohen Eskalationsniveau.
    Zusammengefasst war die “NSBO” eine betriebspolitische Organisation, mit gewissem Einfluss in die ArbeiterInnenklasse, mit dem Ziel: 1. antikapitalistisches Bewusstsein zu verdrehen, 3. den Aufbau faschistischer Strukturen in der ArbeiterInnenklasse voranzutreiben und 3. direkt gegen Linke zu kämpfen.

    4. DER CHARAKTER VON “ZENTRUM AUTOMOBIL” – EINE “NSBO” OHNE OFFENEN FASCHISMUS

    Bei historischer Betrachtung fallen einige Parallelen zwischen der ehemaligen “NSBO” und dem heutigen “Zentrum Automobil” auf.
    Bei beiden ist das Hauptziel, die Vereinigung ideologisch nahestehender Menschen auf Betriebsebene, zur Bekämpfung der ArbeiterInnenorganisationen. Dieser Kampf wird der Form nach gegen “Korruption”, “Co-Managment” und “Klüngelei” geführt.
    Sein Charakter ist aber die Schwächung von tatsächlicher Interessensvertretung und besonders der Kampf gegen Linke. Dabei kooperiert die Betriebsorganisation mit einer Partei (“NSDAP”/”AfD”) und vermittelt deren Positionen im Betrieb, bleibt aber gleichzeitig scheinbar unabhängig. Gleichzeitig klagt die Organisation tatsächliche oder vermeintliche Missstände an, um so echte Wut für ihre Zwecke zu nutzen. Ein zentrales Element der Arbeit ist der Schutz vor Kündigungen von ideologisch nahestehenden Menschen. So kann sich die Organisation als “Kümmerer” darstellen. Scheinradikales, arbeiternahes Auftreten und soziale Phrasen werden angewandt, ein wirklicher Einsatz für die Verbesserung der aktuellen Lage der ArbeiterInnen und die Unterstützung und Organisierung kämpferischer, proletarischer Aktionen findet aber nicht statt. So hat “Zentrum” bis heute nicht einmal bei einer einzigen Tarifverhandlung eine Rolle gespielt, daher ist auch die eigene Betitelung als “Gewerkschaft” falsch.
    Auch wenn sich “Zentrum Automobil” heute offiziell nicht in der Tradition des deutschen Faschismus sieht, fährt sie mit ihrer Politik genau
    den Kurs der historischen “NSBO”, angepasst auf das 21. Jahrhundert.

    4.1 SOZIALE DEMAGOGIE

    In seinen Reden und Beiträgen kritisierte Oliver Hilburger die Globalisierung, Fahrverbote, Leiharbeit, niedrige Renten und das marode
    Gesundheitssystem27. Auch Björn Höcke, Landesvorsitzender der “AfD” in Thüringen und zentrale Autorität des faschistischen “Flügels” der “AfD”, schlägt gerne mal pseudo-antikapitalistische Töne an: „Ich traue den Großbanken und Hedgefonds nicht. Ich traue dem Kapital und dem ungedeckten Papiergeld nicht. Eine neue deutsche Politik hat alles zu unternehmen, die Nation als Vertrauens- und Solidargemeinschaft zu erhalten.”28 Ähnlich einzuordnen sind auch die allgemeinen Bestrebungen der “AfD”, ihr Programm “sozialer” zu machen und „die soziale Frage in den Mittelpunkt des Programms zu stellen“ (Björn Höcke, zusammen mit seinem damaligen Weggefährten André Poggenburg). Beispielsweise spricht Jürgen Pohl, Vorsitzender von “ALARM”, auf seiner Webseite vom „Verrat der Altparteien an den Arbeitnehmern“29 und verbindet die oberflächliche Kritik am Sozialabbau mit der Hetze gegen geflüchtete Menschen: „Sie holten auch noch über eine Million Migranten ins Land. Die meisten sind schlecht oder gar nicht ausgebildet. Sie werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auf Sozialleistungen angewiesen sein. Unter ihrer Last droht das Sozialsystem zu kollabieren. Und während SPD, CDU, Grüne und Linke diesen Menschen leichtfertig unser Sozialsystem opfern, müssen Menschen, die ein Leben lang in unser Sozialsystem eingezahlt haben, von Mini-Renten und Hartz IV leben.“30 Die “AVA”, die angebliche Vertretung von ArbeitnehmerInnen des neo-liberalen Flügels der “AfD”, schlägt als einzige nicht in diese Kerbe, sondern vertritt neoliberale Positionen, hetzt also gegen Hartz IV-EmpfängerInnen und betont die “Leistungsgesellschaft”. Diese Beispiele können unter dem Stichwort “Soziale Demagogie” gefasst werden: Es werden richtige Probleme angesprochen (etwa niedrige Renten, Dieselfahrverbote, die NormalverdienerInnen treffen, niedrige Löhne), aber dann die Falschen beschuldigt (geflüchtete Menschen, “die Klimalobby”, die “Globalisten”), anstatt den Kampf gegen die richtigen Nutznießer, wie deutsche Kapitaleigner und ihre politischen Ausdrücke, zu führen. Gleichzeitig wird diffuse, nichtssagende Kritik an den “Altparteien” und den “Großbanken” geübt, ohne dabei Alternativen aufzuzeigen, die dieses System ändern würden.
    Anstatt die ArbeiterInnen in ihren Interessen gegen die Konzernchefs und das Management zu vereinigen, werden diese durch Nationalismus und Rassismus gespalten. Weder in tagesaktuellen Kämpfen, noch in der Aussicht der Perspektive einer anderen Gesellschaftordnung, können die Rechten Alternativen aufzeigen und sind somit letztlich selbst ein Teil der Fraktion, die für den Kapitalismus und damit für das Ausbeutungsverhältnis steht. Wie 1933 versuchen die Faschisten sozialen Unmut für sich zu gewinnen und in letztlich kapitalfreundliche Politik zu verdrehen.

    4.2 ANGRIFF AUF GEWERKSCHAFTEN UND LINKE

    “Zentrum” unterstellt der IG Metall beispielsweise Co-Management, also die organische Zusammenarbeit mit der Konzernspitze. Sie stützt sich dabei auch immer wieder auf tatsächliche Fälle von Korruption, wie etwa in einem Artikel über die Bestechung eines (jetzt ehemaligen IGM) Gesamtbetriebsratsvorsitzenden bei31 Volkswagen . Eine, von “Zentrum” oft benutzte, Formel ist, dass Gewerkschaften „…Teil des Problems sind und nicht Teil der Lösung“32. Zentrales Thema der Rede Oliver Hilburgers auf der “Compact”-Konferenz war ebenfalls der angebliche Verrat der Linken und der Gewerkschaften an den ArbeiterInnen. Zentral für das Selbstverständnis von “Zentrum” ist auch ihre Selbstbezeichnung als „Opposition im Betriebsrat“33 und ihr Wahlspruch „Mut zur Opposition“, gemeint als Opposition gegen die Gewerkschaften und gegen Linke. Auch „ALARM” und “AIDA” greifen GewerkschafterInnen an. Jürgen Pohl, Vorsitzender von “ALARM”, empört sich auf seiner Internet-Seite: „Die Gewerkschaftsbonzen sind längst korrumpiert. Sie kassieren satte Gehälter und Aufsichtsratsbezüge. Im Gegenzug nicken sie Millionen-Abfindungen für gescheiterte Vorstände ab. Diese Gewerkschaften vertreten nicht die Interessen der Arbeitnehmer, sondern die des Kapitals”.34
    Sozialpartnerschaft und Standort-Gerede, Kuschelei mit den Eigentümern und auch eine Entfremdung zwischen GewerkschaftsfunktionärInnen und der ArbeiterInnenklasse sind Probleme, die durch die aktuelle sozialdemokratische Prägung des DGB und die Gewerkschaftsspitzen entstehen.

    Eine Kritik daran zu üben, ist nicht falsch, sondern richtig, dabei darf die Kritik aber eben nicht durch rechte Demagogie aufgezogen werden. Bei Kritik an den Gewerkschaften muss man stets im Auge behalten, dass diese faktisch derzeit in Deutschland die einzigen proletarischen Massenorganisationen sind, die durch ihr Handeln in der Lage sind, dem Kapital – zum Beispiel in Tarifrunden – etwas abzuringen. Ganz im Gegensatz zu “Zentrum Automobil”: Sie haben weder Tarifauseinandersetzungen führen müssen, noch irgendwelche Abschlüsse oder sonstige reale Regelungen im Hier und Jetzt für die Beschäftigten durchgesetzt. Radikale Rhetorik und Stimmungsmache ohne konkrete Gegenvorschläge, sondern nur mit Antworten in Form von Spaltungsversuchen und Rassismus – das ist eine gängige Taktik der Rechten und Faschisten.

    4.3 SCHUTZ VOR “POLITISCHEN” KÜNDIGUNGEN

    “Zentrum Automobil” gibt vor, die Beschäftigten vor Kündigungen “unliebsamen MitarbeiterInnen” zu schützen. Schauen wir jedoch auf die Realität, sieht das ganz anders aus. “Zentrum” bietet Neonazis und Rassisten, die im Betrieb offen hetzen wollen, Schutz. Bei allen anderen Beschäftigten, also bei fast allen Kündigungen, hat “Zentrum” nichts getan, beziehunsgweise nichts zu melden. “Zentrum” hat weder kämpferischerischen Steikenden, BetriebsrätInnen, MigrantInnen oder wegen Werksverlegungen Gekündigten helfen wollen, geschweige denn können. Wer also wirklich von einer Kündigung bedroht ist, dem wird bei den großen DGB-Gewerkschaften mit Rechtsschutz, großen Betriebsratsgremien und jahrzehnterlanger Erfahrung geholfen.
    Dass Neonazis und Rassisten, die die Belegschaft in deutsch und nicht-deutsch, in christlich oder nicht, in weiß oder nicht, in hetero- oder homosexuell spalten wollen, von diesem gewerkschaftlichen Schutz vor Kündigungen ausgenommen sind, sollte uns aus unserem kollektiven Interesse als Arbeiterinnen und Arbeitern klar sein. Bekanntestes Beispiel ist die Kampagne von “Zentrum Automobil”, in der zwei entlassene, rassistische Daimler-Mitarbeiter unterstützt wurden und der IG-Metall eine Zusammenarbeit mit der Konzernleitung vorgeworfen wird. Mit einem propagandistisch-emotionalisierten Film haben die Rechten Fakten verdreht, Falschinformationen verbreitet und damit über 100.000 Youtube-Klicks erreicht.

    4.4 SCHARNIER ZWISCHEN POLITISCHER BEWEGUNG UND ARBEITERINNEN

    “Zentrum Automobil” und andere rechte Betriebsorganisationen vermitteln die Positionen der deutschen Rechten gegenüber ArbeiterInnen. Sie nehmen damit eine Scharnierfunktion ein, denn sie erschließen Personengruppen, die nicht zum klassischen “AfD”-Stammwählertum gehörten und von der Partei auch nicht gut angesprochen werden konnten. Sie erweitern so den nationalistischen Wirtschaftsliberalismus, der von der “AfD” in ökonomischen Fragen vertreten wird, um einen rassistisch und rechts aufgeladenen Pseudo-Reformismus. Besonders deutlich zeigt sich diese Funktion rund um das Thema “Diesel-Skandal” seit 2018.
    Während die “AfD” im Bundestag die Profitinteressen der Automobilindustrie so radikal verteidigte, wie keine andere Partei, demonstrierten am Stuttgarter Neckartor “AfD”- und “Zentrums”-Mitglieder gemeinsam gegen Fahrverbote und Stellenabbau in der Automobilindustrie. Freilich war dabei nicht die Führung der Autokonzerne Adressat für ihren Protest, sondern die Grünen und die Deutsche Umwelthilfe. Neben den sogenannten “Dieseldemos”, gibt es zahlreiche weitere Beispiele für die offene Zusammenarbeit von “Zentrum” mit anderen rechten Akteuren. So trat Oliver Hilburger in einem Interview mit Martin Sellner, dem Kopf der “Identitären Bewegung” in Österreich, auf und nahm gemeinsam mit prominenten “AfD”lern an öffentlichen Veranstaltungen teil, wie beispeilsweise bei der “Compact”-Konferenz 2017 in Leipzig mit Björn Höcke, oder bei Vorträgen zur Diesel-Thematik in Magdeburg. Doch auch in der AfD finden sich Personen, die sich für rechte Betriebsarbeit interessieren und engagieren. Ein Beispiel wäre Dirk Spaniel, der als Mitglied des Bundestags und verkehrspolitischer Sprecher der “AfD”-Bundestagsfraktion zuständig für sämtliche Fragen rund um die Automobilindustrie ist.
    Damit kommt ihm in Baden-Württemberg eine faktische Führungsrolle in der Partei zu. Als ehemaliger Ingenieur bei Daimler gibt er sich als Fachmann, dem in wirtschaftlichen und technischen Fragen rund um den Verbrennungsmotor keiner das Wasser reichen könne. Dieses Image wird auch gezielt von seinen Parteikollegen vorangetrieben. Hinter der Fassade des Fachwissens steckt glatter Neoliberalismus und damit die Verteidigung der Profitinteressen der Automobilkonzerne. Spaniel und Hilburger treten mittlerweile auch gemeinsam auf Veranstaltungen auf, wie beispielsweise am 09.10.2019 in Herrenberg-Gültstein. Dort hielten sie mit Hans Peter Strauch, verkehrspolitischer Sprecher der baden-württembergischen AfD-Landtagsfraktion, eine Infoveranstaltung zur Zukunft der Automobilindustrie in Baden-Württemberg.

    Es mag zunächst verwundern, dass hier Akteure zusammen sitzen, die sowohl die Interessen der Automobilkonzerne, als auch vorgeblich ihrer Belegschaft vertreten, wo beide doch einander grundlegend entgegengesetzt sind. Gegen wen sollen die Forderungen der Arbeiterschaft denn durchgesetzt werden, wenn nicht gegen den eigenen Arbeitgeber? Für Rechte ist dies jedoch kein Widerspruch, da sie von einer imaginierten Volksgemeinschaft ausgehen, in der Ausbeuter und Ausgebeutete gemeinsam an einem Strang ziehen. Dass dies einer totalen Unterdrückung der ArbeiterInnenbewegung und einem Freifahrtschein zur ungebremsten Ausbeutung seitens der Unternehmerschaft gleichkommt, liegt auf der Hand.

    5. FASCHISMUS UND BETRIEBSARBEIT

    Rechte Organisationen reden auf betrieblicher Ebene in denselben Rollen, wie die “NSDAP” und die “NSBO”. Ja, es gebe soziale Missstände und diese müssten angegangen werden, aber die Gewerkschaften hätten die ArbeiterInnen in diesem Kampf verraten, deshalb müssten sich alle ArbeiterInnen den rechten Organisationen anschließen. Durch diese Argumentation haben diese Organisationen gleichzeitig eine ähnliche Funktion, wie die historischen deutschen Faschisten: Sie spalten die ArbeiterInnenklasse, organisieren die Rechte auf der betrieblichen Ebene, lenken die diffuse Wut auf den Kapitalismus und die Politik in, für das Kapital ungefährliche, Bahnen um und greifen gleichzeitig Linke an. Rechte Betriebsarbeit ist aber auf Demagogie angewiesen, sie verspricht den ArbeiterInnen sehr viel, wie etwa einen „unabhängigen Betriebsrat“ oder eine starke Front gegen die Konzernspitzen, sie wird diese  Versprechungen aber nie einlösen können oder müssen. Denn als Rechte leugnen Organisationen wie “Zentrum” und die “AfD”die Spaltung der Gesellschaft in Klassen und den Klassenkampf. Wer aber für ArbeiterInnen etwas durchsetzen will, muss sich eingestehen, dass es diese grundsätzlichen Widersprüche in
    der Gesellschaft gibt. “Deutsche ArbeiterInnen” haben eben nicht dieselben Interessen, wie “deutsche Kapitalisten”, auch nicht, weil sie “deutsch” sind.
    Wir müssen herausstellen, dass viele der Forderungen, die Rechte aufstellen, überhaupt nicht umgesetzt werden können. Rechte bleiben bei sozialen Forderungen immer im Unkonkreten, bedienen ein paar Emotionen, haben aber keine Pläne für eine soziale Gesellschaft. Man muss nicht weit zurückgehen, um die Ergebnisse faschistischer Politik in der Realität zu sehen.

    Die “NSDAP” forderte die “Brechung der Zinsknechtschaft”, die deutschen Arbeiter bekamen aber niedrigere Löhne, längere Arbeitszeiten und weniger bis gar keine Rechte mehr. Die “NSDAP” wollte sich daran machen, das Versailler ‘Friedensdiktat’ zu bekämpfen, die ArbeiterInnen der halben Welt bekamen einen blutigen Weltkrieg. Die “NSDAP” wollte einen “nationalen Sozialismus” mit sozialen Garantien, es kam die industrielle Vernichtung von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung, die Versklavung ganzer Völker und der Terror gegen SozialistInnen und KommunistInnen. Faschistische Politik kann, so lange sie nicht umgesetzt werden muss, immer viel behaupten.
    Wenn sie umgesetzt wird, bedeutet sie Terror, Tod und Vernichtung für Millionen von Menschen. Der organisierte Versuch der Rechten und Faschisten heute in Betrieben Organisationen aufzubauen, ist ein Ausdruck des gesamtgesellschaftlichen Rechtsrucks. Was sich in der parlamentarischen Politik, im medialen Diskurs, beim Vorgehen gegen Geflüchtete oder bei der Verschärfung des Polizeistaates zeigt, zeigt sich eben auch im Betrieb.
    Trotzdem kann die herrschende Klasse in Deutschland aktuell ihre Macht erhalten. Es besteht keine Gefahr einer sozialen Revolution, dazu ist die Linke zu schwach. Auch die nationalen Auswirkungen der kapitalistischen Krise sind aktuell nicht so stark, dass der Faschismus an der Macht zur Handlungsoption werden würde.
    Die faschistische Bewegung versucht dennoch, im Zuge der kapitalistischen Krise und des internationalen Rechtsruckes, an Stärke zu gewinnen und sich in verschiedenen Bereichen des Lebens zu verankern.

    6. DER RECHTSRUCK ALS CHANCE UND AUFGABE

    Die Veränderungen und neuen Strategien der Rechten stellen uns als linke Bewegung vor Herausforderungen, die Weiterentwicklungen hervorrufen können.
    Wir Linken und AntifaschistInnen haben uns zu lange mit, oft plan- und zielloser, Szenepolitik, bzw. mit uns selbst beschäftigt und dabei das Verhältnis zur ArbeiterInnenklasse fast komplett vergessen und die Verankerung in ihr verloren. Dabei wurden zu selten oder zu unklar Lösungen und Angebote gemacht. Gleichzeitig wurden wir ArbeiterInnen durch Individualisierung unserer kollektiven Solidarität beraubt und von den Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten mehr verwaltet als organisiert.
    In Zeiten der Verschärfung ist es unsere Aufgabe, in sozialen Protesten und Arbeitskämpfen präsent zu sein, diese ehrlich voranzutreiben und kollektive Erfahrungen mit unseren Kolleginnen und Kollegen zu machen. Dabei müssen wir stets versuchen, unsere Standpunkte verständlich zu erklären und dürfen dabei unsere antikapitalistische Grundhaltung nicht verstecken. Gleichzeitig gilt es, die Rechten dort konsequent zu verjagen, wo sie auftreten:
    Ob auf der Straße, in der Kneipe, an der Uni, im Parlament oder im Betrieb. Wirklich etwas gewinnen können wir dann, wenn wir es schaffen, das moralische Gefühl der Empörung oder der Wut, in Zusammenhang mit den aktuellen ökonomischen Verhältnissen, dem kapitalistischen System und seiner Funktionsweise zu bringen. Damit kann es uns gelingen, langfristig größere Teile der ArbeiterInnenklasse anzusprechen und für den antifaschistischen Kampf zu motivieren.
    Das heißt beispielsweise, direkt vermitteln und nachweisen zu können, warum Faschisten wie Höcke oder Hilburger gefährlich sind und der Faschismus der überwiegenden Mehrheit der Gesellschaft nichts Gutes zu bieten hat. Um die bundesweit organisierte Rechte effektiv zu bekämpfen, dürfen wir das aber nicht isoliert für uns selbst machen. Gerade in Zeiten einer gesellschaftlichen Polarisierung, sehen wir es als unsere Aufgabe, eine antifaschistische Organisation aufzubauen, die städteübergreifend kämpft und sowohl mit Inhalten den Rechten den Nährboden entzieht, als auch mit praktischen Aktionen den Wirkungskreis der rechten Menschenfeinde möglichst klein hält. Es ist notwendig, dass wir unsere gemachten Erfahrungen austauschen, gemeinsam politische Einschätzungen diskutieren und koordiniert und entschlossen den Rechten Räume nehmen. Wir dürfen uns weder in rein linke Lebenswelten zurückziehen, noch dabei stehen bleiben, kluge Texte zu schreiben.
    Was wir brauchen, ist eine zielgerichtete, antifaschistische Praxis, die sich als das versteht, was sie ist: Offensiv organisierter Selbstschutz vor den Angriffen von Rechts!

    MIT DER KLASSE, FÜR DIE KLASSE – DIE ANTIFASCHISTISCHE AKTION AUFBAUEN!

    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart & Antifaschistische Perspektive Ludwigsburg / Rems-Murr
    Veröffentlicht 2019

    1. https://www.youtube.com/watch?v=A4mcsX1KRq4 ↩︎
    2. https://werdebetriebsrat.de/ ↩︎
    3. http://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
    4. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.: S.1 ↩︎
    5. Kurt Gossweiler: Die Strasser Legende: S.32 Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.585 f. ↩︎
    6. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.:S.74 ↩︎
    7. Gunther Mai: Die Nationalsozialistsiche Betriebszellen-Organisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus: S.577 ↩︎
    8. Reinhard Kühnl: Die nationalsozialistische Linke. 1925-1930.:S.76 ↩︎
    9. Ebd.:S.76 ↩︎
    10. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.585 f. ↩︎
    11. Ebd.: S.585 f. ↩︎
    12. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.160 ↩︎
    13. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.607 ff. ↩︎
    14. Kurt Gossweiler: Arbeiterklasse und Faschismus. In: Aufsätze zum Faschismus: S.465 ↩︎
    15. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.39 ↩︎
    16. Muchow zitiert nach Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.43 ↩︎
    17. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.54 ↩︎
    18. Volker Kratzenberg: Arbeiter auf dem Weg zu Hitler? Die Nationalsozialistische Betriebszellen Organisation. Ihre Entstehung, Ihre Programmatik, ihr Scheitern 1927-1934.: S.55 ↩︎
    19. Kurt Gossweiler: Arbeiterklasse und Faschismus. In: Aufsätze zum Faschismus: S.459 ↩︎
    20. Gunther Mai: Die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation. Zum Verhältnis von Arbeiterschaft und Nationalsozialismus. S.610 ↩︎
    21. Ebd.: S.586 ↩︎
    22. Ebd.: S.594 ff. ↩︎
    23. Ebd.: S.599 ↩︎
    24. Ebd.: S.594 ↩︎
    25. Ebd.: S.600 ↩︎
    26. Ebd.: S.596 ↩︎
    27. https://www.youtube.com/watch?v=A4mcsX1KRq4 ↩︎
    28. Björn Höcke zitiert nach Gerd Wiegel: Die AfD und die soziale Frage: S.62 ↩︎
    29. http://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
    30. Ebd. ↩︎
    31. Kompass BR Infoblatt Zentrum Nr. 18: S.7 ↩︎
    32. Ebd.: S.2 ↩︎
    33. Ebd.: S.4 ↩︎
    34. https://pohlposition-afd.de/alarm/ ↩︎
  • Staat & Nazis Hand in Hand?

    Staat & Nazis Hand in Hand?

    Staat & Nazis Hand in Hand?

    Mit der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) im Herbst 2011, wurde gleichzeitig ein breites Unterstützernetzwerk aufgedeckt. Die Sicherheitsbehörden hatten bis zu 43 Spitzel im Umfeld der Terrorgruppe. Der Staat steckte also knöcheltief im rechten Terror. Dass nicht nur die Justiz auf dem rechten Auge blind ist, sondern auch die Exekutive willentlich mit militanten Neonazis zusammenarbeitet, schockte breite Teile der Zivilgesellschaft. Die linke Parole „Staat und Nazis Hand in Hand, organisiert den Widerstand!“ wurde für viele Menschen nachvollziehbar.

    Jetzt, acht Jahre später, deckt der Staat fast monatlich militante Neonazistrukturen auf, räumt die Waffenlager von FaschistInnen und legt sich mit ReichsbürgerInnen an. War der NSU doch nur ein Ausrutscher oder hat gar ein Wandel in den staatlichen Behörden stattgefunden? Natürlich nicht. Denn gleichzeitig machen Meldungen von faschistischen Strukturen in der Bundeswehr, offener Antisemitismus in Spezialeinheiten der bayerischen Polizei und Feindeslisten, welche den FaschistInnen offensichtlich aus Polizeikreisen weitergeleitet wurden, die Runde. Bei rechtsterroristischen Anschlägen, wie in Halle oder dem Mord an Walter Lübcke, sind die Behörden bemüht die Erzählung vom „Einzeltäter“ zu verbreiten. Gleichzeitig fährt in der ganzen Republik eine Partei mit einem offen faschistischen Flügel einen Wahlerfolg nach dem anderen ein. Wie passt das alles zusammen? Und droht uns mit dem Aufstieg der Rechten ein neuer Faschismus?

    Diese Frage wird in der antifaschistischen Bewegung gerade mit unterschiedlichen Einschätzungen diskutiert. Gerade die Aufdeckung verschiedener bewaffneter Neonaziorganisationen mit Namenslisten linker AktivistInnen in der Tasche hat viele AntifaschistInnen verunsichert. Denn es fehlt zum einen an einer theoretischen Analyse, die die sich überschlagenden und auf den ersten Blick widersprüchlichen Ereignisse in einen Zusammenhang stellt, und zum anderen an einer praktischen Antwort auf eine sich bewaffnende Rechte.

    Wir wollen mit dieser Broschüre die Entwicklungen der letzten Jahre und die Ereignisse der letzten Monate in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen und so die Debatte um eine angemessene antifaschistische Strategie weiter vorantreiben. Dazu gehen wir zunächst auf die aktuelle historische Situation ein und leiten daraus die Motivation der Polizeibehörden im Umgang mit bewaffneten FaschistInnen ab. Doch die Frage eines neuen Faschismus wird nicht nur von kleinen faschistischen Gruppen gestellt. Der Rechtsruck hat mit der AfD eine Partei hervorgebracht, die eine nicht mindere Gefahr für uns ist. Der antifaschistische Kampf ist durch den Aufstieg der Rechten ein noch zentralerer Bestandteil fortschrittlicher Kämpfe geworden.

    Kein Fußbreit den FaschistInnen!

    Erstarken der militanten Rechten und die Reaktion des Staates

    Seit der letzten großen Wirtschaftskrise vollzieht sich in vielen Ländern der Welt ein Rechtsruck. Im Windschatten dieser Entwicklung konnte auch die militante Rechte erstarken. In Deutschland äußert sich diese Entwicklung beispielsweise in den unzähligen Angriffen auf Geflüchtete und deren Unterkünfte. Zwar erübrigte sich deren Zweck mit dem Schließen der europäischen Außengrenzen und ihre Zahl nahm wieder ab, doch die BrandstifterInnen sind immer noch da.1

    Weniger offensichtlich bildeten sich mit dem Aufschwung der rechten Bewegung immer mehr bewaffnete faschistische Gruppen. Wie viele es mittlerweile sind, kann wohl außer dem Verfassungsschutz niemand sagen. Doch die Anzahl der Gruppierungen, welche in den letzten zwei Jahren aufgedeckt wurden, gibt zumindest einen verschwommenen Einblick. Der Mord an Walter Lübcke2 und die Aufdeckung der Organisation „Nordkreuz“3 dürften den meisten noch am besten im Gedächtnis sein. Aber auch das Waffenlager in Hannover4, der geplante Aufstand der Gruppe „Revolution Chemnitz“5 oder die Gruppe „Nordadler“6 sind ebenfalls Beispiele dieser Entwicklung.

    Um die eigentliche Frage zu beantworten, muss allerdings auch ein Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung geworfen werden. Die letzte große Wirtschaftskrise im Jahr 2007 brachte die kapitalistische Akkumulation weltweit ins Wanken. Im Vergleich zu den südeuropäischen Ländern, waren die Auswirkungen der Krise in Deutschland verhältnismäßig gering. Den großen Angriff auf die Rechte der Lohnabhängigen gab es hier jedoch bereits Jahre zuvor mit der „Agenda 2010“ der rot-grünen Regierung. Außerdem wurden die Krisenlasten mit Hilfe der EU größtenteils auf die südeuropäischen Staaten abgewälzt. So konnte sich die Lage relativ schnell wieder stabilisieren, ohne dass es große Proteste in weiten Teilen der Bevölkerung gab. Doch auch dem deutschen Kapital wurde abermals vor Augen geführt, wie schnell der Kapitalismus ins Wanken gebracht werden kann. Griechenland wurde von der Krise besonders hart getroffen. Daraufhin entwickelte sich dort ein massiver Widerstand innerhalb der Bevölkerung. Und auch wenn in diesem Fall alles wieder in systemkonforme Bahnen gelenkt worden konnte, zeigte die kämpferische Bewegung in Griechenland, wie schnell sich in Krisenzeiten Dynamiken entwickeln können.

    Die Methoden zur Krisenbewältigung, welche den Laden beim letzten Mal gerade noch zusammen gehalten hatten, sind für die nächste Krise keine Option mehr. Die Auswirkungen der Krise wurden vor allem auf der Grundlage einer massiven Ausweitung der öffentlichen Verschuldung bekämpft. Die Zentralbanken setzten den Leitzins auf Null und kauften Staatsanleihen im Wert von mehreren Billionen Euro. Das Zinsniveau ist immer noch auf einem historischen Tief und die Staatsverschuldungen sind hoch. Damit verengen sich die ökonomischen Spielräume für die Lösung der nächsten zu erwartenden Krise. Darüber hinaus ist die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa immer noch exorbitant hoch und viele Länder wie zum Beispiel Frankreich befinden sich in tiefen politischen Krisen.

    Der nächste Crash wird kommen und er wird auch in Deutschland einschlagen. Durch die starke Exportorientierung ist das deutsche Kapital besonders abhängig von der Lage der Weltwirtschaft. Und so werden bereits jetzt Vorbereitungen für die nächste Krise getroffen. Durch die neuen Polizeiaufgabengesetze (PAG) werden die Befugnisse der Sicherheitsbehörden erweitert und der Überwachungsstaat ausgebaut. Auch die Umgehung demokratischer Mitbestimmung mittels der EU und die Einschränkung des Streikrechts zeigen, dass die herrschende Klasse auf den autoritären Staat setzt, um auch die nächste Krise zu überstehen.

    Doch warum arbeitet die Bourgeoisie nicht gleich auf den Aufbau einer faschistischen Diktatur hin? Die Interessen des Kapitals gegen revoltierende Lohnabhängige lassen sich in der Krise doch wohl kaum besser durchsetzen, als durch fanatische FaschistInnen. Doch genau darin liegt auch das Risiko für die Bourgeoisie. Sie muss hierbei einen Teil ihrer Macht an die FaschistInnen abgeben. Und dies ist für sie mit einigen Risiken verbunden. Solange es den gemeinsamen Gegner – die organisierte ArbeiterInnenbewegung – gibt, können Widersprüche innerhalb der faschistischen Bewegung oder zwischen Kapital und faschistischer Bewegung überdeckt werden. Doch auch historisch war die erste Zeit nach der kompletten Zerschlagung der Arbeiterbewegung (ab Mitte 1933) durch Richtungskämpfe innerhalb der NSDAP-Elite geprägt. Die Politik der FaschistInnen war in weiten Teilen deckungsgleich mit den Interessen des Kapitals, trotzdem kam es immer wieder zu Konflikten. Sollten diese einmal zu groß werden, lässt sich eine parlamentarische Regierung letztendlich deutlich leichter absetzen, als eine faschistische Diktatur. Und die FaschistInnen sind keineswegs bloße BefehlsempfängerInnen der herrschenden Klasse. Vereinfacht gesagt kann ihre Politik auch im Chaos und in der totalen Niederlage enden. Der unglaubliche Aufwand mit welchem die physische Vernichtung der JüdInnen betrieben wurde, war nicht unbedingt im Sinne der herrschenden Klasse. Im Gegenteil: die Fokussierung der faschistischen Führung auf ihren antisemitischen Wahn mitten im zweiten Weltkrieg trieben Teile der herrschenden Klasse in eine oppositionelle Haltung zum NS-Regime, die bis hin zur Vorbereitung zum Tyrannenmord reichte.

    Mögen die Gewinnaussichten noch so traumhaft sein, wenn die Überreste des Sozialstaats und der Gewerkschaften beseitigt sind, ist die herrschende Klasse langfristig doch darauf angewiesen, auf ein stabiles politisches System bauen zu können. Aus diesem Grund ist der Faschismus für die Bourgeoisie immer der letzte Notnagel in einer ansonsten ausweglosen Situation. Solange weniger risikoreiche Herrschaftsmöglichkeiten eine Option sind, wird sie auch auf diese setzen.

    Für die heutige Lage schließen wir daraus, dass der bürgerliche Parlamentarismus mit seinen Volksparteien zwar angezählt sein mag, aber immer noch funktioniert. Offensichtlich arbeitnehmerInnenfeindliche Politik, wie die Hartz-Reformen oder die oben aufgezählten Entwicklungen, lassen sich ohne großen Widerstand durchsetzen. Die faschistische Bewegung wird deshalb nur von kleinen Teilen des Kapitals unterstützt. Konsequent bekämpft wird sie natürlich nicht, weil die grundlegenden Pfeiler des Kapitalismus durch die FaschistInnen niemals angetastet werden.

    Auf der Agenda der FaschistInnen steht zurzeit vor allem eins: Rache an den „Schuldigen“ der „Flüchtlingskrise“. In ihrem Weltbild kommen Geflüchtete nicht nach Europa, weil sie vor Krieg, Hunger und Armut flüchten, sondern aufgrund eines angeblichen Plans zum großen „Bevölkerungstausch“. Demnach würden die Eliten der bürgerlichen Politik daran arbeiten, durch gezielte Zuwanderung die europäischen Völker unter Druck zu setzen, um willige ArbeitssklavInnen zu erhalten. Der Linken wird vorgeworfen die passende Hegemonie dazu herzustellen. Und so stehen neben Linken eben auch eine ganze Reihe bürgerlicher PolitikerInnen auf den Todeslisten der Nazis. Der Mord an Walter Lübcke und die Mordversuche an Andreas Hollstein7 und Henriette Reker8 zeigen diese Tendenz des Rechtsterrorismus. Die Verselbständigung der faschistischen Ideologie wird hier deutlich.

    Denn zumindest solange die bürgerliche Demokratie noch im Sinne der Herrschenden funktioniert, hat das Kapital kein Interesse an Angriffen auf politische MandatsträgerInnen. Aus diesem Grund werden die putschistischen Kräfte innerhalb der militanten Rechten eingebremst.

    Mehr wird im staatlichen Kampf gegen rechten Terror aber auch nicht passieren. Solange FaschistInnen ihre Angriffe auf Linke und vermeintliche AusländerInnen beschränken, bleibt die Praxis von Polizei und Verfassungsschutz die gleiche wie schon vor der Selbstenttarnung des NSU. Die unzähligen ungeklärten Angriffe auf Geflüchtetenunterkünfte und linke Hausprojekte, sowie Übergriffe auf MigrantInnen sprechen für sich.

    Ein Beispiel hierfür ist die Gruppe „Revolution Chemnitz“. Die Mitglieder waren schon jahrelang in verschiedenen rechtsradikalen Strukturen in Sachsen aktiv. Mindestens vier hatten bereits in der Gruppe „Sturm 34“ Erfahrung in Hetzjagden, Waffenbeschaffung und dem Aufbau terroristischer Organisationen gesammelt. Die Gruppe wurde 2006 unter Beteiligung eines Geheimdienstspitzels gegründet und wütete zwei Jahre lang in Sachsen. Obwohl mehrere Opfer lebensgefährliche Verletzungen davon trugen, musste niemand mit schweren Strafen rechnen. Christian Keilberg, der sowohl bei „Sturm 34“, als auch später bei „Revolution Chemnitz“ Führungsrollen übernahm, hatte seit 2006 zudem regelmäßig Kontakt zum Verfassungsschutz. Auch als „Revolution Chemnitz“ konnte die Gruppe unbehelligt Menschenjagden auf MigrantInnen veranstalten. Sie beteiligten sich unter anderem an den Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 und patrouillierten als „Bürgerwehr“ durch die Stadt. Erst aber, als sie mit konkreten Vorbereitungen für einen Putsch begannen, wurden sie von den Behörden als ernstzunehmende Bedrohung wahrgenommen. Im Oktober 2018 wurde die Gruppe schließlich verhaftet. Diesmal waren aber nicht MigrantInnen das Ziel, sondern die Feierlichkeiten zur Wiedervereinigung in Berlin. Die FaschistInnen hofften durch den Terroranschlag einen Bürgerkrieg auszulösen und infolgedessen die Regierung zu stürzen.

    Natürlich bekommen Polizei, Geheimdienst und Staatsanwaltschaften keine Anweisungen des Kapitals, ob und wann sie eine faschistische Terrorgruppe hochnehmen sollen. Das die Polizeibehörden aber auf dem rechten Auge blind sind, ist kein Zufall. Zum einen legt das die Geschichte dieser Behörden nahe. Das Bundeskriminalamt (BKA) wies bei seiner Gründung genauso wie die Justiz oder der Verfassungsschutz eine große personelle und strukturelle Kontinuität zur Zeit des Faschismus auf. Aufgebaut wurde es von ehemaligen SS-Angehörigen. Diese Leute wurden in erster Linie für diese Aufgaben ausgewählt, weil sie stramme AntikommunistInnen waren und sind. Und zum anderen ist das aber auch die logische Folge einer ihrer grundlegenden Aufgabe innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft; dem Schutze der herrschenden Eigentumsverhältnisse.

    Der Umgang des Staates mit faschistischen Strukturen hängt aber noch von mehreren Faktoren ab. Wie gut ist die Organisation mit Spitzeln durchsetzt? Hat sie internationale Kontakte? Welche Aktionen plant sie im Einzelnen und wie konkret sind ihre Pläne? Für uns ist wichtig festzuhalten, dass dieser Staat niemals grundsätzlich gegen die faschistische Bewegung vorgehen wird. Einzelne Verhaftungen oder Verbote ändern daran nichts.

    Das „Hannibal“-Netzwerk – eine faschistische Geheimarmee?

    Im August 2017 und im April 2018 fanden mehrere Durchsuchungen in Mecklenburg-Vorpommern gegen die „Nordkreuz“-Struktur statt. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangten diese Fälle allerdings erst im Juni 2019, als die Bundesanwaltschaft ihre ersten Ergebnisse präsentierte und die Dimension der rechten Terrororganisation sichtbar wurde. „Nordkreuz“ rekrutiert sich hauptsächlich aus SoldatInnen und PolizistInnen, vorwiegend aus Spezialeinheiten. Sie verfügen mit „Süd-“ und „Westkreuz“ über bundesweite Strukturen. Offen auftretende FaschistInnen befinden sich nicht unter den Mitgliedern, wohl aber sind sie in der Szene gut vernetzt. Die Struktur legt großen Wert darauf unter dem Radar zu bleiben. Für ihr Vorhaben ist das auch unumgänglich. Das „Kreuz“-Netzwerk – auch als „Hannibal-Netzwerk“ bekannt – wurde ins Leben gerufen, um bei einem Sturz der aktuellen Ordnung die linke Opposition zu liquidieren. Hierfür wurden Feindeslisten angelegt, mehrere zehntausend Schuss Munition gebunkert, Waffen beschafft und Passierscheine zum Überwinden von Straßensperren besorgt. Auf der Einkaufsliste standen zudem 200 Leichensäcke und Ätzkalk zur Desinfektion von Massengräbern.

    Ihre Ziele und die Art der Organisation weist Ähnlichkeiten zu den „stay behind“ – Strukturen, die während des Kalten Krieges aktiv waren, auf. Unter „stay behind“- Strukturen versteht man paramilitärische Verbände, die im Falle einer feindlichen Besetzung nachrichtendienstliche Aufklärung leisten und Sabotageakte gegen die Besatzungsmacht ausführen. Die NATO betrieb von 1947 bis 1991 nachweislich in mehreren europäischen Ländern solche Netzwerke. Anfänglich um im Falle eines sowjetischen Einmarsches hinter den feindlichen Linien kämpfen zu können. Rekrutiert wurden hierfür stramme AntikommunistInnen. Zu Beginn hauptsächlich ehemalige Mitglieder der Waffen-SS und Mussolini-FaschistInnen, später Mitglieder aus diversen neofaschistischen Strukturen. Für ihren ursprünglichen Zweck kamen die Geheimarmeen nie zum Einsatz, was aber nicht heißt, dass diese untätig geblieben wären. Anfang der 70er Jahre begannen sie im Zuge der „Strategie der Spannung“ terroristische Anschläge zu verüben, welche sie der Linken anhängen wollten, um diese zu diskreditieren. Ihre Aktionen reichten von Sprühereien bis hin zu Bombenanschlägen und gezielten Morden an PolizistInnen. Am bekanntesten ist wohl der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna im August 1980 mit 85 Toten, wofür kurz danach die Roten Brigaden beschuldigt wurden. In den nachfolgenden Ermittlungen konnte aber nicht mehr verheimlicht werden, dass faschistische Todesschwadronen mit dem Namen „Gladio“, welche Teil der NATO-Geheimarmeen waren, hinter dem Anschlag steckten. Die italienische Regierung musst daraufhin deren Existenz offiziell einräumen.

    In Deutschland wurden ab 1950 mit dem „Bund Deutscher Jugend“, dem „Technischen Dienst“ und dem „Schweigenetz“ geheime faschistische Verbände aufgebaut. Im Gegensatz zu Italien, Belgien und der Schweiz, in denen es nach dem Ende des Kalten Krieges Untersuchungsausschüsse zu den Geheimarmeen gab, wurde in Deutschland der gesamte Komplex unter den Teppich gekehrt. Mit dem Ende des Systemkonflikts wurden solche „stay-behind“-Strukturen überflüssig. Bei den heutigen Netzwerken handelt es sich also um ein anderes Phänomen. Auch ohne Kalten Krieg hat der Staat ein Interesse daran, sich ein gut organisiertes, ideologisch gefestigtes, und verlässliches paramilitärisches Potenzial zu erhalten. Über das Maß an Eigenständigkeit des „Hannibal“-Netzwerks und über die Beteiligung von Geheimdiensten kann zwar nur spekuliert werden, dass sich solche Netzwerke völlig ohne Wissen der Geheimdienste bilden können, ist aber zu bezweifeln.

    Aufgeflogen ist das „Kreuz-Netzwerk“ wohl, weil einigen Mitgliedern der „Tag X“ noch in zu weiter Ferne lag und sie deshalb versuchten, diesen selbst herbei zu führen. Auch der Soldat Franco Albrecht war wohl Teil des Netzwerks. Er versuchte sich als Geflüchteter auszugeben, um anschließend Anschläge zu verüben und dadurch den „Tag X“ auszulösen. Auf seiner Todesliste standen neben antifaschistischen AktivistInnen und dem Zentralrat der JüdInnen auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck und der damalige Justizminister Heiko Maas. Auch die Pläne einiger weiterer Mitglieder der Struktur sollen schon sehr konkret gewesen sein. Die Behörden stoppten die putschistischen RechtsterroristInnen kurz vor der Durchführung ihrer Aktionen. Harte Strafen gab es aber in keinem Fall.

    Zerschlagen wurde das „Hannibal“- Netzwerk auch nicht. Lediglich die Munitionsvorräte und die nicht registrierten Schusswaffen wurden beschlagnahmt. Hierfür werden einige Mitglieder des Netzwerks wohl auch angeklagt. Der Großteil der Organisation bleibt aber unangetastet. Auch bei Franco Albrecht und seinen UnterstützerInnen, bei denen bereits ausgearbeitete Anschlagspläne, Schusswaffen, Munition und Zünder gefunden wurden, ließ das Oberlandesgericht Frankfurt das Verfahren einstellen, noch bevor überhaupt Anklage erhoben wurde. Der Fall liegt allerdings noch beim Bundesgerichtshof.

    Droht mit dem Aufstieg der AfD ein neuer Faschismus?

    Der Aufstieg der AfD begann im Kontext der sogenannten „Eurokrise“. Die Partei profilierte sich mit einer Kritik der EU von rechts. Das Projekt Europäische Union entstand unter deutscher Federführung, um die Interessen der eigenen Bourgeoisie durchzusetzen. Über die Währungs- und Zollpolitik der EU konnten die Exportprofite des deutschen Kapitals gegenüber anderen europäischen Länder noch weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus diente die EU auch zur Erlangung einer besseren Position auf dem Weltmarkt.

    Allerdings profitiert nicht die gesamte deutsche Bourgeoisie vom Projekt EU. Viele Verordnungen, welche in Brüssel erlassen werden, richten sich direkt oder indirekt gegen die kleinen Konkurrenten der Großkonzerne. Klein- und Mittelständische Unternehmen können ihre Interessen nicht durch tausende von LobbyistInnen im EU-Parlament durchsetzen. Auch diejenigen UnternehmerInnen, die ihren Reichtum aus Geschäften mit Russland ziehen, haben in der EU das Nachsehen. Tonangebend sind große Industrieunternehmen und Finanzkapitalverbände.

    Mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2007 gerieten die südlichen Länder der EU, allen voran Griechenland, stark unter Druck. Da sie mit dem Beitritt zum Euro allerdings über keine eigene Währungspolitik mehr verfügten, fehlten ihnen die Möglichkeiten, Einfluss auf den weiteren Verlauf der Krise zu nehmen. Die Politik der Europäischen Zentralbank richtete sich ausschließlich darauf, die Krise von den wirtschaftlich starken Staaten Zentraleuropas fern zu halten. Dadurch verschärfte sie sich allerdings immer mehr und gipfelte 2010 in der Eurokrise. Griechenland und andere EU–Staaten standen zu dieser Zeit schon kurz vor dem Kollaps und mussten von den anderen Ländern „gerettet“ werden, um nicht die gesamte EU mit in den Abgrund zu reißen. Die „Rettung“ bestand darin die Zahlungsfähigkeit durch weitere Kredite zu gewährleisten. Im Gegenzug musste Griechenland fast allen Staatsbesitz zu Schleuderpreisen privatisieren, das Lohnniveau massiv senken, und Sozialleistungen im großen Stil abbauen.

    Unter diesen Umständen gründet sich im Februar 2013 die AfD. Von Anfang an vertrat die AfD die Interessen desjenigen Teils des deutschen Kapitals, welches durch die Wirtschafts- und Außenpolitik der EU unter die Räder kam. Beispielsweise Unternehmen, welche durch Sanktionen gegen Russland einen großen Teil ihrer Geschäftsgrundlage verloren. Darüber hinaus konnte die Partei mit einem aggressiv neoliberalen Kurs überzeugen. Ihre führenden Mitglieder rekrutierten sich zu Beginn großteils aus WirtschaftsakademikerInnen und aus dem Mittelstand, welcher durch die Finanzkrise besonders unter Druck geraten war und im Euro den Grund allen Übels ausgemacht hatte.

    Maßgeblich ausgelöst durch den Krieg in Syrien, stieg in den Jahren 2015 und 2016 die Zahl der Menschen, welche aus ihren zerstörten Ländern nach Deutschland flüchteten, stark an. Das Thema EU trat nun in den Hintergrund und es waren fortan vor allem Geflüchtete, die von der AfD für die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen in Europa verantwortlich gemacht wurden. Die AfD wurde nun noch stärker zum Auffangbecken für viele RassistInnen und erzielte einen Wahlerfolg nach dem anderen.

    Unter Führung von Björn Höcke entwickelte sich der faschistische „Flügel“ der AfD zu einer sehr starken Fraktion innerhalb der Partei. Mit rechter Sozialdemagogie versucht „der Flügel“ sich verstärkt eine Basis unter den Lohnabhängigen zu schaffen. Letztendlich bleibt der Rassismus und Nationalismus aber das Hauptthema, denn der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit kann von den rechten Pseudo-RevolutionärInnen niemals wirklich zum Thema gemacht werden. Bei der Besetzung der sozialen Frage durch die Rechten, bleibt es also beim Wahlkampfgeplänkel. „Der Flügel“ ist eng mit anderen Organisationen der neuen Rechten, wie dem Institut für Staatspolitik (IfS), der Identitären Bewegung und der Führung von PEGIDA vernetzt. Entsprechend drängt Höcke darauf, die AfD zu einer „bewegungsorientierten“ Partei zu machen und die Zusammenarbeit mit außerparlamentarischen Kräften zu institutionalisieren.

    Die UnterstützerInnen aus der herrschenden Klasse verschreckt das allerdings keineswegs. Der Rassismus war schließlich schon immer eine essentielle Stütze der AfD. Erfolgreich ist die Partei nicht obwohl sie einen faschistischen Flügel hat, sondern weil sie diesen hat. Umfragen zur Wahlentscheidung ergaben zur Europawahl 2019, dass knapp 70% der AfD-WählerInnen diese aufgrund ihrer rassistische Politik gegenüber Geflüchteten wählten. Dies zeigt sich auch an der Entwicklung der Partei „Liberal-Konservative Reformer (LKR)“. Diese wurde von Bernd Lucke gegründet, nachdem er den Machtkampf mit dem rechten Flügel der AfD verlor und aus der Partei gedrängt wurde. Mit LKR versuchte er das eigentliche Wirtschaftsprogramm der AfD, aber mit weniger offenem Rassismus, weiterzuführen. Die Partei verschwand in der Bedeutungslosigkeit.

    Die stärkste Kraft bleibt aber auch nach dem Austritt von Lucke und seinen AnhängerInnen der national-neoliberale Flügel um Meuthen, Weidel und von Storch. Er konnte sich in der Grundsatzprogramm-Debatte der AfD fast vollständig durchsetzen und so liegt die Wirtschaftspolitik der AfD ganz auf Linie der herrschenden Klasse: Steuererleichterungen für Unternehmen, Besserverdiener & Grundbesitzer und die Abschaffung von Vermögens- und Erbschaftssteuer. Vor allem aus der Immobilienbranche erhält die Partei hierfür enorme Spendensummen. Die Nähe zu PEGIDA & Co. scheuen sie und versuchen die AfD zu einer reinen rechten Wahlpartei zu machen, welche mittelfristig auch regierungs- und koalitionsfähig sein soll.

    Solange die AfD als rechte Sammlungsbewegung funktioniert und Wahlerfolge einfährt, halten die Flügel noch zusammen. Aber wie die Abspaltungen von Bernd Lucke und Frauke Petry zeigen, kann sich das auch schnell ändern, wenn die inhaltlichen Unterschiede zu offensichtlich werden oder Erfolge ausbleiben.

    Bei Wahlergebnissen von über 20% in den neuen Bundesländern, kommt natürlich immer wieder die Frage nach einer Regierungsbeteiligung der AfD auf. Noch hadert die CDU mit diesem Schritt, aber mit dem zunehmenden Verfall der SPD wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis sie sich zu einer schwarz-blauen Koalition hinreißen lässt. Was das für uns bedeutet, lässt ein Blick auf die beiden vergangenen Jahre in Österreich erahnen. Dort regierte bis vor kurzem einen schwarz-blaue Koalition aus ÖVP und FPÖ. Diese Regierungszeit war geprägt von massivem Sozialabbau und weiteren Angriffen auf die lohnabhängige Klasse. Innerhalb dieser kurzen Zeit wurde die 60 Stunden Woche ermöglicht, die Mindestsicherung von Familien gekürzt, die Körperschaftssteuer halbiert, Steuergeschenke an verschiedene Branchen verteilt und die finanziellen Mittel der sozialen Unfallversicherung drastisch gekürzt. Für die linke Opposition wurde es ungemütlicher, aber obwohl die FPÖ das Innenministerium stellte, wurden beispielsweise keine linken Gruppen oder Organisationen der ArbeiterInnenbewegung vom Staat zerschlagen. Auch kam es, abgesehen von den Hausdurchsuchungen beim „Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT)“, zu keinem großflächig angelegten Versuch die Behörden mit eigenen Mitgliedern zu unterwandern und gleichzuschalten. Letztlich setzte die FPÖ eine Politik zum autoritären Staatsumbau durch, wie sie hierzulande auch betrieben wird. Nur wesentlich aggressiver und in einem viel schnelleren Tempo. Auf eine faschistische Diktatur arbeitete die FPÖ als Ganzes aber nicht unmittelbar hin.

    Allerdings wurde sie von ihrer eigenen Politik immer weiter nach Rechts getrieben. Die Umsetzung des neoliberalen Wirtschaftsprogramms steht im kompletten Gegensatz zu ihrer Rhetorik, Protestpartei gegen die bürgerliche Elite zu sein. Um davon abzulenken wurden ihre rassistischen Ausfälle wesentlich heftiger, als noch vor ihrer Regierungsbeteiligung. Damit brachen sie eine Regierungskrise nach der anderen vom Zaun, wodurch letztlich die Koalition zerbrach.
    Auch für Parteien wie die AfD oder die FPÖ gilt: Der Großteil der herrschenden Klasse setzt so lange wie möglich auf die etablierten Parteien mit zuverlässigen BerufspolitikerInnen. Parteien mit größeren faschistischen Flügeln werden aber durch den zunehmenden Zerfall eben jener Volksparteien zur unausweichlichen Alternative.

    Die Kräfteverschiebung innerhalb des liberal-konservativ-rechten Lagers hin zur AfD, führt schon zu Diskussionen über eine offene oder verschleierte Zusammenarbeit. Nach der Landtagswahl in Thüringen im Oktober 2019 wird bereits über ein CDU-AfD Bündnis beziehungsweise eine Minderheitsregierung mit Duldung durch die AfD diskutiert. Am rechten Rand der CDU wird schon länger die Werbetrommel für eine Annäherung an die AfD gerührt. Ein gutes Beispiel dafür ist Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans Georg Maaßen (CDU). Kein Wunder bei einem Beamten, der die rechte Gewalt kontinuierlich verharmlost und gedeckelt hat und zugleich mit seiner Behörde die militante Naziszene finanziell und personell förderte. In seiner Amtszeit hielt er auch lange Zeit seine schützende Hand über die AfD.

    Auch in der Bewegungsphase hat der Faschismus eine Funktion für das Kapital

    Dass der Faschismus an der Macht eine Form der bürgerlichen Herrschaft darstellt, haben wir bereits weiter oben ausgeführt. Doch auch in der Bewegungsphase hat der Faschismus schon eine Funktion für das Kapital.

    In Krisenzeiten bekommen faschistische Organisationen aus unterschiedlichen Gründen Aufwind. Die etablierten bürgerlichen Parteien verlieren oftmals jede Glaubwürdigkeit und große Teile der Bevölkerung trauen ihnen eine Lösung der Krise nicht mehr zu. Die Alternative bilden dann sozialistische Parteien, die auf den Klassenkampf gegen die KapitalistInnen und die Solidarität unter den Lohnabhängigen bauen. Oder eben die extreme Rechte, welche eine Stabilisierung oder Verbesserung der eigenen Position mittels der Herabsetzung von anderen Lohnabhängigen (MigrantInnen, Frauen, Homosexuelle, etc.) verspricht. Wenn die Linke schwach ist, steigt die Gefahr, dass weite Teile der Bevölkerung angesichts der Wirkungslosigkeit des Widerstands gegen die Angriffe der Herrschenden in Apathie versinken oder sich den Rechten zuwenden. Wenn die Linke jedoch stark ist, werden die Herrschenden die FaschistInnen um so mehr unterstützen. Die FaschistInnen spielen die Rolle eines „Schlagrings“ gegen die fortschrittliche Bewegung und die kämpfenden Teile der Gesellschaft.

    Ein gutes Beispiel hierfür stellt die faschistische Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) in Griechenland dar. Die ehemalige unbedeutende Kleinstorganisation wuchs im Verlauf der Krise zur drittstärksten Partei heran. Von den AnhängerInnen der Partei wurden und werden unzählige Anschläge auf MigrantInnen und linke Strukturen verübt, welche von Übergriffen auf der Straße über Brandanschläge bis hin zu gezielten Morden reichen. Dies geschah teilweise in direkter Absprache mit Teilen der herrschenden Klasse. Zum Beispiel am 12. September 2013 überfielen in der Hafenstadt Perama nahe Piräus etwa 40 FaschistInnen mehrere Mitglieder der kommunistischen Gewerkschaft PAME mit Eisenstangen und verletzten diese teils schwer. Nur fünf Tage später verkündeten die faschistische Partei, mit dem Aufbau einer eigenen Gewerkschaft in den Docks beginnen zu wollen, um den Einfluss der PAME zurück zu drängen. In der gleichen Zeit erhielt die Goldene Morgenröte eine sechsstellige Spende von mehreren ReedereibesitzerInnen aus Perama. Nachdem sich die Lage in Griechenland allerdings wieder einigermaßen beruhigt hatte, wurden die FaschistInnen jedoch vermehrt mit Repression seitens des Staates konfrontiert und haben mittlerweile auch alle Parlamentssitze verloren.

    Auch in Deutschland greifen faschistische Strukturen massiv die fortschrittliche Bewegung an. Bekannte Beispiele sind der Angriff auf Leipzig-Connewitz 2016 oder die Serie von Brandanschlägen auf Linke in Berlin-Neukölln seit 2011. Auch die Ziele des „Hannibal“-Netzwerkes waren darauf ausgerichtet eine linke Opposition auszuschalten.

    Die Machtübergabe an eine faschistische Partei ist unserer Einschätzung nach nur die letzte Option der herrschenden Klasse. Diese Möglichkeit spielt in Situationen eine Rolle, in der führende Kapitalkreise keinen anderen Ausweg sehen, um ihre Macht zu erhalten. Doch auch vorher hat der Faschismus die objektive Funktion die revolutionären Kräfte zu schwächen, damit diese gar nicht erst stark genug werden, um die Machtfrage überhaupt zu stellen.

    Haben wir es mit einer Faschisierung der BRD zu tun?

    Einige antifaschistische Organisationen bezeichnen den rasanten Ausbau eines autoritären Staates und die immer offenere Sympathie von Teilen der Repressions-Organe mit der neuen Rechten als „Faschisierung“ des Staates. Der Begriff legt nahe, dass immer mehr faschistische Elemente in die Staatsform eindringen, bis ein Punkt erreicht ist an dem der Faschismus dann herrscht. Also eine Art lineare Entwicklung vom bürgerlichen Parlamentarismus hin zur faschistischen Diktatur. Dem ist aber nicht so. Auch im Parlamentarismus kann bis zu einem gewissen Grad ein autoritärer Staat mit diktatorischen Zügen umgesetzt werden. Aber zur Errichtung einer faschistischen Diktatur müssen sowohl die Parlamente entmachtet, als auch jegliche demokratische Opposition zerschlagen werden. Eine lineare Entwicklung ohne Bruch ist also nicht möglich.

    Zwar kann sehr wohl von einer Faschisierung der AfD gesprochen werden, sollte es beispielsweise dem faschistischen Flügel gelingen, das neoliberal-konservative Lager aus der Partei hinaus zu drängen. Deswegen ist der Begriff aber nicht auf alle gesellschaftlichen Bereiche, in denen faschistische Kräfte mehr Einfluss erlangen, übertragbar.

    Für uns ist es wichtig, den qualitativen Unterschied zu betonen, der darin liegt ob immer mehr PolizistInnen offen mit FaschistInnen sympathisieren oder ob wir es mit dem entfesselten Terror eines faschistischen Regimes zu tun haben. Auch ersteres werden wir in unserer antifaschistischen Praxis deutlich zu spüren bekommen. Es ist aber nichts gegen die Repression, mit der wir im letzteren Falle zu kämpfen hätten. Im Faschismus wird allein das Lesen eines solchen Textes reichen, um in Schutzhaft zu verschwinden. Der autoritäre Staatsumbau wird von der CDU/CSU vorangetrieben, genauso wie von SPD und Grünen. In Brandenburg ist sogar die Linkspartei an einer Verschärfung des Polizeiaufgabengesetzes beteiligt. Auf die Funktion der Sozialdemokratie für die Kapitalherrschaft möchten wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Für alle bürgerlichen und sozialdemokratischen Parteien gilt aber, dass sie die ArbeiterInnenbewegung integrieren wollen, während das oberste Ziel des Faschismus ist, die ArbeiterInnenbewegung zu zerschlagen. Gewaltsame Unterdrückung ist in der gegenwärtigen Situation eine begleitende Maßnahme, jedoch nicht die Hauptsache. Und natürlich bereiten sich die Herrschenden auf zukünftig zu erwartende Auseinandersetzungen vor. Dies ist jedoch keine Ausnahmesituation, sondern die Regel.

    Wir halten es deshalb für einen Fehler, massive Angriffe auf die Errungenschaften der lohnabhängigen Klasse, welche noch innerhalb des normalen bürgerlich-demokratischen Parlamentsbetriebs geschehen, als „Faschisierung“ zu bezeichnen.

    Die Antifaschistische Aktion aufbauen

    Die faschistische Bewegung befindet sich also im Aufwind. Die AfD verbreitet in Parlamenten rassistische Hetze, während die Regierung den Ausbau eines autoritären Überwachungsstaates vorantreibt. Gleichzeitig verletzen und ermorden FaschistInnen auf der Straße Menschen und rechte Bullen und BundeswehrsoldatInnen legen Waffendepots an, um am „Tag X“ Linke zu liquidieren. Bisher werden Putschversuche militanter FaschistInnen vom Staat aber noch in der Vorbereitungsphase unterbunden. Auch die AfD als Ganzes ist zwar rassistisch, sexistisch, greift die Rechte der Lohnabhängigen an und fungiert als Kristallisationspunkt der rechten Bewegung, sie strebt aber aktuell nicht die Errichtung einer faschistischen Diktatur an. Wir gehen deshalb nicht davon aus, dass es in Deutschland in den nächsten Jahren einen neuen Faschismus geben wird.

    Aber die historische Situation kann sich, zum Beispiel im Krisenfall, sehr schnell ändern. Auch wenn die herrschende Klasse sich gerade einige Mittel zur Aufstandsbekämpfung zulegt, heißt das noch lange nicht, dass diese auch ausreichen, um mit den zu erwartenden Revolten während einer erneuten Krise fertig zu werden. Gerade stehen wir dem autoritären Staatsumbau ohnmächtig gegenüber, aber den Widerstand einer organisierten Klasse der Lohnabhängigen wird dies kaum aufhalten. Die Klassenkämpfe sind noch auf einem sehr niedrigen Niveau, doch die Geschichte hat gezeigt, dass eine Radikalisierung breiter Massen unter günstigen historischen Verhältnissen in Windeseile vonstattengehen kann. In einer solchen Situation kann dementsprechend auch der Faschismus wieder zur Option für die Bourgeoisie werden. Das ist unter anderem einer der Gründe, weshalb der Staat rechtsterroristische Strukturen nicht komplett zerschlägt, sondern nur deren Handlungsspielraum eindämmt. Vielmehr wird versucht, mittels dem gezielten Unterwandern durch Polizei und Inlandsgeheimdienst diese Strukturen unter Kontrolle zu halten. Gelingt das nicht, muss der Staat zwar eingreifen, hohe Strafen hat aber niemand zu erwarten und die UnterstützerInnennetzwerke werden gar nicht erst angetastet. Das war so beim NSU und wiederholte sich seitdem bei fast allen faschistischen Organisationen, welche vom Staat angegriffen wurden.

    Auf den Staat ist also nach wie vor kein Verlass, auch wenn er hin und wieder rechte Strukturen zerschlägt. Er tut dies aus vollkommen anderen Gründen, welche mit Antifaschismus rein gar nichts zu tun haben. Unabhängig davon wie der Staat sie gerade behandelt, sind FaschistInnen außerdem immer eine konkrete Bedrohung für alle Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen. Für uns bedeutet das die Notwendigkeit, einen handlungsfähigen antifaschistischen Selbstschutz aufzubauen. Erstens um im Hier und Jetzt den Übergriffen und Anschlägen Einhalt gebieten zu können. Denn eine der Hauptaufgaben von antifaschistischen Strukturen muss es sein, sich selbst und andere vor Naziübergriffen zu schützen. Natürlich sind FaschistInnen im Untergrund für uns momentan kaum zu bekämpfen. Wir müssen uns aber vergegenwärtigen, dass alle militanten Nazis mal klein angefangen haben. Jede alltägliche Praxis gegen faschistische Strukturen kann deshalb Auswirkungen darauf haben, dass die FaschistInnen überhaupt nicht so weit kommen. Zweitens muss es unser Anspruch sein, die Gefahr eines neuen Faschismus in der Zukunft bereits heute zu verhindern. Denn für die herrschende Klasse können die FaschistInnen nur dann zur Handlungsoption werden, wenn sie in der konkreten Situation auch stark genug sind. Das können wir am besten verhindern, wenn wir schon lange bevor es soweit ist, ihre Strukturen angreifen und sie dadurch hindern, überhaupt eine entsprechende Stärke zu erlangen! Die Erfahrung der Antifaschistischen Aktion in den letzten Jahren der Weimarer Republik zeigt außerdem, dass militante AntifaschistInnen notwendig waren, damit linke Veranstaltungen und Aktionen überhaupt stattfinden konnten.

    Dafür müssen wir uns aus der Vereinzelung befreien und antifaschistische Strukturen aufbauen. Tatsächlich handlungsfähig werden wir nur, wenn wir uns verbindlich organisieren und nicht nur lose Zusammenhänge zu einzelnen Kampagnen bilden. Aus den Erfolgen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen, ist nur möglich, wenn wir dauerhaft gegen den Rechtsruck und die FaschistInnen kämpfen. Den Feind und seine Strukturen zu kennen, ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Praxis. Auch dieses Wissen lässt sich nur durch kontinuierliche Arbeit aneignen.

    Eine weitere Grundvoraussetzung ist es, Menschen für den antifaschistischen Kampf zu aktivieren, die am kapitalistischen System genauso wie an Faschismus und Rechtsruck kein Interesse haben. Hierzu müssen wir klare Alternativen aufzeigen. Wenn wir den weltweiten Rechtsruck als Folge der Krise des Kapitalismus und des Fehlens an Auswegen aus dieser sehen, können wir den Rechten nur dann den Wind aus den Segel nehmen, wenn wir eine Perspektive jenseits kapitalistischer Konkurrenz und Vereinzelung bieten können. Der Kampf um eine solidarische Gesellschaft ist unmittelbar mit dem antifaschistischen Kampf verbunden. Ohne den einen können wir den anderen nicht gewinnen! Deshalb müssen wir eine Aktionseinheit mit jenen Teilen der Gesellschaft bilden, die bereit sind, sich den FaschistInnen in den Weg zu stellen. Wir müssen also ansprechbar sein. Das gilt für uns als Einzelpersonen auf der Straße, genauso wie für uns als Strukturen. Nur so können wir unsere Position stärken und in die Lage kommen, effektiv und flächendeckend den Rechtsruck anzugreifen. Denn es genügt nicht die FaschistInnen in einzelnen Regionen zurück zu drängen. Antifaschistische Arbeit und Organisierung muss mit einer überregionalen Perspektive verbunden sein.

    Die Antifaschistische Aktion aufbauen!

    Antifaschistische Aktion Karlsruhe
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Mannheim
    Antifaschistischer Aufbau München
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart
    Antifaschistische Aktion (Aufbau) Tübingen
    Antifaschistische Aktion [O] Villingen-Schwenningen

    Verschiedene Antifagruppen
    Veröffentlicht 2019

    1. Die Angriffe auf Geflüchtete und ihre Unterkünfte stiegen ab 2015 stark an. Für 2016 verzeichnet die gemeinsame Chronik der Amadeu Antonio Stiftung und Pro Asyl einen Höchstwert von 3.768 Angriffen. Danach sank die Zahl wieder von 2.285 in 2017 auf 1.434 in 2018. Für 2019 sind zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Textes 37 Übergriffe dokumentiert. Die Dunkelziffer liegt vermutlich für alle Jahre deutlich über den angegebenen Zahlen. ↩︎
    2. Walter Lübcke war ein hessischer CDU-Politiker und bis zu seinem Tod Regierungspräsident im Regierungsbezirk Kassel. Durch Aussagen gegen Pegida-Anhänger erlangte er größere Bekanntheit. Am 02. Juni 2019 wurde er mutmaßlich durch den Faschisten Stephan Ernst getötet. ↩︎
    3. Nordkreuz war zusammen mit Südkreuz und Westkreuz Teil des faschistischen Hannibal-Netzwerks. Im Rahmen der Ermittlungen gegen den faschistischen Oberleutnant der Bundeswehr Franco Albrecht im Sommer 2017 wurde die Struktur aufgedeckt ↩︎
    4. Im April 2019 wurden bei einem Faschisten in Hannover 51 Waffen, Munition, rund 100.000€ Bargeld sowie Nazi-Orden gefunden. ↩︎
    5. Die faschistische Gruppe „Revolution Chemnitz“ wurde im Herbst 2018 festgenommen, nachdem bekannt geworden war, dass sie sich um halbautomatische Schusswaffen bemüht hatten. Sie waren schon in der Vergangenheit an faschistischen Attacken beteiligt und sollen für den 03. Oktober einen Angriff auf die „Einheitsfeierlichkeiten“ geplant haben. ↩︎
    6. Bei der Gruppe „Nordadler“ fanden im April 2018 Hausdurchsuchungen statt. Sie hatten Listen mit persönlichen Daten von AntifaschistInnen sowie PolitikerInnen angelegt und sich in Chats über Waffen und mögliche Anschlagsziele ausgetauscht. ↩︎
    7. Andreas Hollstein ist Mitglied der CDU und Bürgermeister der westfälischen Stadt Altena. Am 27. November 2017 stach ihm ein Mann mit einem Messer in den Hals und verletzte in gefährlich. Sein Motiv war die Politik gegenüber Geflüchteten des CDU-Mannes. Sie war ihm zu „liberal“. ↩︎
    8. Henriette Reker ist parteilose Oberbürgermeisterin von Köln. Am Tag vor ihrer Wahl wurde sie bei einem Wahlkampftermin mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt. Auch hier wurde die Politik gegenüber Geflüchteten als Motiv angegeben. Der Täter war ein früheres Mitglied der ehemaligen faschistischen Partei FAP. ↩︎